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Hansegarten
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Der Beetpate

Ulrike Troue 15.04.2019 0 Kommentare

Seit zwölf Jahren hegt und pflegt Klaus Rautmann ehrenamtlich den Hansegarten im Grünzug West – und freut sich über die Blütenpracht.
Seit zwölf Jahren hegt und pflegt Klaus Rautmann ehrenamtlich den Hansegarten im Grünzug West – und freut sich über die Blütenpracht. (Frank Thomas Koch)

Die gelben und blauen Farbtupfer setzen Narzissen und Goldlack, weißer Steinrich bildet zwei kleine Polsterteppiche, vereinzelt blinzeln rote Tulpen aus den beiden Beeten direkt vor dem gewölbten Gewoba-Hochhaus an der Hansestraße hervor. Das zur Rasenfläche mit der Schaukel liegende Rosenbeet indes wirkt wie im Dornröschenschlaf. Dennoch laden die bunten Blickfänge im sogenannten Hansegarten schon jetzt Anwohner, Spaziergänger oder Radler zum Innehalten oder gar Päuschen auf einer Bank ein. Dabei sind es nur Vorboten für die Blütenpracht, die Klaus Rautmann in Utbremen seit mehr als einem Jahrzehnt ehrenamtlich als Beetpate hegt und pflegt.

Wegen des hohen Alltagsnutzens der nach dem Krieg geschaffenen öffentlichen Grünanlage für die Quartiersbewohner bewertet der Findorffer den Grünzug West als grünes Kulturgut. Dass der Hansegarten bis heute als Treffpunkt, zur Entspannung oder zum Picknicken gut angenommen wird, motiviert Rautmann als Lohn für seinen Einsatz.  

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„Ich freue mich gerade sehr über den Goldlack, der in seiner Farbe so schön changiert“, sagt der einstige und letzte Leiter des Bremer Gartenbauamtes. Die Schönheit jeder einzelnen Blüte begeistert ihn nach wie vor. Die Freude an Blumen hat Klaus Rautmann nach seiner gärtnerischen Ausbildung während seines Studiums als Gartenlandschaftsarchitekt in Berlin entdeckt. Dort habe der „Staudenpapst Förster“ hohes Ansehen genossen und ihn an eine neue Betrachtungsweise auf öffentliches Grün herangeführt, blickt der rührige Rentner zurück, der im Mai 78 Jahre alt wird und mit Fachverstand und Leidenschaft auch auf der eigenen Scholle in Findorff gärtnert. 

Zu seiner „fachlichen Vorbelastung“ kam spontane Begeisterung für die Bremer Grünsituation. Schon 1952 wurde das Grundsatzkonzept Grün verabschiedet. „Wir brauchen ein grünes Netz, das bis in die Landschaft geht“, formuliert Rautmann das Ziel, Anpflanzungen sollten sich auch durch die Stadtteile bis an die Landesgrenze ziehen. Als Beispiele für umgesetzte Projekte zählt der Findorffer, der einige Jahre ehrenamtlich den Bremer Landesvorsitz der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskunde (DGGL) inne hatte, den Fockegarten mit vertieften Beeten als letztes Stück der Wallanlagen oder den Sebaldsbrücker Schloßpark auf. 

Bremen gegen die Trostlosigkeit in der Nachkriegszeit 

„Nach Flächenbombardierungen wirkten auch in Bremen viele Flächen deprimierend, der ganze Westen war platt“, berichtet Klaus Rautmann. Er kann gut nachvollziehen, dass sich die Menschen nach dem Krieg nach öffentliche Grünanlagen gesehnt haben, weil er 1941 in Wiesbaden geboren ist und die Nachkriegszeit bewusst erlebt hat. „Es hat mich deshalb begeistert, dass Bremen kurz nach dem Krieg, wo es an allem fehlte, Geld in die Hand genommen hat, damit nicht alles so trostlos ist“, sagt er.

Dass sich Bremen seit 1990 im Umgang mit Nachkriegsanlagen durch eine „erfrischende Andersartigkeit“ abgehoben hat, nährte Rautmanns Neugier auf die Hansestadt. Daher übernahm er im selben Jahr die Leitung des Bremer Gartenbauamtes. Im Planungsalltag regierte der Rotstift. Aufgrund des Spardrucks und der Privatisierungswelle hat der Findorffer den ersten Abschnitt des Grünzuges West zu seiner Herzensangelegenheit erklärt.

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„Auch in Walle, Oslebshausen oder Gröpelingen brauchten ‚die Malocher‘ Grün“, formuliert der Landschaftsarchitekt, der nach dem Studium in einem holländischen Planungsbüro und danach als Gartenamtsleiter im Ruhrpott Praxiserfahrung gesammelt hat, seine Affinität zur Nachkriegsanlage Grünzug West. „Er war für die Alltagsversorgung gedacht.“ War also darauf ausgerichtet, dass Anwohner abseits großer Verkehrsachsen entspannt zu Fuß Geschäfte des täglichen Bedarfs, Kita, Schule oder Altenbegegnungsstätte erreichen.

