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Am Ende: Leben und Sterben im Hospiz in Bremen

Katharina Frohne 13.04.2018 0 Kommentare

Annegret Kutscha auf dem Balkon des Hospizes.
Annegret Kutscha auf dem Balkon des Hospizes. (Daniel Chatard)

Sie weiß, dass sie sterben wird. Vielleicht morgen, vielleicht in ein paar Tagen. Zwölf Jahre hat Annegret Kutscha* gegen den Krebs angekämpft, es mit einer Therapie nach der anderen versucht. Jetzt will sie nur noch eines: in Würde sterben. Doch kann es den guten Tod wirklich geben? Das Hospiz Brücke in Bremen-Walle will ihn möglich machen. Dies ist die Geschichte eines besonderen Hauses und der Menschen, die dort arbeiten. Der Hospizleiterin, die niemanden allein lassen will. Der Pflegerin, die sich um Schwerkranke und ihre Angehörigen kümmert. Des Seelsorgers, der den Tod als Chance sieht. Des Arztes, für den Sterben Verzicht bedeutet. Des ehrenamtlichen Helfers, der letzte Wünsche erfüllt. Und es ist die Geschichte von Annegret Kutscha, die Abschied nehmen muss von ihrem Leben, von Träumen, von Freunden und Verwandten. Zu Besuch an einem Ort, an dem jeder Moment zählt.

Manchmal, unter der Dusche, dreht Annegret Kutscha langsam das Wasser auf kalt. Sie schließt die Augen, lässt es über ihr Gesicht und ihren Rücken laufen, wartet ab, bis die Kälte erträglich wird, bis sie sich wieder entspannt. Dann ist sie wieder am Werdersee. Sie taucht unter, lässt sich langsam in die Tiefe sinken, hört und sieht nichts. Ihr Körper ist leicht, als wäre er schwerelos. Als wäre er gar nicht da.

Wenn Annegret Kutscha die Augen öffnet, sieht sie weiße Kacheln, ein Klo, ein kleines Waschbecken. Sie ist zurück in einem Badezimmer, das nicht ihres ist. Zurück in einem Leben, von dem ihr nicht mehr viel bleibt.

Annegret Kutscha weiß, dass sie sterben wird. Vielleicht in ein paar Tagen, vielleicht in ein paar Wochen. Genau sagen kann ihr das niemand. Sicher ist nur, dass es jetzt schnell gehen wird. Der Krebs hat sich in ihre Knochen gefressen, sich über ihr Lymphsystem im ganzen Körper ausgebreitet. Vor anderthalb Wochen ist die 67-Jährige ins Hospiz Brücke in Bremen-Walle gezogen. Wer hierher kommt, lebt im Schnitt noch zwölf Tage. Tage, an denen die Pfleger, Ärzte und ehrenamtlichen Helfer versuchen, was unmöglich scheint: das Sterben erträglich zu machen.

236 stationäre Hospize gibt es in Deutschland, zwei davon in Bremen. Eines von ihnen ist das 2002 gegründete Hospiz Brücke. Acht Betten gibt es hier; ein Zimmer bekommt nur, wem ein Arzt bescheinigt, dass er dringend eines braucht. Das ist dann der Fall, wenn der Schwerkranke so starke Symptome hat, dass eine Betreuung rund um die Uhr erforderlich ist, etwa bei Atemnot, häufigem Erbrechen oder blutenden Tumoren. Ein weiteres Kriterium: Die Krankheit muss innerhalb kurzer Zeit zum Tod führen.

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Annegret Kutscha hat nicht lange auf einen Platz warten müssen. Seit drei Wochen übergibt sie sich mehrmals am Tag, kann kaum noch etwas essen oder trinken. Sie kam direkt von der Palliativstation hierher. Auf ihr liegen Patienten, die nicht mehr geheilt werden können. „Das war der Anfang vom Ende“, sagt Annegret Kutscha.

Ein Ende, das lange vorher begann: Vor zwölf Jahren erfuhr sie, dass sie Brustkrebs hat. Kriegen wir in den Griff, sagten die Ärzte ihr damals. Sie entfernten die betroffene Brust, empfahlen Chemotherapie und örtliche Bestrahlung. Ein Jahr hatte Kutscha Ruhe, dann zeigten Röntgenbilder schwarze Punkte auf den Knochen. Metastasen. Viele. Zu viele. Es folgten weitere Chemos, weitere Bestrahlungen. Auf Heilung hoffte bald niemand mehr, aber ein paar Jahre, sagten ihr die Ärzte, die könne sie noch haben.

Vor zwei Jahren erfuhr Annegret Kutscha, dass der Krebs auch ihr Lymphsystem befallen hatte. Sie begann eine weitere Chemo und brach sie bald darauf wieder ab. „Ich konnte einfach nicht mehr“, sagt sie. Sie hatte die Therapien immer schlechter vertragen. Sie war müde, sie wusste nicht mehr, wofür das alles. Im November 2017, Annegret Kutscha war gerade aus dem Urlaub wiedergekommen, versagten ihre Nieren, die wuchernden Tumore hatten ihren Harnleiter abgeschnürt.

Annegret Kutscha.
Annegret Kutscha. (Daniel Chatard)

"Wäre ich ein Tier, würde ich mich irgendwo zusammenrollen und sterben. Bei uns Menschen versucht man immer, das Leben noch irgendwie zu verlängern. Den Magen dazu zu zwingen, irgendwas drin zu behalten, die Schmerzen mit Medikamenten zu betäuben. Hauptsache Leben. Aber was für eins?"

