Von Polen über China bis nach Südafrika

Bremen pflegt sechs aktive Städtepartnerschaften

Dalian, Danzig, Durban, Haifa, Izmir und Riga. Seit den 1970/80er Jahren unterhält die Hansestadt sechs Städtepartnerschaften. Was alle Partnerstädte eint: Eine lange Handelstradition und einen Hafen.
08.08.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Bremen pflegt sechs aktive Städtepartnerschaften
Von Ulrike Troue
Bremen pflegt sechs aktive Städtepartnerschaften

Die polnische Hafenstadt Danzig ist nur eine der sechs Partnerstädte Bremens

Bogdan Wankowicz #2015

Dalian, Danzig, Durban, Haifa, Izmir und Riga haben eins gemeinsam: Zu ihnen pflegt Bremen aktive Partnerschaften. Und alle sechs Orte haben einen Hafen und eine lange Handelstradition als Warenumschlagplatz.

Mit Namibia bestehen zudem historische Beziehungen auf Länderebene und eine jahrzehntelange Klimapartnerschaft mit der Hauptstadt Windhuk. Eine innerdeutsche Städtepartnerschaft gab es bis zur Wiedervereinigung mit Rostock.

Schon immer war der Aufbau freundschaftlicher, vor allem wirtschaftlicher Beziehungen zu anderen, weit entfernt liegenden Städten wichtig, da sie den Wohlstand der Hansestadt sicherten. Städtepartnerschaften und internationale Netzwerke sind laut Senatskanzlei wichtig für den internationalen Stellenwert der Freien Hansestadt Bremen.

Versöhnung, Verständigung und Völkerfreundschaft

Bremens Städtepartnerschaften sind in den 1970/80er-Jahren aus eigenen historischen Verbindungen zwischen den Städten entstanden. Versöhnung, Verständigung und Völkerfreundschaft nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Triebfeder dafür. Besonders für die Partnerschaften mit Haifa, Danzig und Riga. Und jetzt wieder zu Zeiten politischer Veränderungen.

Auf der Basis von Partnerschaftsverträgen wurden später kulturelle Kontakte geknüpft und auf beiden Seiten stetig ausgebaut. Vor allem engagierte Bürgerinnen und Bürger beleben die Städtepartnerschaften durch Begegnungen, vor allem in kulturellen, sozialen und bildenden Bildungs-Projekten, sei es durch Jugendaustausche oder interessenspezifische Zusammenkünfte wie Musikworkshops und Sportwettkämpfe wie dem One-Nation-Cup. Bei den Städtepartnerschaften gibt es unterschiedliche Schwerpunkte.

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Foto: Grafik Weser Kurier

Freundschaftsvereine organisieren darüber hinaus Bürgerreisen, zum Beispiel die Deutsch-Israelische Gesellschaft Arbeitsgemeinschaft Bremen nach Haifa. Wie sie pflegen auch andere Vereine, Organisationen und Institutionen – etwa Handelskammer, Hochschulen oder Museen – Kontakte zu den Partnerstädten und haben Kooperationen vereinbart.

Wachsende Bedeutung gewinnt der Verwaltungsaustausch vor allem im Bereich der Nachhaltigkeitsziele wie faire Beschaffung, Klimawandel und – so zeichnet es sich ab – der Erfahrungsaustausch zu kommunaler Selbstverwaltung und Erfahrungen in der Bewältigung der Pandemie durch Covid-19. In gemeinsamen Konferenzen werden Herausforderungen wie Migration, Demografie, Städtebau oder Nachhaltigkeit diskutiert.

Danzig

Der Antrittsbesuch von Bürgerschaftspräsident Frank Imhoff in Bremens Partnerstadt Danzig in dieser Woche bekräftigt den Willen, die seit 44 Jahren bestehende Städtepartnerschaft mit noch mehr Leben zu füllen. „Direkte Beziehungen sind wichtig – nicht nur auf der politischen Ebene“, sagte Imhoff. „Für eine lebendige Städtepartnerschaft brauchen wir die Menschen in Bremen und Danzig.“

