Wetter: wolkig, 7 bis 15 °C
Rechte Hooligans in Bremen
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Der Kampf um die Fankurve

Sebastian Krüger 15.09.2019 8 Kommentare

Polizisten haben einem Bremer Fußballfan Handfesseln angelegt und führen ihn nach Spielende ab.
Polizisten haben einem Bremer Fußballfan Handfesseln angelegt und führen ihn nach Spielende ab. (Franz-Peter Tschauner dpa/lnw)

Stefan (Name geändert) ist Mitte 30 und langjähriger Werder-Fan. Seit mehr als 15 Jahren ist er nach eigenem Bekunden bereits in der Ultra-Szene organisiert. Die Fanstrukturen in Bremen hätten sich seitdem stark verändert, erzählt er. Werder sei nicht immer der engagierte, weltoffene Verein gewesen mit einer Anhängerschaft, die im Stadion klar Stellung bezieht gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie. Als Stefan in den harten Kern der Fanszene eintauchte, hätten rechte Hooligans den Ton in der Kurve angegeben.

Unter den Ultras sei die Eastside die einflussreichste Gruppe gewesen. Trotz des angeblich unpolitischen Selbstverständnisses habe die Eastside offen rechte Mitglieder beherbergt und sei ein Bindeglied zwischen Ultras und Hooligans gewesen, sagt Stefan. Als vermehrt linke Gruppen und Personen aktiv wurden, sei es immer wieder zu Bedrohungen von rechts gekommen. 2004 etwa, ein Jahr vor der Auflösung der Eastside, habe es bereits einen Übergriff von rechten Hooligans auf linke Fans gegeben. Die Opfer seien sowohl Mitglieder der Eastside als auch der antirassistischen Fangruppe Cercle D‘Amis gewesen.

Mehr zum Thema
Auch Politik zeigt sich entsetzt: Werder Bremen verurteilt Ausschreitungen nach Pokalspiel
Auch Politik zeigt sich entsetzt
Werder Bremen verurteilt Ausschreitungen nach Pokalspiel

Werder Bremen und die Fraktionen von Grünen, CDU und FDP haben die Angriffe auf Polizisten am ...

 mehr »

Dann kam der 20. Januar 2007. Die antirassistische Ultra-Gruppe Racaille Verte feierte ihr einjähriges Bestehen im Ostkurvensaal des Weserstadions. Auch Stefan war auf der Party. Irgendwann nachts sei ein Nachwuchs-Hooligan am Eingang erschienen. Ein bekanntes Gesicht, wie er sagt. Er habe eine Jacke der Marke Thor Steinar getragen und sei deswegen – wie zu erwarten – abgewiesen worden. Thor Steinar ist ein unter Rechtsextremen beliebtes Erkennungszeichen. Für Stefan eine bewusste Provokation vor dem großen Knall: Eine halbe Stunde später standen plötzlich zwei Dutzend rechtsextreme Hooligans vor der Tür und bedrohten die Anwesenden. Ältere Gäste, die ein gewisses Ansehen hatten, hätten versucht, die brenzlige Situation zu beruhigen. Vergeblich.

Die Hooligans stürmten in den Saal und prügelten auf die Feiernden ein. „Sie haben gezielt nach bestimmten Leuten gerufen, die sie für Führungspersonen der Gruppe hielten“, sagt Stefan. Aber auch andere Gäste hätten sie wahllos niedergeschlagen. Im Saal brach Panik aus. „Der Saal ist ein geschlossener, dunkler Raum. Es war eng und beklemmend“, schildert er. Nach wenigen Minuten verschwanden die Schläger, bevor die Polizei eintraf. Die Bilanz: rund 40 Verletzte.