Ein grauer Vormittag Ende Februar. Annegret Kutscha sitzt auf einem Sessel am Fenster, auf der Fensterbank hinter ihr stehen Glockenblumen und Tulpen, Mitbringsel von Freunden. Ihre Füße stecken in dicken grauen Wollsocken, auf ihrem zu weiten blauen Strickpullover sind Luchse abgebildet. „Schön, oder?“, fragt sie und fasst ihn mit beiden Händen am Bund, spannt ihn auf wie ein Zelt, damit das Muster besser zu erkennen ist. Er ist ihr Lieblingspulli, auch wenn er ihr längst nicht mehr passt. Mehr als 20 Kilo hat sie in den vergangenen Wochen abgenommen. „Ich hatte immer einen dicken Hintern“, sagt Annegret Kutscha. „Jetzt tut mir das Sitzen weh, ich bin ja nur noch Haut und Knochen.“

Sie sagt das ganz nüchtern. Jammern ist nicht ihr Ding, nicht mehr zumindest. Früher, da hätte sie sich aufgeregt. Über diese verdammte Ungerechtigkeit. Warum sie? Sie hat immer viel Sport gemacht, immer das Rad genommen, sie schwimmt gern, sie tanzt Samba im Verein. Hat nie geraucht, immer gesund gegessen. „Wahrscheinlich hätte ich rumgeschrien vor Wut“, sagt sie. Heute ist das anders. Der Krebs habe sie „weichgeschliffen“. Nützt ja nichts, ist eben so.

Annegret Kutschers Stimme klingt brüchig und heiser. Neben ihr auf dem Tisch steht eine kleine Plastikflasche mit weißem Sprühkopf: Leitungswasser mit ein bisschen Minzöl. Annegret Kutschers Mund produziert keinen Speichel mehr. Um sprechen zu können, muss sie ihn alle paar Minuten anfeuchten. Sie macht das mit schnellen, ungeduldigen Bewegungen, wie wenn man eine lästige Fliege verscheucht. Zwei Sprühstöße tief in den Rachen, dann weiterreden. Sie beklagt sich nicht. Ist eben so.

Annegret Kutscha ist eine gute Erzählerin. Sie baut lange Sätze mit mehreren Nebensätzen, ohne sich unterwegs zu verirren. Bevor sie vor sechs Jahren zurück nach Bremen zog, um ihren Ruhestand in ihrer Heimatstadt zu verbringen, war sie Lehrerin in Hessen, Deutsch und Politik an einer Gesamtschule in Wetzlar. Sprache sei immer ihr Ding gewesen, sagt sie. Sie liest gern und hat auch selbst ab und an etwas geschrieben, am liebsten Kurzgeschichten. Neben der Sprühflasche liegt ein Stapel Bücher, Krimis und historische Romane. „Leichte Kost“, sagt Annegret Kutscha. „Mehr geht nicht mehr.“ Sie kann sich nicht mehr gut konzentrieren. Nach wenigen Sekunden flackern die Buchstaben vor ihren Augen wie kaputte Leuchtreklamen, erscheinen doppelt, rutschen weg.

(Daniel Chatard)

Wie schlecht es um sie steht, war ihr lange nicht klar, sagt Annegret Kutscha. Auch dann nicht, als die Ärzte nicht mehr von Heilung sprachen, sondern nur noch von Aufschub. „So richtig verstanden, dass ich sterben muss, habe ich erst hier.“

"Ich glaube, solange man den Tod irgendwie verdrängen kann, verdrängt man ihn. Wie sollte man das Leben auch sonst noch genießen? Wenn man immer denken würde, das ist jetzt das letzte Mal schwimmen, das ist jetzt der allerletzte frisch gepresste Orangensaft. Das nimmt einem ja alle Freude. Es ist vielleicht besser, dass man sich vorgaukelt, dass doch noch alles gut wird. Dass man immer noch Zeit hat, auch wenn man nicht weiß, wie viel. So ganz kapiert man es erst ganz zum Schluss. Wenn es einem so beschissen geht, dass der Selbstbetrug nicht mehr funktioniert."

Ein Stockwerk tiefer, auf einem kleinen runden Tisch auf dem Flur, stehen zwei Teelichter, ihre Flammen zittern in der Zugluft. Neben ihnen liegt ein aufgeschlagenes Buch, jemand hat zwei Namen auf das weiße Papier geschrieben, darunter das Datum von gestern. „Wenn jemand gestorben ist, zünden wir ein Licht für ihn an“, sagt Keris Schnelle. Seit 16 Jahren arbeitet sie im Hospiz, zunächst als Pflegerin, jetzt als Leiterin. Die Kerze sei ein Zeichen des Gedenkens, sagt sie. Eine Geste des Innehaltens, während das Leben weitergeht.

Gesten wie diese sind Schnelle wichtig. Wer im Hospiz Brücke stirbt, darf noch bis zu zwei Tage in seinem Bett liegen bleiben, damit seine Angehörigen sich in Ruhe von ihm verabschieden können. Die Pfleger räumen Infusionsständer, Medikamente und alles, was nach Krankenhaus aussieht, aus seinem Zimmer. Sie waschen seinen Körper, sie ziehen ihm frische Kleider an, sie legen ihm persönliche Gegenstände ins Bett.

Schnelle steigt mit federnden Schritten die Holztreppe nach oben. Die alte Villa am Waller Park hat drei Stockwerke, durch ein Dachfenster fällt Licht bis auf die geblümten Fliesen im Erdgeschoss. Stuck ziert die hohen Decken, die Wände sind in warmen Farben gestrichen: orange, hellgelb, apricot. Wer aus dem Fenster guckt, schaut immer ins Grüne, rundum stehen alte Bäume, Rhododendronbüsche säumen den großen Garten hinter dem Haus.

