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Bremen fehlt es an Hausärzten

Sabine Doll 13.01.2018 2 Kommentare

Hausarzt
Nach Angaben des Bremer Hausärzteverbandes gibt es aktuell vor allem im Bremer Süden Engpässe. (Maurizio Gambarini/dpa)

Heiko Straube (Name geändert) war schon länger nicht mehr bei seinem Hausarzt. Als er wegen einer akuten Erkrankung einen Termin ausmachen will, stellt er fest, dass es die Praxis nicht mehr gibt. Kein Problem, denkt der Bremer, und sucht im Internet nach einem Arzt in seiner Nähe. Als er bei einer Praxis im Viertel anruft, bekommt er jedoch zu hören, dass aus Kapazitätsgründen keine neuen Patienten aufgenommen werden können. „Da habe ich noch gedacht, das war einfach nur Pech“, erzählt der Bremer. Doch auch in den beiden nächsten Praxen wird ihm gesagt, dass es zurzeit einen Aufnahmestopp gibt. Der Grund sei, dass im Umkreis Praxen geschlossen hätten, es noch keine Nachfolger gebe und deshalb diese Patienten mitversorgt werden müssten.

Beim vierten Anruf hat Heiko Straube Glück und bekommt einen Termin. „Allerdings hat auch diese Hausärztin bestätigt, dass sie über einen Aufnahmestopp nachdenkt, weil sie nicht unbegrenzt Patienten aufnehmen könne, wenn sie die Qualität der Behandlung halten und sich genug Zeit für jeden Patienten nehmen will“, berichtet der Bremer. „Das Argument war für mich absolut nachvollziehbar, aber ich war schon sehr erstaunt, dass es in einer Stadt wie Bremen plötzlich Engpässe bei Hausärzten gibt. Auch wenn das Jammern auf hohem Niveau ist, normalerweise kennt man das nur aus ländlichen Regionen.“

Noch ein Einzelfall?

Für Hans Michael Mühlenfeld ist die Erfahrung von Heiko Straube weder Überraschung noch Einzelfall. „Das kommt über das ganze Stadtgebiet verteilt vor, zurzeit ist zum Beispiel der Bremer Süden stark betroffen, weil dort zwei Kollegen in den Ruhestand gehen“, sagt der Vorsitzende des Bremer Hausärzteverbands. Er sieht mehrere Ursachen für Engpässe und Aufnahmestopps: Es werde immer schwieriger, Nachfolger zu finden, wenn eine Praxis aufgegeben werde. „Das System produziert zu wenige Hausärzte. Nur etwa zehn Prozent der Facharzt-Abschlüsse in Bremen sind Allgemeinärzte. Für eine vernünftige Versorgung der Bevölkerung braucht man aber 40 bis 60 Prozent, um eine ausreichende Zahl an wohnortnahen Hausärzten zu haben“, betont Mühlenfeld.

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Es gehe aber nicht nur um die Anzahl von Ärzten, sondern um die Versorgung und den Aufwand. Und der nehme seit Jahren kontinuierlich zu – weil es immer mehr ältere und damit auch mehr chronisch kranke Patienten gebe. „Sie benötigen eine deutlich intensivere Versorgung. Wenn man diese verantwortungsvoll gewährleistet, bedeutet das auch, dass man mehr Zeit investieren muss.“ Pro Patient könnten das schnell zwei Stunden im Quartal werden, neben der Sprechstunde in der Praxis gehörten Hausbesuche dazu.

Nah an der Überversorgung

Rein formal und in Zahlen gibt es nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB) in Bremen genug Hausärzte, der Versorgungsgrad liege bei 109 Prozent. Ab 110 Prozent gilt ein Planungsbezirk als überversorgt, 100 Prozent gelten als Normalversorgung. Aber auch der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung, Jörg Hermann, warnt vor aktuellen und vor allem künftigen Engpässen in der Versorgung mit Hausärzten, die von dieser Statistik nicht wiedergegeben werden. „Es gehen auch in Bremen mehr Hausärzte in Rente als neue nachkommen. Bremen steht zwar besser da als ländliche Regionen, aber auch wir werden diese Entwicklung zu spüren bekommen. In einigen Stadtteilen macht sich dies bereits bemerkbar.“

Zum 1. Januar etwa habe eine Doppelpraxis in der Neustadt geschlossen, für die es bislang keinen Nachfolger gibt. Davon seien etwa 1800 Patienten betroffen, die zunächst auf andere Hausärzte ausweichen müssten. Hermann: „Unsere Prognose ist: Wir werden im Stadtgebiet pro Jahr fünf bis sechs Hausärzte verlieren, weil es einfach nicht genug Nachfolger gibt.“ Der Altersdurchschnitt der Hausärzte in Bremen liege bei 55 Jahre, fast ein Drittel sei älter als 60 Jahre.

Wenige Studierende wollen Hausarzt werden

Ein Grund für die Entwicklung sei, dass die Zahl der Studierenden der Humanmedizin bundesweit auf 11 000 pro Jahrgang begrenzt sei. Nur ein kleiner Teil der Absolventen entscheide sich dafür, als Hausarzt tätig zu werden. Um diese Nachwuchskräfte sei ein heftiger Wettstreit unter den Bundesländern und den einzelnen Kommunen entbrannt. „Wenn Bremen davon nicht ganz entkoppelt werden will, muss sich die Stadt aktiv in diesen Wettbewerb einschalten. Bremen müsste zum Beispiel eine humanmedizinische Fakultät einrichten, damit Studierende in Bremen heimisch werden und auch danach hierbleiben.“ Da sogenannte Landeskinder in anderen Bundesländern bevorzugt zugelassen werden sollen, sei das Land Bremen ohne eine Medizinfakultät dauerhaft im Nachteil, warnt Hermann.

Das Land könne zudem Medizinstudierende durch Zuschüsse frühzeitig für eine spätere Tätigkeit in Bremen motivieren. Eine weitere Idee wäre, dass Bremen und die KVHB gemeinsam über eine Stiftung eine Art Ärztehaus in zentraler Lage gründet, wo Hausärzte in unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen praktizierten, so Hermann. Damit könnten etwa Hausärztinnen und Hausärzte zurückgewonnen werden, die aus familiären Gründen nur an bestimmten Tagen und zu bestimmten Tageszeiten arbeiten könnten. „Der Senat hat für zwei Jahre einen Doppelhaushalt aufgestellt, diese Themen sind darin aber nicht vorgesehen. Spätestens im darauffolgenden Haushalt muss dies jedoch passieren“, fordert der KVHB-Chef. „Nur mit Willensbekundungen wird man das Problem nicht lösen.“


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Leserkommentare
FloM am 22.10.2019 18:24
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