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Gelebte Vielfalt in Bremen
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6. Deutscher Diversity-Tag

Maren Beneke 04.06.2018 1 Kommentar

Die Bronzeskulptur der Künstlerin Gisela Eufe wird an all jene Bremer Institutionen vergeben, die sich durch ein besonders nachhaltiges Diversity-Konzept auszeichnen.
Die Bronzeskulptur der Künstlerin Gisela Eufe wird an all jene Bremer Institutionen vergeben, die sich durch ein besonders nachhaltiges Diversity-Konzept auszeichnen. (Frank Thomas Koch)

Zwölf Tage dauert es noch, dann spielt die deutsche Nationalmannschaft ihr erstes Spiel bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland – und damit eben jene Nationalelf, die immer wieder als Beispiel für gelebte Integration und Vielfalt in unserer Gesellschaft genannt wird. Mesut Özil, Jérôme Boateng oder Sami Khedira, all diese Spieler mit deutschen Pässen haben Wurzeln auch außerhalb der Bundesrepublik. Damit ist die Nationalmannschaft, wenn man so will, ein Vorzeigeprojekt in Sachen Diversity. Also von jenem Begriff, über den wohl die meisten Unternehmen, Vereine, Behörden und Organisationen sagen würden, dass dieser auch bei ihnen gelebt wird.

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Doch die Wahrheit ist meist eine andere. Das liegt auch daran, dass der Begriff schwammig ist. Streng genommen bedeutet Diversity qua Übersetzung zunächst einmal nichts anderes als Vielfalt. Hinter dem Begriff steckt aber auch die Philosophie einer bewussten Wertschätzung und Unterstützung von Vielfalt im Hinblick auf Menschen unterschiedlicher Herkunft, Geschlecht, Alter, Religion, körperlicher Befähigung oder sexueller Orientierung. All das zählt zu den Kerndimensionen von Diversity.

Vielfalt konzeptionell unterstützen

Doch das eine ist die Theorie. Das andere ist, wie die gesellschaftliche Buntheit auch fernab von Fernsehkameras in den Alltag und in die Arbeitswelt Einzug hält. „Diversity ist zunächst einmal ein sperriges Wort“, sagt auch Jutta Berninghausen. Sie ist Professorin und Vorstand am Zentrum für Interkulturelles Management und Diversity (ZIM) an der Hochschule Bremen und unterstützt in dieser Funktion Unternehmen und Institutionen wie die Polizei oder die Volkshochschule dabei, Vielfalt als Ressource zu nutzen und interkulturelle Konflikte lösen zu können. „Das ist dann Diversity Management, in dem es um die aktive Steuerung von Vielfalt geht“, erklärt Berninghausen. Aus ihrer Sicht reicht es nicht aus, dass Firmen und Institutionen anerkennen, dass ihre Belegschaften vielfältig sind. Denn eine vielfältige Belegschaft mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Voraussetzungen und Fähigkeiten habe zwar ein großes Potenzial, könne aber auch Probleme bereiten, wenn die Vielfalt im Unternehmen nicht konzeptionell unterstützt werde.

Große Unternehmen haben es da oftmals leichter. Sie arbeiten global, haben Standorte und damit auch Mitarbeiter im Ausland. „Diversity Management“ ist in solchen Unternehmen vielfach ein fester Bestandteil der Firmenphilosophie. Das bedeutet: Personalmanager kümmern sich gezielt darum, die soziale Vielfalt nicht nur zu betreuen, sondern auch fürs Unternehmen zu nutzen. „Durch die Vielzahl der Nationalitäten werden Energien und Engagement freigesetzt“, begründet etwa die Diversity-Managerin des Autobauers Ford in einem Gespräch mit der „Zeit“. Außerdem lasse sich auf diese Weise ein breiteres Kundenspektrum ansprechen. Ein weiteres Beispiel ist die Metro-Gruppe, die versucht, möglichst viele unterschiedliche Menschen zu beschäftigen. „Eine vielfältige Belegschaft ist wichtig für den Geschäftserfolg“, sagt deren Leiterin für Corporate Social Development.