Es ist schön hier. Ruhig, gemütlich. Ist das wichtig? Ist es wichtig, dass es schön aussieht, wo man stirbt? Spielt es eine Rolle, ob Papiersterne in den Fenstern hängen oder frische Schnittblumen auf den Fensterbänken stehen, wenn man Schmerzen hat und Angst? Wenn man um einen geliebten Menschen trauert?

Ja, sagt Schnelle. Sie sagt das, ohne zu zögern. Für sie ist all das nicht nettes Beiwerk, sondern „eine Frage der Haltung“. Schnelle nennt das Sterben „eine Extremsituation“. Das Hospiz soll ein Ort sein, der möglichst viel auffängt, der den Kranken so etwas wie ein Zuhause ist, und den Angehörigen ein Haus, das ihnen keine Angst macht. Gerade Kinder würden sich oft vor Krankenhäusern fürchten, sagt Schnelle, vor den langen Fluren, dem künstlichen Licht, dem Geruch nach Desinfektionsmittel, der Hektik.

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Im Hospiz heißen die Bewohner nicht Patienten, sondern Gäste. Auch hier werden sie noch medizinisch versorgt, Ärzte kommen regelmäßig vorbei, die Pflegerinnen sind auf die Versorgung am Lebensende spezialisiert. Wer möchte, bekommt Schmerz- oder Beruhigungsmittel oder Tabletten gegen die Übelkeit. Aber es geht nicht mehr darum, den Körper künstlich am Leben zu halten, es gibt keine Magensonden, keine Beatmungsmaschinen. Es geht um Ruhe, sagt Schnelle. Hier passiert nichts, was der Sterbende nicht will. „Wir sind nicht ständig um ihn herum, aber wenn er etwas braucht, sind wir immer da.“

Die Menschen sollen sich umsorgt fühlen, sagt Schnelle, sie sollen wissen, dass immer jemand Zeit für sie hat. Zeit, nicht nur Verbände zu wechseln oder Essen zu bringen, sondern sich eine Weile ans Bett zu setzen, um über das Wetter zu reden oder über die Fotos der Enkelkinder auf dem Nachttisch. Zeit – dieses Wort sagt Schnelle immer wieder. Sie ist, was die Sterbenden nicht haben und wovon sie umso mehr bekommen sollen. 47 Mitarbeiter – Ärzte, Pflegekräfte, Seelsorger, ehrenamtliche Helfer – kümmern sich um acht Gäste.

Schnelle ist im Dachgeschoss angekommen, sie biegt links in ihr Büro, an der Wand hängt das Bild einer weißen Lilie, auf dem Schreibtisch steht ein Foto ihrer 17-jährigen Tochter. Keris Schnelle selbst ist 40, nach der Arbeit geht sie joggen oder ins Fitnessstudio. Wie ist es für die junge Frau, jeden Tag mit dem Tod zu tun zu haben? „Die Endlichkeit des Lebens rückt näher an einen heran“, sagt sie. „Mir ist bewusster, dass es immer soweit sein kann.“ Nicht nur alte Menschen kommen ins Hospiz, ein Viertel ist jünger als 60. Vielleicht, sagt Schnelle, genieße sie das Leben ein bisschen mehr. Vielleicht könne sie manchmal gelassener bleiben. Sie hat gelernt: „Der Tod kommt immer mitten im Leben.“ Immer unerwartet und immer zu früh, ganz egal, wie alt man ist. Ganz egal, wie lange man schon krank ist.

(Daniel Chatard)

Eigentlich ist Schnelle Krankenschwester. Bevor sie ins Hospiz kam, schuftete sie auf der Kardiologie. Auch damals sah sie Menschen sterben, aber es war ein Sterben, das ihr falsch erschien. Immer musste alles schnell gehen, wer gestorben war, wurde auf einer Liege ins Badezimmer geschoben, damit Platz war für den nächsten Patienten. „Es wurde so nebenbei gestorben“, sagt Schnelle. Immer wieder quälte sie das schlechte Gewissen. Sie wusste: Es muss anders gehen. Besser.

Jetzt sei sie dankbar. Dafür, den Menschen am Lebensende beistehen zu können. Dann für sie da sein zu können, wenn sie es am nötigsten brauchen. Klar, manchmal sei das auch hart. „Nicht alle schlafen friedlich ein. Manchmal ist es schwer zu ertragen, was ein Mensch aushalten muss“, sagt Schnelle. Sie erzählt von einer krebskranken Frau, die ihr kleines Kind zurücklassen musste, von einem Gast, dessen halbes Gesicht hinter einem wuchernden Tumor verschwand. An den Schmerz gewöhnt man sich nicht, sagt Schnelle. Aber das sei okay, das sei vielleicht sogar gut so. „Wenn es mich nicht mehr berühren würde, wäre ich hier falsch.“

Annegret Kutscha streckt die schmale Hand aus und zieht die schweren gelben Gardinen zur Seite, dichte Wolken schieben sich über den milchig-trüben Himmel. Es ist komisch, sagt Annegret Kutscha. Einerseits läuft ihr die Zeit davon, andererseits weiß sie nichts mit ihr anzufangen. Sie fühlt sich gefangen in ihrem Körper, der jeden Tag etwas weniger kann. Immer zwickt irgendwas, der Rücken, die Beine. Egal, wie sie sitzt oder liegt, immer drückt es irgendwo, wahrscheinlich die Tumore. Sie könnte stärkere Schmerzmittel nehmen, aber das will sie nicht. Sie will nicht, dass die ihr „den Kopf vernebeln“.

