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Street-Work-out in Tenever

NICO SCHNURR 16.06.2015 1 Kommentar

Fünf Jugendliche liegen aufgereiht auf dem grünen Softboden des Fitnessparks in Tenever. Artur Walter nimmt Anlauf. Hunderte Augenpaare und fast genauso viele Smartphones sind auf ihn gerichtet.

Street Workout DM
Ein Küsschen: Katharina Gerbig und Jürgen Afelt bei den deutschen Meisterschaften im Street-Work-out in Tenever. (Karsten Klama)

Walter ist hier in Tenever, wo er nun seinen bisher größten Wettkampf bestreitet, aufgewachsen. Er kennt die Tristesse, das Grau der Betonwüste, die Monotonie der Wohnblocks entlang des Fitnessparks, die das Bild des Stadtteils lange geprägt haben. „Heute steht Tenever für viel mehr, hier bewegt sich etwas“, sagt Artur Walter. Er selbst lieferte dafür am vergangenen Wochenende zusammen mit Sportlern aus ganz Deutschland den besten Beweis. Sie alle waren gekommen, um im neuen Fitnesspark an der Ludwigshafener Straße den deutschen Meister im Calisthenics, auch Street-Work-out genannt, zu finden.

Urbanes Update des Turnens

Calisthenics ist griechisch und bedeutet so viel wie schöne Kraft. Die Wurzeln der Trendsportart reichen zurück bis in die griechische Antike. Doch erst als Jugendliche in den Sportparks der New Yorker Bronx begannen, Versatzstücke aus Turnen und Gymnastik mit Elementen aus urbanen Sportarten wie Breakdance, Freerun und Parkour zu kombinieren und das ins Internet stellten, begann der Boom des neuen Sports. Calisthenics will ein urbanes, zeitgemäßes Update des etwas angestaubten Turnens sein. Der Sport steht für eine Mischung aus Ästhetik und Athletik, Kraft und Körperkontrolle. Eine Halle braucht es dafür nicht. Calisthenics wird im Freien gemacht. Überall dort, wo sich die Umgebung als Ersatz für Barren, Reck und Klimmzugstangen anbietet.Oder aber dort, wo es Outdoor-Parks mit ebendiesen Geräten gibt. In Deutschland war das, anders als in den USA oder vielen osteuropäischen Ländern, lange nicht der Fall. Inzwischen hat sich das geändert – zumindest in Bremen. In Tenever ist Deutschlands größter Fitnesspark mit Street-Work-out-Geräten entstanden.

Street Workout DM
Drei Macher: Dennis Rotano, Daniel Magel und Ralf Schumann (von links). (Karsten Klama)

Auch dank der Wohnungsbaugesellschaft Gewoba. Sie stellte ihr Grundstück und zehntausend Euro zur Verfügung. Für Ralf Schumann von der Gewoba ist die Meisterschaft im Fitnesspark Sinnbild des Wandels im ehemaligen Problemviertel. Er spricht von einem Imagewandel, einer Aufwertung des Stadtteils.

„Urbanität durch Dichte“ lautete einst das Konzept hinter den in den frühen 1970er Jahren gebauten Hochhäusern. Freiflächen bestanden damals höchstens aus Parkflächen. Rasch produzierte die falsche Infrastruktur-Planung die ersten Verlierer, Tenever wurde zum sozialen Brennpunkt. Erst als zu Beginn der 2000er Jahre über 1000 leer stehende Wohnungen die Folge von Vandalismus, Kriminalität und Perspektivlosigkeit waren, gab es ein Umdenken. Einige Beton-Balustraden mussten weichen. Für mehr Licht und Grün im Stadtteil. Da wo heute der Fitnesspark steht, auf dem mit schwarzer Schrift „325“, die Postleitzahl Tenevers, prangt, ragte noch vor gut zehn Jahren ein 14-stöckiger Wohnblock in die Luft.

Davon profitieren Jugendliche wie Artur Walter. Der Schüler erzählt Geschichten, wie sie viele der Sportler auf der Deutschen Meisterschaft zu erzählen wissen. Sie handeln von Planlosigkeit, schiefen Bahnen und falschen Freunden. Und vom Sport, der sie auffing und ein Umdenken brachte. „Wir hatten gefühlt nur die Straße, die Clique. Ich war motiviert, Sport zu machen, wusste aber nicht wo. Sport im Verein schien mir zu kompliziert, da hatte ich keine Lust zu“, sagt er. Dann kam er zum Parkour, darüber zu Magel und zum Street-Work-out. Inzwischen arbeitet er ehrenamtlich bei Hood Training, gibt Trainingsstunden und Workshops. Er will Vorbild sein.

Waagerecht in der Luft

„Das ist ein Lifestyle, wir leben das“, sagt Walter über Parkour und Street-Work-out. Für Jugendliche wie ihn ist der Sport ein Gegenentwurf zum bisherigen Alltag. Sich selbst ausdrücken, Disziplin, richtige Ernährung: Walter geht es ums Prinzip. Dass es bei der Deutschen Meisterschaft an diesem Wochenende noch stärkere Sportler unter den zehn Teilnehmern im Freestyle, der Königsdisziplin, gibt, stört ihn kaum.

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Ein Luftikus: Alex Berinskyy aus Frankfurt zeigt, was er kann. (Karsten Klama)
Fotostrecke: Deutsche Meisterschaft im Street-Work-Out

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Leserkommentare
holger_sell am 20.10.2019 15:36
Kultur ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und gerade auch in Bremen ein Magnet für den Tourismus.
Außerdem ist Kulturbewusstsein ein großer ...
holger_sell am 20.10.2019 15:30
Jede Politik hat ihre Klientel.
Wollen Sie im Ernst behaupten, dass Menschen, die sich für Kultur interessieren, keine normalen Leute sind ?
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