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Ritterspiele im Waller Park
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Kloppen im Kettenhemd

Lisa Boekhoff 25.02.2017 0 Kommentare

Mittelalter-Kämpfer - Waller Park
Attacke! Die beiden Gruppen stürmen aufeinander los. Die Regeln sind für alle klar. Und außerdem gilt: "Helm auf, Hirn an." (Christina Kuhaupt)

Die einen machen Yoga, die anderen singen im Chor oder gehen wandern. Um richtig vom Alltag abschalten zu können, schnappt sich Michael Trammer dagegen Schwert und Schutzschild, um mit anderen zusammen auf Zeitreise zu gehen. Im Vollkontaktkampf tritt er gegen Wikinger, Ritter und Bogenschützen an, mitten im Waller Park in Bremen. Er genießt das. „Das ist ein Ausgleich zum Stress im Büroalltag.“ Um sich zu schützen, trägt er einen Gambeson, den Unterrock einer Rüstung. „Eigentlich kannten die Friesen den noch gar nicht, aber die müssen am Montag auch nicht wieder ins Büro.“ Trammer setzt sich seinen Helm auf und zieht los.

Zur Veranstaltung „Kloppen im Park“ kommen Menschen aus ganz Norddeutschland zusammen, um sich mittelalterlich ordentlich eins auf die Mütze, pardon, den Helm zu geben. Die Vollkontaktkämpfer bereiten sich in diesen Monaten auf die Turniere im Sommer vor. Wer von diesem Training nichts weiß, der ist auf den ersten Blick vielleicht irritiert, während des Spaziergangs im Park plötzlich auf eine andere Epoche zu treffen – so ganz in voller Montur.

Bevor es losgeht, helfen sich die Teilnehmer gegenseitig in ihre Rüstung, kontrollieren die Waffen und plauschen. Die Szene kennt und begrüßt sich herzlich. Viele haben ihre Ausrüstung selbst gebaut und bemalt. Dann ruft Organisator Werner Doden die Runde zusammen: „Alles, was kämpft, kommt zusammen – auch die Bogenschützen.“ 21 Kämpfer sind heute da. Doden freut sich darüber: „Wunderbar! Wir machen uns einen gemütlichen Tag.“ In seiner Begrüßung macht er noch mal klar, nach welchen Regeln gekämpft wird. Doden erinnert: „Helm auf, Hirn an.“ Ein anderer aus der Runde bringt ein: „Und Stopp heißt sofort aus.“ „Ungeil“ seien außerdem Schläge auf die Wirbelsäule. „Stiche lassen wir aus.“ Enttäuschung darüber: „Ooch!“ Dann sind alle soweit. „Gut, rödeln wir uns fertig.“

25 Kilo schwere Rüstung

Mittelalter-Kämpfer - Waller Park
Johanna Purwin gehört als Bogenschützin zu den wenigen Frauen in der Runde. (Christina Kuhaupt)

Die Regeln sind klar: Die Waffen sind stumpf. Wer dreimal wirkungsvoll getroffen wurde, der ist geschlagen. Ob der Treffer ordentlich genug war, das entscheidet der Getroffene selbst. „Das muss aber schnell gehen im Eifer des Gefechts“, sagt Doden. Wer einmal mit einer Schlagwaffe oder dem Pfeil getroffen wurde, der ist sofort raus. Vor allem sei es wichtig, zusammen Spaß zu haben. „Das ist alles mit einem Augenzwinkern zu sehen. Das sagt ja schon der Name der Veranstaltung.“

Um sich aufzuwärmen, gehen die Ritter zunächst im Zweikampf aufeinander los. Wo eben noch eine Hellebarde gemeinsam repariert, über Kurzschwerte gefachsimpelt und geschnackt wurde, dreschen sie nun mit geschlossenem Visier aufeinander ein. Die Schwerter klingen, die Schutzschilder poltern. Die Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt. Die Kettenhemden sind wie ein Kühlkörper, doch der Gambeson wärmt die Ritter.

Jürgen Ritschel freut sich über die Bewegung. Die Rüstung liegt im Stehen ganz schön schwer auf seinen Schultern. Sein Waffenrock bringt es auf 15 Kilo, der Plattenrock aus Blech auf weitere sieben, der Helm auf drei Kilo. Seine Rüstung hat der Tischler zu großen Teilen selbst gebaut. Zusammengerechnet hat er an seinem Kettenhemd 96 Stunden gesessen: Vier Stunden dauere es, 1000 Ringe zusammenzusetzen. 24 000 Ringe hat das Hemd.