"In mir tobt ein Kampf. Ich sage mir, ach komm, iss doch ordentlich, dann hast du wieder etwas mehr Kraft. Geh ein bisschen spazieren, damit deine Muskeln nicht noch weiter abbauen. Aber mein Magen sagt, nee, kein Bock, und meine Muskeln machen auch nicht mehr mit."

"Dabei will ich noch so viel“, sagt Annegret Kutscha. So viel machen, so viel sehen. Nichts Besonderes, eine letzte Reise vielleicht, am liebsten irgendwo ans Meer. Noch ein bisschen mehr Zeit mit Freunden verbringen. Noch mal ein frisch gezapftes Bier trinken, noch einmal das Prickeln der Kohlensäure am Gaumen spüren. „Ein bisschen mehr vom ganz normalen Leben.“ Annegret Kutscha zieht die Mundwinkel nach oben, ein Lächeln, bei dem die Augen nicht mitmachen wollen. „Ich bin noch nicht bereit für den Tod.“

Das Hospiz Brücke in Walle.
Das Hospiz Brücke in Walle. (Daniel Chatard)

Früher, sagt sie, war sie immer unterwegs. In Hessen ging sie oft mit Freunden wandern, lange Touren im Rothaargebirge oder im Taunus. In Bremen sang sie im Chor und trat in eine Samba-Gruppe ein. Und wann immer das Wetter mitmachte, fuhr sie an den Werdersee.

Von den Tagen am Wasser erzählt sie immer wieder. Vor ein paar Jahren mietete sie sich zusammen mit einer Freundin eine Parzelle auf dem Stadtwerder, eine Laube mit ein bisschen Grün drum herum, ein Hochbeet, ein kleiner Apfelbaum. „Und nur ein Katzensprung bis ans Wasser.“ Annegret Kutscha erzählt von sonnigen Nachmittagen am Nacktbadestrand – „Klamotten aus, reinspringen, platsch, platsch, Klamotten wieder an“ – und Kaffeetrinken im Garten.

Jetzt, sagt sie, sei ihre Welt zusammengeschrumpft. Ihr Zimmer, das Bad, der Balkon, das sei alles, was sie habe. Ihre weitesten Ausflüge macht sie in die Teeküche im Keller. Jeden Morgen versucht sie, dort einen Kaffee zu trinken. Eigentlich müsste sie das nicht, sie könnte eine der Pflegerinnen bitten, ihr einen hochzubringen. Aber sie will nicht. Sie will es allein hinkriegen. „Das ist mein Ehrgeiz.“

Wenn das Hier und Jetzt nicht auszuhalten sei, sagt Annegret Kutscha, dann träume sie sich weg. In ihrem Kopf lässt sie die Erinnerungen ablaufen wie Filme, sie denkt an Sommerurlaube, an lange Tage am Strand, an Spaziergänge im Wald, an Radtouren übers platte Land um Bremen. Augenblicke, die voller Leben waren, in denen der Tod so weit weg war, als käme er vielleicht nie. „Einfach eine Weile ganz woanders sein“, sagt Annegret Kutscha. Sie nennt das: die Seele spazieren schicken.

(Daniel Chatard)

Später Vormittag, es hat angefangen zu regnen. Christof Ronge hängt seine nasse Jacke in den Schrank neben der Tür. Ronge – 54, Jeans, brauner Strickpullover – ist leitender Arzt beim Ambulanten Palliativdienst Bremen. Zusammen mit einem Team aus Krankenpflegern und anderen Ärzten kümmert er sich um schwerkranke Menschen, die ihr Lebensende zu Hause verbringen, aber deren medizinische Versorgung so komplex ist, dass sie Pflegedienste oder Hausärzte überfordern würde. Zusätzlich kommt er zweimal in der Woche ins Hospiz.

Ronge ist Palliativmediziner. Er hilft dann, wenn Ärzte anderer Fachrichtungen nichts mehr tun können, wenn die Behandlung nicht mehr heilen, sondern nur noch lindern kann. Eigentlich mag Ronge diese Trennung nicht. Auch das Lindern von Symptomen wie ständiger Übelkeit oder Angstzuständen könne eine heilende Wirkung haben. „Es heißt ja auch: Seelenheil.“ Ronge will das Sterben ein kleines bisschen erträglicher machen. Leicht, das sei es nie, sagt er, auch nicht ohne Schmerzen, auch dann nicht, wenn Medikamente die Übelkeit oder die Angst unter Kontrolle halten. Aber vielleicht zumindest etwas weniger schlimm. „Ein Zustand, der auszuhalten ist.“

Wenn Ronge über das Sterben spricht, spricht er über Grenzen. „Wer stirbt, muss immer mehr Einschränkungen hinnehmen“, sagt Ronge. „Man muss sich von dem Leben verabschieden, das man kennt. Und am Ende muss man sich vom Leben selbst verabschieden.“ Viele Menschen bringe das zur Verzweiflung. Sie seien es schließlich nicht gewohnt, machtlos zu sein. „Wir leben in dem Glauben, dass alles möglich ist“, sagt Ronge. Dass alles zu schaffen sei, wenn wir nur wollen, wenn wir nur kämpfen. Im Sterben gelte das nicht mehr. Der Kampf sei verloren. Was bleibe, sei die Aufgabe, sich mit der Niederlage abzufinden. Dabei zu helfen, auch das gehört für Ronge zu seiner Arbeit. In manchen Zimmern bleibt er ein paar Minuten, in manchen eine Stunde. Viele wollen einfach nur reden, sagt Ronge. Sie haben Angst, und sie haben viele Fragen: Wird es wehtun? Wie viel werde ich mitbekommen? Was passiert im Körper, wenn man stirbt?

