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Anders Wohnen (2): Der Beginenhof
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Ein Ort fast nur für Frauen

Christian Weth 28.07.2015 0 Kommentare

Das Projekt ist nicht so geworden, wie es werden sollte. Das fällt schon am Eingang auf. Ein Mann weist den Weg zu den Frauen. Zum Gemeinschaftsraum? Dort entlang! Eigentlich sollte es an diesem Ort keine Bewohner, sondern nur Bewohnerinnen geben. Der Name des Projekts verschweigt die Männer: Beginenhof. Im mittelalterlichen Flandern war das ein Komplex mehrerer Gebäude, in dem ausschließlich Frauen lebten und arbeiteten. Im heutigen Bremen ist der Beginenhof in der Neustadt vor allem ein Kompromiss. Dort leben hundert Frauen – und zehn Männer.

Beginenhof
Nicht nur gute Nachbarinnen: Sabine Wedel, Petra Redert, Irmtraut Suhr und Christa Schattauer (von links) zählen sich zum harten Kern des Beginenhofs. (Karsten Klama)

Im Gemeinschaftsraum sind sie unter sich. Wenn man so will, ist er im Kleinen, wie der Beginenhof im Großen werden sollte: nur für Frauen da. An diesem Nachmittag sitzen dort vier Bewohnerinnen um einen Tisch und schütteln die Köpfe, als könnten sie es immer noch nicht fassen. Früher haben sie mehr gemacht. Sie haben Briefe an die Gewoba geschrieben, die letztlich die Wohnungstüren für Männer öffnete. 2011 war das, fast zehn Jahre nach der Pleite der Genossenschaft, die den Beginenhof stemmen wollte – und sich verhob. Zu viel wollten die Planerinnen, vor allem zu viel auf einmal, wie eine der Frauen sagt. Darum hat jetzt die Wohnungsgesellschaft das Sagen. Sie ist nach dem finanziellen Kollaps eingesprungen. Jetzt will sie vermieten, an jeden, der in den Gebäuden wohnen will. Drei Häuser sind es, zwei lange und schmale, die sich gegenüber stehen, plus ein Haus an der Stirnseite, das von oben aussieht wie ein Boomerang.

Die vier Frauen sind geblieben oder trotzdem auf den Beginenhof gezogen, auch wenn er kein richtiger Beginenhof geworden ist. Manche haben Geld investiert und verloren. Andere glauben noch daran, dass irgendwann das Frauen-Wohnprojekt wirklich eines nur für Frauen wird. Sie zählen sich zum harten Kern der großen Gemeinschaft: Christa Schattauer, Sabine Wedel, Irmtraut Suhr und Petra Redert. Die Älteste geht auf die achtzig zu, die jüngste ist knapp über 50. Was sie füreinander sind, ist mit einem Wort schwer zu beschreiben. Viele sind ziemlich beste Freundinnen, andere gute Nachbarinnen. Oder bloß Nachbarinnen, weil bei 85 Wohnungen, für die es mittlerweile eine Warteliste gibt, nicht jede jede kennen kann. Aber eines will keine von ihnen sein: eine Begine, eine Frau, die zwar gläubig, jedoch nicht so fromm wie eine Nonne ist. Die ein eheloses Leben in einer ordensähnlichen Gemeinschaften führt. Nein, sagen die Frauem am Tisch, das Mittelalter ist vorbei.

Die meisten sehen das Wohnen im Beginenhof pragmatisch: Sie wollen im Alter nicht alleine sein. Einige hoffen, dass es ihnen so ergeht, wie Erika Riemer-Noltenius: Irmtraut Suhr erzählt, dass die Frauen die Begründerin des Beginenhofs gepflegt haben – „rund um die Uhr, bis zum Schluss“. Suhr, 79, kurze, graue Haare, die Wangen rosig-rot, glaubt, dass das der Hauptgrund für viele ist, im Beginenhof zu leben. Das und der Schutz, den der Beginenhof bietet. Nicht der Schutz eines Frauenhauses, das Zufluchtsstätte in größter Not ist, das nicht. Sondern die Sicherheit, die manche Frauen empfinden, wenn sie ausschließlich unter Frauen sind. Oder fast ausschließlich. Viele, sagt Suhr, haben viel erlebt, auch Schlechtes. Darum kommt es vor, dass im Hof Frauen sitzen, die dort gar nicht wohnen, sondern auf der Straße leben. Petra Redert sieht sie manchmal.

Von ihrer Wohnung hat sie einen guten Blick auf die beiden Haupthäuser. Sie wohnt in dem Gebäude an der Stirnseite, das von oben ausschaut wie ein Boomerang. Sie kann beide Fenster, die fast bis zum Boden gehen, so öffnen, dass ihr Appartement wie ein überdachter Balkon wirkt. Petra Redert ist Maurermeisterin. Zu den Baustellen fährt sie, wann immer möglich, mit dem Fahrrad. „Viele Auftraggeberinnen und Auftraggeber kommen aus der Neustadt.“

Petra Redert wohnt nicht zur Miete, sie hat gekauft. Das war 2007, zur Zeit der Insolvenz des Beginenhofs. Sie ist in das Gebäude gezogen, weil dort eine nahe Freundin lebte. Ihre Freundin war Rollstuhlfahrerin und auf Hilfe angewiesen. Beide Frauen sorgten wie Schwestern füreinander und setzen eine ursprüngliche Idee des Bremer Beginenhofs um, nämlich verlässliche Beziehungen unter den Bewohnerinnen im Sinne von Wahlverwandtschaften zu schaffen. Als ihre Freundin gestorben ist, ist Petra Redert im Beginenhof geblieben. Ihr ist es weiterhin wichtig, den Beginenhof als Ort zu erhalten, an dem Frauen gut leben können.

