Wetter: wolkig, 7 bis 15 °C
Nach sechs Monaten im Landesvorstand
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Bremer Ex-AfD-Vorstand Lührssen: Der Preis des politischen Engagements

Jürgen Theiner 03.02.2019 20 Kommentare

Der Journalist Hinrich Lührssen sah seine Zukunft in der Bremischen Bürgerschaft, doch daraus wird nichts.
Der Journalist Hinrich Lührssen sah seine Zukunft in der Bremischen Bürgerschaft, doch daraus wird nichts. (Frank Thomas Koch)

Er wollte AfD-Spitzenkandidat für die Bürgerschaftswahl werden, doch dieser Plan hat sich zerschlagen. Vielleicht ist es ganz gut so, sagt Hinrich Lührssen in der Rückschau auf ein halbes Jahr, das sich für ihn wie ein einziger großer Scheuersack anfühlen muss. Eine Zeit, die ihn beruflich und privat ins Abseits führte, in der alte Freundschaften zerbrachen und sich neue als Trugbild erwiesen. Der 60-Jährige hat einen hohen Preis gezahlt für seinen Trip „nach Nordkorea und zurück“, wie er es heute empfindet.

Nordkorea – so bezeichnet Lührssen den Landesvorstand der Bremer AfD. Ein exotisches Reiseziel, um im Bild zu bleiben; eines, auf das man sich gründlich vorbereitet, bevor man sich auf den Weg macht. Genau das hatte Lührssen offenbar versäumt, als er im Juni 2018 der AfD beitrat. Der 60-Jährige war bis zu diesem Zeitpunkt nie mit politischen Aktivitäten in Erscheinung getreten. Man kannte ihn als Journalisten des Fernsehmagazins „Buten un Binnen“. Boulevardeske und humorvolle Beiträge waren dort sein Metier. Viele Jahre hatte er außerdem für „Stern-TV“ gearbeitet, eine Zeitlang als Chef vom Dienst.

Mehr zum Thema
Bürgerschaftswahl in Bremen: Journalist Hinrich Lührssen will AfD-Spitzenkandidat werden
Bürgerschaftswahl in Bremen
Journalist Hinrich Lührssen will AfD-Spitzenkandidat werden

Der Fernsehjournalist Hinrich Lührssen will Spitzenkandidat der Bremer AfD bei der ...

 mehr »

Man sitzt wohl keiner rechten Propaganda auf, wenn man konstatiert, dass viele Journalisten in Deutschland eher rot-grüne oder liberale Präferenzen haben. Für Hinrich Lührssen gilt das nicht. Er hat sein Kreuz in der Vergangenheit meist bei der CDU gemacht. Die Aufgabe konservativer Positionen durch die Christdemokraten in der Ära Merkel verfolgte der gebürtige Bremerhavener mit Unbehagen.

Flüchtlingskrise als Auslöser

„Als dann 2015/16 Hunderttausende Migranten ins Land strömten, bin ich sehr ins Nachdenken gekommen, ob das  gutgeht“, erzählt Lührssen. „Ich fand und finde noch heute: Man kann nicht so viele Leute aus fremden Kulturen unkontrolliert reinlassen und erst später schauen, wer denn da gekommen ist.“ Er habe den Drang verspürt, politisch etwas dagegen zu unternehmen. Als einzige relevante Kraft im Parteienspektrum sei dafür die AfD infrage gekommen.

Zwei Monate nach seinem Eintritt, im August 2018, überschlugen sich die Ereignisse. Durch eine Indiskretion wurde via Facebook nicht nur Lührssens Mitgliedschaft bekannt, sondern auch seine Aufnahme in den Landesvorstand. „Dass ich in den Vorstand berufen worden war, ist mir selbst zunächst gar nicht bekannt gewesen“, beteuert Lührssen. Das habe ihm Landeschef Frank Magnitz erst auf Nachfrage bestätigt.

