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Rechtsanspruch soll das ändern
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Beratungsstellen für Opfer sexueller Gewalt sind unterfinanziert

Kathrin Aldenhoff 03.12.2016 0 Kommentare

Schattenriss - Thema sexualisierte Gewalt - vl. Ulrike Bowe-Eden und Sandra Reith
Ulrike Bowe-Eden und Sandra Reith arbeiten beim Verein Schattenriss. Ohne Spenden könnten sie nicht arbeiten. (Frank Thomas Koch)

Es ist ein Dilemma: Volker Mörchen und Sandra Reith wollen allen helfen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Sie können es aber nicht. Ihren Einrichtungen, dem Bremer Jungenbüro und dem Verein Schattenriss, fehlt es an Personal und an Geld. Volker Mörchen sagt: „Wir kämpfen im Moment darum, alle zu unterstützen, die bei uns anfragen.“ Sandra Reith sagt: „Wenn wir irgendwo werben, bekommen wir so viele Anfragen, dass wir sie nicht bewältigen können.“ Also werben sie nicht oder nur sehr zurückhaltend.

Wenn Mädchen sich an den Verein Schattenriss wenden, wenn sie in die schöne alte Villa in Gröpelingen kommen, dann geht es ihnen schlecht, viele von ihnen sind traumatisiert. Im schlimmsten Fall wurden sie sexuell missbraucht, vielleicht vom eigenen Vater oder Großvater. Die Familie wankt, die Mutter weiß vielleicht nicht, wem sie glauben soll, was sie tun soll. In den Räumen der alten Villa bestimmen die Mädchen selbst, wie viel sie erzählen. Kein Druck, das ist ganz wichtig, alles soll freiwillig passieren.

Anlaufstellen sind wichtig

Wenn die Mädchen es wollen, spielt Psychologin Sandra Reith mit ihnen. Ein Mädchen hat in einem Sandkasten eine Szene mit vielen Tieren aufgebaut. Ein Zebra steht an einem Fluss und trinkt, Pferde laufen über Sandhügel, von rechts schleicht sich ein schwarzer Panther an. Indem sie über die Szene reden, kann die Psychologin leichter Kontakt zum Mädchen aufnehmen, sie fragen: „Hast du so etwas auch schon mal erlebt?“

Mädchen und junge Frauen, die sexuell missbraucht wurden, finden beim Verein Schattenriss Hilfe. Sandra Reith und ihre Kolleginnen helfen ihnen dabei, mit dem Erlebten umzugehen, stabilisieren sie in ihrem Alltag. So ähnlich macht es das Bremer Jungenbüro für Jungen und junge Männer: Wer Gewalt erfährt oder erfahren hat, bekommt von Volker Mörchen und seinen Kollegen Hilfe. Unkompliziert und ohne Verpflichtung.

Diese Arbeit ist wichtig, das bestreitet wohl niemand. Und sie wird immer wichtiger, die Zahl der Anfragen steigt. Volker Mörchen sagt es so: „Das Hellfeld wird größer.“ Das ist gut, weil es bedeutet, dass mehr Betroffene beraten werden. Andererseits führt es dazu, dass die Stellen mit der Beratung kaum hinterherkommen und andere Aufgaben vernachlässigen, weil sie schlicht keine Zeit dafür haben. Und trotzdem bangen beide Beratungsstellen jedes Jahr aufs Neue um ihre Finanzierung.

Volker Mörchen - Bremer Jungenbüro
Volker Mörchen arbeitet seit 2001 beim Bremer Jungenbüro. (Christina Kuhaupt)

Jungenbüro muss ein Viertel des Budgets aufbringen

Volker Mörchen und Sandra Reith wissen zu Beginn des Jahres nicht, wie es im nächsten Jahr weitergeht. Wie viel Geld sie zur Verfügung haben, ob sie ihr Angebot ausweiten können, oder im Gegenteil, ob sie sparen müssen. Manchmal wissen sie es noch nicht mal Ende des Jahres: Einen Bescheid für das kommende Jahr hat das Bremer Jungenbüro auch Mitte November noch nicht. Die Einrichtung muss ein Viertel des Budgets selbst aufbringen, mit Drittmitteln und Spenden. „Das frisst Aufmerksamkeit“, sagt Volker Mörchen.

Ulrike Bowe-Eden ist bei Schattenriss für die Finanzen zuständig. Der Verein ist zu einem Drittel von Drittmitteln und Spenden abhängig, das sind rund 100.000 Euro im Jahr. „Ohne die Hilfsbereitschaft der Spender fielen zwei Stellen weg“, sagt sie. Den Rest übernehmen die Ressorts Soziales und Bildung. Und trotzdem: „Es ist immer zu wenig.“ Einer Mitarbeiterin mussten sie deswegen kündigen, nach sechs Monaten konnten sie sie wieder einstellen, dank der Spenden. Aber nur, weil sie im kommenden Jahr in Rente geht. Ob dann genug Geld da ist, um ihre Stelle neu zu besetzen, ist noch unklar.

Abhilfe soll nun eine Bundesratsinitiative des Landes Bremen schaffen. SPD und Grüne wollen, dass Mädchen und Jungen in ganz Deutschland einen Rechtsanspruch auf Beratung haben, wenn sie Opfer sexualisierter Gewalt wurden. Bisher haben sie den nicht, Länder und Kommunen sind nicht verpflichtet, entsprechende Beratungsstellen zu finanzieren. In der Folge, so heißt es im Antrag der beiden Fraktionen, sind Beratungsstellen finanziell nicht ausreichend ausgestattet und arbeiten am Limit. 

