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Terrorismus
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Keiner stoppte Adnan S.

Jürgen Hinrichs 20.02.2017 22 Kommentare

Adnan S.
Adnan S., hier in einem Propagandavideo des Daesch, ist in Montenegro geboren und in Bremen zur Schule gegangen. (FR)

Als vor zwei Wochen durch die Medien ging, dass ein gewisser Adnan S. aus Bremen in der Türkei festgenommen wurde und dieser Mann vorher für die islamistische Terrororganisation Daesch in Syrien gekämpft hatte, brach bei zwei Männern eine alte Wunde auf. Adnan S. – das ist der Angreifer von damals, er hatte sie vor drei Jahren gemeinsam mit einem anderen Mann brutal zusammengeschlagen.

Obwohl die Polizei davon wusste, blieben die Täter unbehelligt. Adnan S., damals schon ein radikaler Islamist, ging weiter seiner Wege. Ein Jahr später soll er an einem Überfall auf ein Ehepaar in Oyten beteiligt gewesen sein. Zwei Monate danach, im April 2015, reiste er nach Syrien aus. Die Sicherheitsbehörden, so scheint es, haben nichts Entscheidendes unternommen, um den Mann zu stoppen. Er konnte ohne Folgen ein Krimineller sein und wurde zum Terroristen.

Es war an einem Abend im Februar 2014. Zwei Männer, die in Gröpelingen bei einem Discounter an der Kasse stehen und ihren Einkauf bezahlen wollen. Sie sind homosexuell und miteinander verheiratet. „Seid ihr schwul, oder was?“, werden die beiden plötzlich angegangen. Der Spruch kommt aus einer kleinen Gruppe heraus, die ebenfalls an der Kasse steht: Zwei Männer in langen Gewändern und eine Frau, die voll verschleiert ist.

Schwerste Verletzungen

„Besser schwul als verschleiert“, entgegnet das Ehepaar. Dieser Satz ist offenbar schon zu viel. Draußen vor der Tür werden die beiden Männer zu Boden geschlagen. Die Angreifer treten gezielt gegen die Köpfe und richten schwerste Verletzungen an: Kiefer gebrochen, das Jochbein, die Augenhöhle, diverse Schädelprellungen. Fast zwei Wochen liegen die Opfer im Krankenhaus.

Einer der beiden Männer hat dem WESER-KURIER jetzt von dem Vorfall berichtet. Alles, was er sagt, kann er belegen. Es ist ein ganzer Aktenordner voll mit den Zeugenaussagen, die damals aufgenommen wurden. Im Abschlussvermerk der Polizei wird festgestellt, dass die Kopfverletzungen „unter Umständen auch zum Tode hätten  führen können“. Einem Menschen, der bewusstlos am Boden liegt, noch mit heftiger Gewalt mit dem Fuß gegen den Kopf zu treffen lege den Schluss nahe, dass es sich um „einen zumindest bedingten Tötungsvorsatz“ handele.

So hat die Polizei das beurteilt. Für die Tat infrage kommen von Anfang an nur Adnan S. und sein Begleiter, der Abdullah S. heißt. Die beiden werden eine halbe Stunde später zusammen mit der verschleierten Frau in der Nähe des Tatorts gestellt. Die Polizei nimmt ihre Personalien auf, beschlagnahmt zur Spurensicherung die Oberbekleidung und lässt sie wieder laufen.

Für tot gehalten

Danach werden die Verdächtigen, von denen es im Abschlussvermerk heißt, dass sie in der Vergangenheit wegen Gewaltdelikten in Erscheinung getreten sind, mehrfach zur Vernehmung vorgeladen, auch die verschleierte Frau. Ohne Erfolg. Sie kommen nicht.

Anderthalb Jahre später erhalten die Opfer ein Schreiben von den Behörden, dass das Ermittlungsverfahren eingestellt wurde. Grund: Der eine Verdächtige sei tot, gestorben in Syrien. Der andere sei verschollen. Der Tote ist Abdullah S., er ist vermutlich im Kampf der Terroristen des Daesch umgekommen. Bei Adnan S. sind die Behörden sich nicht sicher, halten es irgendwann aber für sehr wahrscheinlich, dass auch er tot ist – bis zu dem Tag, als er in der Türkei festgenommen wird.