Als massiven Eingriff in die Lebens- und Wohnqualität auf dem Beginenhof sieht sie das 30 Millionen Euro schwere Investorenbauprojekt, das derzeit direkt an der Grenze zum Beginenhof entsteht. „Die Stadt hat bei der Baugenehmigung keine Rücksicht auf unser Bedürfnis nach Ruhe und Licht genommen. Es wurden Dutzende von Bäumen gefällt und die erforderlichen Kinderspielflächen geopfert,“ sagt sie. „Wir haben jetzt morgens ab 6 Uhr LKW-Lieferverkehr direkt auf dem Beginenhof und in Zukunft werden die LKWs für den neuen Supermarkt mitten in das Quartier hineinfahren.“ Zusammen mit einer weiteren Bewohnerin des Beginenhofs hat Petra Redert versucht, per Eilantrag den Bau zu stoppen – sie wurden abgewiesen.

Petra Redert schaut aus ihrem Fenster. Die Sicht ist nicht mehr so, wie sie einmal war. Jetzt schaut sie auf eine Baustelle, die
Petra Redert schaut aus ihrem Fenster. Die Sicht ist nicht mehr so, wie sie einmal war. Jetzt schaut sie auf einen massigen Bau und befürchtet zusätzliche Lärmbelastungen, wenn das Gebäude fertig ist. (Karsten Klama)
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Gäbe es so etwas wie eine Vorsteherin im Beginenhof, wäre es Irmtraud Suhr. Sie ist für Behörden und Wohnungssuchende erste Ansprechpartnerin bei Fragen. Und bei Problemen. Ja, sagt sie, manchmal hätte sie am liebsten alles hingeschmissen, weil sich mal wieder jemand nicht an die Hausordnung gehalten hat. Oder einmal mehr Ramsch statt Nützliches im Geschenke-Keller abgestellt wurde. „Das ist frech, wirklich frech!“ Aber auch vorbei. Gespräche hat es deshalb gegeben, zu denen andere Krisensitzungen sagen würden. Jetzt gibt es im Keller wieder Geschenke, die nützlich sind. Viele Frauen die hier wohnen, sagt Suhr, haben nicht viel Geld. Darum kann jede etwas bringen, was zwar nicht mehr sie selber, aber eine andere gebrauchen kann.

Beginenhof
Von ihrem Balkon überblickt Sabine Wedel den gesamten Innenhof. (Karsten Klama)

Suhr ist seit Anfang an beim Beginenhof dabei. Sie hat alles hautnah erlebt: das Planen, das Scheitern, die Rettung. Und weil sie sozusagen eine Frau der ersten Stunde ist, sind ihre vier Wände auch nicht so, wie die Architektin sie wollte, sondern wie sie. Irmtraut Suhr steht in ihrer Wohnung und hat die Hände wie eine Dirigentin erhoben. „Hier sollte ursprünglich eine Mauer stehen und dort eine Tür zu den anderen Räumen führen.“ Suhr wollte weder das eine noch das andere. Sie wollte einen großen Raum, der Wohnstube, Küche und Esszimmer ist. Und sie wollte Licht, viel Licht. Jetzt bekommt sie es von zwei Seiten: von vorne, vom Eingang, der am Innenhof liegt, und von hinten, vom Balkon, von dem sie auf die Hardenbergstraße blickt. Suhr wohnt in einem der Gebäude, die lang, aber schmal sind – und Sonne satt haben.

Wie an diesem Nachmittag. Die Frau sitzt an ihrem Wohnzimmertisch, auf dem sich Schulbücher stapeln. Suhr, die aus Bremen, aus der Lürmannstraße kommt, wie Fotos von Nachbarschaftsfesten zeigen, war Erzieherin. Jetzt bringt sie ausländischen Jugendlichen Deutsch bei. Schon immer wollte sie Lehrerin werden, stattdessen wurde sie erst einmal Ehefrau, dann Mutter. Ihr Mann ist gestorben, der Kontakt zum Rest der Familie rar. Darum wohnt sie im Beginenhof, wo es Programm gibt, wenn man Programm haben will: Frühstücksrunde ist ab neun, Meditation abends ab sieben, Spielenachmittag ab vier. Die Trommelgruppe trifft sich alle zwei Wochen, die Beginenhof-Redaktion nach Absprache. Das Trommeln hat Suhr gelassen, das Schreiben für die hauseigene Zeitung nicht. In der neuesten Ausgabe ist wieder ein Artikel von ihr.

