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"Das sind erschreckende Befunde"

Sabine Doll 28.05.2018 2 Kommentare

Mark Birnstiel ist Sprecher der Verdi-Betriebsgruppe und war viele Jahre als Fallmanager im Jugendamt tätig.
Mark Birnstiel ist Sprecher der Verdi-Betriebsgruppe und war viele Jahre als Fallmanager im Jugendamt tätig. (Christina Kuhaupt)

Herr Birnstiel, eine aktuelle und bundesweite Studie der Hochschule Koblenz zeichnet ein vernichtendes Bild der Arbeitsbedingungen von Sozialarbeitern in deutschen Jugendämtern: Sie haben zu viele Fälle zu bearbeiten, zu wenig Zeit für ihre Kernarbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien. Überrascht Sie das Ergebnis?

Mark Birnstiel: Nein, überhaupt nicht. Das sind ganz erschreckende Befunde über die Zustände und die Personalausstattung in den Jugendämtern. Die Studie war bundesweit Thema. Allerdings, und das muss ich ketzerisch sagen, hat diese Debatte gerade einmal eineinhalb Tage gehalten. Und das sagt einiges über den wirklichen Stellenwert des Kindeswohls in dieser Gesellschaft aus.

Spiegeln diese Befunde auch die Situation im Bremer Jugendamt wider?

Man muss zwar berücksichtigen, dass die Jugendämter bundesweit unterschiedlich aufgestellt sind. Im Großen und Ganzen treffen die Ergebnisse aber auch auf Bremen zu. Wir machen als Gewerkschaft schon seit Langem unter anderem mit Forderungen nach mehr Stellen für Fallmanager im Jugendamt darauf aufmerksam. Ein wichtiger Erfolg war, dass der Senat im November 2016 einen Beschluss fasste, die Mitarbeiter im Jugendamt um eine Gehaltsgruppe besser zu bezahlen. Das war auch deshalb wichtig, um mit anderen Jugendämtern im Umland im Wettbewerb um Sozialpädagogen konkurrenzfähig zu sein. Das reicht allerdings nicht, um aus der prekären Lage zu kommen.

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Ein Ergebnis der Studie ist auch: Zwei Drittel ihrer Arbeitszeit verbringen die Sozialarbeiter nicht mit ihren Klienten, sondern mit der Dokumentation der Arbeit. Ist der Job als Fallmanager zu bürokratisch?

Auf jeden Fall. Dokumentation von Beratungsgesprächen und Maßnahmen oder das Erstellen von Hilfeplänen sind natürlich wichtig, aber nicht in so epischer Breite wie gefordert. Ganz klar: Die Überbürokratisierung pädagogischer Arbeit gibt es auch in Bremen so. Die Arbeit am Menschen macht in Bremen unter 50 Prozent aus. Nicht einmal die Hälfte ihrer Arbeitszeit können die Sozialarbeiter direkt für Familien, Kinder und Jugendliche aufwenden. Das ist erschreckend. Ich habe früher auch als Fallmanager gearbeitet, und die Maxime für diese Arbeit lautet: Der Mensch geht vor Papier.

Also weniger Bürokratie?

Genau. Die Kernforderung von Verdi ist vor allem: mehr Personal, mehr Case-Manager und die Einführung einer sogenannten Fallobergrenze.

Das heißt?

Ein Fallmanager in Vollzeit darf nicht mehr als 28 Fälle bearbeiten. In Bremen spielt derzeit die Fallbelastung pro Case-Manager gar keine Rolle. Es gilt die politische Zielzahl von 150 Vollzeitstellen für Fallmanager im Jugendamt. Das bedeutet: Wie viele Fälle ein Case-Manager in Bremen real bearbeitet, ist demnach irrelevant. Wenn Bremen diese Forderung umsetzt, müssen weitere Stellen geschaffen werden.

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Wie viele Fälle betreut ein Case-Manager im Jugendamt heute im Schnitt?