Auch er stoße manchmal an seine Grenzen, sagt Ronge. Dann, wenn er als Arzt machtlos sei, wenn Pillen oder Spritzen nicht wirken wie erhofft. Aber auch dann, wenn er helfen könnte, aber nicht darf. „Alles, was ich mache, orientiert sich am Wunsch des Patienten“, sagt Ronge. „Es ist sein Weg, ich begleite ihn nur ein Stück.“ Er könne beraten, er könne Möglichkeiten aufzeigen, aber am Ende sei es nicht sein Wille, der zähle. Ronge erzählt von einem Patienten, den er kürzlich behandelt habe. Der Mann habe starke Schmerzen gehabt, die sich hätten behandeln lassen, aber eine höhere Dosis Morphin habe er abgelehnt. Warum er nicht wolle, habe Ronge ihn gefragt. Der Mann habe gesagt: Weil ich immer ein bisschen Schmerz brauche, damit ich merke, dass ich noch da bin.

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Annegret Kutscha sitzt noch immer am Fenster, sie hat sich ein bisschen tiefer in den Sessel sinken lassen, das sei bequemer so. Langes Sitzen sei inzwischen schlecht, sagt Annegret Kutscha, sowieso sei inzwischen alles schlecht: das Sitzen, das Stehen, das Liegen. Sie greift nach der Sprühflasche und entschuldigt sich für ihre miese Laune. Je später es am Tag sei, desto übler sei ihr. Zum Glück sei das Klo ja gleich nebenan.

Auf dem Flur scheppert es. Susanne Stoffel zieht den Essenswagen aus dem Fahrstuhl. Spiegelei mit Bratkartoffeln, Erbsensuppe mit Bockwurst oder Wirsingeintopf mit Fleischbällchen. „Jeder Gast kann bestellen, was er möchte“, sagt die Krankenpflegerin. Drei Gerichte stehen jeden Tag zur Auswahl, beliefert wird das Hospiz von der Küche des Gesundheitszentrums Diako. „Das Essen ist hier ein großes Thema“, sagt Stoffel. „Viele Gäste haben nicht mehr viel Appetit. Umso wichtiger ist uns, dass es ihnen schmeckt.“ Wenn sich jemand etwas wünscht, das nicht auf dem Speiseplan steht, dann ruft sie in der Küche an und verhandelt. Meist klappe das. Und wenn nicht, komme auch mal der Pizzabote ins Hospiz oder einer der Mitarbeiter hole beim Imbiss an der Ecke eine Currywurst mit Pommes.

Seit fast sieben Jahren ist Stoffel Krankenpflegerin im Hospiz. Über ihre Arbeit sagt sie: „Ich helfe den Menschen bei allem, was sie allein nicht mehr können.“ Sie wäscht sie, sie wechselt Windeln, sie tauscht Verbände, sie schneidet ihnen das Essen klein. Wie viele der Pflegerinnen hat sie außerdem eine Zusatzausbildung gemacht, sie hat Akupressur gelernt. Wenn jemand Schmerzen, Krämpfe oder Verdauungsbeschwerden hat, übt sie sanften Druck auf bestimmte Körperstellen aus, um die Beschwerden zu lindern. Andere Pflegerinnen geben Aroma-Massagen. Mit kreisenden Bewegungen reiben sie die Arme und Hände der Gäste mit duftenden Ölen ein. „Viele haben jahrelang keine schönen Berührungen erfahren“, sagt Stoffel. Sie würden ihre von der Krankheit gezeichneten Körper ablehnen, fänden sich selbst abstoßend. „Die Massagen können helfen, noch mal etwas Schönes zu fühlen.“

(Daniel Chatard)

Berührungsängste hat sie nicht. Ausgemergelte Körper, wund gelegene Stellen, äußerliche Tumorwunden, all das sei nicht schön. „Aber so kann es eben aussehen, wenn ein Mensch stirbt“, sagt sie. „Ich sehe immer die Person hinter der Krankheit. Jemanden, der sein Leben gelebt hat und der jetzt meine Hilfe braucht.“ Auch für seine Angehörigen ist sie da, sie tröstet Kinder, sie nimmt weinende Geschwister in den Arm. „Das Ende ist nicht nur für den Sterbenden schlimm“, sagt Stoffel. „Alle, die ihn lieben, leiden mit.“

Stoffel muss nicht nur für sich selbst stark sein, sie ist es auch für andere. Eine Aufgabe, die Kraft kostet. Auf der einen Seite sei da die große Nähe, allein schon körperlich, auf der anderen Seite müsse sie Distanz wahren. Von den Gästen lässt sie sich siezen, die Kleidung, die sie im Hospiz trägt, trägt sie nirgendwo sonst. „Das ist wichtig für mich, damit ich das Leid nicht mit nach Hause nehme“, sagt sie.

