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Von der Probe bis zum Fest
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Wissenswertes rund um die Bremer Eiswette

Frauke Fischer 20.12.2018 0 Kommentare

Der Eiswettschneider Peter Lüchinger steht mit Frack und Zylinder im Mittelpunkt der Traditionsveranstaltung am Bremer Punkendeich.
Der Eiswettschneider Peter Lüchinger steht mit Frack und Zylinder im Mittelpunkt der Traditionsveranstaltung am Bremer Punkendeich. (dpa)

Dabei zu sein, wenn ein 99 Pfund leichtes Schneiderlein mit Bügeleisen und eine Schar nobler Herren in Schwarz mit Zylindern auf den Köpfen im Beisein der Heiligen Drei Könige eine ungewöhnliche Probe vornehmen und Kommentare zum Weltgeschehen abgeben, lockt Jahr für Jahr am 6. Januar allerlei Volk. Die Frage, „of de Werser geiht or steiht“ (Plattdeutsch für „ob die Weser steht oder geht“), ist bei der Eiswette seit sicherlich über 100 Jahren Nebensache. Was sich dort abspielt und später, jeweils am dritten Samstag im Januar, beim exklusiven Eiswettfest im Congress Centrum auf der Bürgerweide seine Fortführung findet, gehört zu den großen Bremer Traditionen mit festen Ritualen.

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Auf den Spuckstein spucken: Ein bisschen unappetitlich sieht er ja aus, so vollgespuckt. Aber der Stein zwischen Neptunbrunnen und St. Petri Dom hat eine besondere Bedeutung: Der Basaltstein markiert die Stelle, an der die letzte öffentliche Hinrichtung in Bremen stattgefunden haben soll und wo laut Legende der Kopf der Giftmischerin Gesche Gottfried liegen geblieben sein soll. Als Zeichen der Missachtung Gottfried gegenüber spucken waschechte Bremer auf den Stein.
Domtreppen fegen: Wer 30 Jahre alt wird, männlich und unverheiratet ist, muss die Domtreppen fegen, bis er von einer Jungfrau freigeküsst wird. Für Frauen ist am 30. Geburtstag Klinkenputzen angesagt. Und warum das alles? Eine Erklärung beruft sich auf alten Volksglauben. Demnach ging man davon aus, dass Menschen, die sich nicht an der Fortpflanzung beteiligt haben, nach dem Tod an einen üblen Ort verbannt werden, an dem sie überflüssige Arbeit verrichten müssen. 
Domtreppen fegen: In Schaltjahren ist übrigens verkehrte Welt: Frauen müssen die Treppen fegen, Männer wiederum die Klinken putzen. 
Fotostrecke: Diese Bräuche und Traditionen kennt jeder Bremer

Eiswette heißt zunächst einmal das zweiteilige Spektakel mit der öffentlich zugänglichen Eisprobe am Punkendeich und dem Stiftungsfest mit geladenen Gästen. Es geht zurück auf das Jahr 1829. Junge Kaufleute und andere Bremer hatten im November zuvor darauf gewettet, ob die Weser Anfang Januar zugefroren oder offen sein würde. Der Einsatz war ein Essen für die Schar mit „vaterländischem Braunen Kohl mit Zubehör“, das der Verlierer bezahlen sollte. Das Essen fand am 12. Januar 1829 im Gasthaus Schürmann zum Horn statt. 18 Männer nahmen daran teil. 

Illuster ist die große Gesellschaft allemal. Denn neben den Eiswett-Genossen nehmen jedes Jahr zum Teil hochrangige Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik an dem mehrstündigen Mahl mit Hochzeitssuppe, Fischteller, Braunkohl, Pinkel, Mettwurst, Kasseler und Schweinebauch teil, dazu gibt es Riesling und Bordeaux, auch Schnaps und später Rote Grütze. Sieben bis acht Stunden vergehen auf diese Weise bei verschiedenen Reden und Speisen an den Tischen, die Eisschollen symbolisieren sollen. Doch die Abfolge von Essen, Trinken, mehr oder weniger launigen Reden, Ritualen und Musik hat auch einen gemeinnützigen Hintergrund: Geld gesammelt wird für die Seenotretter und für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Jedes Jahr ist es der Ehrgeiz des Präsidiums, die Spendensumme des Vorjahres zu toppen. Im Januar 2016 verkündete das Eiswett-Präsidium die Rekordsumme von 450.000 Euro.

