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Diskussion über Baustellen und Radwege
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Der Taxifahrer und der Senator

Sabine Doll 14.07.2017 6 Kommentare

Taxifahrer Philipp Seloff und Bausenator Joachim Lohse (Grüne) bei einer gemeinsamen Fahrt durch Bremen.
Taxifahrer Philipp Seloff und Bausenator Joachim Lohse (Grüne) bei einer gemeinsamen Fahrt durch Bremen. (Frank Thomas Koch)

Am Stern kommt der Senator in Fahrt. „Natürlich versprechen wir uns davon, dass Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger nach dem Umbau hier besser miteinander klar kommen“, sagt Joachim Lohse. „Als Autofahrer haben Sie einen viel besseren Einblick in den Stern, sehen Sie das?“ Philipp Seloff fährt mit seinem Taxi über die Tankstelle am Stern und hält mal eben kurz um die Ecke. Halb steht er dabei auf dem Radweg, der Senator hat‘s nicht gesehen. Vor uns: rot-weiße Absperrungen und der fast fertige Stern. Am Dienstag soll er wieder ans Netz gehen. „Aber glauben Sie denn wirklich, dass dadurch weniger Unfälle passieren und sich Autofahrer und Radfahrer weniger ins Gehege kommen?“, fragt der Taxiunternehmer den Senator. „Außerdem habe ich den Eindruck, dass bei der Verkehrsplanung in Bremen die Radfahrer deutlich bevorzugt werden, die neue Verkehrsführung am Stern ist doch aus meiner Sicht das beste Beispiel dafür.“

Ein Vorwurf, der für den Fahrrad-Senator, wie Lohse von vielen Bremern genannt wird, wie maßgeschneidert wirkt. Er fährt fast jeden Tag mit dem Rad zu seiner Behörde. Ja, auch heute, in Regenmontur. Er lässt Premiumrouten für Radfahrer bauen, richtet Fahrradstraßen ein, baut das Radwegenetz in der City aus und lässt nun am Stern die Spur für die Autofahrer verkleinern. „Ja, ja, das kennʼ ich“, sagt Lohse. „Mir wird ja immer unterstellt, wir würden etwas gegen die Autofahrer machen. Das ist Unsinn: Wir bauen sogar für die Autofahrer. Wir bauen dafür, dass die Straßen, die defekt sind, instand gesetzt werden.“ Der Taxifahrer schaut ein wenig zweifelnd zu dem Mann neben ihm auf dem Beifahrersitz. „Hm“, sagt Seloff und lenkt sein Taxi vom Radweg.

Seloff will dem Senator zeigen, wie es auf den Straßen läuft

Seloff kennt Bremens Straßen aus dem Effeff. Heute ist er mit dem grünen Verkehrssenator auf Tour. Baustellen-Hopping vom Hauptbahnhof zum Stern, nach Findorff, in die Überseestadt, über die B6 zurück in die City, zum Dienstsitz des Verkehrssenators, dem Siemens-Hochhaus. Knapp 60 Euro wird das Taxameter nach fast eineinhalb Stunden anzeigen. Einmal quer durch Bremen, vorbei an Baustellen, Umleitungen und in Staus will Seloff „seinem“ Senator zeigen, wie es zurzeit auf Bremens Straßen läuft – oder eben nicht.

Und er will von dem Senator wissen, was er sich dabei gedacht hat, die Stadt und ihre Autofahrer mit gleich drei Mega-Baustellen zu quälen. „Ich habe ja Verständnis dafür, dass das alles irgendwann gemacht werden muss. Aber alles auf einen Schlag?“, fragt Seloff seinen Beifahrer. Neben dem Umbau des Sterns erneuert die Bremer Straßenbahn AG am Hauptbahnhof die Gleise, in der Findorffstraße wird von Hansewasser ein neuer Abwasserkanal verlegt. Das Resultat: Umleitungen, Staus, genervte Autofahrer und Geschäftsleute in der Innenstadt, die darüber klagen, dass die Kunden wegbleiben. Dazu kommen diverse kleinere Baustellen übers Stadtgebiet verteilt. Und zusätzlich sorgt die Dauerbaustelle auf der A1 für noch mehr Autos auf den Bremer Straßen.

Senator Lohse fährt selten mit dem Auto - aber wenn doch, ärgert auch er sich über Staus.
Senator Lohse fährt selten mit dem Auto - aber wenn doch, ärgert auch er sich über Staus. (Frank Thomas Koch)

Immer dieselben Fragen an den Bausenator

Der Regen prasselt aufs Schiebedach, und der Senator holt tief Luft: Gefühlt 1000-mal habe er die Frage gestellt bekommen, gefühlt 1000-mal werde ihm die Baustellen-Planung vorgeworfen, gefühlt 1000-mal betone er, dass er Verständnis für den Ärger hat, aber dass das so auch nicht geplant gewesen sei. „Der Kanal in der Findorffstraße ist akut dazwischen gekommen, und die Bauarbeiten am Hauptbahnhof sollten eigentlich schon letztes Jahr stattfinden. Das war aber nicht möglich, weil die Baugrube instabil war“, sagt Lohse.

