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Bremer Muslime
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Noch viele Probleme bei der Bestattung

Elke Hoesmann 02.07.2012 0 Kommentare

Ibrahim Aydin arbeitet als Bestatter in Bremen
Ibrahim Aydin arbeitet als Bestatter in Bremen (Kuhaupt)

Bremen. Sterben muslimische Migranten, werden sie meistens in ihre Heimatländer überführt. Nur 50 bis 60 Muslime pro Jahr finden ihre letzte Ruhe auf Bremer Friedhöfen. Das könnte sich mit der zweiten Einwanderergeneration ändern: Muslime, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, möchten hier auch beigesetzt werden, sagt Bestatter Ibrahim Aydin aus Gröpelingen. Doch islamische Tradition und deutsche Bestattungspraxis lassen sich nicht leicht vereinbaren.

Bremen. Er ist erst 33, wird aber täglich mit dem Tod konfrontiert. Ibrahim Aydin leitet ein internationales Bestattungsunternehmen, feste Arbeitszeiten kennt er nicht, sein Handy klingelt auch nachts. 15 bis 30 Beisetzungen seien es monatlich, erzählt er in seinem Gröpelinger Büro mit dem Koranvers an der Wand. Aydin besorgt die Särge, wäscht die Toten, legt sie in weiße Leinentücher und überführt fast alle in ihre Heimat. Nur etwa zehn Prozent würden hier beigesetzt. Seine Aufträge erhält er aus ganz Deutschland und aus anderen Ländern. Die Toten sind nicht immer Muslime, auch nach Israel hat er schon einen Leichnam überführt. "Es gibt niemanden, den wir nicht beerdigen", sagt er – und lacht. "Aber natürlich nur, wenn wir gefragt werden."

Ein Grund für die hohe Überführungsquote: Viele ältere Muslime haben in der Türkei noch Familiengräber, in denen sie beigesetzt werden wollen. Zudem sind die Kosten nicht so hoch, auch weil es spezielle Vorsorgeverträge und Bestattungsfonds für Muslime gibt. 1800 bis 2000 Euro verlangt Aydin für Sarg, Überführung mit dem Flugzeug und Beisetzung in der Türkei. Dagegen kostet eine Erdbestattung in Deutschland über 3000 Euro. Eine Einäscherung erlaubt der Islam nicht.

Kinder werden hier beerdigt

Bislang sind es vor allem muslimische Kinder, die in Deutschland zu Grabe getragen werden, erzählt der Bestatter. "Die Eltern leben hier und wollen die Grabstätte besuchen können." Aber auch Flüchtlinge aus Afghanistan oder Iran kommen in Bremen unter die Erde. Die Friedhöfe Osterholz und Aumund bieten separate muslimische Grabfelder. Die Grabstellen sind so angelegt, dass das Gesicht des Toten nach Mekka zeigt, wenn er auf der rechten Körperseite liegt. Das entspricht islamischer Tradition.

Doch damit sind längst nicht alle muslimischen Vorschriften erfüllt. Wie im Judentum sollen auch im Islam die Toten ewig in der Erde bleiben – auf kommunalen Friedhöfen ist aber die Nutzungsdauer von Grabstellen befristet. Sie kann zwar gegen Gebühr verlängert werden, jedoch nicht für ewig. Außerdem gebe es auf den Friedhöfen keine Räume für die rituellen Waschungen der Toten, sagt Aydin. Eigentlich sollen Muslime auch möglichst schnell beigesetzt werden, was mit deutschem Recht kollidiert: Hier ist die Bestattung frühestens 48 Stunden nach Todeseintritt erlaubt.