Die Eastside war unter den Ultra-Gruppen die wichtigste. 2005 gab sie die Auflösung bekannt.
Die Eastside war unter den Ultra-Gruppen die wichtigste. 2005 gab sie die Auflösung bekannt. (Jochen Stoss)

Viele Minderjährige traumatisiert

Für ihn und viele andere sei der Vorfall eine Zäsur gewesen. Ein Ausmaß, das es vorher nicht gegeben habe. Er sei mit Anfang 20 einer der älteren unter den meist jugendlichen Gästen im Saal gewesen. Die Erlebnisse hätten viele Minderjährige traumatisiert. Er selbst habe Erinnerungslücken, obwohl er nicht viel Alkohol getrunken habe. Nach dem Überfall sei er planlos um das Stadion gelaufen, eine komplette Stunde fehle. „Adrenalin“, sagt er, „der Körper spult in solchen Situationen sein Überlebensprogramm ab.“

Die grün-weiße Fanszene sei seitdem nicht mehr dieselbe. Vorher hätten viele Fans versucht, sich mit den Hooligans gut zu stellen und den offenen Konflikt zu vermeiden. Vielleicht wollten die Hooligans ein Zeichen setzen, überlegt er. Eine Machtdemonstration, um die linken und antirassistischen Umtriebe zu unterbinden. In den Tagen nach dem Überfall habe die Szene gemeinsam überlegt, wie es weitergehen soll. Manche Ultras hätten Angst gehabt, andere hätten eine klare Grenze ziehen wollen. Vom Verein sei zunächst keine wirkliche Hilfe gekommen, das Fanprojekt etwa habe einen runden Tisch vorgeschlagen, an dem auch die Rädelsführer der Hooligans sitzen – der Vorschlag sei von Ultra-Seite empört zurückgewiesen worden.

Mehr zum Thema
Gebühren für Polizeikosten: Bremer Politik weist Baumanns Vorwürfe zurück
Gebühren für Polizeikosten
Bremer Politik weist Baumanns Vorwürfe zurück

Den Vorwurf, in den vergangenen 15 Jahren nichts für Werder Bremen getan zu haben, will die Bremer ...

 mehr »

Die Ultras entschieden sich dazu, die Schläger vor Gericht zu bringen. Viele machten Aussagen, was sehr ungewöhnlich sei, sagt er – Zusammenarbeit mit den Behörden ist in der Szene normalerweise ein großes Tabu. Der Gang zur Polizei habe viele Betroffene daher einiges an Überwindung gekostet. Viel gebracht habe es nicht: Mehr als vier Jahre später begann der Prozess gegen sieben Schläger, die letztlich mit Geldstrafen davonkamen. Die Enttäuschung nach dem Verfahren sei groß gewesen, sagt Stefan.

Der Überfall sei vor Gericht zudem entpolitisiert worden, beklagt er. Der rechtsextreme Überfall sei keine einfache Meinungsverschiedenheit unter Fußballfans gewesen. Das Vertrauen vieler Ultras in Polizei und Justiz habe durch das Verfahren stark gelitten. „Es ist komplex und sicher nicht schwarz-weiß, aber es gibt zumindest die Tendenz, gegen Ultras zu ermitteln und gegen Hools nicht“, ist er sich sicher. Viele andere würden es ähnlich sehen.

Senator für Inneres widerspricht Anschuldigungen

"Sie können sicher sein, dass die Abteilung Staatschutz der Polizei Bremen konsequent alle politisch motivierten Straftaten verfolgt, die in ihren Zuständigkeitsbereich fallen", sagt Rose Gerdts-Schiffler, Sprecherin des Senatoren für Inneres. Das Innenressort werde keine erneute Bewertung des Überfalls auf den Ostkurvensaal vornehmen, da die Ermittlungen seit 2008 abgeschlossen sind und der Fall seit Mai 2008 im Aufgabenbereich der Staatsanwaltschaft liegt.

Dennoch weist Gerdts-Schiffler darauf hin, dass es für die Behörden keine Rolle spiele, welcher politischen Richtung eine Straftat zugeordnet werde oder was für eine politische Haltung Beschuldigte hätten. Zudem beschreibt sie die Aussage des Ultras Stefan als befremdlich: Es sollte selbstverständlich sein, sich nach einer Straftat als Zeuge zur Verfügung zu stellen und mit den Behören zusammenzuarbeiten. Für Selbstjustiz gebe es keine Rechtfertigung.