Als Rautmann 2005 in den Ruhestand ging, erarbeitete er ein durchdachtes Konzept für den Hansegarten: „Das habe ich im Wesentlichen an die alte Pflanzkonzeption von 1952 angelehnt, aber danach überarbeitet, was pflegerisch machbar ist.“

Spenden für die Erstbepflanzung

Durch seine ehemalige Mitgliedschaft in der DGGL konnte Rautmann zusammen mit dem Umweltbetrieb Bremen Patenschaften für den Hansegarten organisieren, der praktisch vor der Tür des ersten Bremer Hochhauses mit acht Etagen liegt und 2009 offiziell mit einem großen Fest im Rahmen des Gartenkulturmusikfestivals eingeweiht worden ist. Umweltbetrieb, SWB, Gewoba und andere spendierten die Mittel für die Erstbepflanzung der Beete, die Klaus Rautmann mit selbst gezogenen Pflanzen bereichert – bis heute und vieles aus eigener Tasche. 

Darüber hinaus hat der Landschaftsarchitekt Pflanz- und Pflegeeinsätze organisiert – mit Kindern und Anwohnern. Mithilfe vieler kleiner Hände aus dem Quartier ist zum Beispiel das „Kinderbeet“ entstanden. „Darin wachsen Pflanzen, die wenig Pflege brauchen, sich selbst aussäen und viele Insekten anziehen“, erklärt Klaus Rautmann und zeigt auf Stockrosen, Lerchensporn, Lavendel oder Kräuter wie Oregano oder Rosmarin.

Die Euphorie der Aufbruchstimmung der ersten freiwilligen Helfer hat nach seiner Aussage im Pflegealltag leider schnell nachgelassen. Auch die Nachbarschaft konnte Klaus Rautmann nicht dauerhaft als Beetpaten einbinden, bedauert der Grüngestalter, obgleich er durch Führungen versucht hat, Interesse für die „Oase“ vor der Haustür zu wecken.

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In dem größten Beet, in dem eine Archimedes-Skulptur thront, sorgen unter anderem Taglilien, Kaiserkronen, Storchenschnabel, Phlox, Akalai und Herbstanemonen für jahreszeitliche Farbtupfer. Doch der akribische Gartenfachmann schaut mehr auf die Lücken darin. Eine größere Fläche hat er umgraben und neu eingesät, in der Hoffnung, dem unsäglichen Giersch den Garaus zu machen. Kleine Löcher erinnern an Blumen, die im vergangenen heißen Sommer vertrocknet sind und wo Klaus Rautmann dieser Tage nachpflanzen will.

„Die Arbeit wird langsam etwas mühsamer“, bemerkt der 77-Jährige. Wegen seines fortgeschrittenen Alters und fehlender helfender Hände bei der Pflege des rund 1000 Quadratmeter großen Hansegartens will Klaus Rautmann den Pflegeaufwand verringern. Pro Woche ist der Pensionär etwa fünf bis sechs Stunden in Utbremen beschäftigt. „Im Frühjahr und im Herbst ist es eine ziemliche Plackerei“, gibt der rüstige Rentner unumwunden zu und spricht Nachpflanzungen, Wässern, Unkraut jäten oder Laub beseitigen an.

Wegwerfmentalität und Erwartungshaltung der Bürger stimmen nachdenklich

Etwa ein Drittel der Zeit benötigt Rautmann allein dafür, Dreck zu beseitigen wie Pappkaffeebecher oder Zigarettenkippen. „Das ist schon ein bisschen traurig“, findet er. Die Wegwerfmentalität und die gestiegene Erwartungshaltung der Bürger stimmen ihn nachdenklich: „Es ist schwer zu vermitteln, was diese Grünanlage bedeutet, die mühsam aufgebaut werden musste, und dass sie gepflegt werden muss.“

Deshalb ist Klaus Rautmann froh, dass der Umweltbetrieb Bremen ihn verlässlich unterstützt, beim Großgehölzschnitt, der Instandhaltung der Schaukel oder Sitzgelegenheiten oder indem Gärtnerlehrlinge mal mit anpacken. Von der Gewoba kommen Wasser-, Strom- und Sachspenden.

„Früher war es hier besser in Schuss, es gab mehr blühende Knaller“, blickt der Gartenlandschaftsarchitekt etwas wehmütig zurück. „Die vielen Narzissen haben sich verabschiedet.“ Dennoch freut sich Klaus Rautmann nach zwölf Jahren nachhaltiger Pflege auch in diesem Frühling wieder auf die blumenreiche, wärmere Jahreszeit im Hansegarten. Und solange seine Gesundheit es zulässt, will der Findorffer dort weiterhin ehrenamtlich als Beetpate zu Spaten, Harke und Pflanzschaufel greifen.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
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Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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