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Polizeivize besucht Moschee
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Anteilnahme nach Schändung der Korane in Bremen-Mitte

Lisa Boekhoff 12.06.2019

Rund ein Viertel der zerrissenen und verunreinigten Korane konnte durch neue Ausgaben ersetzt werden. Viele Menschen haben sich gemeldet und Spenden angekündigt.
Rund ein Viertel der zerrissenen und verunreinigten Korane konnte durch neue Ausgaben ersetzt werden. Viele Menschen haben sich gemeldet und Spenden angekündigt. (Fotos: Christina Kuhaupt)

In die Moschee in der Löningstraße kommen nach und nach Gläubige. Es ist 13.30 Uhr und damit Zeit für das Mittagsgebet. Die Moschee in der Bahnhofsvorstadt, eine von rund 30 in Bremen, ist fast etwas unscheinbar. Derzeit sind jedoch alle Augen auf sie gerichtet. Vier Tage nach der Schändung von etwa 50 Koranen ist in der Moschee längst kein Alltag eingekehrt. Am Sonnabend haben dort ein oder mehrere Täter Ausgaben der heiligen Schrift des Islam zerrissen, in Toiletten gesteckt, darauf uriniert und gekotet.

Ein junger Mann kommt aus dem Gebetsraum. Viermal am Tag besuche er die Moschee, erzählt Abdikhadar Muhumedbahir. Am Sonnabend sei er am Spätnachmittag ebenfalls hier gewesen, als die Korane bereits zerstört waren. „Ich habe alles gesehen. Das war furchtbar.“ Muhumedbahir hat ein Video der Szene aufgenommen. Oft sei er sonst ganz allein da gewesen. „Ich hatte vorher keine Angst“, sagt er. Das sei nun anders.

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Als Besucher der Rahma-Moschee am Sonnabend entdeckten, was passiert war, verständigten sie den Gemeindevorsitzenden Sammy Baah-Asiedu. „Bücher kann man wieder kaufen“, sagt er am Mittwoch. Doch es gehe um die verletzten Gefühle der Muslime. „Diesen Hass kann ich nicht verstehen. Das tut uns weh.“ Sammy Baah-Asiedu ist ein ruhiger Mann. Er mahnt, den „Ball flach zu halten“ und die Polizei arbeiten zu lassen.

Die Schändung sei eine „reine Provokation“, um zu schauen, wie die Gläubigen reagierten. Tatsächlich seien am Sonntag Muslime, die nicht in der Moschee beteten, hergekommen und forderten eine Demonstration wegen des Vorfalls. „Was bringt das?“, fragt Baah-Asiedu rhetorisch. Kurz nach dem Mittagsgebet, als die ersten Männer bereits wieder die Moschee verlassen, treffen Polizeivizepräsident Dirk Fasse, der Leiter des Staatsschutz Mirko Robbers und der Integrationsbeauftragte der Polizei Norman Aksoy ein.

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Die Besucher ziehen sich nun wie zuvor die Gläubigen die Schuhe aus und betreten den Gebetsraum. Heute sind sie gekommen, um mit Sammy Baah-Asiedu und mit Murat Çelik, Vorstandsvorsitzender des Moscheenverbands Schura Bremen, zu sprechen. Die Polizei will in den Dialog treten. Die Männer sitzen auf den Stühlen und auf der Fensterbank. Auf dem Teppichboden stehen Teller mit Nüssen und Rosinen. Sammy Baah-Asiedu setzt sich herunter.

Murat Çelik spricht davon, dass viele Menschen sich wegen des Vorfalls gemeldet hätten, ihr Bedauern ausdrückten, Spenden versprachen. Er habe auch Kommentare gelesen, die den Vorfall bagatellisieren, es gehe bei den Büchern doch nur um Papier. Die positiven Anrufe und Mails hätten da wirklich gut getan. „Sonst muss man oft das Gegenteil lesen. Wir sind immer die Schuldigen.“

Çelik schildert dann, was er über die Ermittlungen der Polizei gehört und direkt mitbekommen hat. „Nicht optimal“ – das ist sein Eindruck – seien sie verlaufen. „Da hat mir die Feinfühligkeit gefehlt.“ Der Integrationsbeauftragte Aksoy vermutet, dass die Kollegen am Sonnabend am Tatort die Situation sehr sachlich angeschaut und die Brisanz – ohne böse Absicht – falsch eingeschätzt hätten. Er will mit ihnen darüber sprechen. Die Ermittlungen seien wie ein Marathon, bringt es Polizeivize Fasse in ein Bild: Der Start sei nicht optimal verlaufen, aber am Ende liege die Polizei vorne.

Mustafa Güngör und Falk Wagner von der Bremer SPD sind nach einer kurzen Weile zum Gespräch dazu gestoßen. Güngör stört sich an einer Formulierung in der ersten Polizeimitteilung, warum ein religiöser Hintergrund erst geprüft werden müsse. „Leute, das ist eine Moschee.“ Robbers erklärt die Aussage. Der Staatsschutz hat sich des Falls angenommen. „Wir nehmen alles auf wie ein Schwamm“, sagt der Leiter. Am Mittwoch gibt es laut Staatsanwaltschaft noch keine Erkenntnisse zu dem Täter oder den Tätern.

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Am Abend sehen sich Sammy Baah-Asiedu, Murat Çelik von Schura Bremen und Norman Aksoy von der Polizei im Rathaus wieder. Dort gibt es den traditionellen Empfang im Anschluss an den Fastenmonat Ramadan. Seit mehr als 20 Jahren gibt es dieses Zusammentreffen. Die Gäste begrüßen sich teils herzlich, die Stimmung ist gelöst und feierlich. Einige machen Selfies in der Oberen Rathaushalle. Es gibt eine Lesung aus dem Koran. Die Moderatorin erklärt, welche Bedeutung der Ramadan für Muslime hat.

In der Rede von Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) sind die Taten der vergangenen Tage dann wieder präsent. Erst kurz vor der Schändung der Korane ist ein muslimischer Jugendlicher in Bremen mit einem Messer ­attackiert worden. Vor allem wünsche er ihm eine schnelle Genesung, sagt Sieling, spricht der Rahma-Gemeinde sein tiefstes Bedauern aus. „Ich kann nur sagen, dass unsere Sicherheitsbehörden mit Hochdruck an der Aufklärung beider Vorfälle arbeiten.“

Warnung vor Hassstiftenden

Ali Ihsan Ünlü, Landesvorstandsvorsitzender des Moscheenverbands Ditib Niedersachsen und Bremen, warnte im Anschluss vor Kräften, die Hass stifteten und die Menschen gegeneinander aufbringen wollten.

Das zeige sich beim Angriff auf die Moschee. „Wir dürfen nicht zulassen, dass wir getrennt werden und uns unsere gemeinsame Zukunft geraubt wird.“ Den Empfang bezeichnete er als Zeichen gelungener Integration. Und weiter: „Wir sehen uns als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft und in Bremen und überall in Deutschland zuhause.“


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Leserkommentare
holger_sell am 20.10.2019 15:36
Kultur ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und gerade auch in Bremen ein Magnet für den Tourismus.
Außerdem ist Kulturbewusstsein ein großer ...
holger_sell am 20.10.2019 15:30
Jede Politik hat ihre Klientel.
Wollen Sie im Ernst behaupten, dass Menschen, die sich für Kultur interessieren, keine normalen Leute sind ?
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