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Studentenverbindungen in Bremen
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Eine Gemeinschaft fürs Leben

Regina G. Gruse 07.11.2011 0 Kommentare

Die Bremer Visurgen in voller Ausrüstung. Das Bild zeigt die Chargen, also die Vorstandmitglieder des aktuellen Winterse
Die Bremer Visurgen in voller Ausrüstung. Das Bild zeigt die Chargen, also die Vorstandsmitglieder des aktuellen Wintersemesters. (Visurgis)

Bei der katholischen Hochschulgemeinde im Schnoor herrscht reges Treiben. Eine Gruppe Studenten sitzt in heiterer Runde zusammen. Nach und nach kommen immer mehr junge Männer und Frauen dazu. Die weiblichen Gäste werden besonders zuvorkommend behandelt: Mäntel werden abgenommen, Stühle herbeigeholt und Bier, Cola, Fanta oder Wasser gereicht. Es wirkt wie ein gemütliches Treffen von ein paar Freunden. Nur zwei Dinge sind anders: die männlichen Studenten tragen Mützen und Bänder und an der Heizung hängen kleine grün-weiß-rote Fahnen. Beides zeigt: Dies ist eine Veranstaltung der Bremer Studentenverbindung Visurgis.

Zum Beginn des Semesters hat die katholische Verbindung zu einem Flämischen Abend eingeladen. Obwohl nur Männer der Verbindung beitreten dürfen, sind Frauen bei fast allen Veranstaltungen gerne gesehen. Unter den elf Besuchern befinden sich daher auch drei weibliche Gäste. Nachdem die Gruppe sich eine halbe Stunde lang begrüßt und unterhalten hat, wird das Licht gedämmt und das eigentliche Programm mit Vortrag, Essen und Bierverkostung beginnt.

Drei Grundregeln für die Gemeinschaft

Der Flämische Abend ist nur eine von vielen Veranstaltungen der Visurgis. So sind in diesem Semester unter anderem noch ein Bowlingabend, eine Brauerei-Führung, ein Vortrag eines Mietrechtsexperten und ein Billardseminar geplant. Finanziert werden diese Abende durch die Verbindungsmitglieder, die bereits das Studium abgeschlossen haben – die sogenannten Alten Herren.

Maximilian Brunegraf ist seit einem Jahr als aktives Mitglied dabei. Er erklärt, dass die Verbindung drei Prinzipien hat, nach denen sich auch die Veranstaltungen richten: amicitia, religio, scientia.Gemeint sind das Pflegen von Freundschaften auch über das Studium hinaus (amicitia),das gemeinsame Bekennen zum katholischen Glauben (religio) undeine Weiterbildung neben dem Studium (scientia). Deshalb gebe es sowohl religiöse Veranstaltungen, Expertenvorträge und auch so etwas wie Bowling. Treffen mit den älteren Mitgliedern gehören ebenfalls dazu. „Es ist schön mit den Alten Herren über deren Beruf zu sprechen“, sagt Brunegraf. Man könne auch Tipps von den älteren Mitgliedern für das Studium bekommen, da diese vielleicht denselben Prüfer hatten oder sich mit dem Thema einer Hausarbeit auskennen. Aber auch auf der persönlichen Ebene sei es eine gute Sache.

In diesen Punkten stimmen auch andere Bremer Verbindungen dem Visurgen zu. Bei der Verbindung Bremer Wingolfsei die Freundschaft unter den Mitgliedern ebenfalls ein wichtiger Faktor. „Ich kam aus Cuxhaven nach Bremen fürs Studium und kannte hier niemanden. Da war es hilfreich, dass mir die Verbindungsmitglieder geholfen haben mich einzufinden“, sagt Michael Muckle, Aktiver der Verbindung Bremer Wingolf.

