Wetter: wolkig, 7 bis 15 °C
44 Jahre als Bürgerschaftsabgeordneter
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Der Marathonmann

Jürgen Theiner 19.05.2019 0 Kommentare

Bürgerschaftsabgeordneter Bernd Ravens vor Hafenkulisse in Bremerhaven
Bürgerschaftsabgeordneter Bernd Ravens vor Hafenkulisse in Bremerhaven (Jürgen Theiner)

SPD 48,7 Prozent, CDU 33,8, FDP 13,0. Nein, das ist erkennbar nicht die aktuelle Umfrage für die bevorstehende Bürgerschaftswahl, sondern das amtliche Endergebnis von 1975. Die Einwohner des Zwei-Städte-Staates wählten damals ein Drei-Parteien-Parlament, dem als Neuling auch Bernd Ravens aus Bremerhaven angehörte. Mit 31 Jahren gehörte er zu den Youngstern im Parlamentsbetrieb. Wenn er mit dem Ende der laufenden Legislaturperiode ausscheidet, wird er der Bürgerschaft fast 44 Jahre lang angehört haben. Damit ist er nahezu Rekordhalter, was die Mitgliedschaft in einem deutschen Landtag betrifft.

Man muss sich die Welt von damals kurz vor Augen führen, um zu ermessen, welche Zeitspanne das Mandat von Bernd Ravens umfasst. Die deutsche Teilung war fest zementiert, in Bonn stand Helmut Schmidt noch ziemlich am Anfang seiner Kanzlerschaft, in Bremen war Hans Koschnick unumstrittener Chef im Rathaus. Daran konnte auch die leichte Delle nichts ändern, die das SPD-Ergebnis bei der Bürgerschaftswahl ´75 aufwies. Die Sozialdemokraten blieben übermächtig, und CDU-Spitzenkandidat Bernd Neumann fuhr die erste seiner drei Niederlagen gegen Koschnick ein.

Ravens‘ politischer Weg in die CDU war familiär oder sozial nicht vorgezeichnet. Er stammt, wie er selbst sagt, aus einfachen Verhältnissen. Nach Realschule und Banklehre war er Mitte der Sechzigerjahre zunächst kurze Zeit bei der Sparkasse beschäftigt und wechselte dann zur Lloyd-Werft. Mit Politik hatte Ravens damals noch nicht viel am Hut, seine Freizeit stand ganz im Zeichen des Tanzsports. Das änderte sich erst um 1970. Aus dem Bekanntenkreis wurde er angesprochen, ob er nicht Lust habe, mal bei einer CDU-Versammlung vorbeizuschauen. Ja, hatte er. Das Klima in der örtlichen Partei sagte ihm zu, und so folgten zunächst einfache Mitgliedschaft und dann 1975 zum ersten Mal die Frage, ob er sich vorstellen könne, zu kandidieren. „Eigentlich ging es dabei um die Stadtverordnetenversammlung“, erinnert sich Ravens. Kurz vor der endgültigen Listenaufstellung sei dann Bernd Neumann auf den Plan getreten. „Die Parteiführung suchte jemanden, der sich mit dem Thema der beruflichen Ausbildung gut auskannte, und der sollte auch für die Bürgerschaft kandidieren“, so Ravens, der zu diesem Zeitpunkt schon eine Ausbilder-Eignungsprüfung abgelegt hatte. Die CDU beförderte den jungen Lloyd-Mann auf ihre Landtagsliste, und bei der Wahl am 28. September 1975 gelang ihm tatsächlich der Sprung in die Bürgerschaft. „Ich wusste damals nicht mal, wo die eigentlich ist“, gesteht der heutige Parlamentssenior.

Das ließ sich klären. In den Folgejahren und –jahrzehnten stieg der Bremerhavener in seiner Fraktion nach und nach auf. Aus dem einfachen Abgeordneten wurde ein Mitglied des Fraktionsvorstandes, ein stellvertretender Fraktionschef und schließlich ab 1999 ein Vizepräsident der Bürgerschaft. Dieses Amt hatte er bis vor vier Jahren inne. Nach der Wahl 2015 ging Bernd Ravens eigentlich davon aus, ein letztes Mal von seiner Fraktion für den Vizepräsidentenposten nominiert zu werden, doch seine Parteifreunde wählten stattdessen den Stromer Abgeordneten Frank Imhoff. Ravens traf das tief. „Man hat mir vorher nicht offen die Karten gelegt“, kritisiert er den Vorgang in der Rückschau. Doch Ravens wusste sich zu revanchieren. Er kehrte der Fraktion den Rücken und trat aus der CDU aus. Mit einer solch scharfen Reaktion hatte wiederum die Parteiführung nicht gerechnet. Ravens schloss sich nach einer Übergangszeit als Parteiloser der SPD-Fraktion an, was die knappe Parlamentsmehrheit von Rot-Grün für den Rest der Wahlperiode ein wenig stabilisierte. Denn nach Aus- und Übertritten der Grünen Susanne Wendland und Turhal Özdal sowie des skandalumwitterten SPD-Abgeordneten Patrick Öztürk war die Regierungsmehrheit zur Mitte der Wahlperiode auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Entsprechend auffallend wurde der Bremerhavener in der Folgezeit von den Sozialdemokraten hofiert.

