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Nachruf auf Peter True
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Abschied von einem Kämpfer

Kathrin Aldenhoff 13.12.2017 32 Kommentare

24h Obdachlos
Die lange Zeit auf der Straße, der Alkohol, die Kälte, all das spiegelte sich auch in Peter Trues Gesicht wider. (China Hopson)

Es war ein Kampf zwischen ihnen beiden, zwischen der Straße und ihm. Er dauerte 14 Jahre, und es war ein harter Kampf. Die Straße griff Peter True an, mit ihrer Kälte, ihrem Lärm, ihrer Unerbittlichkeit. Er wehrte sich mit warmen Schlafsäcken, seiner Zähigkeit und Dosenbier. Peter True war nicht freiwillig in diesen Kampf gezogen. Seine Ehe war kaputt, seinen Job hatte er verloren, der Alkohol, die Schulden, die Zwangsräumung und auf einmal: obdachlos. „Man kann gar nicht glauben, wie schnell das gehen kann“, sagte er. „Ratzfatz.“

Es ist ziemlich genau zwei Jahre her, dass mir Peter True zum ersten Mal begegnete. Die Fotografin China Hopson und ich baten ihn nach dem ersten Treffen, uns seinen Alltag zu zeigen, und er sagte ja. Einen Tag und eine Nacht begleiteten wir ihn auf der Straße, wir sammelten tagsüber Flaschen mit ihm, standen am Nachmittag mit seinen Kumpels vorm Bahnhof, rollten am Abend auf der Straße unseren Schlafsack aus und tranken am Morgen Kaffee in der Bahnhofsmission. In den Monaten danach haben wir uns immer wieder getroffen, zu einem Mittagessen, für einen Kaffee. Im Sommer sind wir dann zusammen nach Köln gefahren, zur Preisverleihung des Grimme Online Awards. Mit der Multimedia-Reportage über sein Leben auf der Straße waren wir nominiert. Den Preis haben wir nicht gewonnen, aber einen wunderbaren Abend in Köln.

Multimedia-Reportage
Draußen

Peter True ist draußen. Den ganzen Tag. Und draußen aus der Gesellschaft. Peter True ist obdachlos. Der Winter ist für Peter und die anderen Obdachlosen die schwierigste Zeit des Jahres. Wir haben ihn 24 Stunden lang begleitet.

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In den vergangenen zwei Jahren habe ich Peter True ein bisschen kennengelernt, den Mann, den so viele jeden Tag in der Innenstadt oder am Hauptbahnhof gesehen haben. Seinen Rucksack über die linke Schulter geworfen, lief er durch die Fußgängerzone, blickte in die Mülleimer, hob halbgerauchte Zigaretten von der Straße auf. Für mich war es schwer, das mitanzusehen, oft brachte ich ihm ein Päckchen Tabak mit, wenn wir uns trafen, Rancho, blau. Er sagte, es gebe Schlimmeres als die Straße. Zum Beispiel ein Doppelzimmer in einer Notunterkunft für Obdachlose.

Sie hatten immer mal wieder Frieden geschlossen, die Straße und er. Im Sommer, wenn es warm war und er auf der Wiese vor der Mühle im Gras lag, seinem Lieblingsplatz. Oder zu großen Fußballspielen, wenn der Osterdeich voller Pfandflaschen war. Am härtesten war der Kampf im Winter. „Der Winter ist die beschissenste Zeit“, sagte er. Schlimm war es auch, wenn sie ihm mal wieder die Sachen geklaut hatten, seinen Rucksack, seine Papiere, seine Schlafsäcke.

Die Treffen mit Peter waren immer unterschiedlich. Mal war er gesprächig, wach und gut gelaunt. An anderen Tagen war er wütend, erzählte von früher, redete sich in Rage über die Politik in der Stadt und im ganzen Land. Peter, der Kommunist, der Friedensaktivist. Er, der sich für alles interessierte, der jeden Tag Zeitung las. Auch jeden meiner Artikel, das erzählte er mir immer wieder, und zählte auf, welche das in der vergangenen Woche waren. Manchmal nervte es mich, wenn er mich bei unseren Treffen ständig unterbrach, weil er alles besser wusste. Wenn er mehr dozierte, als sich mit mir zu unterhalten. Und doch rührte mich dieser Mann mit seinem Humor, seiner schroffen Herzlichkeit, seiner Genügsamkeit.

