25 Jahre deutsche Einheit

Bremen sah aus wie ein Flohmarkt für Trabis

Es war 28 Jahre nach dem Mauerbau: „Freie Fahrt in den Westen.“ Mit dieser Titelzeile über vier Spalten verkündete auch unsere Zeitung vor zehn Jahren die sensationelle Nachricht.
02.10.2015, 00:00
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Von Volker Junck
Bremen sah aus wie ein Flohmarkt für Trabis
WK

Es war 28 Jahre nach dem Mauerbau: „Freie Fahrt in den Westen.“ Mit dieser Titelzeile über vier Spalten verkündete auch unsere Zeitung vor zehn Jahren die sensationelle Nachricht.

In Berlin tanzten die Menschen auf der Mauer und stürmten zum Kudamm. Doch für Hunderttausende war die Mauer schon längst gefallen. Über Ungarn und die CSSR hatte sich eine Absetzbewegung gen Westen aufgemacht, die auch Bremen an die Grenze der Aufnahmefähigkeit brachte. Und plötzlich auch noch all die Neuankömmlinge auf direktem Wege über die geöffnete Grenze. „Bremen heizt die Bunker an“, vermeldeten die Nachrichtenagenturen. Fernsehteams aus Großbritannien, Frankreich oder den USA eilten an die Weser, um den Einzug von DDR-Abtrünnigen in fensterlose Betonklötze zu begleiten.

Der damalige Sozialsenator Henning Scherf forderte für das kleinste Bundesland einen Aufnahmestopp und legte sich dafür mit dem Bundesinnenministerium an. In einer unglaublichen Kraftanstrengung wurden Notquartiere in Bundeswehr-Kasernen, Schulturnhallen, der Jugendherberge und städtischen Einrichtungen geschaffen. Die Kirchen öffneten ihre Gemeinde- und Pfarrhäuser. Deutsches Rotes Kreuz, Arbeiter-Samariter-Bund, Arbeiterwohlfahrt und Johanniter-Unfallhilfe unterstützten die Sozialbehörde bei der Betreuung der provisorischen Bettenburgen. Sozial-Staatsrat Hans-Christoph Hoppensack, damals Leiter des Krisenstabes: „Es war die schwierigste Zeit meines gesamten Berufslebens.“

Denn mit der ersten Welle der DDR-Übersiedler kamen auch Tausende von Asylbewerber aus aller Welt und Spätaussiedler aus dem Ostblock. Einige Tage nach dem Mauerfall ging dann ein Aufatmen durch Bremen: „Die Bunker bleiben dicht.“ Da sah es in der Stadt schon aus wie auf einem riesigen Flohmarkt für Trabis und Wartburgs. Am ersten „freien Wochenende“ kamen sie zu Tausenden aus Bremens hanseatischer Vor-Wende-Partnerstadt Rostock angerollt und standen kreuz und quer in der City herum. Der Bruderhilfe im Deutschen Haus ging das „Eintrittsgeld“ aus, und bei den großen Postämtern musste man sich Bares von den Kaufhäusern borgen, wo es postwendend wieder hingetragen wurde. So wird wohl mancher 100-Mark-Schein mehrmals zwischen Karstadt und Postamt Domsheide hin- und hergewechselt sein.

Insgesamt wurden allein an jenem Wochenende 167 000 Mark ausgezahlt. In der Findorffer SPD-Zentrale, wo die Rostocker Neu-Genossen um den heutigen Mecklenburgisch-Vorpommerschen Ministerpräsidenten Harald Ringstorff kräftige Geburtshilfe für den Osten erhielten, erinnert man sich noch heute mit Grausen dieser Tage. Die „Ostsee-Zeitung“ hatte eine Gruß- und Solidaritätsadresse an die „Lieben Freunde aus Rostock“ mit der Einladung „mal vorbeizuschauen“ abgedruckt. Das nahmen die lieben Ostsee-Hanseaten wörtlich, fuhren gleich nach der Nachtschicht los und standen morgens vor fassungslosen Putzfrauen Schlange in der Parteizentrale. Zumal das SED-Blatt auch noch die Ente verbreitet hatte, in Bremen würden 200 statt 100 Mark Begrüßungsgeld gezahlt.

In der Stadthalle wurde flugs ein Massenquartier zum Übernachten aufgeschlagen, und der Aufruf unserer Zeitung „Bremen schlägt die Betten auf“ fand ein riesiges Echo bei privaten Gastgebern. Es folgten Massenbesuche hin und her mit Sonderzügen und Autokarawanen. Den Vogel in diesen verrückten Tagen schoss ein „Gastronomie-Kollektiv“ aus Warnemünde ab, dass sich nach Zapfenstreich mit einem Barkas-Bus gen Bremen aufgemacht hatte, um der Bürgermeistersfrau Ute Wedemeier im Rathaus einen Blumenstrauß zu überreichen.

Und heute? Aus der formalen Städtepartnerschaft von 1987 ist eine lose Patenschaft geworden, weil Rostock ja nicht mehr im „Ausland“ liegt. Die meisten gemeinsamen Kultur-Projekte und viele private Kontakte sind eingeschlafen, einige dicke Freundschaften entstanden. Hunderte von Verwaltungsbeamten, Polizisten, Juristen und Aufbauhelfer aus den verschiedensten Bereichen sind längst wieder an ihrem Arbeitsplatz in Bremen, Rostocker Wende-Flüchtlinge und Auszubildende an die Warnow zurückgekehrt. Henning Lühr, Abteilungsleiter bei der Senatskommission für das Personalwesen, der ein Jahr lang entscheidend an der Rostocker Stadtverfassung mitgeschneidert hatte: „Wir telefonieren miteinander, beraten das Büro von Oberbürgermeister Arno Pöker in speziellen Verwaltungsfragen. Aber eigentlich ist es ein normaler Kontakt wie mit Leipzig oder Hannover.“

Dieser Text erschien am 10. November 1999 im WESER-KURIER.

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