Beginenhof
Christa Schattauer in ihrer Wohnstube, in der es afrikanische und venezianische Kunst gibt. (Karsten Klama)

Auch Christa Schattauer berichtet für das „Beginen-Hof-Blatt“. Sie wohnt Wand an Wand mit Suhr, mit der sie noch mehr Gemeinsamkeiten hat. Auch in Schattauers Wohnung fehlen eine Wand und eine Tür, auch sie ist hell, auch sie misst exakt 49,3 Quadratmeter. Sogar der afrikanische und venezianische Wandschmuck ähneln sich: Teppiche, Holzschnitzereien, Masken. Wie Suhr war auch Schattauer verheiratet. Und ist wie sie in den Beginenhof gezogen, um nicht einsam zu sein. Beide kennen sich jetzt 20 Jahre und reden so freundschaftlich-herzlich übereinander, als wären sie Schwestern, die sich gut verstehen. „Sagen wir mal so“, erklärt Christa Schattauer, „wir können uns ganz gut leiden.“

Sabine Wedel kann dagegen vieles nicht mehr leiden. Sie wohnt in dem anderen schmalen Gebäude, das parallel zur Bruchstraße verläuft, direkt gegenüber von Suhr und Schattauer. Schaut sie aus dem Küchenfester, sieht sie Baukräne und weißen Beton, der sich bis zu ihr in die dritte Etage türmt. „Ein Schande“, sagt Sabine Wedel und legt die Stirn in Falten. „Da standen mal 80 Bäume.“ Jetzt werden dort ein Supermarkt und obenauf Wohnungen gebaut. Weil ihr die schöne Aussicht genommen wurde, denkt Sabine Wedel an einen Umzug innerhalb des Hauses, manchmal sogar an Auszug. Dabei findet sie ihre Wohnung schön. Eigentlich sind es zwei Wohnungen. Wedel, die 2005 eingezogen ist, hat die Wand zwischen zwei Appartements abreißen lassen und aus zweimal 40 einmal 80 Quadratmeter gemacht.

Beginenhof
Irmtraut Suhr auf Besuchstour: Die Wohnungstüren liegen an einem Gang zum Hof. (Karsten Klama)

Was sie an Miete zahlen oder beim Kauf investiert haben, behalten die Frauen für sich. Sabine Wedel sagt, dass es Bewohnerinnen gibt, die sich wenig leisten können und welche, die mehr Geld haben. Sie war Neuropsychologin vom Beruf. In ihrem Büro gibt es wändeweise Fachliteratur. Ein Buch, das auf ihrem Sekretär liegt, trägt den Titel „Die Schock-Therapie“. Wedel, die 77 ist, nie verheiratet war, obwohl es mehrere Männer in ihrem Leben gab, hat ein ambivalentes Verhältnis zu ihnen. „Ich habe gesehen, wie gewalttätig sie sein können.“ Die Frau berichtet vom Krieg, von der Flucht mit ihrer Mutter aus Ostpreußen und von Vergewaltigungen. Die Bilder von damals, sagt sie, hat sie nie aus dem Kopf bekommen. Wegen ihnen ist sie Psychologin geworden, aber nicht Begine. „So wie die früher gelebt haben, so kann eine Frau heute nicht leben.“

Wie den anderen, geht es Sabine Wedel vor allem darum, nicht allein zu sein. Und um die Erkenntnis, dass Frauen anders Konflikte austragen als Männer. Vielleicht, sagt sie, diskutiert sie deshalb so gerne mit Frauen. Später, gegen Abend, wird Wedel wieder im Gemeinschaftsraum sitzen. Ihre Nachbarinnen warten schon.

Renaissance eines Sozialmodells

Frauen unterschiedlichen Alters wohnen und wirken zusammen unter dem Dach eines Beginenhofs. Schon im Mittelalter gab es sie, jetzt ist diese Lebensform wieder attraktiv geworden – nicht nur für Frauen, die mit Männer nichts zu tun haben wollen.

Das Sozialmodell von damals ist heute modifiziert. Schlossen sich früher allein stehende Frauen vor allem deshalb in Beginenhöfen zu spirituellen, aber immer noch weltlichen Gemeinschaften zusammen, weil sie eine Alternative zur Ehe darstellten, besticht für viele heute das Wohnkonzept dadurch, dass sie im Alter nicht allein sein müssen. Beginenhöfe erleben schon seit Jahren eine Renaissance, auch in Deutschland. Ob Berlin, Münster, Köln, Bielefeld, Essen oder Dortmund, in vielen größeren Städten sind sie neu entstanden oder gibt es Pläne von Frauen, für Frauen zu bauen.

Die Beginenhöfe unterscheiden sich dabei in ihrer Form und ihrem Verständnis. Manche sind reine Wohnprojekte für Frauen, andere verbinden Wohnen mit sozialem Engagement. Und wiederum andere lehnen sich nur namentlich an den Beginenhof an. Wie die Bremer Variante, in der mittlerweile auch Männer wohnen. Im Herbst 2001 war das Beginenhofmodell in der Neustadt noch von den Vereinten Nationen als Vorzeigeprojekt ausgezeichnet worden.


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