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Der schwer greifbare Hasskommentar

Eva Przybyla 13.06.2019 2 Kommentare

Bei manchen geht im Internet jede Kinderstube verloren. Heftige Worte oder Hass sind verbreitet.
Bei manchen geht im Internet jede Kinderstube verloren. Heftige Worte oder Hass sind verbreitet. (Thomas Trutschel / imago)

Für Hasskommentare auf Facebook oder der eigenen Internetseite kennt die Online-Redaktion des WESER-KURIER zahlreiche Beispiele. Hier ein besonders Drastisches: „So so was ein drecks Schmierblatt der WK doch ist, mit seiner Zensur, wünsche jedem WK Mitarbeiter einen schnellen Unfalltod ...“ Der Kommentar fällt unter Hate Speech, also Hasskommentare im Netz. Die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) führt aus: „Wenn Menschen abgewertet, angegriffen oder wenn gegen sie zu Hass oder Gewalt aufgerufen wird, spricht man von Hate Speech.“ Dabei befänden sich die Hasskommentare in einer Grauzone, welche sowohl strafbare als auch nicht strafbare Ausdrucksweisen einschließt.

Hasskommentare zu erkennen und zu verfolgen ist für die Redakteurinnen und Redakteure dieser Zeitung oft nicht leicht. Sie achten beim Sichten auf womöglich strafbare Inhalte sowie Verstöße gegen die Netiquette. „Am Tag bekommen wir auf Facebook etwa 600 Kommentare, davon löschen wir gar nicht mal so viele – 10 bis 20 Prozent“, sagt Online-Redakteur Jan-Felix Jasch. Auf der Internetseite sei der Anteil von insgesamt 280 Kommentaren noch kleiner.

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Mehr als Löschen können Redakteure wie er die Kommentare jedoch nicht. Bisher habe die Redaktion noch keine Anzeige gegen Verfasser von Hasskommentaren auf der Internetseite des WESER-KURIER erstattet, sagt Christian Wagner, der sich viele Jahre in der Chefredaktion mit Hasskommentaren befasst hat. Anzeigen seien nicht möglich gewesen, häufig weil die Hater nicht identifiziert werden konnten oder ihre Äußerungen rechtlich doch legal waren.

Ein Wunsch ist keine Drohung

Für Letzteres nennt Wagner einen Teil des oben angeführten Beispiels: „(...) wünsche jedem WK-Mitarbeiter einen schnellen Unfalltod“. Eine rechtliche Prüfung ergab, dass der User den Mitarbeitern des WESER-KURIER hier nicht eindeutig mit dem Tod drohte, was eine Straftat wäre. Der Hater äußerte stattdessen einen Wunsch. Trotzdem könnte der Wunsch als Beleidigung gegenüber allen Mitarbeitern der Zeitung gedeutet werden – also ein Straftatbestand. Das Problem: Es gilt als unwahrscheinlich, dass ein Hasskommentator wegen eines Kommentars für Beleidigung von einem Gericht verurteilt wird. Wagner sieht dahinter Kalkül: Die Kommentatoren nutzten geschickt die Freiräume, die das Gesetz gerade wegen des Grundrechtes auf Meinungsfreiheit böte, sagt er.

Diese Einschätzung bestätigt der Medienwissenschaftler Leif Kramp von der Universität Bremen: „Viele Störer und so genannte Hater sind scheinbar sehr gut informiert, was noch legal ist und was nicht.“ Solche Kommentatoren würden gezielt Hass verbreiten, besonders gegen bestimmte Personengruppen. „In Hasskommentaren kommt eine gruppenbezogene Feindlichkeit zum Ausdruck“, erläutert Kramp. Der Medienwissenschaftler vertritt somit eine ähnliche Auffassung wie die bundesweite No-Hate-Kampagne.

