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Mixed Martial Arts
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Bremer kämpft im Käfig

Christiane Mester 09.02.2019 0 Kommentare

Im Käfig trifft Massood aus Bremen auf seinen Gegner aus Wittenberg. Die Sport-Kommentatoren der Liveübertragung sind sich einig: Der Schlagabtausch zwischen beiden ist einer der unterhaltsamsten Auftaktkämpfe, den sie jemals bei einer Fight-Night
Im Käfig trifft Massood aus Bremen auf seinen Gegner aus Wittenberg. Die Sport-Kommentatoren der Liveübertragung sind sich einig: Der Schlagabtausch zwischen beiden ist einer der unterhaltsamsten Auftaktkämpfe, den sie jemals bei einer Fight-Night gesehen haben. (Vasil Dinev)

Die Gegner stürzen aufeinander los. Harte Schläge immer wieder, ein Fuß schnellt hoch, das Knie stößt ins Gesicht. „Gib ihm!“, gellt es fordernd aus der Menge und schon kracht einer rücklings in den Zaun. Ein Moment lang Stille. Dann brandet unter den gut 4000 Zuschauern in der Arena in Berlin Applaus auf: Massood Sadeqpoor, 18, Flüchtling aus Afghanistan, der jetzt in Bremen lebt, ist wieder auf den Beinen. Der Gegner ist größer, älter, kampferfahren. Drei K.o.-Siege bescheinigt ihm die Statistik. Doch Massood hat einen Traum: Er will Profi-Fighter werden.

Es gab Zeiten, da waren körperliche Auseinandersetzungen für ihn nicht nur ein Sport, sondern überlebenswichtig. „In Kabul ist jeden Tag Stress, da kann man sich nicht einfach umdrehen und weggehen. Sie schlagen dich nur noch härter zusammen“, erzählt Massood vom Alltag der Kinder und Jugendlichen, die in einer vom Krieg verrohten Gesellschaft auf sich gestellt sind. Seit Jahrzehnten terrorisieren Dschihadistengruppen und lokale Machthaber die Bevölkerung Afghanistans. Massood ist dem entkommen. 2015 floh er und stellte als einer von 22 255 unbegleiteten Minderjährigen einen Asylantrag. Deutschland, das bedeute für ihn: „Freiheit, Sicherheit und freundliche Menschen.“ Doch er kämpft weiter. Kampfsport hat sich Zeit seines Lebens als nützlich erwiesen.

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Mit Ringen fing es an. Die ersten Griffe zeigte ihm sein Vater, da konnte Massood gerade laufen. Einst war der Vater selbst ein erfolgreicher Ringer und verdiente sein Geld als Polizist. Heute ist er berufsunfähig und spielt Karten. „In seinem Kopf stecken die Splitter einer Bombe“, erklärt Massood, was das Wesen seines Vaters verändert und der Familie den Terror ins Haus gebracht habe. Missfiel ihm etwas, schlug er zu. So floh Massood immer wieder auf die Straßen der Stadt, die eine einzige Gefahrenzone ist. „Meine Nase war zum ersten Mal gebrochen, da war ich noch ganz klein“, erinnert er sich. 

Mehr als 4000 Besucher wollen die Kämpfe in der Arena in Berlin sehen. MMA ist ein Spektakel.
Mehr als 4000 Besucher wollen die Kämpfe in der Arena in Berlin sehen. MMA ist ein Spektakel. (Vasil Dinev)

