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Interview über Antisemitismus
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„Auf Schulhöfen ist Jude ein Schimpfwort“

Jan Oppel 01.12.2017 10 Kommentare

Thema Beschneidung - Interview mit Elvira Noa
Elvira Noa sieht in sozialen Medien die Hauptplattform für Antisemitismus. (Frank Thomas Koch)

Frau Noa, im ersten Halbjahr 2017 ist die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland erstmals seit zwei Jahren wieder gestiegen. Laut einer Expertenkommission des Bundestags hat knapp ein Drittel der Menschen aus jüdischen Familien innerhalb eines Jahres Beleidigungen erlebt. Ist Antisemitismus in Deutschland wieder hoffähig geworden?

Elvira Noa: Auf jeden Fall. Viele haben keine Scheu mehr, die deutsche Vergangenheit ganz offen als Last abzutun. Und die Juden, die diese Vergangenheit nicht so einfach vergessen können, seien dann auch noch schuld an diesem blöden Gefühl. Das ist eine schreckliche Entwicklung. Natürlich sind die Menschen, die heute hier leben, nicht schuldig. Aber sie haben eine Verantwortung. Antisemitismus zeigt sich auch in der AfD. Wenn Björn Höcke von einem Denkmal der Schande in Berlin spricht, ist das kaum zu ertragen. Ganz besonders äußert sich das auch in immer lauteren anti-israelischen Ressentiments, im Internet und natürlich auf den Schulhöfen.

Wie zeigt sich der Antisemitismus in Bremen?

Erst in dieser Woche wurde die Synagoge in Bremerhaven mit einem Hakenkreuz beschmiert. Wir bekommen viele Briefe, in denen Juden von Beleidigungen und Ausgrenzung berichten. Auf den Schulhöfen ist „Jude“ längst zum Schimpfwort geworden, genau wie „Opfer“. Kinder werden angefeindet, beschimpft und kommen weinend nach Hause. Die Eltern sind besorgt. Manche Lehrer lassen aus Angst vor Diskussionen das Judentum im Religionsunterricht einfach aus. Das gibt es immer wieder. In einem Fall wurden israelische Kinder in der Klasse sogar mit Sachen beschmissen, weil sie im Rahmen eines Projekts ihr Heimatland vorgestellt haben.

Verstehen Kinder, die antisemitische Beleidigungen von sich geben, was sie da eigentlich sagen?

Ich denke, dass sie oft gar nicht wissen, was ein Jude ist. Wenn muslimische Kinder Juden beleidigen, sind das Vorurteile, die von den Eltern oder aus dem Fernsehen einfach übernommen werden. Aber auch wenn diese Kinder eigentlich gar nichts über Juden wissen, kann es für die Betroffenen gefährlich werden.

Wie kann man diese Vorurteile abbauen?

Wir laden zum Beispiel regelmäßig Schulklassen in unsere Synagoge ein. Die Lehrer sind mittlerweile offener geworden und behandeln im Unterricht nicht wie früher ausschließlich den Holocaust. Das ist zweifelsohne wichtig, aber man sollte auch Wissen über die lebendigen Juden vermitteln. Bei den Treffen mit Schülern erlebe ich häufig auch muslimische Kinder, die überzeugte Feinde der Juden sind. Die machen dann große Augen, weil sie sich unter Juden nicht Menschen ‚wie du und ich‘ vorgestellt hatten. Sehr häufig werde ich gefragt, ob ich tatsächlich Jüdin bin. In ihrer Vorstellung kann es gar nicht sein, das Juden nett und freundlich sind.

Müssten die Lehrerinnen und Lehrer besser geschult werden?

Unbedingt. Die meisten sind total verkrampft. Vor allem im Bezug auf Israel, aber auch bei der Vermittlung der jüdischen Religion läuft sehr viel schief. Wir versuchen schon lange, über den Beirat Religion bei der Senatorin für Bildung und Wissenschaft den Unterricht neu aufzustellen.

Wie Sie beschreiben, gibt es in Teilen der muslimischen Gemeinschaft antisemitische Strömungen. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Zuwanderung aus dem arabischen Raum?

Es gibt in unserer Gemeinde natürlich viele Menschen, die Ängste haben. Meistens unter denen, die einst aus der ehemaligen Sowjetunion nach Bremen gekommen sind. Es fällt vielen schwer, zu erkennen, dass die meisten Muslime, die in Deutschland leben, friedliche Demokraten sind. Jedoch gibt es unter Muslimen auch Kreise, die durch die türkisch- und arabischsprachigen Medien und in manchen Moscheen antisemitisch indoktriniert werden. Dort gelten Juden als Teufel. Durch den andauernden Konflikt zwischen Israel und Palästina wird dieser Hass noch verstärkt. Manchen muslimischen Jugendlichen wird von klein auf beigebracht, dass die jüdische Gemeinde und Israel ein und dasselbe sind. Das stimmt natürlich nicht – aber diese Propaganda fruchtet. Nun kommen Geflüchtete dazu, in deren Heimatländern Antisemitismus teils zur Staatsdoktrin gehört. Da ist es nicht auszuschließen, dass sich Vorurteile noch verstärken. Damit müssen wir leben.

