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Überseestadt in Bremen
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Ein Stein mit Geschichte

Antje Stürmann 10.09.2015 0 Kommentare

Dieter Bischop.
Dieter Bischop. (Frank Thomas Koch)

Dieter Bischop hält einen großen Ziegelstein in der Hand. Auf der rauen roten Oberfläche Fingerabdrücke von einem Menschen, der schon seit Jahrhunderten nicht mehr lebt.

Es ist ein Ziegelstein aus dem Fundament einer alten Ölmühle, das Dieter Bischop vor drei Jahren auf einer Baustelle in der Überseestadt entdeckte. Der Archäologe hat nun herausgefunden: Es waren die Reste der ersten Mühle, die Berend Erling in Bremen gebaut hat. Dessen Nachfahren führen heute in sechster Generation die Geschäfte der Rolandmühle.

Die heutige Rolandmühle ist eine der modernsten Handelsmühlen, sagen zumindest Geschäftsführer Berend Jürgen Erling und sein Vetter Hans-Christoph Erling. Das Unternehmen beschäftigt 100 Mitarbeiter, die Mahlwerke zermalmen jährlich 360 000 Tonnen Weizen und Roggen, die 100 bis 200 Schiffe und Züge heranschaffen. Wie Dieter Bischop besitzen auch Berend Jürgen Erling und Hans-Christoph Erling einen Ziegelstein vom besonderen Format 28,5 Zentimeter lang, 12 Zentimeter breit und 9,5 Zentimeter hoch. „Er liegt im Archiv“, sagt Berend Jürgen Erling – wie auch die mehrere Bücher umfassende Familienchronik. Der Ziegelstein erinnert ihn an die Wurzeln, denn er war Teil einer Ölmühle für Raps, die der Kaufmann und Havariekommissar Franz Daniel Köcheln Anfang des 19. Jahrhunderts in Auftrag gab, wie Dieter Bischop recherchiert hat. Köcheln holte sich die Unterstützung von Spezialisten: „In Holland war man zu dieser Zeit schon seit Hunderten Jahren mit dem Bau von Ölmühlen vertraut“, sagt Dieter Bischop, „im Gegensatz zu Bremen“. Darum erhielt ein erfahrener Müllermeister aus Groningen den Zuschlag und kam mit seinen Gehilfen nach Bremen. „Einer dieser Gehilfen war Berend Erling“, sagt Bischop.

Sehr bald fiel Köcheln das besondere Talent des Berend Erling auf. Er bezeichnete ihn als einen rechtschaffenen, verständigen und in seinem Fache ungemein geschickten Mann, der mit seinen Kenntnissen sogar dem Meister aushalf. Köcheln bat Erling, sich als Mühlenverwalter in Bremen niederzulassen und um den Betrieb seiner Ölmühle zu kümmern. „Berend Erling blieb und gründete in der Hansestadt eine Familie“, sagt Bischop. Um den Lebensunterhalt zu sichern, nahm er weitere Aufträge an. „Er reparierte Mühlen und optimierte ihre Leistung.“

Die offensichtlich sehr gute Arbeit des Handwerkers aus der Fremde stieß bei den Bremer Zimmermännern auf Ablehnung. „Die Innung sah die Arbeit mehr als skeptisch“, weiß Bischop. „Erling erhielt eine Vorladung vom Bremer Zimmergewerk, das ihm seine Arbeit bei Strafandrohung verbot.“ So steht es in den Gerichtsakten, die bis heute im Bremer Staatsarchiv zu finden sind.

Daraufhin bat Erling den Senat, ihm den Titel des Freimeisters zu verleihen, um weiter Mühlen bauen zu können.

Unterstützung erhielt er von seinem ehemaligen Auftraggeber Franz Daniel Köcheln und zwölf Müllern und Mühlenbesitzern der Hansestadt. Sie alle versicherten, Erling liefere bessere Arbeit ab als die Mitglieder des Bremer Zimmergewerks – und das zu einem günstigeren Preis. Der Senat würdigte die Verdienste Erlings für die Hansestadt und ernannte ihn 1828 zum „Freymeister“. Erling konnte damit seiner Tätigkeit ungestört und ohne Zunftzwang nachgehen. „Der Beschluss des Senats zeigt, wie weltoffen der Senat war“, sagt Bischop. „Und wie verknöchert und überholt schon im 19. Jahrhundert das System der Zünfte war.“ Bis zur Einführung der Gewerbefreiheit 1861 besaßen die Zünfte staatlich zugesicherte Rechte. Arbeitsaufträge erhielt nur, wer Mitglied in einer Zunft war. Der Zugang allerdings wurde streng kontrolliert, die Zahl der Mitglieder war begrenzt. Bischop: „Die Zunftmeister wollten diese Strukturen aufrecht erhalten, um selbst möglichst viele Aufträge abzubekommen.“

