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Auftritt im Kommunalkino City 46
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Die Bremerin, die auszog, um in der Türkei Bürgermeisterin zu werden

Jürgen Hinrichs 08.12.2017 0 Kommentare

Die junge Kurdin beschließt, nach Jahren in die Türkei zurückzukehren. Sie wird in Cizre jüngste Bürgermeisterin des Landes und hilft, die vom Krieg gebeutelte Stadt wieder aufzubauen.
Die junge Kurdin beschließt, nach Jahren in die Türkei zurückzukehren. Sie wird in Cizre jüngste Bürgermeisterin des Landes und hilft, die vom Krieg gebeutelte Stadt wieder aufzubauen. (Frank Thomas Koch)

Wo sie wohnt, soll nicht bekannt werden. Zu gefährlich. „Ich fühle mich nicht sicher“, sagt Leyla Imret. Lange hat sie sich deshalb im Verborgenen gehalten. An diesem Abend nicht. Auftritt im Kommunalkino City 46. Gezeigt wird ein Dokumentarfilm, der den Weg nachzeichnet, den Imret gegangen ist. Von Osterholz-Scharmbeck, wo sie als Friseurin gearbeitet hat, in ihre Heimatstadt Cizre in der Türkei. Sie ist dort Bürgermeisterin geworden, mit 26 Jahren. Als in Cizre, das am Fluss Tigris an der Grenze zu Syrien liegt, der Ausnahmezustand erklärt wurde und viele Menschen ermordet wurden, musste sie untertauchen und ist über den Irak zurück nach Deutschland geflohen. Eine spektakuläre Geschichte, die in den Medien weltweit Wellen geschlagen hat. Am Donnerstagabend hat Imret das erste Mal ausführlich in der Öffentlichkeit über ihre Erlebnisse gesprochen.

„Friseurin aus Bremen wird Bürgermeisterin“, war eine der vielen Schlagzeilen vor dreieinhalb Jahren, als die junge Frau ihr Amt antrat. Friseurin – nichts gegen diesen Beruf, sagt Imret, und sie hat ihn ja tatsächlich ausgeübt. Aber nur um der drohenden Abschiebung aus Deutschland zu entgehen, der feste Job hat ihr dabei geholfen. „Eigentlich wollte ich Erzieherin werden oder Politik studieren.“ So aber war sie eben Friseurin, sehr jung und aus der Provinz. Eine Frau, die von der sehr kleinen, überschaubaren Bühne binnen weniger Monate auf eine überwältigend große gewechselt ist. Dieser Kontrast war es, der für so großes Aufsehen gesorgt hat.

Sie hatte sich nichts Besonderes vorgenommen, wollte nach 21 Jahren, in denen sie zu ihrem Schutz bei der Tante in Deutschland gelebt hat, nur zurück zu ihrer Mutter und den Brüdern. Ein Zufall, erzählt sie, dass in Cizre zu der Zeit gerade Kommunalwahlen anstanden. Mehr oder weniger spontan habe sie entschieden, sich für eine der prokurdischen Parteien als Kandidatin aufstellen zu lassen. „Ich bin da hin, habe mich vorgestellt, und das war's.“ Mit mehr als 80 Prozent der Stimmen ist Imret im Frühjahr 2014 in ihr Amt gelangt. Von da an leitete sie die Geschicke einer Stadt mit 110 000 Einwohnern.

Beeindruckende Bilder

Die Bilder in dem Dokumentarfilm sind beeindruckend. Es war wirklich eine ganz große Bühne, die Imret betrat. Sie sprach damals bei den Kundgebungen vor Tausenden von Menschen, auf eine Weise, als ob sie das schon oft getan hätte. Sie wand sich durch die Menge, wurde angefasst, begrüßt („Frau Bürgermeistern!“), für Fotos neben die Leute gestellt. Sie empfing in ihrem opulent eingerichteten Büro Gäste, hörte sich ihre Sorgen an. Sie ging mit den Fachleuten aus dem Rathaus durch die Stadt, erörterte Pläne für den Bau eines Schlachthofes, für Spielplätze und Parks. Der Alltag einer Spitzenpolitikerin.