Doch ihre Arbeit gebe ihr auch viel zurück. Sie sehe so viel Schönes; Szenen, wie sie sich vielleicht nur da abspielen können, wo die Endlichkeit des Lebens so präsent ist wie hier. Menschen, die einander offen sagen, dass sie sich lieben. Das Lächeln eines Mannes, der so schwach ist, dass er nicht mehr sprechen kann, aber der sich über den Duft des Lavendelöls freut. Familien, die in der Teeküche ein letztes Mal zusammen kochen, die zusammen lachen und weinen. „Auch hier tobt das Leben“, sagt Stoffel. „Es tobt nur ein bisschen sanfter.“

Nach ihrer Mittagsrunde geht es für Susanne Stoffel in den Pausenraum der Pflegerinnen. Es riecht es nach Kirschkuchen, auf dem Tisch steht ein Strauß blassgelber Rosen, daneben eine Thermoskanne mit Kaffee. Die Schwestern der Frühschicht übergeben an die Schwestern der Spätschicht, auch Keris Schnelle ist dazugekommen. Die vergangenen Stunden jedes Gastes werden ausführlich besprochen. Eine Frau aus dem Erdgeschoss habe wieder nicht schlafen können, erzählt die Pflegerin, die Frühdienst hatte. Sie sei unruhig, wälze sich im Bett hin und her. Vielleicht ein stärkeres Beruhigungsmittel? Susanne Stoffel notiert die Frage für den Arzt. Danach geht es um einen Herrn aus dem ersten Stock, der immer wieder nach seinem Auto frage. „Er will so gerne noch mal fahren“, sagt Susanne Stoffel. „Das wird nicht leicht, aber wenn er so gerne möchte“, sagt eine andere Pflegerin. „Und wenn seine Nichte ihn abholt?“, fragt Keris Schnelle. „Einmal um den Block?“ Sie verspricht, am Nachmittag bei ihr anzurufen.

Wünsche wie dieser sind nicht ungewöhnlich. Keris Schnelle versucht, so viele wie möglich zu erfüllen, die großen und die kleinen. Sie erzählt von einer Frau, mit der sie noch mal an die Ostsee gefahren seien, weil sie noch mal das Meer sehen wollte. Von einem jungen Mann, der sein Zimmer mit Werder-Postern tapeziert hatte und dessen sehnlichster Wunsch es war, noch ein Spiel im Weserstadion zu sehen. Doch die meisten, sagt Schnelle, wünschten sich einfache Dinge: noch einmal einen Eisbecher aus der Lieblingseisdiele, eine Partie Mau-Mau, eine Spazierfahrt im Rollstuhl durch den Park.

Einer, der diese Wünsche wahr werden lässt, ist Michael Radtke. Der 63-Jährige ist Lehrer, seit fünf Jahren kommt er ein- bis zweimal in der Woche nach Walle, um Schwerkranken Gesellschaft zu leisten. Er ist einer der insgesamt 16 ehrenamtlichen Helfer des Hospizes. „Ohne ihre Unterstützung wäre unsere Arbeit nicht denkbar“, sagt Keris Schnelle.

Radtke ist gern im Hospiz. Weil er, so sagt er, helfen kann, wo es am dringendsten gebraucht wird. „Wenn Menschen auf die Welt kommen, werden sie liebevoll empfangen“, sagt er, „aber wenn sie die Welt verlassen, sind sie oft einsam.“ Das ist der Sinn, den er und viele Ehrenamtliche in ihrer Aufgabe sehen: niemanden allein zu lassen, da zu sein, ein bisschen Freude zu spenden. „Manchmal geht es auch nur darum, am Bett zu sitzen und eine Hand zu halten.“

"Als ich erfahren habe, dass ich herkommen darf, war ich überglücklich. Meine Schwester hat sich für mich um einen Platz gekümmert, dafür bin ich ihr unendlich dankbar. Ich habe allein gelebt, zu Hause hätte niemand für mich sorgen können. Hier weiß ich, dass ich sicher bin. Es ist rührend, mit wie viel Liebe und Hingabe die Menschen sich kümmern. Ich fühle mich umsorgt, aber nie bedrängt. Die lassen einen hier, wie man ist. Nie sagt einer, jetzt essen Sie doch mal den Teller leer, oder nehmen Sie doch noch mal ein paar Tabletten."

Letzte Wünsche habe sie nicht, sagt Annegret Kutscha. Mal wieder was essen, ohne hinterher alles wieder auszuspucken, sagt sie, das wäre schön. Aber sonst, nein, sonst sei da nichts. Vielleicht, weil sie sich ihren größten Wunsch schon selbst erfüllt habe.

Das ganze vergangene Jahr ist sie unterwegs gewesen. Als sie die letzte Chemo abgebrochen hatte und klar war, dass ihr nicht mehr viel Zeit auf der Welt bleiben würde, wollte sie noch möglichst viel von ihr sehen. Fünf Reisen hat sie gemacht. Mit einer Freundin war sie im Süden Irlands, mit einer anderen auf den Kanalinseln: Jersey, Guernsey, Sark. Zum ersten Mal in ihrem Leben buchte sie eine Bustour, fuhr quer durch Polen, sie besuchte Freunde in Hessen.