In Gesprächen mit der Vorsitzenden des Stadtrates, Agnieszka Owszarczak, und Bürgermeisterin Aleksandra Dulkiewicz ging es daher unter anderem auch darum, dem Austausch neue Impulse zu geben. Im nächsten Jahr sollen 45 Jahre gemeinsame Städtepartnerschaft gefeiert werden, sind sie sich einig und wollen dabei die Themen Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit aufgreifen. Die freundschaftliche Verflechtung von Bremen und Danzig, die seit dem 14. Jahrhundert Mitglied der Hanse ist, war die erste Beziehung dieser Art zwischen einer westdeutschen und einer polnischen Stadt nach dem II. Weltkrieg. Die Hafenstädte sendeten 1976 mit der Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde ein Zeichen der Wiedergutmachung zu Zeiten der Entspannungspolitik der 1970er-Jahre aus.

Danzigs Bürgermeisterin und Bremens Bürgerschaftspräsident Frank Imhoff im Danziger Rathaus August 2020

Danzigs Bürgermeisterin und Bremens Bürgerschaftspräsident Frank Imhoff im Danziger Rathaus August 2020

Foto: Pressestelle der Bremischen Bürgerschaft

Die Partnerschaft wird unter anderem von Bürgerreisen, Kultur- und Jugendaustausch, Kooperationen von Unis und Hochschulen getragen. Angedacht wurden nun gegenseitige Besuche der Hafenausschüsse und wirtschaftliche Ansätze. Der geplante Ausbau des Danziger Hafens ist eines von Europas größten Hafenprojekten.

Riga

Als sichtbares Zeichen der Völkerverständigung hat Frank Imhoff im 35. Jahr der Partnerschaft zu Riga dort Ende Juli einen Gedenkstein eingeweiht. Das Geschenk solle zeigen, „dass es uns in Bremen nicht egal ist, was hier vor etwa 80 Jahren passiert ist“, betonte der Bremer Bürgerschaftspräsident. „Es ist eine Mahnung.“

Der ausschließlich durch Spenden finanzierte Monolith aus Wesersandstein vorm Museum des Rigaer Ghettos und des Holocausts soll an über 25.000 ermordeten Juden in Lettland erinnern, die binnen weniger Tage 1941 in einem Wald vor Riga erschossen wurden, um im Ghetto der Stadt Platz für die deportierten Juden aus Deutschland und Österreich zu machen. Die Inschrift ist in Hebräisch, Lettisch, Englisch und Deutsch verfasst. Die Idee für das Mahnmal hatte der Bremer Künstler Chris Steinbrecher.

Bremer Gedenkstein für Massenmord an Juden in Riga enthüllt

Bremens Bürgerschaftspräsident Frank Imhoff (r) und der Rigaer Interimsbürgermeister Edgars Balsevics enthüllen einen Gedenkstein vor dem Rigaer Ghettomuseum

Foto: Alexander Welscher

„Der Stein ist eine Botschaft der Bremerinnen und Bremer. Sie zeigen damit nicht nur Interesse an der Vergangenheit, sondern sie leiten aus der Erinnerung auch eine Verpflichtung ab: alles zu tun, damit sich so etwas nicht wiederholt“, sagte Frank Imhoff bei der Zeremonie.

Die Verbindung zwischen Bremen und Riga besteht indes schon viel länger als die Städtepartnerschaft. Die lettische Hauptstadt an der Daugava gründete einst der bremische Domherr und Leiter der Domschule Albert von Buxthoeven.

Die Christianisierung ermöglichte Handelsverbindungen deutscher Kaufleute mit den baltischen Staaten. Riga wurde Mitglied im Bund der Hanse. Es wurden so rege Waren ausgetauscht, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts sogar für vierzig Jahre ein bremisches Konsulat in Riga eingerichtet wurde.

Dalian

Dalian ist, gemessen an den Umschlagzahlen, eine der größten Hafenstädte Chinas und so ein wichtiger Knotenpunkt für die Region – genau wie Bremen. Die Städtepartnerschaft ist 1985 im Zuge der wirtschaftlichen Reform- und Öffnungspolitik Chinas entstanden, die den Weg für ausländische Direktinvestitionen geebnet hat. Die Bremer sahen strategische Möglichkeiten für die Wirtschaft, denn außer auf Fischerei- und Hafenwirtschaft liegen Dalians wirtschaftlichen Schwerpunkte unter anderem auf Hightech-Industrie. Seit Beginn der Partnerschaft pflegen Bremen und die über sechs Millionen Einwohner zählende Stadt Dalian einen regen Technologietransfer und gibt es gegenseitige Delegationsbesuche. Inzwischen kooperieren die beiden Städte in den Bereichen Elektromobilität, Wind, Raumfahrt, maritime Logistik und Gesundheitswirtschaft.