Es mag nicht ihre Absicht gewesen sein, aber ein Wunder war es auch nicht, dass Imret von den kurdischen Aktivisten aufs Schild gehoben wurde. Ihr Vater war ein Kämpfer, die türkische Regierung würde sagen, er war ein Terrorist. Ein Mann, der zuletzt im Untergrund lebte, in den Bergen, und erschossen wurde, als ihn die Polizei stellte. Der Vater gilt als Held in Cizre. Imret war also keine Unbekannte, als sie im Parteibüro vorsprach.

„Das erste Jahr als Bürgermeisterin war eine gute Zeit“, blickt sie zurück. Sie konnte etwas tun für die Menschen. Im Film wirkt sie freundlich, aber auch sehr entschieden im Umgang mit ihren Mitarbeitern. Die Chefin, das bin ich! So wirkt das, und in einer Szene sagt sie es auch, als jemand sich herausredet, weil es bei einem der Projekte der Stadtverwaltung angeblich Widerstände gibt. Auch da wieder blankes Erstaunen, wie radikal ein Rollenwechsel sein kann. Vor kurzem im Salon noch Haare geschnitten und jetzt an der Spitze einer vielköpfigen Administration.

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Kritisch wird die Situation vor der Wahl zum türkischen Nationalparlament im Juni 2015. Leyla Imret macht Wahlkampf für die HDP, eine linksgerichtete, mehrheitlich kurdische Partei, die verdächtigt wird, enge Kontakte zur PKK zu pflegen. Die PKK  wird unter anderem von Deutschland als Terrororganisation eingestuft, von der Türkei sowieso. Es gibt Anschläge auf Büros der HDP. Kurz vor der Wahl wird auf einer Kundgebung der Partei ein Bombenattentat verübt, bei dem zwei Menschen sterben. Der Beginn einer Spirale von Gewalt, die sich bis heute dreht.

Die HDP erhält 13,1 Prozent der Wählerstimmen, eine Provokation für das Regime  von Recep Tayyip Erdogan. Der Staatschef reagiert mit Repression. Imret wird des Amtes enthoben, sie geht trotzdem weiter ins Rathaus und macht ihre Arbeit. Der Terror nimmt zu, viele Tote, doch die Bürgermeisterin kann nichts machen, sie ist hilflos. „Ich habe mich schuldig gefühlt. Andere sterben, ich nicht, habe ich gedacht. Damals, heute eigentlich auch noch, habe ich das Gefühl, weder zu leben noch tot zu sein.“

Status einer Diplomatin

Sie geht fest davon aus, beobachtet zu werden, schlimmer: vielleicht tue man ihr und ihrer Familie eines Tages etwas an, „das hat es alles schon gegeben“. Imret erinnert an den Fall eines Agenten, der vom türkischen Geheimdienst nach Bremen geschickt worden war, um einen Kurdenführer ins Visier zu nehmen und ihn zu ermorden. Der Agent war im vergangenen Jahr durch Medienberichte enttarnt worden. Imret hat sich exponiert und tut es immer noch. Sie gehört heute zum Führungskreis der HDP in Deutschland und hat den Status einer Diplomatin. „Im Januar werden wir in Berlin ein Büro eröffnen.“

Für den Abend im Kino ist sie extra aus Berlin angereist. Sie hatte sich dort mit der Parteispitze der Linken getroffen und war Gast des Bundesparteitags der SPD. Das Parkett einer Politikerin, die irgendwann wieder zurück will nach Cizre, in ihre Heimat. „Die Hoffnung habe ich.“ Zweimal wurde sie während ihrer Zeit in der Türkei festgenommen. Die Beweise reichten aber nicht aus, sie in Haft zu nehmen. Dass sie auf Anordnung der Regierung ihr Amt abgeben musste, akzeptiert Imret nicht: „Nur das Volk kann mich abwählen. Ich bin immer noch Bürgermeisterin.“


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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