Jugendliche erforschen in Zusammenarbeit mit der Uni die Geschichte und Gegenwart ihrer Heimatstadt Bremen profitierte von Sklavenarbeit

Was Bremen mit der Welt und die Welt mit Bremen verbindet, haben sich die über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Stadtforscher-Projekts gefragt. Sie sammelten Wissen über Aus- und Einwanderung, Kaffee und Bier, Entnazifizierung, Frauenhandel und Klimagerechtigkeit.
07.07.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Annalena Oefner-ferreira

Was Bremen mit der Welt und die Welt mit Bremen verbindet, haben sich die über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Stadtforscher-Projekts gefragt. Sie sammelten Wissen über Aus- und Einwanderung, Kaffee und Bier, Entnazifizierung, Frauenhandel und Klimagerechtigkeit.

Bremen-West. "Die Welt in Bremen – Bremen in der Welt" ist das Leitthema der Bremer Stadtforscher in diesem Jahr. In 30 Kleingruppen haben die über 100 Schülerinnen und Schüler aus fünf Schulen politische, geografische, wirtschaftliche, historische und gesellschaftliche Themen erarbeitet. Ihre Ergebnisse präsentierten sie beim Stadtforscher-Kongress der Uni Bremen.

Mit den Straßenbahnunruhen haben sich Zehntklässler vom Alten Gymnasium beschäftigt, unter ihnen die 17-jährige Gune Yildirim aus Blockdiek. Als der Senat im Januar 1968 den Fahrpreis von 60 auf 70 Pfennig erhöhen wollte, machten 25 Jugendliche Sitzblockaden.

Tutoren helfen

Damals beteiligten sich innerhalb einer Woche 20 000 Schüler und Arbeiter an den Protesten, die friedlich verliefen, bis die Polizei Schlagstöcke und Wasserwerfer einsetzte. Einige der Polizisten seien bereits in der Nazizeit im Dienst und entsprechend geprägt gewesen, haben die Jugendlichen erfahren. Viele Demonstranten seien verhaftet und einige verurteilt worden, aber kein einziger Polizist. Am Ende aber hatten die Demonstranten Erfolg: Es war das erste Mal, dass der Senat einen Beschluss zurücknahm.

"Ist Werder Bremen ein Vorreiter in Sachen Antirassismus-Arbeit im Stadion?" fragten sich Findorffer Oberschüler, die Interviews gemacht haben. Werder habe nicht unbedingt eine Vorreiterrolle, sagt der 15-jährige Philipp Oelrich, aber der Verein stelle sich klar gegen Rassismus, und das erste Fanprojekt komme aus Bremen. In einem kurzen Film stellen die Jugendlichen das Modell einer Antirassismus-Arbeit vor, das sie entwickelt haben. Ihrer Meinung nach müsste Werder die Stadionordnung ändern und bei einem Verstoß Stadionverbote aussprechen, müssten Ordner sensibilisiert und Anti-Diskriminierungs-AGs eingerichtet werden. Besonders die Zusammenarbeit mit den Fans sei wichtig.

Studierende haben die Stadtforscher als Tutoren bei den Recherchen unterstützt, aber sie konnten auch auf Fachwissenschaftler und Spezialisten aus Museen, Beratungsstellen und Archiven bauen. Geleitet wird das Stadtforscher-Projekt von Andreas Klee vom Zentrum für Didaktik der Sozialwissenschaften (ZeDiS). Hendrik Schröder koordiniert es mit. "Durch das forschende Lernen entwickeln die Schüler ganz wichtige Kompetenzen", beobachtet er. Zum Beispiel würden sie vor die Herausforderung gestellt, sich selbst zu organisieren, ihre Zeit zu strukturieren und die nötige Motivation für ein solch umfangreiches Projekt zu finden. Eine besondere Art der Präsentation hat eine weitere Gruppe der Oberschule Findorff gewählt, "Ist Bremen eine vorbildliche Fahrradstadt?" wollten die Jugendlichen wissen, haben 250 Leute befragt und ein Interview mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) gemacht. Die Ergebnisse haben sie ins Internet gestellt – auf http://fahrrad-stadt-bremen.npage.de. Im Vergleich hat Bremen nicht gut abgeschnitten. "Wir haben bessere Städte gefunden, wo die Sicherheit mehr berücksichtigt wird", sagt die 16-jährige Maike Frese aus Findorff. In Bremen seien die Radwege oft zugeparkt und einige sehr kaputt. "Es ist stadtteilabhängig, ob man Rad fahren kann." Der Verbesserungsvorschlag ist daher: "Räder sollten die Nummer eins in der Verkehrsplanung werden."

Zur Entwicklung des Handels in Bremen hat der 17-jährige Jakob Quintel aus dem Viertel zusammen mit drei Mitschülern aus der 11. Klasse der Oberschule am Leibnizplatz geforscht. Jakob hat sich besonders mit dem Bremer Baumwollhandel beschäftigt, der Mitte des 16. Jahrhunderts begonnen hat und hauptsächlich mit Nordamerika lief. Obwohl die Bremer Kaufleute keine Befürworter des Sklavenhandels waren, profitierten sie doch sehr davon. Die Baumwolle, die von Sklaven gepflückt worden war, brachte der Hansestadt viel Geld ein und sorgte für eine Verbesserung der Bremer Infrastruktur – Telegrafenmasten und Eisenbahnverbindungen konnten errichtet, die Häfen ausgebaut werden, und die Weser wurde begradigt.

Das Stadtforscher-Projekt, das von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert wird, läuft bereits zum dritten Mal. Der Förderantrag war auf drei Jahre begrenzt, aber Hendrik Schröder hofft auf eine Verlängerung. "Es wäre wünschenswert für das Land Bremen, wenn es weiterliefe."

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