Von 28 Fällen, wie gefordert, sind wir weit entfernt. Als ich noch als Fallmanager gearbeitet habe – das ist acht Jahre her –, waren es nie unter 70 Fälle. Vor zwei Jahren, als noch mehr Stellen im Jugendamt unbesetzt waren, waren es teilweise bis zu 90 Fälle pro Mitarbeiter. Damals hatten wir noch einen Unterhang von rund 30 Vollzeitstellen. Da stehen wir nicht mehr, aber die Zahl liegt deutlich über 28 Fällen pro Case-Manager. Eine konkrete Zahl zu nennen, ist auch deshalb schwierig, weil die einzelnen Mitarbeiter neben dem Thema Kindeswohl auch andere Aufgaben wie Trennungs- und Scheidungsberatungen oder Jugendhilfe im Strafverfahren übernehmen. In Bremen macht der Fallmanager im Gegensatz zu anderen Bundesländern wirklich alles selbst. Es gibt zum Beispiel beim Thema Kindeswohl auch keine Eingreiftruppe für Hausbesuche. Deshalb brauchen die Mitarbeiter mehr Zeit – und weniger Fälle.

Der Senat sieht das offenbar anders. Die Linken-Fraktion hat das Thema an diesem Dienstag mit einer Großen Anfrage und einem Antrag zur Einführung der von Ihnen genannten Fallobergrenze auf die Agenda der Bürgerschaftssitzung gesetzt. In der Antwort auf die Anfrage heißt es vom Senat ganz klar, dass das Bremer Jugendamt in der Lage sei, seine gesetzlichen Aufgaben "vollumfänglich und zeitnah" wahrzunehmen.

Dem stimme ich überhaupt nicht zu. Was heißt vor allem zeitnah: morgen, nächste Woche, nächsten Monat oder nächstes Jahr? Diese Aussage reicht nicht aus, und sie wird vor allem auch nicht dem gestiegenen Bedarf gerecht. Es gibt mehr Menschen, mehr Familien in der Stadt, die die Unterstützung des Jugendamts benötigen. Dieser gestiegene Bedarf hängt auch mit der Zunahme von Armut in Bremen zusammen. Wir haben immer über 30 Prozent Kinderarmut, und das hat natürlich direkten Einfluss auf die Arbeitsbedingungen meiner Kolleginnen und Kollegen. Vor allem auch deshalb ist die Personalobergrenze von 150 Vollzeitstellen längst aus der Zeit gefallen.

In der Senatsantwort heißt es auch, dass die Fallzahl pro Fallmanager von 36 auf knapp 32 heruntergegangen sei.

Die Arbeitgeberseite zählt ganz entscheidende pädagogische Aufgaben, wie bereits genannt, nicht als Fall. Viele Beratungssituationen finden in der Skala der Arbeitgeber überhaupt nicht statt, eben wie zum Beispiel die Trennungs- und Scheidungsberatung. Um unseren Gesetzesauftrag wieder vollumfänglich zu erfüllen, muss zwingend über eine bessere Personalausstattung geredet werden.

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Wird die Bürgerschaft an diesem Dienstag dem Antrag der Linken-Fraktion zustimmen?

Ich bin eigentlich guter Dinge. Wir sind seit vielen Monaten mit dem Thema unterwegs, und ich habe viele konstruktive Gespräche mit Vertretern der Fraktionen geführt. Ich glaube, das kann ein bedeutsamer Tag für die Kinder- und Jugendhilfe in Bremen werden, denn an diesem Thema kann man gerade in Bremen nicht einfach vorbei sehen. Unser Ziel ist, dass auf jeden Fall noch in dieser Legislaturperiode die Fallobergrenze und damit mehr Personal  beschlossen werden. Dann hat die aktuelle Bremer Regierung nach der Besserstellung der Mitarbeiter beim Gehalt in einem der wichtigsten Bereiche der Politik etwas Gutes geleistet.

Bei dem Thema Kindeswohl in Bremen muss man natürlich an den Tod von Kevin im Oktober 2006 denken. Die Arbeit und vor allem die Belastung der Fallmanager waren damals ein zentrales Thema. Wie sehr beeinflusst das für Sie die Debatte?

Für mich ganz persönlich war das der Auslöser für mein gewerkschaftliches Engagement. Das schreckliche Schicksal von Kevin darf aber niemals für politische Debatten instrumentalisiert werden. Das steht außer Frage.

Die Fragen stellte Sabine Doll.

Zur Person

Mark Birnstiel (48) ist Sprecher der Verdi-Betriebsgruppe. Der Sozialpädagoge ist außerdem Personalrat des Amts für Soziale Dienste und hat den Schwerpunkt Jugendamt. Er war viele Jahre als Fallmanager im Jugendamt tätig.


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Leserkommentare
linde79 am 20.10.2019 17:58
Wie wäre es denn, wenn man auch mal die Qualität der Lehrer und Lehrerinnen hinterfragte? Wie wäre es in Anbetracht der Bildungsmisere, die ...
Michalek am 20.10.2019 17:37
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