Der Bremer Islamist taucht in einem Propagandavideo des Daesch als Kämpfer auf. Im selben Film posiert auch Harry S., ebenfalls Bremer und mittlerweile wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Organisation rechtskräftig verurteilt. Die Männer waren im April 2015 gemeinsam nach Syrien aufgebrochen. Harry S. kam drei Monate später zurück, wurde am Bremer Flughafen verhaftet und sitzt seitdem im Gefängnis.

Brutales Vorgehen

Harry S. und Adnan S. verbindet noch etwas anderes als der Aufenthalt in Syrien und die Zeit davor, als sie in Bremen zu den Salafisten des mittlerweile verbotenen Kultur- und Familienvereins (KuF) in Gröpelingen gehörten. Beiden wird vorgeworfen, an dem Überfall auf das Ehepaar in Oyten beteiligt gewesen zu sein. Harry S. ist deswegen bereits zu vier Jahren Haft verurteilt worden.

Er bestreitet die Tat und hat Revision eingelegt. Adnan S. gehörte nach Erkenntnissen der Ermittler zu seinen vier Komplizen. Die Täter waren mit äußerster Brutalität vorgegangen. Das männliche Opfer lag zusammengetreten und bewusstlos am Boden. Es war in der gleichen Situation wie ein Jahr zuvor die beiden Männer vor dem Discounter in Gröpelingen.

Das homosexuelle Ehepaar fühlte sich nach dem Überfall nicht mehr sicher. Die Täter wohnten damals im selben Stadtteil, in Gröpelingen, und hätten wieder zuschlagen können. „Abends sind wir nur noch mit Pfefferspray raus“, sagt der Mann, der jetzt an die Presse gegangen ist. Er ist 51 Jahre alt und von Beruf Taxifahrer. Sein Lebenspartner ist zwei Jahre jünger und arbeitet als Lkw-Fahrer.

Opfer sind umgezogen

Die beiden sind schließlich umgezogen, nach 16 Jahren im selben Haus, und leben jetzt in Blumenthal. „Wir mussten da weg.“ Der Mann kann nachts manchmal nur schlecht schlafen, sagt er. „Das rattert im Kopf.“ Immer wieder die Bilder vom Überfall. Ähnliches hatte vor Gericht auch das Ehepaar aus Oyten berichtet. Es musste sich psychologisch behandeln lassen.

Ob Adnan S. je für die Taten zur Verantwortung gezogen wird, ist unklar. Zunächst sitzt er jetzt in der Türkei im Gefängnis. In Bremen wurde unter anderem wegen des Verdachts der Vorbereitung schwerer staatsgefährdender Straftaten gegen ihn ermittelt. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren nach eigener Darstellung vor einem Monat an die Generalbundesanwaltschaft (GBA) in Karlsruhe abgegeben.

„Wir wissen aber nicht, ob es dort auch angenommen wird“, sagte am Montag Behördensprecher Frank Passade. Das sei in der Schwebe. In Karlsruhe ist der Vorgang Adnan S. dagegen noch gar nicht bekannt. „Wir haben keine Person mit diesem Namen in unserem Register“, erklärte GBA-Sprecher Stefan Biehl. In so einem Fall seien grundsätzlich die Strafverfolgungsbehörden der Länder zuständig.

Als Adnan S. gefasst wurde, stand er türkischen Medienberichten zufolge unter dem Verdacht, einen Anschlag vorzubereiten. Aus deutschen Sicherheitskreisen heißt es, dass man über die Festnahme sehr erleichtert gewesen sei. S. müsse nach seinem Werdegang als hochgefährlich eingestuft werden. So richtig auf dem Radar haben die deutschen Behörden ihn deswegen offenkundig aber noch nicht.


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Leserkommentare
hopfen am 21.10.2019 11:38
Ein sehr gutes Beispiel dafür wie realitätsfern Politiker inzwischen sind. Würden alle fast identische Ferienzeiten bekommen, würde das absolute ...
admiral_brommy am 21.10.2019 11:29
Zitat: ".....und die Behörden lehnen seinen Asylantrag ab. "

Ausreisepflichtig scheint er aber nicht zu sein. Warum?
Warum ...
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