Auch in kleinen und mittelständischen Unternehmen gibt es vielfältige Belegschaften. „Dort wird der Begriff Diversity nur oft nicht verwendet“, sagt Berninghausen. Wichtig ist aus ihrer Sicht, dass die Firmen erkennen, wie sich ihre Belegschaften zusammensetzen und Prozesse entsprechend strategisch begleiten. „Denn nur dann gibt es einen Kulturwandel in den Unternehmen“, sagt sie. „Diversity Management bedeutet, sich als lernende Organisation zu begreifen und auf Veränderungen zu reagieren.“

Eine Win-win-Situation für alle

Ein Beispiel: In einem Handwerksbetrieb wird dafür gesorgt, dass ein älterer und ein jüngerer Mitarbeiter zusammenarbeiten. Während der Ältere dem Jüngeren Handkniffe zeigen kann, die er sich über die Jahre angeeignet hat und die die Arbeit vereinfachen, kann der Jüngere den Älteren mit Computerprogrammen vertraut machen, die ebenfalls die Arbeit erleichtern. „Unterm Strich ergibt sich aus solch einer Vielfalt eine Win-win-Situation für alle: für das Unternehmen, aber auch für die Mitarbeiter“, sagt Berninghausen. Es sind auch oft kleine Aktionen, die überzeugen können: Der Bremer Frisör Hairliner‘s zum Beispiel schickte vor einigen Jahren eine Handpuppe mitsamt einem Reisetagebuch durch Europa „auf die Walz“. Ziel war, Wissen unter den Frisören zu teilen, ein Netzwerk sowie eine Jobbörse in Kooperation mit anderen Salons aufzubauen – all das begleitet von Facebook-Einträgen, die die User immer auf dem Laufenden hielten.

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Den Unternehmen, die auf Vielfalt setzen, geht es dabei meist nur in zweiter Linie um ihre Außenwirkung, sondern viel mehr darum, dass sich eine möglichst bunt gemischte Belegschaft auch in den Zahlen bemerkbar macht. Die Unternehmensberatung Ungleich Besser hat eine Vielzahl internationaler Studien zum Thema ausgewertet und kommt zu dem Schluss: Firmen, in denen Diversity eine wichtige Rolle spielt, gewinnen neue Kundengruppen, verbessern ihre Arbeitsatmosphäre und sogar die Krankheits- und Fehlzeiten reduzieren sich. Ähnliches hat vor zwei Jahren auch Ernst & Young (EY) herausgefunden: Eine Studie, für die EY gut 600 Führungskräfte befragt hat, ergab, dass fast zwei Drittel der Befragten meinen, Diversity bringe ihren Organisationen Vorteile. Im Gegensatz dazu steht allerdings, dass zwei Drittel der deutschen Unternehmen den Angaben zufolge noch gar keine Maßnahmen im Diversity Management umgesetzt haben. Für die Zukunft planten dies zum Zeitpunkt der Umfrage nur 19 Prozent. Dies liegt offenbar in der Hand der Befragten selbst: Nach Ansicht der Studienteilnehmer ist das Top-Management der wichtigste Treiber von Diversity Management in den Firmen.

Jutta Berninghausen begleitet den Bremer Diversity-Preis seit acht Jahren.
Jutta Berninghausen begleitet den Bremer Diversity-Preis seit acht Jahren. (Christina Kuhaupt)

Es gibt für Firmen und Institutionen auch die Möglichkeit einer Art Selbstkontrolle: über die Charta der Vielfalt. Die Unternehmensinitiative ist ein Instrument, mit dem sich die Unterzeichner Diversity-Themen gegenüber verpflichten. Schirmherrin ist Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Vor zwölf Jahren wurde die Charta von vier Unternehmen ins Leben gerufen, mittlerweile sind es gut 2800 Firmen mit mehr als neun Millionen Beschäftigten, die sich deren Inhalten verschrieben haben. Auch viele Bremer Institutionen und Unternehmen sind dabei: die Bremer Philharmoniker genauso wie die Gewoba, HE Space Operations genau so wie die Polizei, das Jobcenter oder der Großmarkt. Insgesamt haben knapp 80 Institutionen aus dem kleinsten Bundesland die Charta unterzeichnet. Zum Vergleich: Im Saarland gibt es knapp 20 und in Hamburg fast 160 Firmen, die sich mit ihrer Unterschrift unter anderem daran gebunden haben, eine Organisationskultur zu pflegen, die von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung geprägt ist, sowie jährlich öffentlich Auskunft über die Aktivitäten und die Förderung der Vielfalt zu geben. Es bleibt aber ein freiwilliges Instrument, mit dem die Firmen ihre Ziele öffentlich machen und anhand dessen sie sich messen lassen können. Denn: Überprüft wird nicht, ob die Unterzeichner dies auch wirklich einhalten.