Wenn Bernd Ravens auf seine fast viereinhalb Jahrzehnte als Parlamentarier zurückschaut, dann nicht im Groll auf ehemalige Mitstreiter. Es überwiegt die Dankbarkeit für Begegnungen mit interessanten Menschen. Akteure, die durch ihre Persönlichkeit überzeugten oder jedenfalls Wirkung entfalteten. Ravens nennt neben den SPD-Bürgermeistern Hans Koschnick und Henning Scherf den 2018 verstorbenen ehemaligen Finanzsenator Claus Grobecker, ebenfalls SPD. „Der hatte auch für mich als Oppositionsabgeordneten ein offenes Ohr. Grobecker schrieb sich auf eine Zigarettenschachtel, was ich mit ihm besprochen hatte, und dann ging auch mal was“, erinnert sich Ravens. Am nachhaltigsten ist ihm jedoch die Begegnung mit einer Person in Erinnerung, die nichts mit Bremer Landespolitik zu tun hat. 1979, noch zu Zeiten der Ost-West-Konfrontation, reiste eine Delegation von Bürgerschaftsabgeordneten nach Danzig, um die seinerzeit bereits bestehende Städtepartnerschaft mit der Hafenstadt zu bekräftigen. Damals keimte dort gerade die oppositionelle Gewerkschaft Solidarnosc auf, und die Bremer Gruppe traf unter fast schon konspirativen Umständen den Arbeiterführer Lech Walesa. Dessen Mut und Charisma habe ihn tief beeindruckt. Ravens: „Als Walesa viele Jahre später als polnischer Staatspräsident Bremen besuchte und sich bei uns für die Rückenstärkung in den dunklen Jahren der Unterdrückung bedankte – Mann, das hat mich wirklich bewegt.“

Leider besteht das Abgeordnetendasein nicht nur aus erhebenden Momenten, sondern vor allem aus den Mühen der Ebene. Der Strukturwandel in Bremerhaven ist so ein Fall. Wenn man mit Ravens durch die Gewerbegebiete rund um den Hafen fährt, vorbei an gescheiterten Windkraftunternehmen wie Adwen und Weserwind und dem kriselnden Senvion, dann erlebt man einen sehr nachdenklichen und zweifelnden Menschen, der sich fragt, was die Anstrengungen und das viele Geld, das Bremen in zurückliegenden Jahren in den Aufbau dieses Industriezweigs gesteckt hat, letztlich wert waren. Jetzt noch 180 Millionen Euro für einen zu spät kommenden Offshore-Windenergiehafen hinterherzuschieben, ist aus seiner Sicht jedenfalls kaum der richtige Ansatz. Die Rahmenbedingungen für Bildung und Ausbildung der jungen Bremerhavener – gerade derjenigen mit schlechten Startchancen – deutlich zu verbessern, dafür möchte sich der scheidende Bürgerschaftsabgeordnete weiterhin einsetzen. Er versucht’s auf kommunaler Ebene. Am 26. Mai bewirbt sich Bernd Ravens als Parteiloser um einen Sitz in der Stadtverordnetenversammlung. „2000 Stimmen brauche ich, dann würde es wohl klappen“, kalkuliert Ravens. Man wird sehen, wie stark sein Name in der Seestadt noch zieht.


Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 15 °C / 7 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/wolkig.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/bedeckt.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 40 %
Berichte aus den Bremer Stadtteilen
Sehen Sie in dieser Bildgalerie, wie facettenreich Bremens Stadtteile sind.
Was ist los in meiner Nachbarschaft? Welche Veranstaltungen finden in meinem Ortsteil statt und welche Debatten führen die Beiräte auf Stadtteilebene? Hier geht es zu den Inhalten des STADTTEIL-KURIER.
Entdecken Sie das historische Bremen
... die Teerhofinsel zu sehen.

Ob Bahnhof, Marktplatz, Weserstadion oder Schlachte: Das Bremer Stadtbild hat sich im Laufe der Zeit erheblich verändert. Wir berichten über vergessene Bauten, alte Geschichten und historische Ereignisse.

Leserkommentare
FloM am 22.10.2019 12:33
Der Konsument steht am Ende der Kette, ist aber das wichtigste Glied:
der Handel diktiert dem Bauern den Preis,
der Konsument bestimmt, ...
FloM am 22.10.2019 12:27
Es ist erstaunlich, wie hier alle bisher genau das tun, was Frau Klatte beklagt:
Über den Bauern reden, anstatt mit ihm.
Dann wären ...
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Aktueller Mittagstisch in Bremen
Traueranzeigen
job4u - Das Ausbildungsportal
job4u - Das Ausbildungsportal

job4u ist die regionale Plattform, wenn es um Lehren und Lernen geht. Neben dem WESER-KURIER, der Handelskammer und der Handwerkskammer Bremen machen sich hiesige Firmen für junge Leute stark. 

Sonderthemen aus den Stadtteilen
Sonderthemen aus den Stadtteilen
Anzeige