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Haben Sie Kontakt zu den muslimischen Gemeinden in Bremen?

Wir haben viele freundschaftliche Beziehungen zu Muslimen. Auch im Kontakt zu Geflüchteten – deren Großteil auch kein antisemitisches Gedankengut mit sich trägt – haben wir in unserer Gemeinde viele positive Erfahrungen gemacht. Die meisten sind sehr offen und sogar erleichtert, wenn sich Vorurteile, die in ihren Heimatländern kursieren, eben gerade nicht bestätigen.

Antisemitische Äußerungen kursieren vor allem in den sozialen Medien. Wie gehen Sie damit um?

Die sozialen Medien sind der Hauptgrund für den wachsenden Antisemitismus. Vor allem, weil die Verfasser solcher Beiträge anonym bleiben können. Andere Gruppen wie etwa eine Gruppe aus Delmenhorst, die der Hisbollah nahesteht, hetzt aber auch ganz offen auf diesen Plattformen gegen Juden. Das ist ein großes Problem. Wir tauschen uns in dieser Sache zwar regelmäßig mit dem Staatsschutz aus, aber nicht in jedem Fall erfüllt diese Hetze auch den Tatbestand der Volksverhetzung.

In Bremen gibt es immer wieder anti-israelische Proteste. Im Sommer wollte eine islamistische Gruppierung in der Innenstadt über das Existenzrecht Israels abstimmen lassen. Wie beurteilen sie solche Aktionen?

Mit einer teils berechtigten Kritik an der Politik Israels hat das meistens nichts zu tun. Islamistische Gruppen wie „die Feder“, anti-israelische Kampagnen wie „Boycott, Divestment and Sanctions“ (BDS) und diese Leute, die vor dem Bremer Dom gegen Israel demonstrieren, glauben alle, einen eigenen Weg zu gehen. Am Ende machen sie es aber alle aus der gleichen Motivation heraus. Die Israelkritik dieser Gruppen ist nur ein Feigenblatt für ihren Antisemitismus. Warum demonstrieren diese Leute nicht gegen die Vertreibung der Rohingya in Myanmar oder gegen den Islamischen Staat? Stattdessen rufen sie: ‚Kindermörder Israel‘.

Fühlen Sie sich mit dem Problem Antisemitismus allein gelassen?

Das ist größtenteils so. Wir müssen diesen Kampf immer alleine führen, dabei sollte er eigentlich aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Das passiert aber leider noch zu selten. Nur wenige Gruppen und Politiker stehen offen hinter uns.

Was muss passieren, dass wir uns in einem Jahr wieder zum Interview treffen und feststellen, das die Lage besser geworden ist?

Das wird schwer. Allein im ersten Halbjahr 2017 gab es in Deutschland 681 antisemitische Straftaten. Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein. Trotz aller Bemühungen nimmt der Hass auf Juden zu. Um diesen Trend zu stoppen, müsste vor allem sehr viel mehr Aufklärung betrieben werden. Bei Lehrern, Polizisten und in Behörden. Aber auch im alltäglichen Umgang mit Juden muss sich etwas ändern. Der ist oft viel zu verkrampft. Wenn man sich bei der Arbeit oder im Bekanntenkreis als Jude zu erkennen gibt, ist es ab diesem Zeitpunkt immer ein Thema. Stattdessen sollte doch der Mensch im Vordergrund stehen und nicht seine Religion.

Das Interview führte Jan Oppel.

Zur Person: Elvira Noa ist Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Bremen. 1953 in Böblingen geboren, kam sie 1980 in die Hansestadt. Die ausgebildete Latein- und Musiklehrerin arbeitet bei der Sozialbehörde.


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Leserkommentare
elfotografo am 22.10.2019 18:55
"Es ist doch ein Märchen, dass man mit einer Loge Geschäftskontakte akquiriert oder pflegt, geschweige denn Geschäfte abschließt."

Haben ...
FloM am 22.10.2019 18:51
@gorgon1:
Abgedroschen ist es den x-ten Kommentar mit undifferenzierten Anschuldigungen zu schreiben.

Die Erkenntnis, daß man Teil ...
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