Mehr zum Thema
Reportage vor verschlossener Tür: Bremer AfD kürt Magnitz zum Spitzenkandidaten
Reportage vor verschlossener Tür
Bremer AfD kürt Magnitz zum Spitzenkandidaten

Der Bremer AfD-Landesvorsitzende Frank Magnitz ist zum Spitzenkandidaten seiner Partei für die ...

 mehr »

So oder so: Die Sache versetzte dem 60-Jährigen beruflich wie privat einen schweren Schlag. Radio Bremen verhängte eine faktische Beschäftigungssperre, soziale Kontakte rissen von einem Tag auf den anderen ab. „Es gab Bekannte, die mich als Nazi-Schwein beschimpft haben. Der Lehrer meines Sohnes grüßte mich nicht mehr.“

Über Nacht zur Unperson geworden

Einige Wohlmeinende aus der Journalisten-Community hätten ihm zugetraut, eine Art „Wallraff-Nummer“ im Sinn zu haben. Also in Wahrheit gar nicht mit der AfD zu sympathisieren, sondern dort Material für eine Insider-Geschichte zu sammeln, um dann später mit Aplomb auszutreten und die Erfahrungen in einem Buch- oder Filmprojekt öffentlich auszubreiten. Doch für die Allermeisten, sagt Lührssen, sei er quasi über Nacht zur Unperson geworden.

Dass es unauflösliche Widersprüche gab zwischen seiner jahrzehntelang ausgeübten Profession und einer Vorstandstätigkeit bei der AfD konnte der 60-Jährige nicht leugnen. Weder gegenüber sich selbst noch vor der breiteren Öffentlichkeit, der Lührssen Anfang September durch einen Auftritt in der ZDF-Talkrunde „Markus Lanz“ bekannt wurde. Wie er es denn mit seinem journalistischen Selbstverständnis vereinbaren könne, dass aus der AfD, seiner neuen politischen Heimat, häufig der Vorwurf der „Lügenpresse“ erhoben wird, wurde er dort gefragt. Lührssens Antwortversuche fielen eher kläglich aus.

Mehr zum Thema
Analyse: Gefährlicher Flirt: Die Bremer AfD und der Höcke-Flügel
Analyse
Gefährlicher Flirt: Die Bremer AfD und der Höcke-Flügel

Der Verfassungsschutz hat die AfD in Bremen zum Prüffall erklärt. Gesucht werden nun auch ...

 mehr »

Erste Zweifel an seinem politischen Engagement kamen Lührssen schon nach einigen Wochen. So stellt er es jedenfalls heute dar. Verblüfft habe ihn vor allem das Fehlen jeglicher Debattenkultur. „Es gibt in der Bremer AfD praktisch keine Foren, in denen politische Diskussion stattfindet“, sagt Lührssen. Keine thematischen Arbeitsgruppen, keine Stammtische, keine sonstige Gelegenheit zur Meinungsbildung.

Bei den Vorstandssitzungen seien inhaltliche Aussprachen über aktuelle Themen eine Rarität. Der Landesvorstand diene eher der Befehlsausgabe durch Magnitz und seinen Bremerhavener Statthalter Thomas Jürgewitz. „Ich hätte mich damit früher kritisch auseinandersetzen müssen“, räumt Lührssen ein. Allerdings habe es Frank Magnitz auch immer verstanden, seine einsamen Entscheidungen in dem Gremium überzeugend zu verkaufen – die immer neuen Parteiordnungsverfahren gegen aufmüpfige Mitglieder, die Abwicklung widerborstiger Kreisverbände, das Meldeportal „gegen Ideologie und Indoktrination an Bremer Schulen“.

Bruch mit Magnitz erfolgte spät

Der endgültige Bruch mit Magnitz erfolgte spät, und auch erst, nachdem dieser Lührssens Karriereambitionen durchkreuzt hatte. Es ging um die Spitzenkandidatur für die Bürgerschaftswahl am 26. Mai. Lührssen hatte sie frühzeitig angepeilt, nach eigener Darstellung war er darin von Magnitz bestärkt worden. Ende Oktober kam es zu einer Art Probeabstimmung, zu der die AfD-Spitze die Mitglieder in eine Hemelinger Gastronomie eingeladen hatte.

