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Interview mit Christoph Hempel
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Aquarius-Reeder: "Das ist eine völlig unbekannte Situation"

Kristin Hermann 22.07.2018 0 Kommentare

Der Bremer Reeder Christoph Hempel beobachtet die Veränderungen im Mittelmeer mit Sorge. Hinter dem Einsatz der Rettungsorganisationen steht er nach wie vor. 
Der Bremer Reeder Christoph Hempel beobachtet die Veränderungen im Mittelmeer mit Sorge. Hinter dem Einsatz der Rettungsorganisationen steht er nach wie vor.  (Christina Kuhaupt)

Herr Hempel, ist die „Aquarius“ für Sie ein Schiff wie jedes andere, das sie verchartern, oder hat es eine besondere Bedeutung?

Christoph Hempel: Die „Aquarius“ hat über die Jahre hinweg eine intensive Bedeutung für uns bekommen. Wir verfolgen sehr genau, wo das Schiff gerade ist und welche Menschen an Bord genommen werden. Sehr bewegend ist es immer, wenn wir die Listen geschickt bekommen, auf denen steht, wie viele Menschen gerettet wurden und woher sie stammen. Mittlerweile sind ja auch schon einige Babys auf unserem Schiff geboren worden. Das lässt niemanden kalt. 

Haben Sie damit gerechnet, dass der Einsatz so lange dauern wird?

Wir sind ursprünglich von einem Jahr ausgegangen. Am Anfang war die Mission im Mittelmeer auch für uns mit vielen Risiken verbunden, weil wir nicht sicher waren, ob SOS Méditerranée langfristig die Charter bezahlen kann. Das schlimmste Szenario wäre gewesen, die Rettungsaktion kurz nach dem Start wieder abzubrechen und ich der böse Schiffseigner bin, der Menschen ertrinken lässt. Man muss bedenken, dass wir auch eine Verpflichtung der Schiffscrew gegenüber haben. Sie kommen von überall aus der Welt und arbeiten nicht ehrenamtlich. Sie müssen zu Hause ihre Familien ernähren. Damals tauchte glücklicherweise ein Geschäftsmann auf, der eine Garantie für die Organisation übernommen hat. Vom Bremer und vom Bremerhavener Bürgermeister gab es zudem eine große Unterstützung, sodass wir den Mut gefasst haben.

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Momentan spitzt sich die Lage im Mittelmeer zu. Die „Aquarius“ darf ihren Heimathafen in Catania nicht anfahren und liegt in Marseille. Wie bewerten Sie diese Situation?

Italien und Malta lassen die „Aquarius“ aktuell nicht mal in ihre Häfen, um Treibstoff zu nehmen oder Proviant zu laden. Selbst ohne Geflüchtete an Bord ist das nicht möglich. Auch für uns Reeder ist das eine international völlig ungewohnte Situation. Man kennt so ein Verhalten höchstens von Militärschiffen.

Die Hilfsorganisationen haben in den vergangenen Monaten verstärkt mit Anfeindungen zu kämpfen. Stehen auch Sie als Schiffseigner in der Kritik?

Als Reederei bekommen wir nicht so viele Anfeindungen wie die Organisationen. Allerdings werden wir gelegentlich von anderen Reedern und Schiffsleuten kritisch gefragt, ob wir nicht ein Glied in der Kette der Fluchthelfer seien. Ich verweise dann gerne auf UN-Recht, das besagt, dass jeder Mensch in Seenot  gerettet werden muss. Das ist seit ewigen Zeiten so. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es ein leichtsinniger Freizeitsegler oder ein vor Not fliehender Mensch aus Afrika ist. Die Leute werden erst einmal gerettet und in einen sicheren Hafen gebracht. Wenn das ein Kapitän nicht macht, kann er der fahrlässigen Tötung beschuldigt werden.

Es kommt ja auch immer wieder vor, dass Frachtschiffe Geflüchtete aus Seenot retten. 

Einige Reeder hinterfragen deshalb das Gebiet und sehen ein Risiko, dass man schneller in Rettungsorganisationen verwickelt werden kann. Das spitzt sich nun noch mehr zu, weil unklar ist, wie schnell und wo man die Menschen wieder abliefern kann.