Folgen sexueller Gewalt werden unterschätzt

„Wir möchten, dass die Finanzierung der Einrichtungen abgesichert ist“, sagt der sozialpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Klaus Möhle. „Das geht nur über diesen Weg.“ Denn: Bremen als klammes Bundesland könne nicht einfach deutlich mehr Geld für diese Einrichtungen ausgeben. Klaus Möhle glaubt, die Gesellschaft unterschätzt die Folgen sexueller Gewalt.

Eine Million Kinder und Jugendliche in Deutschland sollen sexualisierte Gewalt erlebt haben. Gebrochene Biografien, Alkohol- oder Drogensucht seien oft die Folgen, sagt er. Die Fachstellen in Bremen machen eine sehr gute Arbeit, das wissen auch alle, sagt Möhle. Trotzdem stelle sich jedes Jahr die gleiche Frage: Gibt es Geld dafür? Und die Berater erreichen längst nicht alle, noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs, wie Möhle sagt.

„Mir kommt es darauf an, dass alle Opfer erreicht werden“, sagt Möhle. Deswegen ist es ihm so wichtig, dass Bremen mit seiner Bundesratsinitiative Erfolg hat. Denn wenn ein Rechtsanspruch erst einmal im Gesetz steht, hat jeder Betroffene die Chance, beraten zu werden. Die Fachstellen müssten dann entsprechend mit Personal und Geld ausgestattet werden, denn: „Jedes Opfer hat dann den Anspruch, dass ihm vernünftig geholfen wird.“ Die Bremische Bürgerschaft soll den Antrag vielleicht noch im Dezember beschließen, dann muss sich der Bremer Senat auf Bundesebene für den Rechtsanspruch auf Beratung einsetzen.

Kaum Zeit für wichtige Präventionsarbeit 

Und für die wichtige Präventionsarbeit bleibt ohnehin kaum Zeit. Abende, bei denen das Bremer Jungenbüro Eltern erklärt, wie sie ihre Kinder vor sexueller Gewalt schützen, seien sehr wichtig, sagt Volker Mörchen. Aber im Moment kaum zu schaffen. Um Kinder zu stärken, sollen Eltern ihnen beibringen, Grenzen zu setzen.

Die müssen Eltern dann aber auch einhalten. Meistens erzählt er diese Geschichte: Ein Siebenjähriger steht unter der Dusche. Es war nie ein Problem, wenn die Mutter mit im Bad war, aber nun will er das nicht mehr. Die Mutter sagt: „Stell dich nicht so an, ich will doch nur schnell meinen Kamm aus dem Bad holen.“ Sie öffnet die Tür und geht ins Bad. Und hat damit eine Chance verpasst, ihren Jungen zu stärken, sagt Mörchen.

Einen Teil der Beratung musste Schattenriss wegen der Unterfinanzierung bereits einstellen: die für erwachsene Frauen, die in ihrer Kindheit oder Jugend Opfer sexueller Gewalt wurden. „Das wird eine Versorgungslücke sein“, sagt Ulrike Bowe-Eden mit Bedauern. Auch für männliche Opfer fehlt so eine Beratung. „Die Erwachsenen werden alleine gelassen“, sagt Volker Mörchen. Dabei wäre auch für sie eine Beratung unendlich wichtig. Denn bei vielen  kommen die Erinnerungen an einen Missbrauch in der Kindheit erst viel später zurück. Wenn sie eine eigene Familie haben.

Vier Beratungsstellen

In Bremen beraten vier Einrichtungen Kinder und Jugendliche, wenn sie Opfer sexueller Gewalt werden. Das Kinderschutz-Zentrum des Kinderschutzbundes (Telefon 240 112 20) berät Kinder und Angehörige ab der Geburt, Schattenriss (Telefon 617 188) berät Mädchen und Frauen von 6 bis 26 Jahren, das Bremer Jungenbüro (Telefon 5986 5160) Jungen und Männer von 6 bis 27 Jahren. Das Mädchenhaus (Telefon 336 5444) berät Mädchen ab 12 Jahren. Im vergangenen Jahr gab Schattenriss 2000 Beratungen, das Jungenbüro beriet 240 Jungen und Männer in rund 1200 Beratungen. Etwa 100 kamen, weil sie sexualisierte Gewalt erlebt haben. Die Mitarbeiter unterstützen die Betroffenen auch dabei, eine Therapie zu finden. Die bezahlt in den meisten Fällen die Krankenkasse. Die Stellen arbeiten untereinander eng zusammen, und auch mit anderen Hilfeeinrichtungen. Sie beraten auch Lehrer oder Erzieher, die glauben, ein betroffenes Kind zu kennen.

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Leserkommentare
suziwolf am 23.10.2019 12:00
@lterwaller ...

Die ,autofreie Innenstadt‘ ist nur mit
zusätzlichen Brücken über die Weser zu haben.

Wird sich ...
peteris am 23.10.2019 11:59
Das kann doch niemals kontrolliert werden, da fehlt es doch an "Personal"!

Wenn man den Drogenhandel schon nicht in den Griff bekommt, ...
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