„Ich bekam da große Zustimmung“, sagt Lührssen. Allerdings hätten sich Landesvize Jürgewitz und der Bürgerschaftsabgeordnete Alexander Tassis bei der Veranstaltung so heftig beharkt, dass klar gewesen sei: Eine öffentliche Aufstellungsversammlung kann sich die Bremer AfD nicht leisten, sonst würde die innerparteiliche Zerrissenheit für Außenstehende deutlich. Die Listenaufstellung wurde schließlich für Anfang Januar anberaumt, die Presse musste vor der Tür bleiben.

Mehr zum Thema
Kritik an den Medien: Wie die AfD zum Rundfunk steht
Kritik an den Medien
Wie die AfD zum Rundfunk steht

Nachdem TV-Reporter Hinrich Lührssen von Radio Bremen keine Aufträge mehr bekommt, will er sich als ...

 mehr »

Wie die Sache ausging, ist bekannt: Obwohl er entsprechende Absichten zuvor vehement bestritten hatte, erklärte Magnitz seine Kandidatur für den Spitzenplatz auf der AfD-Liste und setzte sich in einer Kampfabstimmung klar gegen Hinrich Lührssen durch. Es gibt Fernsehbilder, die Lührssen nach verlorener Schlacht vor der Gaststätte „Alt-Tiflissi“ zeigen. Die Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Wenig später erklärte er seinen Rückzug aus dem AfD-Landesvorstand. Er sei wohl auch deshalb von Magnitz ausgebootet worden, sagt Lührssen in der Rückschau, weil Magnitz‘ innerparteiliche Gegner ihre Hoffnungen auf ihn gesetzt hätten. Magnitz habe davon Wind bekommen und entsprechend gehandelt.

Er hatte Berufspolitiker werden wollen

Es wird also nichts aus der zweiten Karriere des Hinrich Lührssen. Er hatte Berufspolitiker werden wollen, Fraktionsvorsitzender der AfD in der Bürgerschaft, ein 12 000-Euro-Job. Stattdessen ist er nun ein Ex-Journalist, der es schwer haben wird, wieder in einer Redaktion Fuß zu fassen. Materiell sei ihm nicht bang, versichert er. Er habe stets gut verdient und einiges zurücklegen können.

Schwerer wiege die Enttäuschung über die Art und Weise, wie mit ihm umgegangen worden sei. Lührssen hadert auch mit sich selbst, mit seiner zeitweiligen Realitätsverweigerung. „Ich stehe jetzt natürlich doof da“, sagt der 60-Jährige. Eine interessante Erfahrung seien die vergangenen sechs Monate gleichwohl gewesen. Interessant auch für Außenstehende. Vielleicht werde er die Innenansichten, die er in der AfD gewann, nun doch in journalistischer Form verarbeiten. Als eine Art Reisebericht. Einmal Nordkorea und zurück.


Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 15 °C / 7 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/wolkig.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/bedeckt.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 40 %
Berichte aus den Bremer Stadtteilen
Sehen Sie in dieser Bildgalerie, wie facettenreich Bremens Stadtteile sind.
Was ist los in meiner Nachbarschaft? Welche Veranstaltungen finden in meinem Ortsteil statt und welche Debatten führen die Beiräte auf Stadtteilebene? Hier geht es zu den Inhalten des STADTTEIL-KURIER.
Entdecken Sie das historische Bremen
... die Teerhofinsel zu sehen.

Ob Bahnhof, Marktplatz, Weserstadion oder Schlachte: Das Bremer Stadtbild hat sich im Laufe der Zeit erheblich verändert. Wir berichten über vergessene Bauten, alte Geschichten und historische Ereignisse.

Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Aktueller Mittagstisch in Bremen
Traueranzeigen
job4u - Das Ausbildungsportal
job4u - Das Ausbildungsportal

job4u ist die regionale Plattform, wenn es um Lehren und Lernen geht. Neben dem WESER-KURIER, der Handelskammer und der Handwerkskammer Bremen machen sich hiesige Firmen für junge Leute stark. 

Sonderthemen aus den Stadtteilen
Sonderthemen aus den Stadtteilen
Anzeige