"Der 'Kampf gegen Rechts' ist von zentraler Bedeutung", sagt Gerdts-Schiffler, ebenso wie gegen andere extremistische Bestrebungen. "Aber er muss mit politischen und gewaltfreien Mitteln geführt werden." Gewaltätige Auseinandersetzungen könnten nicht akzeptiert werden, das Gewaltmonopol liege beim Staat.

Ultras verdrängen Neonazis

Der Überfall auf den Ostkurvensaal habe jedoch auch eine positive Entwicklung angestoßen, sagt Stefan: In den Folgejahren hätten die Ultras die Neonazis erfolgreich aus dem Stadion verdrängt. Heute seien die rechten Hooligans nur noch sehr selten als Gruppe vor Ort, meist nur als Einzelpersonen, sagt er. Und auch dann würden sie riskieren, rauszufliegen. Nicht zuletzt wegen der Ordner, die heute sehr viel sensibilisierter dafür seien. Die Ultra-Szene sei seitdem stark gewachsen und habe den Neonazis ihr Rekrutierungsfeld abgegraben. Die Hooligans hätten ihre Vormachtstellung verloren und würden nicht mehr die gleiche Bedrohung darstellen wie vor 15 Jahren.

Rückblickend sei er, so komisch das klingen mag, sogar froh, dass es zum Überfall auf die Party kam. „Vielleicht hätten wir heute sonst eine andere Szene“, überlegt er. Eine Szene, in der die Hooligans immer noch den Ton angeben und in der die antirassistischen Ultras sich nicht trauen, den Mund aufzumachen. Eine Szene, die sich nicht positioniert gegen Neonazis und rechte Schläger, sondern aus Angst vor ihnen kuscht. „Es war ein Eigentor für die Hooligans, die Einschüchterung hat nicht funktioniert.“ Die Gefahr sei jedoch nicht gebannt, die Hooligans hätten Bremen sicherlich nicht aufgegeben. „Man darf sich nicht ausruhen“, betont Stefan. Was lange gewachsen sei, könne sich auch wieder verändern.

Mehr zum Thema
Interaktive Karte: Rechte Straftaten in Bremen und umzu
Interaktive Karte
Rechte Straftaten in Bremen und umzu

Schläger, Volksverhetzer und Brandstifter - auch in Bremen sind Rechtsextremisten aktiv. Der ...

 mehr »

+++ Der Text wurde am 20. September um eine Aussage des Senatoren für Inneres ergänzt +++


Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 15 °C / 7 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/wolkig.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/bedeckt.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 40 %
Berichte aus den Bremer Stadtteilen
Sehen Sie in dieser Bildgalerie, wie facettenreich Bremens Stadtteile sind.
Was ist los in meiner Nachbarschaft? Welche Veranstaltungen finden in meinem Ortsteil statt und welche Debatten führen die Beiräte auf Stadtteilebene? Hier geht es zu den Inhalten des STADTTEIL-KURIER.
Entdecken Sie das historische Bremen
... die Teerhofinsel zu sehen.

Ob Bahnhof, Marktplatz, Weserstadion oder Schlachte: Das Bremer Stadtbild hat sich im Laufe der Zeit erheblich verändert. Wir berichten über vergessene Bauten, alte Geschichten und historische Ereignisse.

Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Aktueller Mittagstisch in Bremen
Traueranzeigen
job4u - Das Ausbildungsportal
job4u - Das Ausbildungsportal

job4u ist die regionale Plattform, wenn es um Lehren und Lernen geht. Neben dem WESER-KURIER, der Handelskammer und der Handwerkskammer Bremen machen sich hiesige Firmen für junge Leute stark. 

Sonderthemen aus den Stadtteilen
Sonderthemen aus den Stadtteilen
Anzeige