Und ja, ein bisschen genervt sei er schon, wenn er selbst bei Partys oder im Fitnessstudio darauf angesprochen werde: „Herr Lohse, wo ich Sie gerade sehe...“ Ein bisschen fühle er sich dann wie Nationaltrainer Joachim Löw, der überall, wo er gehe und stehe, über Fußball reden müsse. „Aber ich erkläre das natürlich gerne. Und ich weise vor allem auch darauf hin: Wenn es Probleme mit Ampel-Schaltungen oder missverständlichen Umleitungen gibt, dann kann man sich an die Störmeldestelle beim Amt für Straßen und Verkehr oder an die Bürgerbeauftragte des Verkehrsressorts wenden. Das sind wichtige Hinweise für uns.“

In Findorff ist in der Rushhour Stillstand

Die Taxi-Fahrt geht über den Hochschulring nach Findorff. An der Kreuzung Hemmstraße/Eickedorfer Straße stehen ein paar Autos auf der Kreuzung. „Seitdem die Findorffstraße und der Stern gesperrt sind, ist hier vor allem in der Rushhour Stillstand angesagt“, sagt Philipp Seloff und zeigt auf die wartenden Autos vor ihm. Auch den Anwohnern werde dadurch viel zugemutet. Lohse nickt. Ja, dafür habe er Verständnis, aber: „Bauen ohne Baustellen geht halt nicht. Und wir können die Leute ja hier nicht solange rausholen.“

Draußen regnet es munter weiter, während drinnen der Senator ebenso munter die Statistik auspackt: Bremen schneide bei Zeitverlusten durch Staus deutlich besser ab als andere Großstädte. In einem Ranking belege Bremen sogar nur die 25. Stelle, weit hinter München und Hamburg. „Da stehen wir doch ganz gut da.“ Ja, wir stehen. Im Stau auf der Utbremer Straße. Als hätte der Senator mit seinen Zahlen den Stillstand heraufbeschworen, kommt das Taxi zum Stehen. Vor uns leuchten die Bremslichter eines Lkw. „Um diese Zeit ist hier normalerweise nicht so viel los“, sagt Seloff. „Das hat ganz klar mit der Baustelle auf der A1 zu tun.“

Auch Lohse ist von Staus genervt

Auch Lohse hat schon im A 1-Stau gestanden. Normalerweise fahre er sehr selten mit dem Auto, lieber mit der Bahn, aber an dem Tag sei das nicht anders gegangen. Ende Juni war das, der Senator kam aus Hamburg und wollte zur Abschiedsfeier der grünen Bundestagsabgeordneten Marieluise Beck in der Kulturkirche St. Stephani. „Vor allem wollte ich pünktlich sein“, sagt Lohse. „Daraus ist nichts geworden, ab der Anschlussstelle Oyten habe ich eineinhalb Stunden gebraucht. Klar nervt das.“ Und ihn nerve auch, wenn Baustellen in anderen Städten nicht mit seiner Behörde abgestimmt würden, wenn sie Folgen für den Verkehr in und um Bremen haben: „Die Arbeiten am Wesertunnel in Bremerhaven sind so ein Fall, das ist mit uns nicht abgestimmt worden. Das ärgert mich.“

Der Taxifahrer macht den Senator auf einige verwirrende Verkehrsführungen aufmerksam: "Wer macht denn so was?", fragt Lohse.
Der Taxifahrer macht den Senator auf einige verwirrende Verkehrsführungen aufmerksam: "Wer macht denn so was?", fragt Lohse. (Frank Thomas Koch)

Wir fahren wieder. Der Stau liegt hinter uns und irgendwie auch der Regen. An der Ecke Hansator/Auf der Muggenburg hätte der Senator wohl seinen Führerschein abgeben müssen. „Warum fahren Sie nicht?“, fragt er den Taxifahrer. Seloff: „Weil rot ist.“ Lohse: „Ach.“ Zur Ehrenrettung des Selten-Autofahrers muss gesagt werden, dass es nicht fehlende Fahrpraxis ist, die den Senator den Führerschein gekostet hätte, sondern eine – zurückhaltend ausgedrückt – missverständliche Verkehrsführung mit zwei Ampeln. Es gibt eine Linksabbiegerspur und eine geradeaus, die aber auch nach links abknickt. Die Ampel für die echte Linksabbiegerspur zeigt grün. Die andere für uns rot. Die Ampel-Falle schnappt zu. „Wer macht denn sowas?“, fragt der Senator.

Kurze Zeit später reicht ein „Wer macht denn sowas?“ nicht mehr aus. „Fahren Sie mal ein bisschen langsamer.“ Kein Problem, der Verkehr staut sich ohnehin schon wieder. Dieses Mal ist es die – zurückhaltend ausgedrückt – missverständliche Baustellen-Beschilderung auf der B6. Sehr missverständlich. Und sehr unfallträchtig. Sie sorgt für hektisches Hin- und Herfahren vor uns. Lohse zieht sein Smartphone aus der Sakko-Tasche und fotografiert das Schilder-Chaos. Die großen Hinweistafeln über der Straße sind mit rotem Klebeband durchkreuzt. Das Schild, das jetzt gilt, steht ganz klein und unscheinbar am rechten Fahrbahnrand. „So etwas kann man nicht ernsthaft machen. Kein Wunder, dass Autofahrer dann genervt sind, oder?“, fragt Seloff seinen Beifahrer. Der Senator macht vorsichtshalber noch ein Foto: „Das ist wohl wahr.“


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Leserkommentare
holger_sell am 21.10.2019 13:11
Kretzschmar: Seit der Diskussion um den Brexit ist europaweit die Unterstützung für die EU gewachsen, sowohl in der Politik als auch in den ...
peteris am 21.10.2019 12:30
Vielleicht wissen wir am 1.11. um 11:11h mehr.


Sie meinen sicher den 11.11. um 11:11h?
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