Berend Jürgen Erling ist angetan davon, wie sein Vorfahre Berend Erling diese mittelalterlichen Strukturen mit Hilfe seines Fachwissens und seinen abweichenden Ansichten aufgebrochen hat. „Auf diese Weise hat er wirtschaftliche Kräfte freigesetzt, die sich vorher nicht entwickeln konnten“, sagt Berend Jürgen Erling. Sein Urahn etablierte sich in Bremen als sehr erfolgreicher Mühlenbauer. 1832 baute er in den Wallanlagen die 27 Meter hohe Kappenwindmühle und machte sie 1850 im Alter von 70 Jahren zu seinem Altersruhesitz.

Es klingt fast wie ein Märchen, wenn der Archäologe sagt: Die Nachkommen von Berend Erling wurden allesamt Müller. „Nun gibt es ja in jeder Generation mehrere Nachkommen“, sagt Berend Jürgen Erling mit einem Schmunzeln, „so ist die Chance größer, dass jemand dabei ist, der die Tradition weiterführt. Mein Vetter und ich sind aber auch nicht gezwungen worden, Müller zu werden.“

Berend Jürgen Erling studierte bereits Betriebswirtschaft, als er sich verstärkt mit dem Müllerhandwerk auseinandersetzte. Während der Ausbildung zum Müller wollte er mehr wissen über das, was die Familie macht. „Das Müllersein reizt mich, es ist etwas, das mir liegt“, sagt der 51-Jährige. Es sei die Schnittstelle zwischen Natur und Herstellungsprozess.

„Der liebe Gott lässt jedes Jahr Getreide in anderer Qualität wachsen. Der Kunde aber erwartet von der Ernte unabhängig prozessfähige Ware – also Mehl, mit dem er immer gleich gutes Brot backen kann.“ Ein Müller müsse das richtige Getreide auswählen.

„Ich würde mich freuen, wenn eines der Kinder Müller würde“

Berend Jürgen Erling, der vor 26 Jahren als Trainee in der Rolandmühle begann, hofft auf die kommende Generation. „Ich würde mich freuen, wenn eines der Kinder Müller würde“, sagt der Vater zweier Söhne. Vetter Hans-Christoph Erling ist Vater von drei Söhnen, die studieren. „Es ist gut, wenn sie die Dinge losgelöst lernen und sich nicht gleich auf eine Variante festlegen“, sagt Berend Jürgen Erling. „Sie sollen frei sein in ihrer Entscheidung, ob sie ins Unternehmen einsteigen.“

Erling ist stolz darauf, dass Dieter Bischop nahe des heutigen Wesertowers die Reste der alten Ölmühle gefunden hat, wegen der Berend Erling nach Bremen gekommen war. Er lobt die Präzision, mit der Bischop und auch sein Vater die Familiengeschichte aufgearbeitet haben. Der Archäologe habe ihm unter anderem neue Informationen zur Funktionsweise der ehemaligen Mühle zukommen lassen.

Bischop hat auch dafür gesorgt, dass die Daten der Ruine gespeichert sind, sodass Computer jederzeit ein dreidimensionales Modell ausdrucken könnten. Die Ruine selbst ist beim Bau des Bürohauses Stephanitorsbollwerk 1 weggebaggert worden – noch ehe die Archäologen um ihre Bedeutung wussten. Geblieben sind fünf Ziegelsteine.

Die Geschichte des Berend Erling soll Ende November im nächsten Bremer Jahrbuch erscheinen; erhältlich im Staatsarchiv und Buchhandlungen.


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Leserkommentare
darkstarbremen am 21.10.2019 19:36
Endlich ein richtiger Ansatz in der Ausbildung. Das ist sehr zu fördern. Und was wird mit den anderen Studiengängen in der Pflege in Bremen?
darkstarbremen am 21.10.2019 19:31
Inwiefern wurden denn die Gehälter der Pflege in Kliniken gedrückt? Der TVÖD Pflege in den Kliniken wurde nicht gesenkt. Das ist auch richtig so. Nur ...
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