Ritterspiele erst ab 18 Jahren erlaubt

Ritter Ritschel aus Rastede hat sogar einen Knappen dabei: seinen 11-jährigen Sohn Wilm. Seine ganze Familie habe eigene Kostüme und besuche mit ihm mittelalterliche Veranstaltungen. Ritschel zuckt wieder mit den Schultern. Das Gewicht zieht.

Ungefährlich sei das Ganze nicht und deshalb auch erst ab 18 Jahren oder mit einer Einverständniserklärung der Eltern erlaubt. „Einmal hat es mir schon die Hand im Samthandschuh zerknüllt.“ Oft gebe es aber einfach nur blaue Flecken. Kämpfen, das sei ja eigentlich an sich nichts Schönes, räumt Ritschel ein. Doch der Vollkontakt sei anders, sportlich. „Das macht richtig Gaudi.“ Schon als Kind habe er Ritter spannend gefunden. Seit 30 Jahren beschäftige er sich mit dem Mittelalter. Damals sei er damit noch sehr allein gewesen, es habe kaum Gleichgesinnte gegeben. Heute gehört er der mittelalterlichen Gruppe „Raben“ an. „Das ist der mystische Vogel der Germanen.“ Ein roter Rabe prangt auch auf seinem Schild.

Jetzt geht es richtig los. In zwei Gruppen stehen sich die 21 Teilnehmer gegenüber und schreiten aufeinander los. Hier ein Gefecht, dort eine Verfolgungsjagd. „Ran da!“, schallt es durch den Park. Pfeile schnellen durch die Luft. Wer getroffen ist, muss das deutlich zeigen und in die Knie gehen. Was aussieht wie ein ritterlicher Heiratsantrag, heißt hier so viel wie „tot“.

Bei einigen Kostümen muss improvisiert werden

Dann ist der letzte einer Mannschaft besiegt und der Kampf zu Ende. Zeit für eine kurze Manöverkritik. „Woran sind wir gescheitert?“ Einige Pfeile sind im Eifer des Gefechts verschüttgegangen und auf den Grünflächen nur schwer wiederzufinden. Die Bogenschützen brauchen noch einen Moment, bis die zweite Runde startet.

Friesen, Wikinger, Bogenschützen – die Spanne der historischen Kostüme umfasst 600 Jahre. Manchmal muss aber auch etwas improvisiert werden. „Das ist 13. Jahrhundert“, sagt einer der Kämpfer über sein Kostüm. „Und das ist Mad Max.“ Er zeigt auf das schwarze Klebeband, das seinen Beinschutz fixiert.

Bettina Joswig lehnt an einem Baum und sieht den Szenen zu. Die Bremerin im grauen Umhang und mit der grünen Filzkappe ist wegen ihres Sohns Thorin hier. Schon seit er vier Jahre alt sei, begeistere ihn das Thema. „Er ist jetzt 13 Jahre im Mittelalter.“ Weil der Jugendliche noch keinen Führerschein habe, fahre sie ihn zu allen Kämpfen. In ganz Deutschland seien sie unterwegs. Je besser er trainiere, desto besser sei er schließlich auch geschützt. Sie schaue gerne zu, selbst wenn immer etwas passieren könne. „Wir waren auch schon im Krankenhaus.“ Joswig findet die Geschichte dieser Zeit selbst spannend. In den Urlaub sei es für die Familie immer dorthin gegangen, wo es Mittelaltermärkte gab. Ihre Kleidung habe sie selbst genäht, drauf lege sie viel Wert. Demnächst wolle sie selbst Stoffe weben. „Das Hobby ist echt intensiv.“

Kein günstiges Hobby

Ein älteres Ehepaar bleibt stehen. Die beiden sind beeindruckt von den Protagonisten in Rüstung. Ihr Interesse ist so groß, dass sie gar nicht den Pfeil bemerken, der sie nur knapp verfehlt. „Wir wussten nicht, dass es so etwas gibt“, sagt Waldtraud Grashoff, die im Park mit ihrem Mann Aiko spazieren geht. Immer wieder verharren Passanten bei der Gruppe, machen Videos und Fotos. Michael Reinhardt ist mit seinen Kindern nicht zufällig hergekommen. Er ist Polizist und weiß von seinen Kollegen, dass hier heute das Mittelalter zum Leben erweckt wird. Die Veranstaltung werde jedes Mal bei der Polizei angemeldet. Beschwerden oder Probleme habe es noch nie gegeben.

