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Güterbahnhof in Bremen
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Aufruhr im Niemandsland

Marc Hagedorn 15.02.2019 2 Kommentare

Ein Foto, mitten in Bremen aufgenommen, am Güterbahnhof. Hier haben bis vergangene Woche Obdachlose gelebt, nur die Beweise ihrer Existenz sind geblieben.
Ein Foto, mitten in Bremen aufgenommen, am Güterbahnhof. Hier haben bis vergangene Woche Obdachlose gelebt, nur die Beweise ihrer Existenz sind geblieben. (Marc Hagedorn)

Der Weg in das Bremen, das kaum ein Bremer je betritt, führt vorbei an Hallen, die über und über mit Graffitis besprüht sind. 200, 300 Meter, immer entlang der Gleise. Gleich hinter dem Künstlerhaus Güterbahnhof, dort, wo seit zehn Jahren über 200 Künstler, Musiker und Kulturschaffende arbeiten, proben und ausstellen, befinden sich die Bauwagen, in denen die „Querlenker“ wohnen.

So nennen sich die Menschen, die diesen Platz vor ein paar Jahren besetzt haben. Das Areal der „Querlenker“ ist sauber von Paletten und Zäunen begrenzt. Eine drei Meter hohe Skulptur, ein Herz in Türkis, ist nahe des vergitterten Eingangs aufgestellt. Innerhalb der Anlage mag es herzlich sein, für das Land rundherum gilt das nicht. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, in einem Slum oder einer Favela gelandet zu sein.

Die Fläche wirkt wie Niemandsland

Überall liegt Müll. Aufgeweichte Matratzen, zerrissene Klamotten,  zersplitterte Flaschen und Plastik, überall Plastik. Bis vor wenigen Tagen haben hier Obdachlose gelebt, Deutsche, Rumänen, Bulgaren. Jetzt sind sie alle weg. Die Wirtschaftsförderung Bremen (WFB), die das Gelände verwaltet, hat im Auftrag des Wirtschaftsressorts und in Begleitung der Polizei vergangene Woche mehrsprachige Flugblätter an die Bewohner verteilt mit der Aufforderung, das Gelände bitte zu verlassen. Dazu gab es mehr oder weniger sanften Druck, wie es heißt: 500 Euro Strafe soll nun zahlen, wer den Platz betritt. Zurückgeblieben sind die Beweise der Existenz dieser Menschen: Holzhütten, gezimmert aus Paletten und Plastikplanen, Teller, Töpfe, Tische.

Die Fläche hinter dem Güterbahnhof liegt geografisch gesehen fast in der Mitte der Stadt. Sie wirkt wie Niemandsland. Die „Querlenker“, die hier seit 2009 leben, duldet die WFB bisher, mit ihnen schließt sie seitdem immer einjährige Pachtverträge. Für 2019 steht die Verlängerung noch aus, und nun machen sich die Bewohner Sorgen.

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„Mit Blick auf die momentan stattfindende Verdrängung hier auf der Brache und der Infragestellung alternativer Wohnräume in Bremen insgesamt, fragen wir uns als Wagenplatz Querlenker natürlich, ob wir die Nächsten sein werden, die dieser Entwicklung zum Opfer fallen sollen“, heißt es in einer Stellungnahme der „Querlenker“. Die WFB hält sich bedeckt, verweist darauf, dass zunächst das Ordnungsamt die Nutzungserlaubnis erneuern müsse.

Bei den Bewohnern der umliegenden Obdachlosensiedlung dagegen lagen die Dinge klarer. Dafür ist aus Sicht der Behörden zu viel passiert in den vergangenen Monaten. Im Oktober brannten hier mehrere Barracken nieder, im März war ein Obdachloser auf die Schienen gelaufen und von einem Zug überrollt worden. Nicht erst seit diesen Vorfällen gilt das Gelände als „heikel“, wie es aus der Innenbehörde heißt. Es gibt nur eine Zufahrt. Sie führt über Bahngleise, die von Schranken gesichert sind. Für Rettungswagen, Feuerwehr und Polizei bedeutet dies, dass sie im Notfall hier warten müssen, manchmal länger als zwei Minuten, wenn ein Umfahren der Schranken nicht möglich ist. Den Feuerschutz schätzen Experten als „abenteuerlich“ ein. Die Sicherheit, heißt es von offizieller Seite, sei nicht mehr zu gewährleisten. 