Kampfsport als Ausweg

Kampfsport erwies sich als Ausweg. Massood errang bei Wettkämpfen den Ruf, ein unbezwingbarer Fighter zu sein. Das habe ihn vor Angriffen beschützt, berichtet er, und so malte er sich eine Zukunft als berühmter Profi aus. Was in Afghanistan begann, setzt er nun in Deutschland fort: Massood betreibt „Mixed Martial Arts“  (MMA) – eine nicht unumstrittene Mischung aus Boxen, Taekwondo, Ringen und anderen Kampfkünsten. In der Arena hat Massoods Gegner seinen Auftritt kurz nach ihm. Aus dem Dampf der Nebelmaschine tritt ein junger Mann aus Wittenberg ins Scheinwerferlicht – den Oberkörper in eine Deutschlandfahne gehüllt. Als wäre das, was nun folgt, eine Weltmeisterschaft und das Kräftemessen, Mann gegen Mann, eine Schlacht zwischen zwei Nationen. „We Will Rock You“ hallt aus den Boxen und das Stampfen und Klatschen klingt wie eine Botschaft an den Afghanen: Du bist alleine, wir sind viele. „Ladies and Gentlemen!“, tönt der Sprecher ins Mikro, „zweimal fünf Minuten: fight!“

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Dann kommen die harten Schläge, Tritte, immer wieder Bodenkampf. Die Kräfte schwinden, doch es ist noch nicht vorbei. Weiter, immer weiter – das ist auch der Gedanke, von dem Massood erzählt, wenn er über seine Flucht spricht. Es begann mit einem Fußmarsch nach Iran: tagsüber laufen, nachts eingegraben in einem Erdloch schlafen. Am Anfang der gefährlichen Reise seien sie viele gewesen, erzählt er, doch das habe sich bald geändert. Massood hat es geschafft. Im Kofferraum eines Autos wurde er von Schleppern schließlich bis nach Europa gekarrt. Mehr als ein halbes Jahr sei er unterwegs gewesen.

Massood spricht ein letztes Mal vor dem Kampf mit seinem Coach.
Massood spricht ein letztes Mal vor dem Kampf mit seinem Coach. (Vasil Dinev)

Der Traum der Profikarriere

In Bremen geht er zur Schule, absolviert ein Praktikum und macht sich Gedanken über eine Ausbildung, aber es ist der Traum von der Profikarriere, der Identität stiftet. Es dauerte nicht lange, da suchte er nach einer Trainingsstätte und fand im Gym einen Anlaufpunkt – und Freunde. MMA baute ihm eine Brücke in ein neues Leben, an dem er besonders eines schätzt: „In Deutschland entscheide ich, ob ich kämpfen will oder nicht.“

Massood hat verloren. Sein Gegner umarmt ihn nach dem Kampf.
Massood hat verloren. Sein Gegner umarmt ihn nach dem Kampf. (Vasil Dinev)

Als in der Arena die zweite Runde beendet ist, sprechen die Kampfrichter das Urteil: Punktsieg für den Wittenberger. Der umarmt Massood mit der Deutschlandfahne. Seinen ersten Profikampf in Deutschland hat Massood verloren – ein anderer Kampf ist noch im Gange. Der Asylantrag wurde abgelehnt. Das Widerspruchsverfahren läuft, aber im Hin und Her mit den Behörden kann Massood kaum etwas ausrichten. Nach der Niederlage ist er am Boden, aber alleine ist er nicht. „We all are one“ ist das Motto seines Teams – es klingt wie ein Versprechen.

Gelten kann es nur auf Zeit. Hierzulande mangelt es dem Sport an Akzeptanz, und Profiverträge sind rar. Wer seinen Lebensunterhalt als MMA-Kämpfer bestreiten will, der muss raus aus Deutschland, sich quer durch Europa kämpfen und auch international Siege sammeln. Es ist ein langer, mühsamer Weg, auf dem manch einer auf der Strecke blieb.


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Leserkommentare
suziwolf am 23.10.2019 06:43
„Aaaah“ „oooh“ sagt der/die Feuerwerker*in Sylvester 2019
💫💥☄️

„Uuuuh“ sagt die Umwelthilfe ...

Es sollte für‘s ...
rakase am 23.10.2019 03:13
Den grundsätzlichen Ärger über zugeparkte Strassen kann ich ja voll und ganz nachvollziehen, auch wir müssen teilweise ganzjährig einen Kilometer zum ...
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