Günstig sei das Hobby nicht, sagt Organisator Werner Doden. Für seinen 17 Kilo schweren Zwirn in XL habe er 325 Euro gezahlt – das sei ein Schnapper. Ein Schwert bekomme man ab 150 Euro. Nach oben gebe es dann keine Grenzen. „Die ersten Kettenhemden haben wir noch aus Meterware Schlachterschutz gebastelt.“ Ihn interessiert das Mittelalter schon seit der Kindheit. Sein Bruder habe ihm als er zehn Jahre war eine Kinderausgabe der Nibelungen geschenkt. Da war es um ihn geschehen. Sein Wappen hat er selbst entworfen.

Sein eigenes Wappen hat auch Lothar Fittkau kreiert. Er ist Mitglied im Deutschen Schwertorden Bremen. „Als Ritter heiße ich Lothar von Owmund.“ Für ihn könnte es noch viel mehr Veranstaltungen wie diese geben, doch dafür sei es zu spät: „Bremen ist mittelalterlich gestorben.“ Dabei gebe es in Blumenthal sogar eine eigene Ritterburg.

Weltmeisterschaft im historischen Vollkontaktkampf in Barcelona

Mittelalter-Kämpfer - Waller Park
Mitten im Waller Park kämpfen zwei Ritter mit Schwertern im Vollkontakt. Die Veranstaltungen und Trainingseinheiten müssen immer bei der Polizei angemeldet werden. (Christina Kuhaupt)

Michael Trammer zelebriert im Mittelalterverein Astringer Strieders mit Sitz in Sillenstede bei Zeven mit anderen das Leben der friesischen Söldner im 9. bis 11. Jahrhundert. Wenn er mit seiner Familie an mittelalterlichen Zeltlagern teilnimmt, dann geht es für sie in ein Wikingerzelt. Die Zeitreise soll möglichst authentisch sein – inklusive des Speiseplans. Deshalb gibt es im Lager keine Kartoffeln, sondern Kohl, Möhren und Fleisch. Neuzeitliches verschwindet aus dem Sichtfeld, erklärt sein Sohn Konstantin: „Verpackungen verstecken wir hinterm Zelt.“ Der Neunjährige und seine drei Jahre ältere Schwester Marlene sind heute dabei, um ihren Vater kämpfen zu sehen.

Sein Hobby bringt Trammer in diesem Jahr sogar nach Barcelona. Er ist Mitglied der friesischen Nationalmannschaft und fährt in diesem Jahr zur Weltmeisterschaft im historischen Vollkontaktkampf. In Spanien treten 60 Länder gegeneinander an. Für ihn sei das Drumherum wichtig: Gleichgesinnte zu treffen und Spaß an der Geschichte zu haben. Doch manchmal sei es seiner Frau dann auch genug mit dem Mittelalter. „Sie sagt schon mal: Muss das denn sein?“

Nach mehr als zwei Stunden Training verabschieden sich die ersten. Die Reise in die Vergangenheit ist vorbei. Bis zum nächsten Kloppen im Park.

Für Interessierte

Wer sich für den Vollkontaktkampf interessiert, der kann sich bei einem der Vereine melden. Der Friesenring in Bremen trifft sich dienstags in Hagen im Bremischen zum Training, der Deutsche Schwertorden Bremen kommt ebenfalls dienstags zusammen. Die Astringer Strieders sitzen in Sillstede bei Jever. Außerdem gibt es die Freien Söldner zu Oldenburg und den Schwertkampforden Libera castrum Voerde.

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Leserkommentare
suziwolf am 19.10.2019 16:23
Die Radfahrer*innen, die nicht auf dem regulären ,roten’ Weg fuhren, ergo nicht von der Zählmaschinerie erfasst wurden,
sind das S c h w a r z ...
suziwolf am 19.10.2019 16:09
Anmerkung von @suziwolf
D o p p e l t ... hält nicht immer besser.

Nun also das 3. Mal:

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