Doch am meisten spricht Annegret Kutscha von der Zeit auf Kreta. Eine Woche war sie zusammen mit ihrer Schwester da, es war ihr erster gemeinsamer Urlaub. Annegret Kutscha erzählt von frisch gepresstem Apfelsinensaft zum Frühstück, von langen Spaziergängen durch den kleinen Fischerort bei Georgioupolis und an der Küste entlang, von dem Ausflug ins Landesinnere, auf dem sie Bartgeier sahen und eine Ziegenfarm besichtigten. Und sie erzählt vom Meer, das direkt hinter dem Hotel anfing, vom weißen Sand, vom sonnenwarmen Wasser. Schmerzen habe sie in all dieser Zeit kaum gehabt. „Im Oktober habe sie noch im Mittelmeer gebadet“, sagt sie, als könne sie das selbst kaum glauben. „Und jetzt bin ich hier.“

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Sie bereue nichts, sagt Annegret Kutscha. Nicht den Therapieabbruch, erst recht nicht das Reisen. Sie habe viel nachgedacht in den letzten Tagen, über ihr Leben, wie alles gekommen ist. Über ihre Kindheit in Bremen-Vegesack, das Studium in Marburg. Ihre Ehe, die schnell wieder zerbrach, weil es mit dem Baby nicht klappte. Die Eileiterschwangerschaft mit 36, die Depressionen danach. Die Jahre als Lehrerin, die Brustkrebs-Diagnose und die Rente ein paar Jahre später. Wegen der Krankheit war sie fast ein Jahr ausgefallen, hatte mehrere Rehas hinter sich. „Danach hatte ich keine Power mehr“, sagt Annegret Kutscha. Sie hatte nicht nur eine Brust verloren, sondern auch das Vertrauen in ihren Körper.  „Mein Selbstwertgefühl war dahin. Ich war kein Alphatier mehr, und als Lehrer muss man das sein.“ Sie entschied sich, zurückzukehren in ihre Heimat.

"Bremen war wie ein Sog. Das war ein richtiges Glücksgefühl, der Gedanke, nach Hause zu kommen. Dabei hatte ich die Stadt als düster in Erinnerung. Als ich weg bin, war der Krieg ja gerade erst vorbei, überall standen noch Ruinen und Bunker. Ich kam hierher wie ein Tourist. Als Schlachtezauber war, stand ich mit meinem Glühwein in der Ecke und habe nur geglotzt und gestaunt. Das ist Bremen, dachte ich, so schön und so leuchtend und so bunt! Ich habe die Stadt noch mal ganz neu kennengelernt."

„Ich hatte ein gutes Leben“, sagt Annegret Kutscha. Da ist nichts, das sie quält. Sie hat in sich gesucht, sie hat gewartet, auf Geister aus der Vergangenheit. Erinnerungen an Menschen, mit denen sie nicht im Guten auseinandergegangen war. Falsche Entscheidungen, ungenutzte Chancen. Sie hat tief gegraben, aber sie hat nichts gefunden. „Vielleicht, weil ich immer gemacht habe, was ich für richtig halte“, sagt Annegret Kutscha.

Nicht jeder gehe so ausgesöhnt, sagt Joachim Korte. Der 57-Jährige ist Seelsorger, einmal in der Woche kommt er ins Hospiz und hört denen zu, die mit ihm sprechen wollen. Korte ist katholischer Theologe, aber er spricht mit Menschen aller Konfessionen und auch mit denen, die gar nicht an Gott glauben. „Die Fragen, die wir uns am Ende stellen, sind immer die gleichen“, sagt Korte. „Alle schauen zurück, sie fragen sich, ob es gut war, wie sie es gemacht haben.“

Die Perspektive auf das Leben verändert sich, wenn man weiß, dass es endet, sagt Korte. Der nahende Tod mache ehrlich, er wühle auf, spüle lange Verdrängtes und fast Vergessenes zurück an die Oberfläche. „Wo der Tod ist, da ist oft auch Schuld“, sagt Korte. „Wir rechnen ab mit uns selbst. Wir fragen uns, wo wir anderen Unrecht getan haben, aber auch, wo wir uns selbst nicht gut genug um uns gekümmert haben.“

Was kann man von den Sterbenden für das Leben lernen?  „Was einen am Ende beschäftigt, sind immer die Beziehungen zu anderen Menschen“, sagt Korte. In seinen 27 Jahren als Seelsorger habe er noch nie zu hören bekommen, dass jemand es bereut habe, nicht noch einen Fallschirmsprung gemacht zu haben oder für einen Job ins Ausland gegangen zu sein. Was die Menschen bewege, sei, wo sie andere verletzt haben. Wo sie selbst verletzt wurden. Sie würden sich fragen, ob sie anderen genug gezeigt haben, wie sehr sie sie schätzen, ob sie für ihre große Liebe hätten kämpfen sollen, ob dieser eine Streit nicht eigentlich Unsinn war.

Aber die Menschen schauen nicht nur zurück, sagt Korte, sie schauen auch nach vorne. Korte zitiert einen Satz von Woody Allen: „It‘s not that I‘m afraid of death, I just don‘t want to be there when it happens.“ Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich will nur nicht dabei sein, wenn es passiert. Wer ins Hospiz komme, der sei dabei, wenn er sterbe, sagt Korte. Die meisten würden es sich anders wünschen: „Jeder würde wohl am liebsten einfach tot umfallen“, sagt Korte. Doch das Ende seines Lebens bewusst zu erleben, könne auch eine Chance sein. Eine Chance, Dinge zu regeln. Sich zu verabschieden von den Menschen, die zurückbleiben. Sich auszusöhnen mit anderen und mit sich selbst.

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Die Sessellehne wackelt, als Annegret Kutscha sich mit einer Hand auf ihr abstützt; mit der anderen sortiert sie die Geschenke ihrer Freunde auf der Fensterbank: Blumen, Karten, Fotos. Sie habe sich immer gewünscht, einfach „rüberzuschlafen“, sagt sie. Auf dem Sessel beim Fernsehen einzudösen und einfach nicht mehr aufzuwachen. „Beim letzten Tatort selbst die Leiche sein.“ Sie lacht leise und muss husten, greift nach ihrer Sprühflasche. Als es anders kam, fing sie an, das Danach zu planen. Annegret Kutscha zeigt auf den schwarzen Laptop auf dem Tisch. „Da ist alles drauf“, sagt sie. Vor zwei Wochen hat sie eine Trauerrede geschrieben, eine Trauerrednerin soll sie in ihrem Namen vorlesen, wenn es so weit ist.