Das muschelförmige Naturkundemuseum steht in direkter Nachbarschaft zum größten Stadtplatz der Welt in Dalian.

Das muschelförmige Naturkundemuseum steht in direkter Nachbarschaft zum größten Stadtplatz der Welt in Dalian.

Foto: river2014大河

Izmir

Zu Beginn der 1990er-Jahre sorgten in Deutschland mehrere ausländerfeindliche Anschläge auf türkische Wohnhäuser für Schlagzeilen. Viele türkischstämmige Menschen haben in Bremen eine Heimat gefunden, daher bekundete die Stadt, die seit 1995 eine Partnerschaft zu Izmir pflegt, Solidarität und unterzeichnete am 8. März 1995 die offizielle Urkunde. Daraus entstanden nicht nur Jugendaustausche, Polizeiaustausche und Kooperationen zwischen Universitäten und Hochschulen. Seit 2011 betreibt Bremeninvest in Izmir, der mit 3,5 Millionen Einwohnern drittgrößten Stadt und zweitgrößten Hafentstadt der Türkei, eines von vier Auslandsbüros und fördert die wirtschaftliche Entwicklung zwischen den Hafenstädten. Mittlerweile erzählt ein Kinderbuch die Geschichte, wie die Bremer Stadtmusikanten nach Izmir kamen – zweisprachig.

Auf dieser Stadtansicht von Izmir ist auch der Hafen zu sehen, der zweitgrößte der Türkei.

Auf dieser Stadtansicht von Izmir ist auch der Hafen zu sehen, der zweitgrößte der Türkei.

Foto: dpa Picture-Alliance / J.W. Alker

Durban

Bremens jüngste Beziehung wurde 2011 besiegelt und verläuft über mehr als 9000 Kilometer Luftlinie nach Durban. Die drittgrößte Stadt in Südafrika zählt rund 3,4 Millionen Einwohner und besitzt den größten Hafen des Kontinents. Der Anlass für die Städtepartnerschaft reicht zurück in die 80er-Jahre: Zum Ende der Apartheid engagierte sich die Bremische Evangelische Kirche für einen demokratischen Wandel in Südafrika. Mit der Gründung des Vereins „Partnerschaft Bremen-Durban e.V.“ begann 1999 die Zusammenarbeit im kirchlichen Bereich. Sie wurde im Laufe der Zeit durch Austausche ausgeweitet auf die Bereiche Sport, Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft, Bildung und Umwelt. Die wichtigste Kooperation ist heute eine Klimapartnerschaft. Dabei tauschen sich Fachkundige über eine nachhaltige Wasserwirtschaft und Ressourcenschutz aus.

Die südafrikanische Hafenstadt Durban aus der Vogelperspektive.

Die südafrikanische Hafenstadt Durban aus der Vogelperspektive.

Foto: HONGQI ZHANG

Haifa

Mit der Gründung der gemeinsamen Kulturstiftung „Haifa Arts Foundation“ wurde auf Initiative des Bremer Senats und der Gemeinde Haifa in Zusammenarbeit mit dem israelischen Ministerium für Bildung und Kultur 1976 der Grundstein für die 1988 offiziell unterzeichnete Städtepartnerschaft zwischen Bremen und Israels größter Hafenstadt gelegt. Die Stiftung fördert junge Talente und ermöglicht sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrer Religion die Teilhabe an Kultur. Zum weltweit bekannten Filmfest anlässlich des jüdischen Laubhüttenfestes reisen jedes Jahr auch Bremer. Die Initiative fürs Festival geht ebenso auf die Kulturstiftung zurück wie der Freundschaftsvertrag zwischen den Gemeinden Hemelingen und Tamra, regelmäßige Repräsentanten- und Bürgerreisen, Schüler-, Sport-, Kultur- und Fachaustausche.

Blick auf den Schrein des Báb in Haifa.

Blick auf den Schrein des Báb in Haifa.

Foto: Jack Guez
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