Die „Aquarius“ darf ihren Heimathafen im Moment nicht anfahren.
Die „Aquarius“ darf ihren Heimathafen im Moment nicht anfahren. (Reuters)

Sind Ihnen aufgrund der aktuellen Entwicklungen Zweifel an dem Einsatz gekommen?

Nein. Die Zusammenarbeit zwischen den Organisationen und der Schiffsbesatzung funktioniert sehr gut, und die Crew und wir stehen hinter dem Einsatz. Viele unserer Mitarbeiter bitten sogar immer wieder um die Einteilung auf der „Aquarius“. Ich selbst fahre häufig zu dem Schiff und vergewissere mich, dass alles in Ordnung ist. Zuletzt war ich in Valencia, als die „Aquarius“ dort nach vielen Tagen auf See endlich anlegen durfte.

Die Internationale Seeschifffahrts-Organisation hat eine Rettungskoordinierung in Libyen offiziell anerkannt. Glauben Sie, dass das funktionieren kann?

Die „Aquarius“ wird in Zukunft mit der libyschen Leitstelle zusammenarbeiten müssen. Wenn allerdings die Aufforderung kommen sollte, die Menschen in Libyen abzuliefern, wird der Kapitän dem nicht folgen. Die Häfen in Libyen gelten als nicht sicher. Die Geretteten werden auch nicht einem Schiff der libyschen Küstenwache übergeben werden.

Die Hilfsorganisationen haben in den vergangenen Wochen immer wieder von Problemen mit der libyschen Küstenwache berichtet. Sind Sie nicht besorgt, dass ein Einsatz eskalieren könnte? 

Ich weiß nicht, ob die Zusammenarbeit klappen wird, aber ich vertraue den Organisationen. SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen sind erfahrene Leute in Krisensituationen. Gemeinsam mit dem Kapitän und uns wird sehr genau überlegt und beschlossen, welcher Hafen angefahren wird und wie wir reagieren. Auf den libyschen Küstenschutzschiffen sind unter anderem ja auch italienische Besatzungen eingeteilt, weil Boote von der italienischen Marine gestellt werden. Zum Teil springen Flüchtlinge aber auch panisch ins Wasser, wenn sie die libysche Küstenwache sehen. Die „Aquarius“ versucht, mit dem nötigen Abstand zu agieren, damit es nicht zu tödlichen Unfällen kommt. 

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Versuchen Sie von Ihrer Seite aus, Gespräche aufzunehmen, um zu vermitteln? 

Nein, da halten wir uns raus. Besonders Ärzte ohne Grenzen setzt sich in Gesprächen ein, weil sie in Tripolis eine Vertretung und arabisch sprechende Mitarbeiter haben.

Trotzdem werden Sie eine Meinung zu der aktuellen Politik haben.

Mich hat tief enttäuscht, dass Angela Merkel eingeknickt ist und gegen ihre Überzeugung, die ich ihr unterstelle, sich nicht gegen Italien durchgesetzt hat. Wir wollen auch nicht mehr, dass geflohen werden muss. Aber solange die Fluchtursachen nicht bekämpft werden, dürfen wir nicht einen Zaun um Italien setzen.

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Wie lange läuft der Vertrag mit den Organisationen noch?

Der Chartervertrag läuft noch bis Dezember, mit dem Willen von uns, auch verlängert zu werden. Das geht auch relativ kurzfristig.

Was ist, wenn der Einsatz im Mittelmeer tatsächlich nicht weitergehen kann? Was dann?

Ich kann mir momentan nicht vorstellen, die „Aquarius“ wieder als normales Marineschiff einzusetzen. Solange Menschen auf See sterben, sind auch andere humanitäre Einsätze denkbar – in einem anderen Seegebiet oder auch als Hospitalschiff.

Das Gespräch führte Kristin Hermann.

Zur Person

Christoph Hempel ist 62 Jahre alt und Inhaber der Reederei Jasmund Shipping, zu der auch das Schiff "Aquarius" gehört. Es startete im Februar 2016 von Bremerhaven aus in Richtung Mittelmeer, um vor der libyschen Küste Flüchtlinge aus Seenot zu retten. Wenn Hempel nicht in seinem Bremer Firmensitz ist, lebt und arbeitet er auf Rügen.


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...
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