Annegret Kutscha hat alles geregelt. Sie hat all ihre Freunde in die Zionskirche in der Neustadt eingeladen, die alten aus Hessen und die neuen aus Bremen. Es soll ein Abschiedsfest werden, keine Trauerfeier, alle sollen in bunt kommen, ihre Samba-Gruppe wird tanzen und ihr Chor wird singen. Am Ende soll die Trauerrednerin ihrer Familie und ihren Freunden danken, sagt Annegret Kutscha. Für jeden hat sie ein paar Zeilen geschrieben. Sie will ihnen Danke sagen, dafür, dass sie da waren bis zum Schluss.

„Freunde zu haben, wie ich sie habe, ist ein Geschenk“, sagt Annegret Kutscha. Menschen, die nicht wegsehen, wenn es unbequem wird, die sich nicht abspeisen lassen mit Sätzen wie „Ach, es geht schon“ oder „Ist nicht so schlimm“. Für sie will sie stark sein. Viele kommen sie noch einmal besuchen. Das sei schön, aber ihr fast ein bisschen zu viel, sagt Annegret Kutscha. Am liebsten hat sie jetzt ihre Schwester um sich. Auch sie lebt in Bremen, jeden Tag kommt sie nach der Arbeit zu Besuch. „Wir reden nicht immer nur über das Sterben“, sagt Annegret Kutscha. „Wir reden über alles, was uns einfällt. Manchmal weinen wir auch nur.“

Es klopft leise an der Tür. Eine Frau schiebt ihren Kopf zur Tür herein, ein Mann guckt über ihre Schulter. Ein befreundetes Paar aus Hessen, das für zwei Tage in Bremen zu Besuch war. Jetzt fahren die beiden ab, sie hätten schon alles zusammengepackt, sagen sie, nun wollen sie Tschüss sagen. Sie bleiben etwas unschlüssig in der Mitte des Raumes stehen. Wie verabschiedet man sich, wenn man weiß, dass man einander zum letzten Mal sieht? Annegret Kutscha macht es ihnen leicht, sie breitet die Arme aus. „Wir machen’s nicht dramatisch“, sagt sie. Sie umarmt erst sie, dann ihn. Es war schön bei dir, sagt er. Wir telefonieren dann, sagt sie. Bevor sie gehen, dreht ihre Freundin sich noch mal um. „Mach dich auf einen guten Weg“, sagt sie, bevor sie die Tür zuzieht.

Annegret Kutscha tastet sich rüber zum Bett, setzt sich auf die Kante, greift zum Handy auf ihrem Nachttisch. Sie wischt durch Fotos. Bremen vor fast einem Jahr, wolkengrauer Himmel, schwarze Baumgerippe, die kleine Laube auf dem Stadtwerder. Davor Annegret Kutscha in dicker blauer Jacke, in die Kamera lachend. Sie ist kaum wieder zu erkennen, ihr Gesicht runder und rosig von der Kälte. „Da war ich noch gesund“, sagt Annegret Kutscha. Das stimmt nicht, das weiß sie. Auch damals war sie schon schwer krank. Was sie meint: Damals fühlte es sich noch nicht so an.  Damals gab es noch Hoffnung, oder zumindest dachte sie das. An jenem Tag im April hat sie einen kleinen Apfelbaum pflanzen lassen. „Da habe ich wohl doch schon irgendwie geahnt, dass ich nicht mehr viel Zeit habe“, sagt Annegret Kutscha. Der Gedanke, etwas von sich in dem kleinen Garten zu hinterlassen, gefiel ihr. Etwas, das ihre Freundin an sie erinnert, wenn sie nicht mehr da ist. Etwas, das bleibt.

Annegret Kutscha setzt sich aufs Bett, rutscht nach hinten und zieht die Beine an, lässt ihren Kopf langsam aufs Kopfkissen sinken. Sie drückt auf einen kleinen Schalter, das Kopfteil fährt surrend nach unten. Am Kleiderschrank lehnt ein großer Bilderrahmen, so, dass sie ihn vom Bett aus gut sehen kann. Eine Collage mit Fotos aus dem Urlaub auf den Kanalinseln: wolkenloser Himmel, sandfarbene Klippen, eine Parkbank vor pinken Blütendolden. Und immer wieder das Meer.

Annegret Kutscha starb am 7. April 2018.
Annegret Kutscha starb am 7. April 2018. (Daniel Chatard)

 Nach dem Ende

*Vor ein paar Tagen hat Autorin Katharina Frohne die Nachricht erhalten, dass Annegret Kutscha am 7. April gestorben ist. 74 Tage war sie im Hospiz, länger als viele andere. Bis zuletzt hat sie gekämpft. Ihr Sterben habe sich hingezogen, sagte Hospizleiterin Keris Schnelle. "Als wolle sie diese Welt doch noch nicht verlassen." Katharina Frohne sagt über die Tage, die sie mit Kutscha verbracht hat: "Annegret Kutschers Spaß am Leben, ihr Pragmatismus und ihr trockener Humor haben mich beeindruckt. Sie hat mir gezeigt, dass in Würde zu sterben nicht nur eine Frage der Umstände ist, sondern auch der Einstellung."

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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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