In Bremen wird viel über Obdachlose diskutiert

Zu Hochzeiten lebten hier mehr als 60 Menschen, zuletzt waren es nach Auskunft der Behörden noch 15, einige von ihnen sind seitdem verschwunden. Der Großteil aber ist in der Notschlafstelle in der Neuwieder Straße in Tenever untergekommen. Dafür ist in der ehemaligen Flüchtlingsunterkunft extra der dritte Block geöffnet worden. „Es ist schwer für die Menschen, wenn sie ihren angestammten Ort verlassen müssen„, sagt Bertold Reetz, Bereichsleiter Wohnungslosenhilfe bei der Inneren Mission, “aber fürs Erste sind sie jetzt gut untergebracht.“ 

Die Auflösung der Siedlung am Güterbahnhof fällt in eine Zeit, in der in Bremen viel über Obdachlose diskutiert wird. Rund 500 leben nach Schätzung des Senats in der Stadt, davon sind rund 150 bis 200 EU-Bürger, zumeist aus Rumänien und Bulgarien. Nahezu parallel zum Auszug der Obdachlosen am Güterbahnhof ist auch das wilde Campen am Nelson-Mandela-Park am Nordausgang des Hauptbahnhofes unterbunden worden. Die Innenbehörde hat 2018 das „Programm für mehr Sauberkeit, Sicherheit und Aufenthaltsqualität am Bahnhof“ aufgelegt. Die zentrale Frage ist nun: Wo sollen die Obdachlosen hin, wenn sie nicht am Bahnhof bleiben dürfen?

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Bertold Reetz kennt eine Antwort. „Wir haben in unseren Unterkünften Platz für jeden, der bei uns übernachten will“, sagt er. Alles gut ist deshalb aber noch lange nicht. Denn allein mit einer Unterbringung über Nacht ist es nicht getan. Reetz sagt deshalb auch: „Wir wünschen uns in der Stadt mehr Toleranzräume für Obdachlose.“

Der Weg zurück an die wohlvertraute Stelle am Güterbahnhof ist den Obdachlosen versperrt. Die WFB teilt mit, dass „das Güterbahnhofsgelände zunächst eingezäunt wird, um die Verkehrssicherheit und unbefugtes Betreten zu verhindern“. Zu hören ist auch davon, dass ein Sicherheitsdienst regelmäßige Kontrollgänge machen könnte. Die „Querlenker“, so schreiben sie, befürchten eine „dauerhafte Überwachung durch Securities, eventuell Wachschutz und Polizei“.

Das, was jetzt noch steht an provisorischen Hütten und Autowracks soll in Kürze weggeschafft werden. Mit der Entsorgung des herumliegenden Mülls wurde bereits begonnen, die ersten Müllwagen waren da. Langfristig ist die Entwicklung dieses Geländes als Gewerbestandort vorgesehen. Die Sozialbehörde überprüft im Moment, wer von den ausländischen Obdachlosen Ansprüche auf Leistungen aus dem deutschen Sozialsystem hat. Wer keine Ansprüche geltend machen kann, der erhält am Ende nur noch eine einzige Leistung: das Ticket für die Rückreise in die Heimat.

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Leserkommentare
admiral_brommy am 19.10.2019 13:20
Durchaus nicht.



Bildungserfolg hängt immer von diversen Faktoren ab. Daher ist es Aufgabe der Politik, diese Faktoren so ...
suziwolf am 19.10.2019 13:17
@Siegfried ...

Sie machen aber jetzt die Idee der BI zum
regelrechten Mischmasch.

• Produktion von Aluminium ...
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