Wetter: bedeckt, 9 bis 15 °C
Für ein lebenswertes Bremen
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Hofmann: „Kinder wollen ihre Spuren hinterlassen“

Kathrin Aldenhoff 07.09.2016 0 Kommentare

Kein Baumhaus, aber trotzdem ganz oben: Spielplätze zwischen Häuserblöcken rund um das Columbus Center in Bremerhaven.
Kein Baumhaus, aber trotzdem ganz oben: Spielplätze zwischen Häuserblöcken rund um das Columbus Center in Bremerhaven. (Karsten Klama)

Herr Hofmann, was muss eine Stadt haben, damit Kinder sich in ihr wohlfühlen?

Holger Hofmann: Mehr als klassische Spielplätze. Es muss Orte geben, an denen etwas gestaltbar ist. Kinder wollen ihre Spuren hinterlassen. Wenn sie nur auf Geräte treffen, ist das schnell eintönig. Kleine Kinder spielen gerne mit Sand oder Wasser, ältere mit dem Ball und im Team. Die Gelegenheiten dazu müssen vorhanden sein.

Was können das für Orte sein?

Das sind Orte, von denen wir in der Stadt natürlich wenige haben. Aber es gibt Brachflächen, Parks, naturnahe Flächen, die nicht immer zugänglich sind für Kinder. Das kann man ändern. Es hört sich ein bisschen abenteuerlich an, ist aber eigentlich selbstverständlich. Viele, die heute erwachsen sind, haben weniger auf Spielplätzen gespielt, dafür viel im nahen Wald oder in einem Hinterhof, sie waren auf einem Grundstück, das niemandem gehörte. Das waren oft die spannendsten Orte.

Das sind keine Orte, die man in einer Großstadt schnell schaffen kann.

Kommt drauf an. Ein Schritt zu einer kinderfreundlichen Stadtentwicklung ist eine Spielraumplanung, die mit Kindern gemeinsam Orte in der Stadt ermittelt und sichert. Zum Beispiel, indem Stadtentwickler zusammen mit Schülern und Kindergartenkindern Streifzüge unternehmen. Die Kinder zeigen, wo sie sich aufhalten. Das kann ein Baum sein, auf den sie klettern, oder eine Mauer, an der sie sich immer treffen. Diese Orte sind auf den ersten Blick nicht so sichtbar. In Bremerhaven oder Dortmund machen sie solche Streifzüge, und die Kommunen lernen, dass es sehr viel mehr Orte gibt als die, die man gemeinhin für möglich hält.

Eine kindgerechte Stadt bemisst sich also nicht nur danach, wie viele Spielplätze es gibt. Woran dann?

Kinderspielplätze sind für eine bestimmte Altersgruppe und für die Eltern wichtige Treffpunkte. Das reicht aber nicht. Es braucht auch Flächen für Ältere, Bolzplätze zum Beispiel, um die es leider oft viel Streit gibt. Kommunen sollten Jugendliche an der Stadtentwicklung beteiligen. Da hat Bremen zwar eine Vorreiterrolle, aber die muss man auch pflegen.

Holger Hofmann ist seit vier Jahren Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks. 
Holger Hofmann ist seit vier Jahren Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks.  (frei)

Tut Bremen das denn nicht?

Es gibt viele kleine Projekte und Fachberater in Stadtteilen, die an Beteiligungsverfahren erinnern. Aber die Beteiligung vor Ort hat keinen Einfluss auf die Stadtplanung insgesamt. Aber genau das wäre wichtig. Man müsste feststellen, welche Bedarfe in einem Stadtteil abgedeckt werden: wie viele Plätze für Kleinkinder gibt es, wie viele für Jugendliche, wie viele Bolzplätze, wie viele Flächen, wo Kinder etwas gestalten können? Nur dann würde ich sehen, ob es eine ausreichende Versorgung gibt. Dieser Schritt von den Stadtteilen in die übergeordnete Stadtplanung fehlt in Bremen.

Wie viel Spielraum brauchen Kinder denn?

Bremen hat sich in seinem Leitbild einen Richtwert von drei Quadratmetern Spielfläche pro Einwohner gegeben. Ich glaube zwar nicht, dass man ihn erfüllt, aber immerhin. Je enger Räume sind, desto mehr provozieren sie Konflikte. Jede Stadt ist deshalb gut beraten, zwei oder drei Mal zu überlegen, ob es nicht Alternativen gibt, bevor sie eine Freifläche aufgibt.

Sollten Städte Brachflächen erhalten?

Wenn auch die letzten Räume für den Wohnungsbau und den Verkehr veräußert werden, bringt das eine mangelnde Wohnqualität mit sich. Im Übrigen nicht nur für Kinder, sondern für alle Generationen. Kommunen sind gut beraten, diese Freiflächen mehr wertzuschätzen. Wir wissen, dass Familien dort gerne leben, wo ihre Kinder gut spielen können. Städte werden aber immer noch so gebaut, als ob das Auto die oberste Priorität hätte. Wir können in unseren Innenstädten dem Auto nicht so viel Platz einräumen, dafür sind diese Flächen für das Leben viel zu wertvoll.

Bremen braucht dringend mehr Wohnungen. Es wurde darüber diskutiert, Spielplätze zu schließen um dort Kitas zu bauen. Was halten Sie davon?

