Wetter: Regen, 10 bis 18 °C
Einrichtungen suchen Pflegefamilien
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Ehrenamtliches Engagement in Bremen lässt nach

Kathrin Aldenhoff 15.08.2016 14 Kommentare

Abschied, Aufbruch und Suche nach der Heimat: Fluechtlinge und Deutsche entdecken in der Musik gemeinsame Gefuehle
Geflüchtete und Deutsche machen gemeinsam Musik, hier für das Musiktheaterprojekt „Sehnsuchtslieder von der Gegenküste“. Ein Beispiel dafür, wie Geflüchtete Zugang zur Mehrheitsgesellschaft finden.  (epd-bild/Dieter Sell, epd)

Einrichtungen suchen inzwischen wieder nach Freiwilligen, die Kinder betreuen oder Patenschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge übernehmen. „Im vergangenen Jahr hatten wir Probleme, all die Freiwilligen unterzubringen. Jetzt haben wir eher zu wenige“, sagt Lucyna Bogacki. Sie koordiniert in Bremen das ehrenamtliche Engagement im Flüchtlingsbereich. Das hat eine große Bedeutung: Ohne die ehrenamtlichen Helfer wäre vieles nicht möglich, sagt Bernd Schmitt, Geschäftsführer der Diakonischen Jugendhilfe Bremen (Jub). 

Im Sommer vergangenen Jahres hatten sich Hunderte Bremer engagiert, hatten Spenden zu den Flüchtlingsunterkünften gefahren, Deutschkurse organisiert, Kontakte zu Geflüchteten gesucht. „Ich habe noch nie so eine Bereitschaft erlebt“, sagt Lucyna Bogacki. Wunderschön sei das gewesen. Aber auch anstrengend, weil all die Hilfe koordiniert werden musste.

Inzwischen melden sich deutlich weniger Menschen, die helfen wollen. Zu wenige. In den Übergangswohnheimen fehlen Freiwillige, die sich um die Kinder kümmern; Familien, die eine eigene Wohnung gefunden haben, brauchen Hilfe bei Behördengängen, Kinder Unterstützung bei den Hausaufgaben. Es kämen zwar weniger Flüchtlinge, als vor einem Jahr, sagt Lucyna Bogacki. Aber: „Diejenigen, die da sind, brauchen Hilfe.“

Paten für unbegleitete Minderjährige gesucht

Ähnlich ist die Situation bei den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Bremen nimmt im Moment kaum unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf. Die meisten, die hier ankommen, werden weiter geschickt. Denn: Bremen hat im Vergleich zu anderen Bundesländern schon sehr viele Jugendliche aufgenommen. Seit November vergangenen Jahres gilt auch für die Jugendlichen eine Quote, seitdem sind nur 35 Jugendliche in Bremen geblieben – weil sie besonders jung, besonders sensibel, besonders belastet oder krank waren.

Eine Verlegung in eine andere Stadt hätte in diesen Fällen das Kindeswohl gefährdet, sagt der Sprecher der Sozialbehörde, Bernd Schneider. Etwa 2100 unbegleitete minderjährige Jugendliche leben im Moment in Bremen. Der Großteil von ihnen in Gemeinschaftsunterkünften, Wohnungen sind schwer zu finden, 45 Jugendliche sind bei Pflegefamilien untergekommen.

Der Verein Fluchtraum Bremen setzt sich für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ein, vermittelt Patenschaften und Mentoren. „Jugendliche, die ehrenamtlich begleitet werden, kommen schneller in der Gesellschaft an“, sagt Mitarbeiterin Sylvia Pfeifer. Der Zugang zur Mehrheitsgesellschaft sei dann viel einfacher. Der Verein hat bisher eine Begleitung für 350 Jugendliche vermittelt. Der Bedarf aber ist größer, 50 Jugendliche stehen auf der Warteliste, auch sie hätten gerne einen ehrenamtlichen Begleiter.

Mangel an Anerkennung

Dass sie bald einen finden, ist aber unwahrscheinlich. „Es melden sich weniger Freiwillige bei uns“, sagt Sylvia Pfeifer. „Die Solidaritätswelle ist nicht mehr da.“ Sie geht davon aus, dass die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln dazu beigetragen haben. Die Freiwilligen, die schon vorher halfen, sind dabei geblieben – nur kommen eben wenige neue dazu.

Detlev Busche ist einer, der dabeigeblieben ist. Er ist ehrenamtlicher Vormund eines Jugendlichen aus Sierra Leone. Der 67-Jährige hat 34 Jahre für die Stiftung Alten Eichen gearbeitet, eine soziale Einrichtung für Kinder und Jugendliche. Seit er in Altersteilzeit ist, engagiert er sich ehrenamtlich. Auch er sagt: „Jeder Jugendliche, der einen ehrenamtlichen Vormund hat, hat einen deutlichen Vorteil gegenüber den anderen, die nur einen Amtsvormund haben.“

Er und die anderen Freiwilligen vermitteln den Jugendlichen Praktikumsplätze, streiten sich für Schulplätze, organisieren Deutschkurse. Aufgaben, die eigentlich die Mitarbeiter in den Einrichtungen übernehmen sollten, findet Detlev Busche. Er kritisiert, dass die Zusammenarbeit zwischen Ehrenamtlichen und Mitarbeitern oft nicht gut funktioniert, die Einrichtungen sollten die Arbeit der Ehrenamtlichen mehr anerkennen. „Man müsste ihren Erfahrungsschatz anzapfen. Aber diese Sichtweise hat sich noch nicht so durchgesetzt, man möchte seinen Kram alleine machen“, sagt Detlev Busche.