Diversity-Preis wird nur in Bremen vergeben

In Sachen Vielfalt zeichnet sich Bremen unterdessen durch eine Besonderheit aus: Die Hansestadt ist nach Veranstalterangaben das einzige Bundesland, in dem ein Diversity-Preis vergeben wird. Zunächst steckten die Hochschule und das Mercedes-Benz Werk Bremen dahinter, mittlerweile gehören zur Trägergemeinschaft des seit 2010 einmal im Jahr verliehenen Preises die Wirtschaftsförderung Bremen (WFB), die Universität, die Sparkasse, die Werder Bremen Stiftung, der Bremen Airport, die BLG, Gestra, die Berninghausen-Stiftung, die BTC Business Technology Consulting AG sowie die Gewoba. Mit dem Preis will die Trägergemeinschaft Organisationen auszeichnen, die Diversity-Konzepte, -Maßnahmen und -Aktivitäten bei sich eingeführt haben und nachhaltig verfolgen. „Wir wollen Diversity in der Öffentlichkeit sichtbar machen“, sagt Berninghausen. Natürlich hätten die größeren Unternehmen es leichter, entsprechende Konzepte bei sich zu etablieren. „Aber wir möchten ganz gezielt auch kleinere Firmen ermutigen, sich mit ihren Aktionen zu bewerben." Die bisherigen Preisträger sind dementsprechend ganz unterschiedlich: Dazu zählen etwa das Tanzprojekt Steptext, die Volkshochschule Bremerhaven, die BLG und das Café Brand.

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Warum aber gibt es gerade in der Hansestadt eine solche Auszeichnung? „Bremen war schon immer für seine Weltoffenheit und Toleranz bekannt. Daher gibt es hier eine große Akzeptanz für vielfältige Lebensweisen“, sagt die ZIM-Leiterin. Ein weiteres Plus ist aus ihrer Sicht, dass die Akteure durch die Stadtstaat-Struktur gut miteinander vernetzt sind. Als ein Beispiel nennt sie die Aktion „Bremen ist bunt“. Innerhalb weniger Tage haben sich vor gut drei Jahren auf Initiative des Bremer Rat für Integration Unterstützer aus allen Gesellschaftsbereichen Bremens zusammengefunden, um gemeinsam für eine weltoffene Hansestadt einzutreten. "Das ist gelebte Diversity in Bremen“, sagt Berninghausen.

Um den Austausch und die Auseinandersetzung mit dem Thema Diversity Management geht es auch bei der Bremer Diversity-Tafel, die immer zum Deutschen Diversity-Tag – also an diesem Dienstag – veranstaltet wird. Gastgeber und Gäste wechseln dabei von Tisch zu Tisch, um Menschen aus allen möglichen Bereichen miteinander zu vernetzen. Vorgestellt wird an diesem Abend auch das Projekt „360 Grad“, das durch die Kulturstiftung des Bundes gefördert wird. So haben verschiedene Institutionen wie die Kunsthalle Bremen die Möglichkeit bekommen, Mitarbeiter für gesellschaftliche Vielfalt einzustellen. Diese sollen ihre Jobs im Sommer antreten und dafür sorgen, dass das Thema Diversity zukünftig etwa in den Programmen, beim Personal oder in der Kommunikation berücksichtigt wird.

Und auch in der Öffentlichkeit wird das Thema Vielfalt am Diversity-Tag sichtbar sein: Auf ihrer Website veröffentlichen die Initiatoren der Charta der Vielfalt alle Aktionen, die die Unternehmen an diesem Tag veranstalten, um ihre Belegschaften und die Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren. Nach eigenen Angaben gab es allein im vergangenen Jahr mehr als 1300 Aktionen.

Zur Sache

Der Diversity-Preis

Die Auszeichnung richtet sich an Unternehmen, soziale Einrichtungen, Behörden, Institutionen aus dem Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftssektor sowie Non-Profit-Organisationen aus dem Nordwesten. Der Preis, für den Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) die Schirmherrschaft übernommen hat, ist mit insgesamt 5000 Euro dotiert und beinhaltet neben der Bromzeskulptur einen eigenen Diversity-Film, eine Urkunde sowie ein Siegel. Die Auszeichnung wird am 10. Dezember in der Oberen Rathaushalle verliehen. Die Bewerbungsfrist für den diesjährigen Preis läuft noch bis zum 1. Oktober 2018. Weitere Infos und Bewerbungsunterlagen gibt es unter www.diversity-preis-bremen.de.


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Leserkommentare
suziwolf am 21.10.2019 12:01
Warum dieser einfache Hinweis
auf www.spiegel.de
[ ,auf Erweiterung der Information‘ ]
mit „👎“ bewertet wird,
erklärt sich ...
peteris am 21.10.2019 12:00
Bundesaußenminister
Maas: Türkische Offensive nicht mit Völkerrecht im Einklang.

Für "Diktatoren" wie Putin,Erdogan usw. gibt es ...
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