Der Kitaausbau ist eine Herausforderung für Kommunen, aber es ist nicht sinnvoll, Spielplätze wegzunehmen, um mehr Kinderbetreuung zu schaffen. Städte sollten nicht noch mehr verdichtet werden. Viele schwärmen von den Qualitäten Berlins: eine Großstadt, und trotzdem gibt es viele Freiräume. Man braucht mehr Flächen fürs Wohnen, aber ich denke, man sollte da eher an die Verkehrsflächen ran als an die Spielplätze. Das sind Freiflächen, und die würde ich in einer Stadt immer erhalten.

Mehr zum Thema
Debatte über Stadtplanung: Mehr Freiräume für Bremen
Debatte über Stadtplanung
Mehr Freiräume für Bremen

Wie kann Bremen nach innen wachsen und gleichzeitig seine Grünflächen erhalten? Diese Frage

...

 mehr »

Bremen plant ein Spielraumförderprogramm. Ist das der richtige Weg?

Es braucht auf jeden Fall eine Fachplanung, die Spielflächen feststellt und sichert. Wir gucken immer neidisch auf den Umweltschutz: Die haben sich Dinge erkämpft, von denen wir für Kinder noch träumen.

Zum Beispiel?

Wenn ich eine Naturschutzfläche entwidme, dann muss ich dafür eine Ausgleichsfläche schaffen. Aber Spielplätze kann man einfach so bebauen.

Spielen Kinder denn heutzutage überhaupt noch draußen?

Interessanterweise gehen Kinder, die etwa im Sportverein schon viel beschäftigt sind, noch mehr nach draußen. Die Kinder, die sonst nichts haben, bleiben drin. Kinder, die viel beschäftigt sind, leben in der Regel in einem gut situierten, bildungsnahen Elternhaus, an Orten, wo es eine höhere Wohnqualität gibt. Die Kinder, die in bildungsfernen Familien leben, bleiben drin. Auch weil sie in einem Stadtumfeld leben, wo es nicht so viele attraktive Orte gibt. Und das muss uns zu denken geben: Wir erzeugen in der Stadtentwicklung eine Zweiklassengesellschaft.

Was kann man tun, damit Kinder in solchen Stadtteilen mehr Spielflächen bekommen?

Es gibt immer Orte, die man aufwerten kann. Von Müll befreien, gestalten. Manchmal trauen sich Kinder auch nicht an Orte, weil die Beleuchtung schlecht ist. Was überall geht: Straßen für kurze Zeit zu Spielorten machen. Man kann zum Beispiel erlauben, auf einer Straße von 14 bis 17 Uhr Fußball zu spielen und Inlineskates zu fahren. Ich kann auch mal ein Beachvolleyball-Feld aufbauen. So etwas kostet auch nicht so viel Geld.

Was passiert, wenn Kinder nicht genügend Platz zum Spielen draußen haben?

Sie ziehen sich nach drinnen zurück. Sie erleben bestimmte Dinge nicht, die Kinder erleben, die draußen mit anderen Kindern spielen, weil es die an keinem anderen Bildungsort gibt. Draußen müssen Kinder eigenständig Erfahrungen machen, Regeln mit anderen selbst aushandeln, sich selber zurechtfinden. Sie müssen Phantasie und Kreativität walten lassen, weil sie nicht wie bei einem Computerspiel vorgegeben bekommen, was sie machen können und was nicht. Wenn wir selbständige und engagierte Mitbürger wollen, dann müssen Kinder lernen, selbständig zu handeln. Und das lernen sie am besten in öffentlichen Räumen.

Das Gespräch führte Kathrin Aldenhoff.

Holger Hofmann ist seit vier Jahren Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks. Der 50-Jährige ist Vater eines Kindes; als er selbst klein war, hat er am liebsten in einem Baumhaus im Stadtwald gespielt.

Eine kindergerechte Stadt?

Ob Bremen eine Stadt mit guten Spielmöglichkeiten ist oder nicht, das wird Thema einer Diskussionsveranstaltung am Freitag, 9. September, sein. Der Chef des Deutschen Kinderhilfswerks, Holger Hofmann, wird über kinder- und familienfreundliche Städte sprechen, die Bewegungswissenschaftlerin Antje Luchs von der Universität Bremen wird Empfehlungen geben, wie Bremen eine bespielbare Stadt sein kann. Im Anschluss stellen Mitglieder der Bremischen Bürgerschaft die Positionen ihrer Parteien zum Thema vor. Die Veranstaltung findet von 14 bis 17 Uhr im Haus des Landessportbundes, Auf der Muggenburg 30, statt.

Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 15 °C / 9 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/bedeckt.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regen.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 90 %
Berichte aus den Bremer Stadtteilen
Sehen Sie in dieser Bildgalerie, wie facettenreich Bremens Stadtteile sind.
Was ist los in meiner Nachbarschaft? Welche Veranstaltungen finden in meinem Ortsteil statt und welche Debatten führen die Beiräte auf Stadtteilebene? Hier geht es zu den Inhalten des STADTTEIL-KURIER.
Entdecken Sie das historische Bremen
... die Teerhofinsel zu sehen.

Ob Bahnhof, Marktplatz, Weserstadion oder Schlachte: Das Bremer Stadtbild hat sich im Laufe der Zeit erheblich verändert. Wir berichten über vergessene Bauten, alte Geschichten und historische Ereignisse.

Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Aktueller Mittagstisch in Bremen
Traueranzeigen
job4u - Das Ausbildungsportal
job4u - Das Ausbildungsportal

job4u ist die regionale Plattform, wenn es um Lehren und Lernen geht. Neben dem WESER-KURIER, der Handelskammer und der Handwerkskammer Bremen machen sich hiesige Firmen für junge Leute stark. 

Sonderthemen aus den Stadtteilen
Sonderthemen aus den Stadtteilen
Anzeige