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Umgang mit jugendlichen Drogendealern
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Was macht ein Drogendealer nach einer Razzia?

Ralf Michel 19.11.2016

Mit häufigen Razzien und mehr Polizeipräsenz am Hauptbahnhof oder im Viertel wollen Bremens Sicherheitsbehörden den Druck auf den Straßenhandel mit Drogen erhöhen. Verhindert werden kann der Handel dadurch nicht.

Drogenrazzia im Steintor - Polizeiaktion gegen den Straßenhandel
Was macht ein Drogendealer nach einer Razzia? Die Handynummer wechseln, um nicht von der Polizei abgehört zu werden. (Frank Thomas Koch)

Mit häufigen Razzien und verstärkter Polizeipräsenz an neuralgischen Punkten wie dem Hauptbahnhof oder im Viertel wollen Bremens Sicherheitsbehörden den Druck auf den Straßenhandel mit Drogen erhöhen. Verhindert werden kann der Handel dadurch nicht, darüber macht sich auch die Polizei keine Illusionen.

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Aber zumindest stören will sie ihn, ein Zeichen setzen und die Szene verunsichern. Doch kann sie damit die zumeist jugendlichen Händlern aus Afrika wirklich beeindrucken? Der WESER-KURIER hat hierüber mit zwei Sozialarbeitern gesprochen, die sich seit Jahren um diese Jugendlichen kümmern. Um ihre Vertrauensbasis zu den Jugendlichen nicht zu gefährden, werden beide nachfolgend nicht mit richtigem Namen genannt.

Doch doch, die Aktionen der Polizei in den letzten Wochen sei sehr wohl bei den jungen Afrikanern angekommen, sagt Benedict Erbe. Und ja, einige von ihnen hätten jetzt auch Angst. Doch dann lacht der Sozialarbeiter: „Vor allem aber haben sie ziemlich schnell reagiert.“ Er habe das gemerkt, als er urplötzlich keinen der Jugendlichen mehr telefonisch erreichen konnte. „Die haben alle erst mal ihre Handynummern geändert, weil sie wissen, dass sie von der Polizei abgehört werden.“

Konsequenzen sind gering

Das mit der Angst sei ohnehin so eine Sache, ergänzt sein Kollege Enno Haukel. Die Jugendlichen wüssten ziemlich genau, dass sie kaum Konsequenzen zu erwarten hätten, wenn man sie mit einer kleinen Menge Drogen erwischt. „15 bis 20 Stunden Arbeit – da lachen sie doch drüber.“ Er verstehe in dieser Hinsicht die Justiz nicht, bekräftigt Erbe. „Warum ist es nicht möglich, die mal für ein paar Tage ins Gefängnis zu stecken? Das würde sie ganz sicher beeindrucken.“ Zumal viele der jungen Westafrikaner, die derzeit nach Bremen kommen, unter totalitären Regimen aufgewachsen seien. „Wenn sie dort mit Drogen erwischt werden, wandern sie direkt ins Gefängnis. Ohne Gerichtsverhandlung.“

Einmal bei diesem Thema redet sich Erbe regelrecht in Rage, sagt Sätze, die aus dem Munde eines Sozialarbeiters eher ungewöhnlich klingen. Er könne das Gerede über die armen Flüchtlinge aus Afrika, die aus purer Not nach Deutschland kämen, nicht mehr hören. „Die meisten aus der Gruppe, über die wir hier sprechen, kommen allein aus einem Grund: Sie wollen möglichst schnell Geld verdienen.“ Und dies habe nur selten mit der Familie daheim zu tun. „Sicher, ein paar schicken auch Geld nach Hause. Aber bei den meisten sind die Eltern völlig raus. Es geht ihnen vor allem darum, die eigene Zukunft zu verbessern.“ 

Ihn ärgere hieran besonders, dass auf diese Weise quasi ein ganzer Kontinent in Misskredit gerate. „In Bremen gibt es viele Afrikaner, die an der Uni studieren. Aber sie trauen sich nicht mehr zum Hauptbahnhof, weil sie dort sofort als Dealer gelten.“ Auch das Ansehen der Flüchtlinge insgesamt leide, pflichtet ihm sein Kollege bei. „Dabei sind die meisten Jugendlichen überhaupt nicht kriminell. Syrer, Afghanen, Ostafrikaner... Für die heißt es nur: Schule, Schule, Schule.“ 

