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70 Jahre Grundgesetz
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Besuch beim Bundespräsidenten: Flüchtlingen das Grundgesetz erklären

Kornelia Hattermann 15.05.2019 0 Kommentare

Uschi und Jürgen Giese nehmen sich Zeit für geflüchtete Auszubildende und gehen auf ihre Fragen ein.
Uschi und Jürgen Giese nehmen sich Zeit für geflüchtete Auszubildende und gehen auf ihre Fragen ein. (Christina Kuhaupt)

Immer Donnerstag morgens reden Uschi und Jürgen Giese über alles Mögliche und lachen über die kuriosesten Dinge – mit vier jungen Leuten, die nach Deutschland geflüchtet sind und beim Bankettmanagement im Bremer Rathaus zur Restaurantfachkraft ausgebildet werden. „Wir sind immer total happy, wenn wir da wegfahren“, sagt die 64-jährige Uschi Giese, „die Aufgabe macht solch einen Spaß, weil man so viele Fortschritte sieht“, ergänzt der 63-jährige Jürgen Giese. Ob es um Dreisatz, Käseherstellung, Weinlagen, Menschenrechte oder das Grundgesetz geht, das Ehepaar hilft den Flüchtlingen, zu verstehen.

Deutschland hat keine Verfassung, sondern ein Grundgesetz, hat Jürgen Giese den vier aus Guinea, Algerien und Mazedonien Geflüchteten erklärt. Was bedeutet Grundgesetz? „Das ist die Hausordnung für die Wohngemeinschaft Deutschland“, hat er es auf den Punkt gebracht. Und wenn es Streit oder offene Fragen gibt, wird das Bundesverfassungsgericht angerufen. Und an dessen Entscheidung muss sich dann jeder halten. Das leuchtet ein.

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Je ein Exemplar von „GG – Das Grundgesetz als Magazin: Die Würde des Menschen ist unantastbar“ haben Gieses den Auszubildenden geschenkt, ein Foto mit der Broschüre von ihnen gemacht, das sie dem Bundespräsidenten mitnehmen werden zur Kaffeetafel für ehrenamtlich Engagierte am 23. Mai in Berlin, zu der sie als zwei von insgesamt fünf Bremerinnen und Bremer eingeladen sind. „Das Grundgesetz ist ein tolles Buch“, bekräftigt Jürgen Giese.

Er hat 1974 zum Abitur einen Grundgesetztext bekommen, wie damals jeder Abiturient in Nordrhein-Westfalen. Doch nicht nur der Inhalt gefällt ihm, „auch die Entstehungsgeschichte ist spannend.“ Jürgen Giese stammt gebürtig aus Dortmund, ist in Minden aufgewachsen und hat als Marineoffizier viel von der Welt gesehen. Er hat zwei Jahre in Paris gelebt, war auch ein halbes Jahr in Sarajewo stationiert und wurde 1998 nach Hamburg versetzt.

Dort arbeitete auch Uschi Giese als Redakteurin bei der Hamburger Morgenpost, sie stammt aus Offenburg, hatte eine kaufmännische Lehre bei Burda gemacht und Volkswirtschaft studiert. Im Februar stellte ein gemeinsamer Bekannter sie einander vor, im August desselben Jahres haben sie geheiratet. Uschi Giese hat bis 2005 bei der Zeitschrift Essen & Trinken gearbeitet, bis Jürgen Giese als Militärattaché nach Tunesien versetzt wurde.

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Zwei Jahre, zwischen 2009 und 2012, hat das Paar wieder in Norddeutschland gelebt. Jürgen Giese, der auch eine Ausbildung als Pädagoge der Erwachsenenbildung hat, war Leiter der Lehre an der Marineoperationsschule in Bremerhaven. Dann wurde ihm ein Posten im Nato-Stab des größten Marine-Stützpunkts im südfranzösischen Toulon angeboten, wo das Paar bis zur Pensionierung im September 2017 lebte und arbeitete. „Wir wissen, wie es sich anfühlt, Ausländer zu sein“, sagen beide, und das, obwohl sie sich selbst als privilegierte Ausländer sahen. Und dennoch, wenn man ein Auto anmelden wolle und trotz guter Sprachkenntnisse bei den Behörden scheitere, dann sei das schon ein sehr befremdliches Gefühl.