Der Tote soll in Tüchern gewickelt in die Erde gelegt werden – so sieht es die islamische Tradition vor. Das bleibt ein Problem, obwohl Bremen 2009 das Friedhofsgesetz geändert hat, nicht zuletzt wegen des hohen muslimischen Bevölkerungsanteils. Danach sind Ausnahmen von der Sargpflicht möglich, wenn religiöse Gründe vorliegen und das Institut für Rechtsmedizin des Klinikums Mitte zustimmt. Doch bislang sei hier so gut wie kein Muslim sarglos beigesetzt worden, sagt Rolf Fülberth von der Friedhofsabteilung des Umweltbetriebs Bremen. Das könne daran liegen, dass die Toten bis zum Grab ohnehin im Sarg transportiert werden müssen. Vielleicht sei die Gesetzesänderung auch noch nicht bekannt genug.

Aydin hat schon viele deutsche Friedhöfe gesehen. In Hannover, Hannover, Soltau und anderen Städten würden Muslime heute problemlos im Leichentuch beigesetzt, sagt er, "aber in Bremen klappt das nicht". Er verdiene zwar am Verkauf von Särgen, doch eine sarglose Bestattung sei ihm wichtiger. Das Thema beschäftigt auch den islamischen Dachverband "Schura Bremen". Demnach stört Muslime, dass man zur Stabilisierung neuer Grabstellen sogenannte Verbaukästen nutzt, die nach der Beisetzung unter Maschineneinsatz herausgeholt werden. Für muslimische Angehörige, die länger am Grab verweilten, wäre das eine Zumutung, sagt Khalid Preukschas von der Schura. Mit dem Umweltbetrieb wolle man eine Lösung finden; der Betrieb sieht jedoch keine Alternative

Pflanzen nicht üblich

Das Bepflanzen und die Pflege von Gräbern sind im Islam nicht üblich – manchmal beschweren sich deshalb Friedhofsverwaltungen bei Aydin. In Bremen werde die Sitte aber akzeptiert, sagt der Bestatter. Er selbst sei für Grabbepflanzung, "das sieht einfach besser aus". Und es gebe durchaus auch geschmückte und gepflegte muslimische Grabstellen. Vor allem wohlhabende, gut integrierte Familien übernehmen offenbar die deutsche Tradition.

Der 33-Jährige ist überzeugt, dass die Zahl der Überführungen drastisch sinken wird: Die Bindung an das Heimatland schwinde, zunehmend mehr Muslime wollten in Deutschland beigesetzt werden. Islamische Verbände sprechen von einer jährlichen Steigerung hiesiger Bestattungen um zehn Prozent. Aydin sagt: "Spätestens in 15 Jahren wird die überwiegende Mehrheit hier beerdigt."

Rund 1200 Muslime sind in den vergangenen 30 Jahren in Osterholz beigesetzt worden; der Friedhof hat inzwischen drei islamische Grabfelder. 800 freie Grabstellen gibt es dort und noch etwa 40 auf dem kleinen Aumunder Friedhof, weiß Rolf Fülberth. "Das reicht für die nächsten zehn Jahre". Er hat bislang keinen Anstieg muslimischer Bestattungen in Bremen festgestellt, jährlich seien es 50 bis 60. Neue Anlagen sind nicht geplant, auch auf dem Waller Friedhof wird vorerst kein islamisches Grabfeld entstehen, was viele Muslime im Bremer Westen gerne sähen. Dort gebe es derzeit keine größere Freifläche, so Fülberth.

Am besten, findet Aydin, wäre ein eigener, von Muslimen verwalteter Friedhof. "Wie bei jüdischen Gemeinden und möglichst in jeder Großstadt." Auch die Schura Bremen und andere islamische Religionsgemeinschaften streben das an, kennen aber die rechtlichen Probleme: Die meisten Bundesländer schreiben vor, dass nur Körperschaften des öffentlichen Rechts einen Friedhof betreiben dürfen. Und diesen Status haben muslimische Organisationen nicht.


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Leserkommentare
suziwolf am 21.10.2019 14:20
... und wieder

„Keine Berechtigung“ nach nicht mal einer Minute.
Und einen „👎“ obgleich ich nicht mal fertig geschrieben hatte ...
suziwolf am 21.10.2019 14:16
„The satirist has black humor, hasn‘t he ?
Otherwise he wouldn‘t be Jan Böhmermann.“

Auf jeden Fall - die Werkstofftonne braucht ...
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