Afrikanische Straßendealer leben in Gemeinschaft

Die meisten der afrikanischen Straßendealer kämen aus Guinea und Gambia, erklärt Enno Haukel. Wobei sich das Gewicht zahlenmäßig zuletzt immer mehr in Richtung Guinea verschoben habe. Am Bahnhof seien zumeist die Jugendlichen aus Guinea aktiv, am Sielwall im Viertel die aus Gambia. Aus ihren Heimatländern würden sie per Flieger nach Paris oder Brüssel reisen. „Manche bleiben dann erst mal ein, zwei Jahre in anderen Ländern.“ In Belgien, in der Schweiz, in Italien. „Einer war zwei Jahre in Portugal, bevor er zu uns nach Bremen kam.“

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In Bremen würden sie in die afrikanische Gemeinschaft aufgenommen, wo sie in Gruppen zusammen wohnen würden. Dort würde ihnen dann von anderen, die schon länger in Bremen leben, gesagt, dass sie hier keine Chance hätten. Arbeit gebe es ohnehin nicht für sie, also sollten sie mit Drogen dealen. „Das geht dann ruckzuck. Die bekommen eine Ausbildung in ihrem Zimmer und schon geht es los.“

Als Sozialarbeiter versuchten sie beide natürlich, dagegen anzuarbeiten, wenn die Jugendlichen in ihre Einrichtung kämen. „Aber es ist oft wirklich nicht einfach für sie. Viele kommen ohne Bildung nach Deutschland“, sagt Haukel. Die Rahmenbedingungen hätten sich allerdings in den letzten vier, fünf Jahren deutlich verbessert. „Im Schul- und im Ausbildungsbereich ist vieles richtig gut geworden. Und die Jugendlichen bekommen auch viel mehr Unterstützung aus der Bevölkerung.“ Was extrem wichtig sei. Denn dadurch gebe es inzwischen die ersten erfolgreichen Karrieren abseits des Drogenhandels. Und damit mehr positive Vorbilder für die Jugendlichen.

Aussicht auf schnelles Geld lockt 

Wobei der Beginn einer Lehre oder sogar einer Berufstätigkeit nicht automatisch bedeute, dass Schluss ist mit dem Drogenhandel. „Nicht alle hören dann auf“, sagt Benedict Erbe und erzählt von einem jungen Afrikaner, der auf einer internationalen Schule sein Abitur abgelegt und trotzdem weiter gedealt hat.

„Die meisten sind eigentlich ganz liebe und nette Jungs. Keiner von denen ist aggressiv. Und die gehen auch zur Schule“, so die Erfahrungen von Enno Haukel. „Nur danach kommen sie dann eben nicht zu uns in die Einrichtung, sondern gehen zum Bahnhof.“  Die Aussicht auf schnelles Geld sei einfach zu stark. Zumal angesichts des Gruppendrucks in ihrer Gemeinschaft. „Die anderen haben schicke Klamotten. Die will ich auch.“

Erbe will das nicht gelten lassen. „Alle haben ein Dach über dem Kopf. Alle sind krankenversichert, jeder der Jugendlichen bekommt Geld für Essen und Kleidung – es gibt überhaupt keinen Grund für sie, hier Drogen zu verkaufen.“ Und wer es trotzdem tut? Da bleibt der Sozialarbeiter bei seiner harten Linie: „Ins Gefängnis oder abschieben. Punkt!“

Wobei Abschieben auch wieder so ein Thema sei in Bremen. Da sei zum einen die Sache mit dem Alter – die meisten der Jugendlichen seien deutlich älter als sie angeben würden –, und dann setze man in Bremen ja auf Freiwilligkeit. Diesmal lachen beide Sozialarbeiter. „Wir kennen keinen, der freiwillig zurückgegangen ist. Von denen will keiner zurück.“


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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