Es fehlt an vielem

Dabei gebe es genug zu tun, die Arbeit gehe erst jetzt richtig los. „Die Jugendlichen müssen lernen: Wie ticken wir in Deutschland? Und die Mitarbeiter in den Einrichtungen müssen lernen: Was müssen wir verstehen, um die Jugendlichen zu verstehen?“ Die Arbeit mit Geflüchteten werde die Jugendhilfe die nächsten 20 Jahre beschäftigen. Er fordert: „Wir müssen individuell mit den Jugendlichen arbeiten. In den Einrichtungen müsste mehr pädagogisch gearbeitet werden. Es wird zu viel verwaltet.“

Bernd Schmitt leitete die Diakonische Jugendhilfe Bremen, Träger von neun Flüchtlingseinrichtungen. Er gibt zu: Ja, es fehlt an vielem. Zum Beispiel an Weiterbildungen für seine Mitarbeiter zum Thema Trauma. Fast alle Jugendlichen mit Fluchterfahrung seien traumatisiert. „Man kann einen Jugendlichen nicht nur gern haben. Man braucht auch eine Fachkompetenz“, sagt Schmitt. Die Mitarbeiter müssen geschult werden, und das dauert seine Zeit. „Wir müssen noch viel mehr lernen. Auch beim Thema Therapie. Die klassischen Instrumente funktionieren oft nicht.“ Viele Geflüchtete hätten Berührungsängste, sehen sich stigmatisiert, wenn sie zu einer Therapie gehen sollen.

Wie gut sich die Geflüchteten in Deutschland integrieren, hänge von vielen Aspekten ab, sagt er. Auch von der Gesellschaft, und davon, ob sich die Bremer für ihre neuen Nachbarn interessieren, Kontakt aufnehmen. In der Vergangenheit habe es ein großes Engagement gegeben. Sport machen, Deutsch lernen, die Stadt kennenlernen – solche Angebote kamen zuerst von den Ehrenamtlichen. „Wir waren anfangs nicht in der Lage, das selbst anzubieten“, sagt Bernd Schmitt. „Ohne die Ehrenamtlichen wäre es schwierig.“

Mangel an Helfern

Bei der Jub gibt es nun eine Stelle, die das Engagement von Ehrenamtlichen koordiniert. Die prüft, ob jemand, der mit Jugendlichen arbeiten will, ein Führungszeugnis hat; die Schulungen anbietet oder Ehrenamtlichen die Möglichkeit gibt, von ihren Erfahrungen in der Arbeit zu erzählen. „Wir mussten erst einmal Strukturen für die Hilfsangebote schaffen“, sagt Bernd Schmitt.

Nun sind die Strukturen da, aber es mangelt an Helfern. Birgitt Pfeiffer leitet die Freiwilligenagentur Bremen. Auch sie sagt: Es melden sich weniger Ehrenamtliche. Von August bis November vergangenen Jahres hätten jede Woche zwischen 15 und 45 Menschen angerufen, die sich für Flüchtlinge engagieren wollten. „Diese Situation haben wir definitiv nicht mehr“, sagt Birgitt Pfeiffer. Seit Januar geht die Zahl der Anfragen zurück. „Die Bereitschaft, sich zu engagieren, hat deutlich nachgelassen. Aber es gibt sie noch.“ Auf dem Niveau, wie sie vor der Welle an Hilfsbereitschaft und Solidarität im Sommer 2015 war.  

Wer sich freiwillig engagieren will, findet zum Beispiel auf der Internetseite gemeinsam-in-bremen.de die Telefonnummern und E-Mail-Adressen von Ansprechpartnern für die jeweiligen Stadtteile.

Zu wenige Pflegefamilien

In Bremen leben 45 von 2100 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Pflegefamilien. Pflegekinder in Bremen (Pib) vermittelt Kinder und Jugendliche in Familien, insgesamt haben sie derzeit 600 Pflegekinder in Familien und 80 in einer Übergangs-Pflegefamilie. Das gemeinnützige Unternehmen wirbt ununterbrochen um neue Familien, die sich vorstellen könnten, Kinder und Jugendliche aufzunehmen – ob deutsche oder geflüchtete.

Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 18 °C / 10 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regen.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/wolkig.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 90 %
Berichte aus den Bremer Stadtteilen
Sehen Sie in dieser Bildgalerie, wie facettenreich Bremens Stadtteile sind.
Was ist los in meiner Nachbarschaft? Welche Veranstaltungen finden in meinem Ortsteil statt und welche Debatten führen die Beiräte auf Stadtteilebene? Hier geht es zu den Inhalten des STADTTEIL-KURIER.
Entdecken Sie das historische Bremen
... die Teerhofinsel zu sehen.

Ob Bahnhof, Marktplatz, Weserstadion oder Schlachte: Das Bremer Stadtbild hat sich im Laufe der Zeit erheblich verändert. Wir berichten über vergessene Bauten, alte Geschichten und historische Ereignisse.

Leserkommentare
heinmueckausbremerhaven am 21.10.2019 20:47
Es gibt nur eine Chance wieviel Artikel beschrieben. Und jetzt schwindet mit dem Artikel von Stefan Rahmstorf das Argument, dass die BRD nur für ...
Bremen99 am 21.10.2019 20:41
Das Parken in Wild-West-Manier rund um den Freimarkt hat Tradition. Vor über 40 Jahren konnte man auch schon regelmäßig beobachten wie dreiste ...
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Aktueller Mittagstisch in Bremen
Traueranzeigen
job4u - Das Ausbildungsportal
job4u - Das Ausbildungsportal

job4u ist die regionale Plattform, wenn es um Lehren und Lernen geht. Neben dem WESER-KURIER, der Handelskammer und der Handwerkskammer Bremen machen sich hiesige Firmen für junge Leute stark. 

Sonderthemen aus den Stadtteilen
Sonderthemen aus den Stadtteilen
Anzeige