Wilhelm-Kaisen-Brücke

Polizei erwischt Bremer Rotlichtfahrer

Zwei Beinahe-Unfälle und 120 Radfahrer, die bei Rot über die Straße flitzten – dies ist die Bilanz einer Polizeikontrolle auf der Wilhelm-Kaisen-Brücke.
03.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel

Der Polizist steht gut sichtbar an der Ampel am Franziuseck auf der Wilhelm-Kaisen-Brücke. Doch trotzdem fährt der Mann auf dem grünen Fahrrad noch über die Ampel Richtung Innenstadt, nachdem sie schon vor ein paar Sekunden auf Rot gesprungen ist. „Das ist wirklich erschreckend“, sagt Ralph Dziemba vom Polizeirevier Neustadt. Das mangelnde Problembewusstsein rächt sich für den Rotlichtfahrer kurze Zeit später: Mitten auf der Brücke haben sich einige Kontaktpolizisten aus dem Bremer Süden und Beschäftigte des Ordnungsdienstes postiert. Sie halten den jungen Mann an und verlangen seinen Ausweis. Mit 100 Euro Bußgeld plus Gebühren muss er nun rechnen. Einen Punkt in der Verkehrssünderdatei in Flensburg erhält er obendrauf.

Zwei Stunden lang haben die Kontrolleure am Dienstagmorgen auf der Brücke gestanden. Dabei haben sie 120 Personen angehalten, die zuvor von zwei versteckt postierten Polizisten dabei gesehen wurden, wie sie die rote Ampel ignorierten. Durchschnittlich ist das eine Rotlichtfahrt pro Minute. „Dabei hat es nur einen sehr geringen Unterschied gemacht, ob ich als Polizist zu sehen war oder nicht“, stellt Dziemba fest. Präventive Kontrollen ohne Anzeigen wie an anderer Stelle hätten daher aus seiner Sicht auf der Brücke keinen Sinn mehr.

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Polizisten hören viele Ausreden

„Die Menge an Verstößen ist enorm, dabei konnten wir die weiteren Rotlichtfahrer in Richtung Neustadt gar nicht anhalten, weil wir dafür noch mehr Personal gebraucht hätten“, sagt Kontaktpolizist Rüdiger Opitz, der sich mit Fotoapparat und Funkgerät am Franziuseck postiert hat. Darüber hinaus habe er auch Radfahrer, „die gerade beim Umspringen der Ampel schon auf dem Kantstein zur Straße waren, gar nicht erst per Funk an die Kollegen gemeldet“, erklärt der Beamte.

Und wieder springt die Ampel mit dem Fahrradsymbol von Grün auf Rot. Diesmal fahren eine Frau und zwei Männer gleich hintereinander bei Rot über die Kreuzung. „Ich dachte, wenn man Kolonne fährt, darf man das“, versucht einer der Männer später am Kontrollpunkt, sein Verhalten zu erklären. Aus Sicht der Beamten eine Ausrede, die sie allerdings weniger oft zu hören bekommen. Oft lautet die Erklärung Unwissenheit. „Ich achte immer auf die Ampel für Autos, wenn die Grün zeigt, fahre ich noch“, sagt ein Mann, der ebenfalls Post von der Polizei bekommen wird. „Das ist aber falsch, denn für Radfahrer gilt die Radfahrampel, wenn es eine gibt“, erklärt ein Mitarbeiter des Ordnungsdiensts.

„Die rechts abbiegenden Autos Richtung Stadtwerder haben an dieser Stelle fünf Sekunden länger Grün als Radfahrer und Fußgänger, damit sie sicher abbiegen können“, erklärt Dziemba. Für diese Lösung inklusive neue Rechtsabbiegespur hatte sich aufgrund vieler Unfälle vor sieben Jahren der Beirat Neustadt ausgesprochen. Doch offenbar würden einige Radfahrer die grüne Autoampel als Aufforderung missverstehen, trotz roter Fahrradampel noch über die Straße zu eilen.

„Wir als Polizei werden uns für eine zusätzliche Ampel für Radfahrer mit Grün-, Gelb- und Rotlicht aussprechen, um die letzten Zweifel auszuräumen und damit die Sicherheit an dieser Stelle zu erhöhen“, so Dziemba. Der Vorschlag müsse allerdings noch mit dem Amt für Straßen und Verkehr abgestimmt werden.

Am Franziuseck sind im Jahr 2019 nach Auskunft der Polizei allein zehn Unfälle mit Beteiligung von Radfahrern geschehen, davon einer mit einem Schwerverletzten. Doch obendrauf gebe es eine hohe Zahl an Beinaheunfällen. An diesem Morgen sind es zwei Zusammenstöße von Autos mit Radlern, die in letzter Sekunde dann doch nicht passieren. Urheber der gefährlichen Situationen ist in beiden Fällen der Radfahrer gewesen. „Wenn es zum Zusammenstoß kommt, ist der Radfahrer immer verletzt“, sagt Dziemba.

Richtiges Verhalten als Vorbild

Mit Sorge betrachten die Ordnungshüter auch noch einen anderen Effekt: „Schüler lassen sich leicht mitreißen, wenn Erwachsene über rote Ampeln fahren“, sagt Opitz. An diesem Morgen seien es zum Glück nur drei gewesen. Die meisten Rotlichtfahrer sind hingegen Männer und Frauen zwischen 30 und 50 Jahren, haben die Polizisten registriert. Aber auch Rentner seien gelegentlich bei Rot gefahren. „Es ist wichtig, den Jüngeren ein Vorbild zu sein und sich an die Verkehrsregeln zu halten und Rücksicht zu nehmen“, mahnt Dziemba. Er hoffe daher durch Kontrollen wie diese auch auf eine Signalwirkung in Bremen. „Es darf nicht nur das Ego gelten, das Sozialverhalten ist wichtiger“, sagt Opitz.

Wer nicht will, muss sich vor den Kontrolleuren nicht äußern, doch manche nutzen die Gelegenheit auch, um ihrem Ärger Luft zu machen. Eine junge Frau ist aufgebracht, weil sie der Ansicht ist, bei Grün gefahren zu sein. Sie hat eine Zeugin, nämlich die Klapprad-Fahrerin, die hinter ihr über die Ampel fuhr. „Die Frau vor mir ist bei Grün gefahren, bei mir sprang die Ampel dann auf Rot“, lautet deren Aussage. Später werden die Beweisfotos der Polizisten wohl Aufschluss darüber geben müssen, ob es ein Bußgeld gibt oder nicht. Die junge Frau kündigt jedenfalls an, juristisch gegen eine mögliche Strafe vorzugehen.

Andere geben sofort zu, dass sie das Ampelsignal missachtet haben. „Besonders eklatant war vorhin der Fall, dass sowohl ein kleines Mädchen auf einem Kinderrad als auch hinter ihr der Vater mit einem Kleinkind auf dem Sitz deutlich bei Rot gefahren sind“, berichtet Opitz. Die Begründung des Vaters: Es sei ein Notfall gewesen, weil er seiner Tochter habe folgen müssen. Der Kontaktpolizist zweifelt am Wahrheitsgehalt: „Einen Warnruf des Vaters an die Sechsjährige haben wir jedenfalls nicht gehört, bei Rot zu fahren schien ganz selbstverständlich zu sein.“

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