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Die Initiatoren der Kampagne stellen auf ihrer Internetseite fest, dass besonders häufig Menschen von Hatern angefeindet werden, die bereits gesellschaftlich benachteiligt sind. So richte sich der Hass häufig gegen Frauen, Muslime, Juden, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen, Homosexuelle, Transpersonen und Menschen aus „niedrigen“ Schichten. Die Initiatoren sehen die Anfeindungen im Zusammenhang mit dem Täterprofil, welches das Bundeskriminalamt im Bezug auf Hasskriminalität im Internet für die Jahre 2012 bis 2015 ermittelte: Die meisten Täter waren demnach Rechtsextreme.

Rechtsextrem geprägte Kommentare oft nur schwer zu erkennen

Doch häufig sind ihre rechtsextrem geprägten Kommentare im Netz gar nicht so leicht zu erkennen. Als Erkennungshilfe empfiehlt der Medienwissenschaftler Kramp elf Muster von Hate Speech, die von der Landesanstalt für Medien NRW, klicksafe.de und der Arbeitsgemeinschaft Kinder und Jugendschutz Landesstelle NRW veröffentlicht wurden. Hate Speech zeigt sich laut dieser Tabelle etwa in der Form von uninformierten oder falschen Aussagen, die bewusst im Netz verbreitet werden. Ein Beispiel: „Die Flüchtlinge haben alle teure Handys“. Andere Muster sind etwa Verallgemeinerungen oder die „Wir/Die“-Rhetorik.

„Die bedrohen ,unsere’ Frauen“, lautet ein Beispiel zu Letzterem. Kramp bezeichnet diese Formen als Kommunikationsmuster, die jedoch stets auch strafrechtlich relevante Aussagen enthalten könnten. Doch was tun, wenn eine Redaktion rechtlich unanfechtbaren Hate Speech auf ihren Internetseiten entdeckt? Sie sollte überlegen, wie ein sachlicher Austausch herbeigeführt werden könne, meint Kramp. Nicht immer schaffe eine Löschung Abhilfe. Aber natürlich könnten Redaktionen Verstöße gegen ihre Netiquette ahnden, betont der Medienwissenschaftler. Gleichzeitig könnten konstruktiv kommentierende Nutzer von den Moderationsteams bestärkt werden, sich gegen Hass in den Kommentarspalten zu positionieren. Das ermutige mitlesende Nutzer, sich an der Diskussion zu beteiligen.

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Grundsätzlich hält Kramp es für unerlässlich, dass Journalisten Online-Diskussionen auf den Medienseiten moderieren. In einer wissenschaftlichen Publikation aus dem vergangenen Jahr geben die Autoren Kramp und Stephan Weichert den Redaktionen Handlungsmöglichkeiten für die Internetseite an die Hand. Diesen folgend sollten Moderatoren Hater regulieren, indem sie sie bei strafrechtlich relevanten Kommentaren anzeigen, oder sie ignorieren. Wenn mehr Zeit vorhanden ist, könnten Redaktionen den Kommentaren der Hater argumentativ widersprechen oder sie ihre Argumentation widerlegen. Dazu sollten Redaktionen positive und bestärkende Signale in Onlinediskussionen senden, indem sie etwa konstruktiv argumentierende Nutzer vor Hass schützen und sie bestärken.

Die Diskussion einfach laufen zu lassen, ist Kramp zufolge keine Option. Er befürchte, dass es dann zu einer Eskalation, also einer rein hassbezogenen Auseinandersetzung kommen würde. „Da kommen konstruktive Argumente überhaupt nicht mehr zur Geltung“, sagt der Medienwissenschaftler.

Weitere Informationen

Dieser Text ist Teil einer Reihe zum Thema Hate Speech im Internet. Im vierten Teil geht es um einen brasilianischen Menschenrechtsaktivisten, der in Bremen zu Gast war.


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Leserkommentare
suziwolf am 22.10.2019 13:29
@Wesersteel ...

Rettungsdienste nur noch per/im Panzer ?

Oder Vorhandene mit Rammschutz ausrüsten ?
Bremen-Fan am 22.10.2019 13:25
Was ist "mangelnde soziale Kompetenzen"? Oder wollte @daa2011 einfach ein Schlagwort benutzen, um Bremer Eltern schlecht zu reden, die ihre Kinder in ...
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