Fotostrecke: Unterwegs mit einem Obdachlosen

Das Leben hatte sich in Peters Gesicht gefurcht. Schmerzen, Streit und Leid, der Alkohol und die Kälte, die Falten waren zu tief für einen 61-Jährigen. Auf der Straße wird man nicht alt, sagte er, und dass er einer der ältesten Obdachlosen in der Stadt sei. Lange wollte er nicht weg von der Straße. So hart der Kampf auch war, Hilfe anzunehmen, das schien ihm noch schwerer.

Dann, vor etwa eineinhalb Jahren, sagte er, er wolle es versuchen, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Hartz IV beantragen, runter von der Straße, eine eigene kleine Wohnung. Es gab Rückschläge, immer wieder, aber immer wieder hoffte er neu. Er sprach viel von einer eigenen Wohnung, von einer, die er in Aussicht habe. Er freute sich auf ein richtiges Bett, eine Kaffeemaschine, eine eigene Dusche. Nach mehreren Jahren ohne Kontakt zu seiner Familie telefonierte er wieder mit seiner Schwester, wollte er seine Brüder wiedersehen.

Das letzte Mal habe ich Peter im April gesehen. Es war eines der guten Treffen, Peter war fröhlich und erzählte viel. Auf meine Frage, ob es geklappt habe mit der Wohnung, sagte er nur, das laufe alles gut und wechselte das Thema. Als ich erzählte, dass mein Freund und ich ein Kind bekommen, freute er sich. Es war kurz vor Ostern, und nach dem Mittagessen holte er zwei Schokoladenküken aus seiner Tasche, eines für mich, eines für meinen Freund. Dann hielt er inne, lächelte, und holte noch ein drittes Küken aus der Tasche. „Für das Baby“, sagte er. Und dass ich mich nun erstmal um meine kleine Familie kümmern solle, er käme schon klar.

Preisverleihung des Grimme Online Awards
Preisverleihung beim Grimme Online Award 2016 (v. l.): Fotografin China Hopson, Peter True, Kathrin Aldenhoff (Foto: Arkadiusz Goniwiecha und fr, FR)

Ich gebe zu, ich war erleichtert. Dass es ihm gut ging, dass das mit seiner Wohnung anscheinend klappte. Ich hatte das Gefühl, Peter sei dabei, den Kampf gegen die Straße zu gewinnen. Ganz sicher war ich nie, jedes Mal, wenn ich am Bahnhof oder in der Nähe seines Schlafplatzes vorbeikam und ihn nicht sah, freute ich mich. Ich wollte, dass alles gut ist bei Peter. Dass er nach all den Jahren des Kampfes noch einige friedliche Jahre hat.

Von dem Streetworker Jonas Pot d’Or, der sich lange um ihn gekümmert hat, habe ich nun erfahren, dass es nicht geklappt hat mit der Wohnung, von der Peter mir damals erzählt hatte. Dass er noch Monate auf der Straße gelebt hat. Aber dass sie es gerade geschafft hatten, eine Wohnung für ihn zu bekommen. Den Mietvertrag hatte er vor kurzem unterschrieben, er trug ihn in seinem Rucksack bei sich. Am 1. Dezember sollte er in seine eigene Wohnung ziehen. Drei Tage vorher ist Peter True gestorben. Die Straße hat gewonnen.

24h Obdachlos
Peter True lebte viele Jahre lang auf der Straße – auch im bitterkalten Winter. Aber er hasste diese Jahreszeit. (China Hopson)

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Leserkommentare
werderfan am 23.10.2019 21:15
Ich versuche das mal kurz für die Demokratiefreunde zu erläutern:
1. Der Umweltausschuss des Beirats Blumenthal tagt am nächsten Montag ...
IhrenNamen am 23.10.2019 21:02
Ich bin mal sehr gespannt wie sich das auf die Spendensumme auswirkt.
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