Es gilt dasLebensbundprinzip

Um ein vielfältiges Programm anbieten zu können, sei es wichtig, viele Studenten in der Aktivitas (aktive Verbindungsmitglieder, die noch studieren) zu haben. „Unsere Aktivitas ist seit drei Jahren wieder im Aufbau. Wir müssen jetzt unbedingt wachsen“, sagt Lennart Riehl, Fuchsmajor bei der Visurgis.Als Fuchsmajor betreut er die neuen Mitglieder, die Füchse genannt werden.Deshalb hoffen die Verbindungsmitglieder, dass sich noch mehr Studenten der Aktivitas anschließen.

Wer sich anmeldet, ist zunächst auf Probe, als Fuchs, dabei. In dieser Zeit, meist zwischen einem und drei Semestern, sei es möglich, sich die Verbindung anzusehen und zu überlegen, ob man beitreten möchte. Zum endgültigen Beitritt müsse eine Burschenprüfung abgelegt werden. Dabei ginge es darum, etwas über die Verbindung zu wissen und auch den Comment zu kennen. Dieses Regelwerk beinhalte Vorgaben, wie sich die Verbindungsstudenten zu verhalten haben. Das beginne beim richtigen Krawattenbinden und ginge bis zum Verhalten den Damen gegenüber. Außerdem sollen die Füchse beweisen, dass sie wissen, wie man sich in Couleur (Tragen von Verbindungskleidung, wie Mützen und Bändern in den Verbindungsfarben) richtig verhält.

Mit dem Tragen von Couleur, zum Beispiel bei offiziellen Anlässen, wie der Semsterantritts-Kneipen (traditionelles Fest zu dem alle Verbindungsmitglieder kommen), seien gewisse Verpflichtungen verbunden. „Wer sich in Couleur daneben benimmt, also zum Beispiel zu viel trinkt, kann gerügt oder bestraft werden“, sagt Muckle vom Bremer Wingolf. Diese Tadel seien dann Aufgaben, kleinere Arbeitsaufträge oder Geldstrafen. Auch bei der Visurgis werde darauf geachtet, dass mit dem Alkohol nicht übertrieben wird. „Bei uns gibt es Bier, aber keinen harten Alkohol. Wenn es trotzdem jemand übertreibt, dann besprechen wir das kritisch in der Gruppe“, sagt Brunegraf.

Wenn der Fuchs seine Prüfung bestanden hat, werde er ein volles Mitglied. Das sei man dann für immer, denn es gelte bei Visurgis (und auch vielen anderen Verbindungen) das Lebensbundprinzip.

Die Möglichkeit auszutreten gibt es dennoch – gern gesehen sei es aber nicht. „Man kann aussteigen, aber es ist nicht so wie bei einem Tennisverein“, sagt Riehl von der Visurgis. Viel eher sollte es eine gut durchdachte Entscheidung mit einer akzeptablen Begründung sein. Häufig scheint ein Ausstieg indes nicht vorzukommen. „Mir ist kein Alter Herr bekannt, der während der Zeit, in der ich aktiv bin, ausgetreten ist“, sagt Brunegraf. Er ist seit 2010 Mitglied der Verbindung.

Asta der Uni Bremen rät vom Beitritt ab

Die Verbindungen werden aber auch kritisch gesehen. Ulrich Berlin, der Sprecher der Hochschule Bremen, klingt noch recht moderat:„Die Hochschule Bremen ermuntert ihre Studierenden, sich neben dem Studium zu engagieren“, sagt er. Welche Rolle dabei die Bremer Verbindungen einnehmen, solle jeder Student selbst entscheiden. Der Allgemeine StudentInnen Ausschuss (AStA) der Universität Bremen findet da deutlich schärfere Worte: „Studentische Verbindungen, die sich etwa durch pauschalen Ausschluss von Frauen, gesellschaftliche Seilschaften, organisierte Gewalttätigkeit, elitären Standesdünkel, obligatorischen Alkoholkonsum, formalisierte Hierarchien, Diskriminierung anderer Lebensformen, völkisches Brauchtum oder reformistische und chauvinistische Propaganda kennzeichnen, werden von uns abgelehnt“, sagt Johannes Wagner vom AStA. Ihnen sei bewusst, dass es feine Unterschiede zwischen den verschiedenen Burschenschaften, Corps, Landsmannschaften und sonstigen Verbindungen gebe. Daher müsse jeder konkrete Einzelfall differenziert betrachtet werden. „In ihren Dachverbänden arbeiten allerdings fast alle Verbindungen mit Nazis zusammen“, betont Wagner.

