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Verfassungsschützer schreibt Doktorarbeit
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Auch Muslime kritisieren Salafismus

Ralf Michel 05.09.2019 4 Kommentare

Hazim Fouad
Hazim Fouad (PETRA STUBBE)

Der Titel der Doktorarbeit kommt, wie bei Schriften dieser Art fast üblich, etwas sperrig daher – „Zeitgenössische muslimische Kritik am Salafismus. Eine Untersuchung ausgewählter Dokumente“. Dabei geht es um ein ebenso brisantes wie hochaktuelles Thema, auch für Bremen: Wie groß ist der Widerstand gegen den Salafismus in Reihen der Muslime? Hazim Fouad, Islamwissenschaftler und Mitarbeiter des Bremer Landesamtes für Verfassungsschutz ist dieser Frage nachgegangen. Sein Ergebnis: „Es gibt eine Fülle von Salafismuskritik aus den muslimischen Communitys.“ 

Am Donnerstagnachmittag stellte Fouad seine Arbeit gemeinsam mit Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) und dem Leiter des Bremer Verfassungsschutzes, Dierck Schittkowski, vor. Der Islamwissenschaftler hat dafür Texte, Bücher und Predigten rund um den Globus untersucht. Sein Fazit fällt eindeutig aus: Nicht nur, dass die wenigsten Muslime Salafisten seien, nämlich gerade einmal 0,2 Prozent. „Sondern unter ihnen gibt es auch lautstarke Kritiker und Kritikerinnen, die über Bücher, Predigten, Aufsätze und Videovorträge versuchen, dem Salafismus etwas entgegenzusetzen.“ Der Salafismus werde dabei theologisch, islamrechtlich, historisch und soziologisch kritisiert.

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„Dem Salafismus steht allerdings keine geeinte Front an Kritikern gegenüber„, betonte Mäurer. “Das bedeutet, nicht jeder Salafismuskritiker ist automatisch ein lupenreiner Demokrat, denn das Spektrum reicht von liberal-modernen bis zu ultra-konservativen Positionen.“ Dies wiederum sei Ausdruck der Vielfältigkeit des Islams und der Muslime. 

Bei dem Salafismus handelt es sich um eine fundamentalistische Auslegung der islamischen Religion, heißt es zu diesem Thema seitens der Innenbehörde. Sie verfolge politische Ziele, die gemessen am Grundgesetz als extremistisch zu bezeichnen seien. Dabei versuche der Salafismus seine verfassungsfeindlichen Ansichten zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten, Religionsfreiheit und Gleichberechtigung stets als den „wahren Islam“ zu bezeichnen. 

Diejenigen, die nicht das salafistische Islambild teilten, seien aus Sicht der Salafisten keine richtigen Muslime oder im schlimmsten Fall sogar Abtrünnige. Eine Teilgruppe der Salafisten, die sogenannten Jihadisten, sei zudem der Ansicht, dieses Weltbild mit Gewalt durchsetzen zu müssen. Nach wie vor versuche der Salafismus, nicht zuletzt mithilfe finanzieller Unterstützung durch die Golfstaaten, zu der dominanten Interpretation des Islams zu werden. Dies gelte sowohl für die islamische Welt als auch für Europa.

Nicht zuletzt mit Verweis auf die Anschläge durch islamistische Terroristen würde vielfach behauptet, dass sich der Westen in einem Krieg mit dem Islam bzw. der islamischen Welt befindet. Dabei werde genauso wenig differenziert, wie es die Salafisten zwischen den verschiedenen Interpretationen des Islams täten. Vielmehr würde die Gesamtheit der Muslime für die Taten von Extremisten in Geiselhaft genommen, obwohl nur eine Minderheit der Muslime weltweit dem Salafismus angehörten. Laut Fouad beträgt der Anteil der Salafisten unter den Muslimen in Deutschland etwa 0,2 Prozent. 

Etwa fünf Millionen Muslime leben in Deutschland, in Bremen sind es geschätzt 50 000 bis 60 000. Davon werden in Deutschland 11 500 dem Salafismus zugerechnet. In Bremen sind es laut Verfassungsschutz derzeit 540, davon gilt „eine niedrige zweistellige Zahl“ als gewaltbereit, ihnen trauen die Sicherheitsbehörden terroristische Anschläge zu.

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In diesem Bereich nicht alle Muslime über einen Kamm zu scheren, wie es insbesondere die Rechtspopulisten täten, sei der Verdienst der Arbeit von Hazim Fouad, betonte Ulrich Mäurer. „Letztlich stellt die Doktorarbeit einen weiteren Beleg dafür dar, dass nicht 'der Islam' dem Westen feindlich gegenübersteht. Vielmehr stünden sowohl hier, wie auch in den islamischen Ländern, demokratisch gesinnte Menschen, egal ob Muslime oder nicht, Extremisten gegenüber. In Bremen gebe es eine demokratisch eingestellte Gesellschaft, formuliert es Fouad selbst. „Und wir stehen gemeinsam gegen Extremisten, egal welcher Religion wir angehören.“

Auch die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft in Deutschland beziehungsweise Bremen sei aber aufgerufen, diesen Fakt vermehrt in den Vordergrund des öffentlichen Diskurses zu stellen. Eine Partnerschaft mit all denjenigen, die sich gegen Extremismus stellen, gelte es zu fördern und hier im Speziellen das muslimische Engagement hervorzuheben, sagte der Innensenator und nannte beispielhaft das Präventionsprojekt al-Etidal des muslimischen Dachverbandes Schura Bremen. Andernfalls könnten sich die pauschalisierenden Aussagen islamfeindlicher Akteure über den Islam langfristig in der Gesellschaft durchsetzen, fürchtet Mäurer. Dies wiederum könnte aus seiner Sicht dazu führen, „dass sich ein Teil der zu Unrecht angegriffenen Muslime tatsächlich in Parallelgesellschaften oder gar in den Extremismus drängen lässt, was es unbedingt zu verhindern gilt.“

„Der Verfassungsschutz hat den Auftrag, über extremistische Bestrebungen aufzuklären. Dazu gehört auch, in der Öffentlichkeitsarbeit klar zwischen Extremisten und Nicht-Extremisten zu unterscheiden“, betonte auch der Leiter des Landesamtes für Verfassungsschutz, Dierk Schittkowski. Die Dissertation von Dr. Hazim Fouad sei in diesem Sinne ein weiterer Baustein. „Er belegt, dass eine differenzierte Betrachtung und klare Trennung zwischen der sehr geringen Anzahl extremistisch eingestellter Muslime und der weit überwiegenden, nicht-extremistischen Mehrheit von Menschen muslimischen Glaubens unbedingt geboten ist.“


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Leserkommentare
Video2000 am 18.10.2019 19:07
Zynisch könnte man sagen, in vielen Schulen in BHV siehts ja nicht besser aus. Nein, man hat schon viel zu viel Geld in dieses "Wahrzeichen" ...
Bunker-F76 am 18.10.2019 19:04
Bedeutet dies auch, dass der Mann im Falle einer Verurteilung in ein Jugendgefängnis muss?
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