Schneider ist eine der wichtigen Rollen bei der Eisprobe am Punkendeich. 99 Pfund darf er wiegen – samt heißem Bügeleisen. Das wird vom Zeremonienmeister streng mit Waage kontrolliert, bevor das leichte Schneiderlein versucht, trockenen Fußes auf die andere Weserseite zu gelangen. Ein Notarius Publicus und ein Medicus Publicus sind ebenfalls zur Stelle, um zu prüfen, ob alle Voraussetzungen für die Wette gegeben sind. Allerlei Wortgefechte, auch Kommentare auf Bremer Politik und Weltgeschehen, bereichern das Spektakel am Punkendeich, in das der Eiswett-Präsident – seit 2013 ist das Patrick Wendisch, die Heiligen Drei Könige und die Novizen eingebunden sind.

Weser geht oder steht? Aus heutiger Sicht ist die Frage kein geeigneter Gegenstand für eine Wette. Denn wie sollte das schnelle, teilweise salzhaltige Wasser zufrieren? Schon die vom Bremer Oberbaudirektor Ludwig Franzius (1832 bis 1903) eingeleitete Weserkorrektion, also die Begradigung, hatte ab Ende der 1880er-Jahre das Zufrieren erschwert. Die große Bedeutung, die die Weser als Transportweg gehabt hat, schwingt in der Wette jedoch mit. Ein zeitweise zugefrorener Schifffahrts- und Handelsweg war eine existenzielle Bedrohung für Bremer Kaufleute. Nahezu sämtliche Güter wurden über die Weser in Richtung Meer oder von dort über Bremen ins Binnenland transportiert und dann verteilt. Die Landwege spielten noch eine untergeordnete Rolle.

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Teilnehmer des Eiswett-Fests sind nach alter Tradition unter anderem die Eiswett-Genossen, denen das Präsidium vorsteht. Sie machen rund ein Drittel der Gäste an dem Mahl aus, das traditionell mit einem Ball im Park-Hotel gekrönt wird. Daran nehmen dann auch die Partnerinnen der ausschließlich männlichen Gäste des Stiftungsessens teil. Jeder Eiswett-Genosse darf einen persönlichen Gast einladen oder vorschlagen, dazu kommen weitere Gäste. Meist handelt es sich um Prominente, die das Präsidium auswählt. Das Verfahren und der Gästekreis erinnern an die Schaffermahlzeit von Haus Seefahrt, die bekanntlich jeweils am zweiten Freitag im Februar im Rathaus stattfindet. 

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Ehrengäste wie die Bundespräsidenten Walter Scheel, Richard von Weizsäcker und Roman Herzog hielten bereits die Rede auf Deutschland und Bremen, die zu den zentralen Reden beim Stiftungsfest gehören. Bayerns Ministerpräsident Franz-Josef Strauß tat es im Jahr 1988, Bundeskanzler Gerhard Schröder 2001. Immer wieder tauchen in den Redner- und Gästelisten der Eiswette Bundesminister, Botschafter, Spitzenvertreter von Unternehmerverbänden und Konzernen sowie renommierte Größen aus Wissenschaft und Kultur auf.

Essen spielt eine zentrale Rolle beim mehrstündigen Eiswett-Fest im Congress Centrum. Und damit auch die vielen Schaulustigen am Tag der Heiligen Drei Könige am Punkendeich erahnen können, was knapp zwei Wochen später auf die festlich eingedeckten Tische des Stiftungsfests kommt, verteilt der Lieferant von Kohl und Pinkel am 6. Januar am Osterdeich kleine Kostproben an die Zaungäste. 

Termin für die Eisprobe am Punkendeich war nicht von Anfang an der Tag der Heiligen Drei Könige am 6. Januar. Aus der Geschichte der Wette geht hervor, dass zunächst eine Frist bis zum 4. Januar gesetzt wurde. Wäre die Weser bis dahin zugefroren, müsste der Verlierer das Braunkohl-Essen für die Schar der Wettteilnehmer bezahlen. Im Laufe der folgenden Jahre erfuhr die Zeremonie einige Neuerungen, die Festlegung der Probe am Punkendeich auf den 6. Januar gehört ebenso dazu wie die Spendensammlung zugunsten der Seenotretter. Weil niemand mehr ernsthaft auf die zugefrorene Weser setzen würde, wird zudem der Wettausgang bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts per Los entschieden.


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Leserkommentare
linde79 am 20.10.2019 17:58
Wie wäre es denn, wenn man auch mal die Qualität der Lehrer und Lehrerinnen hinterfragte? Wie wäre es in Anbetracht der Bildungsmisere, die ...
Michalek am 20.10.2019 17:37
Schüler brauchen keine Erhebungen und sie sollten nicht als Versuchskaninchen herhalten müssen.

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