Umweltbehörde will Händler verpflichten

Bremen plant Pfand für Kaffeebecher

Nachdem Hamburg und Niedersachsen angekündigt hatten, ein Pfandsystem für Mehrweg-Kaffeebecher einzuführen, will Bremen nun nachziehen. Welches Modell genau eingeführt wird, ist allerdings noch offen.
02.12.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremen plant Pfand für Kaffeebecher
Von Sabine Doll
Bremen plant Pfand für Kaffeebecher

Die Müllberge wachsen: In Bremen werden nach Zahlen des Bundes für Umwelt und Naturschutz jedes Jahr 23 Millionen Pappbecher verbraucht.

Frank Thomas Koch

Nachdem Hamburg und Niedersachsen angekündigt hatten, ein Pfandsystem für Mehrweg-Kaffeebecher einzuführen, will Bremen nun nachziehen. Welches Modell genau eingeführt wird, ist allerdings noch offen.

Es ist ja so praktisch: Auf dem Weg ins Büro eben einen Stopp im Café einlegen, einen Cappuccino ordern und das Getränk im Pappbecher mitnehmen. Damit nichts daneben geht und der Kaffee möglichst lange heiß bleibt, kommt ein Deckel oben drauf. Zum Umrühren gibt's ein kleines Plastikstäbchen dazu. Und wenn der Becher leer ist, kann er jederzeit – im Büro oder unterwegs – im nächsten Mülleimer entsorgt werden. Kaffee-To-Go ist ja so praktisch und Symbol einer immer mobilen Gesellschaft.

Damit will Bremens grüner Umweltsenator Joachim Lohse Schluss machen: „Ich begrüße die Initiative aus Hamburg und Niedersachsen ausdrücklich. Wir haben dazu bereits Kontakt aufgenommen und wollen das für Bremen aufgreifen – gemeinsam mit den Händlern. Unser Ziel ist es, damit die Vermüllung der Innenstädte und diese völlig unnötige Ressourcenverschwendung durch die Einmalbecher nachhaltig zu stoppen. Bremen wird sich dafür einsetzen, dem auch bundesweit Geltung zu verschaffen", sagt der Senator dem WESER-KURIER.

Pfandsystem für Mehrwegbecher

Die Nachbar-Bundesländer Hamburg und Niedersachsen hatten angekündigt, dass sie ein Pfandsystem für Mehrwegbecher einführen wollen. An der Elbe haben sich Umweltbehörde und grüne Bürgerschaftsfraktion bereits mit großen Coffeeshop-Betreibern und Bäckerei-Ketten getroffen.

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Die Idee: Überall, wo Kaffee im Pappbecher mit Plastikdeckel und -beschichtung verkauft wird, sollen künftig Mehrwegbecher gegen Pfand angeboten werden. Ist der Becher leer, kann er überall abgegeben werden, auch dort, wo er nicht gekauft wurde. Dafür gibt es das Pfand zurück.

„Wir schauen uns an, wie Hamburg und Niedersachsen das organisieren, und entscheiden dann, welches Modell wir in Bremen einführen“, sagt Lohse-Sprecher Jens Tittmann. Fragen, die noch geklärt werden müssen, sind zum Beispiel: Wie hoch darf das Pfand sein? Wo werden die abgegebenen Mehrwegbecher gespült?

Kha Hien Minh unterstützt den Vorstoß für ein Pfandsystem.

Kha Hien Minh unterstützt den Vorstoß für ein Pfandsystem.

Foto: Frank Thomas Koch

„Da gibt es viele rechtliche Fragen zu klären, auch was die Hygieneschutzbestimmungen für die Gastronomie betrifft. Erklärtes Ziel ist, dass alle Kaffee-Verkaufsstellen an dem Pfandsystem teilnehmen müssen. Freiwilligkeit mit einigen wenigen bringt nichts“, so Tittmann.

Ab wann der Bremer Mehrwegbecher die To-Go-Behälter ablöst, steht noch nicht fest. In Hamburg soll in spätestens einem Jahr geklärt sein, wie das Pfandsystem konkret aussieht. „Einen festen Termin für Bremen können wir deshalb noch nicht nennen“, so der Sprecher.

89 Einweg-Kaffeebecher pro Sekunde

Beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) kommt der Lohse-Vorstoß gut an. „Die Müllberge wachsen seit Jahren, vor allem der umweltbelastende Einwegabfall nimmt immer weiter zu“, sagt Mareile Timm. In Deutschland würden 89 Einweg-Kaffeebecher pro Sekunde verbraucht, dabei seien die Becher nur 15 Minuten in Gebrauch.

Allein in Bremen fielen 23 Millionen Pappbecher im Jahr an. Der deutsche Jahresverbrauch der Wegwerfbecher liege bei 2,8 Milliarden Stück, nennt sie Zahlen der Deutschen Umwelthilfe. Für die Herstellung müssten rund 43 000 Bäume gefällt werden. „Das ist eine wahnsinnige und unnötige Verschwendung an Rohstoffen, Wasser und Energie.“

Das Pfandsystem sollte sich laut der Abfallexpertin aber nicht nur auf Einweg-Kaffeebecher beschränken. Und: „Ohnehin sollte grundsätzlich eine Abgabe auf To-Go-Becher erhoben werden, so wie bei Plastiktüten. Das tut am meisten weh“, fordert sie. Dann würden Verbraucher auch jetzt schon die Angebote vieler Café-Betreiber nutzen – und ihre eigenen Kaffeebecher mitbringen.

"Viele Kunden bringen ihre eigenen Becher mit", sagt Patrick Czwojdrak.

"Viele Kunden bringen ihre eigenen Becher mit", sagt Patrick Czwojdrak.

Foto: Frank Thomas Koch

„Das bieten wir schon lange an“, sagt Patrick Czwojdrak, Filialleiter bei „Starbucks“ am Marktplatz. „Wer seinen Becher von zu Hause mitbringt, bekommt den Kaffee 30 Cent günstiger. Vor allem morgens wird das von Kunden genutzt, die auf dem Weg zur Arbeit schnell einen Kaffee mitnehmen wollen.“ Die Idee, ein verpflichtendes Pfandsystem einzuführen, hält er für sinnvoll: „Wenn man das gut umsetzt und alle mitmachen, ist das ein wirklich guter Weg, den Müll zu reduzieren und die Umwelt zu schützen.“

Viele Gastronomen verkaufen auch eigene Mehrwegbecher – und das komme gut an, sagt Kha Hien Minh, Geschäftsführer des „Minkens“ am Gerhard-Iversen-Hof bei der Sögestraße. An dem geplanten Pfandsystem würde das Geschäft auch auf freiwilliger Basis teilnehmen. „Man kann die Verbraucher auch umerziehen“, sagt er.

Projekte in deutschen Städten
Wie ein Pfandsystem für Mehrwegbecher funktionieren könnte, zeigen mehrere Einzel-Initiativen in deutschen Städten: Freiburg bietet zum Beispiel in über 15 Cafés und Backshops den Pfandbecher „FreiburgCup“ an. Ein weiteres erfolgreiches Projekt gibt es in Hamburg.
Dort hat der solidarische Kaffee-Handelsvereins El Rojito den Einwegbecher ganz abgeschafft und durch einen Mehrwegbehälter ersetzt. Das Pfand kostet 1,50 Euro, der Becher ist aus Baumsaft hergestellt, einem Abfallprodukt der Papierindustrie, und komplett kompostierbar. Ein Dutzend Hamburger Cafés machen bei dem Projekt mit dem Namen „Refill It!“ mit. Weitere Initiativen gibt es in Berlin, Rosenheim und Tübingen.
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