„Ich habe 2015 im Fernsehen die vielen Flüchtlinge gesehen und wollte gern etwas tun“, erzählt Uschi Giese, aber das Rote Kreuz in Toulon habe ihr gesagt, es gebe dort keine Ausländer. „In Marseille und Tunis fühlt es sich genau gleich an“, erklärt Jürgen Giese, „die vielen Migranten im Stadtbild sind einfach da, werden nicht als Fremde angesehen.“

Nach der Pensionierung 2017 wollte das Ehepaar eigentlich nach Bremerhaven ziehen, fand dort nichts zur Miete, und kam nach Bremen, wohnt jetzt in Achterdiek. Der raue Ton und die schroffen Umgangsformen in Deutschland erschreckten Jürgen Giese, aber beide fühlen sich wohl in der Hansestadt. Die kurzen Wege, vieles mit dem Fahrrad erledigen zu können, schnell im Grünen zu sein, zählen sie als Vorteile auf. Beide reisen gern und viel, besuchen treue Freunde in Tunesien oder Frankreich oder haben sie zu Gast, spielen Golf. Er liest gern Biografien, sie kocht gern und macht viel im Garten.

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Reingestolpert sind sie in ihr Engagement für Flüchtlinge, erzählt Jürgen Giese. Beim Marineempfang im Februar 2018 im Bremer Ratskeller, bei dem die Kapitäne zur See wie er in den Ruhestand verabschiedet wurden, stellte ihnen die Assistentin des Ratskellermeisters, Claudia Staffeldt, den Auszubildenden Thierno Barry vor. Er war Anfang 20, aus Guinea, und „erklärte uns an diesem Abend die deutschen Weine“. Dabei trinke er gar keinen Alkohol.

Es sei ein wunderbarer Abend gewesen, und Heico Geffken vom Bankettmanagement des Rathauses habe später bei ihnen angefragt, ob sie nicht mit den Auszubildenden zusammentreffen und sie unterstützen wollten. „Er wusste, wir sind frankophil und frankophon.“ Seither erklären Gieses den jungen Geflüchteten, was immer sie nicht verstehen oder was sie bewegt. Sie sind weder Lehrer, noch Betreuer, sondern Gesprächspartner.

So gehen sie mit den Anfang 20-Jährigen Textaufgaben durch, wenn sie mit der Sprache und Wörtern kämpfen. Wenn es beispielsweise heißt „... Milch von Kühen auf den Almweiden ...“ , dann verstehen die Azubis nicht, was Almweiden sind. „Die gibt es bei ihnen nicht.“ Oder das Beispiel „Weingut“. Dabei muss es sich um Spitzenwein handeln, war einer der Meinung, im Gegensatz zu „Wein schlecht“. Solche Missverständnisse klärt das Ehepaar Giese auf.

Uschi Giese profitiert von ihrer kaufmännischen Ausbildung und der Arbeit bei Essen & Trinken: Sie steht häufig an der Tafel vor den vier Jugendlichen, während Jürgen Giese im Internet recherchiert und Videos zeigt, beispielsweise über Käseherstellung. „Der Ausdruck im Gesicht der Azubis, wenn sie etwas verstanden haben – das ist toll“, sagt Uschi Giese. Die Bereitschaft, regelmäßig für sie da zu sein, ist das, was Uschi und Jürgen Giese den Anfang 20-Jährigen bieten. Ein Gewinn für alle.

Zur Sache

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In Kooperation mit dem WESER KURIER wurden fünf, in unterschiedlichen Bereichen engagierte Bremerinnen und Bremer ausgewählt, die am 23. Mai an der Kaffeetafel des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in Berlin Platz nehmen dürfen. Das Staatsoberhaupt will aus Anlass des 70. Geburtstags des Grundgesetzes im Schloss Bellevue mit insgesamt 200 Gästen aus ganz Deutschland diskutieren. Geplant ist ein moderierter Austausch an Tischen mit jeweils acht Gästen über die Werte und Regeln des Grundgesetzes und ihre gesellschaftliche Dimension.


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Leserkommentare
linde79 am 20.10.2019 17:58
Wie wäre es denn, wenn man auch mal die Qualität der Lehrer und Lehrerinnen hinterfragte? Wie wäre es in Anbetracht der Bildungsmisere, die ...
Michalek am 20.10.2019 17:37
Schüler brauchen keine Erhebungen und sie sollten nicht als Versuchskaninchen herhalten müssen.

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