Den Vorwurf, mit Nazis zusammen zu arbeiten, findet Lennart Riehl von der katholischen Verbindung Visurgis unfassbar. „Keine Ahnung, warum wir für manche Personengruppen so ein Feindbild darstellen. Das ist schlicht Rufmord“, sagt er dazu. Innerhalb der Gemeinschaft spiele Herkunft keine Rolle, betont auch Brunegraf. „Wir wollen auch auf keinen Fall in diese Schublade gesteckt werden“, sagt das Verbindungsmitglied. Darin scheinen sich die Verbindungen einig zu sein. Auch Christoph Flaig von der Burschenschaft Alemannia betont: „Wenn wir bei einem Fuchs rechtradikale Züge entdecken würden, dann würden wir ihn nicht aufnehmen“.

Frauen in den Verbindungen

Anders als bei der katholischen Verbindung Visurgis dürfen bei der Nautischen Kameradschaft Tritoniaseit 25 Jahren auch Frauen beitreten. Heute seien es insgesamt etwa 15 Frauen, darunter auch der aktuelle Fuchsmajor. „Die jungen Damen haben sich sehr gut eingefügt und wir sind sehr zufrieden mit ihnen“, sagt Matthias Podehl, 2. Vorsitzender von Tritonia, der bereits seit 50 Jahren Mitglied der Verbindung ist.

Auch die Studentenverbindung T.V. Concordianimmt seit 2001 Frauen auf. Zurzeit gibt es jedoch keine Aktivitas. „Wir wünschen uns wieder viele Aktive, denn je mehr es sind, desto mehr Spaß macht es“, sagt Rainer Hauke Heuer, der seit 2000 Mitglied der Verbindung ist.

Dieser Verbindung gehört auch das Concordenhaus im Schnoor. Dort befinden sich eine Gaststätte und Clubräume, in denen mehrere Bremer Studentenverbindungen untergebracht sind.

Schlagende Verbindung

Im Gegensatz zu anderen Bremer Verbindungen, die das Fechten mit scharfen Waffen ablehnen, ist die Burschenschaft Alemannia zu Bremeneine fakultativ schlagende Verbindung. Das bedeutet, jedes Verbindungsmitglied kann selbst entscheiden, ob es fechten möchte oder nicht. Flaig erklärt, worum es beim Fechten genau geht: „Man trainiert mehrmals die Woche und ficht dann Mensuren“. Dieser Kampf werde aber nie innerhalb eines Bundes ausgetragen. Dabei werden scharfe Waffen benutzt und es gebe nur einen Schutz für Hals, Ohren, Augen und Nase. „Es geht dabei darum für seinen Bund einzustehen und nicht zurückzuweichen – selbst, wenn man weiß, dass man verletzt wird“, sagt Flaig. Für ihn ist das eine Art Mutprobe, ein Zusammenhalten und ein Füreinander einstehen. Das Verletzungsrisiko sei für ihn akzeptabel, weil ihm die Gemeinschaft der Verbindung so wichtig ist.

Weitere Bremer Verbindungen

Neben den genannten Verbindungen gibt es noch die offenbar aktiven Verbindungen Wehrschaft Normannia, den Verein Deutscher Studenten zu Bremenund die scheinbar inaktiven Verbindungen Markomannia Tetschen, TTV Vandaliaund TT Teutonia. Diese waren für ein Gespräch nicht erreichbar.


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...
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