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Generation Turbo-Abi
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Die wahre Reifeprüfung

Marc Hagedorn 02.06.2019 0 Kommentare

Elias Bosch gehört zur Generation Turbo-Abi, über die inzwischen Studien verfasst und Bücher geschrieben wurden.
Elias Bosch gehört zur Generation Turbo-Abi, über die inzwischen Studien verfasst und Bücher geschrieben wurden. (Maximilian von Lachner)

Vielleicht hilft mir ja die Berufsberatung weiter, denkt sich Elias Bosch vor einem Jahr. Ihm läuft langsam die Zeit davon. In ein paar Wochen hat er sein Abi in der Tasche, und dann soll er sich am besten schon entschieden haben, was er anschließend machen will. Elias Bosch ist 17, einer aus der Generation Turbo-Abi, der jetzt durchstarten könnte und nun..., und nun…, ja, was eigentlich machen soll? „Ich habe nach der Prüfungsphase ein bisschen Panik bekommen“, sagt er. Die Berufsberatung in der Schule half ihm und seinen Mitschülern auch nicht weiter: Der angedachte Termin bei der Agentur für Arbeit fiel ersatzlos ins Wasser.

Bannour Hadroug kennt viele solcher Geschichten. Hadroug sitzt in der Geschäftsführung der Jacobs University und ist für die Auswahl der künftigen Studenten zuständig. Seine Klientel ist die Generation Turbo-Abi, über die inzwischen Studien verfasst und Bücher geschrieben werden. In den Statistiken geht es beim Thema Turbo-Abiturienten meist um hohe Abbrecherquoten im Studium, in den Büchern um die große Orientierungslosigkeit der Teenager. Für Hadroug ist das kein Wunder, er sagt: „Im Schulcurriculum ist für die Vorbereitung auf die richtige Berufs- und Studienwahl kein Platz vorgesehen.“

Alle Türen stehen offen

Die Autorin Ulrike Bartholomäus („Wozu nach den Sternen greifen, wenn man auch chillen kann“) hatte im Gespräch mit dem WESER-KURIER kürzlich erzählt, auf wen sie bei den Recherchen für ihr Buch gestoßen ist: „Auf Nesthocker und auf Bumerang-Kids, die nach dem Turbo-Abi in die totale Leere fallen und keine Sekunde daran denken, wie sie jetzt ihre Zukunft gestalten wollen.“ Elias Bosch ist kein Nesthocker und auch kein Bumerang-Kid, das kurze Zeit nach dem Auszug schon wieder heim zu Mama und Papa gekehrt ist. Bosch, aufgewachsen in einem Dorf in Oberbayern, hat sich, im Gegenteil, reichlich Gedanken gemacht, aber sicher war er sich über seine Zukunft zu keinem Zeitpunkt.

Den Abiturienten stehen im Jahr 2019 alle Türen offen. Die Digitalisierung sorgt dafür, dass die Welt so eng zusammengerückt ist wie nie. Jeder ist jederzeit erreichbar, alles allzeit verfügbar. „Wir können uns wahnsinnig glücklich schätzen, so viele Möglichkeiten zu haben“, sagt Bosch, „aber die Situation ist auch überfordernd.“

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Was tun nach dem Abi? Rumreisen, die Welt entdecken? Ein freiwilliges soziales Jahr machen? Freiwillig zum Bund gehen? Ein Praktikum? Oder Nichtstun, einfach mal die Beine hochlegen? Die Wissenschaft hat längst einen Begriff für das Jahr nach dem Turbo-Abi: Gap Year heißt es, englisch für Überbrückungsjahr. Gut die Hälfte aus Elias Boschs Jahrgang hat sich für ein Gap Year entschieden.

Vor dem Turbo-Abi waren Studienanfänger oft 20, 21 Jahre alt. Das Abi gab’s damals nach 13 Jahren Schule, dann folgten verpflichtend Zivil- oder Wehrdienst; bis Anfang der 1990er-Jahre dauerte beispielsweise der Zivildienst noch fast zwei Jahre. Elias Bosch dagegen durfte noch keinen Mietvertrag unterschreiben, als er sich für ein Studium entscheiden sollte, weil er noch nicht alt genug dafür war. „Fürs Abi an sich war ich nicht zu jung“, sagt er, „aber für die Entscheidungen danach.“

Angst vor dem Nichtstun

Klar war für ihn anfangs nur eines: was er nicht wollte. „Ich hatte Angst vorm Nichtstun, ich wollte das Jahr nicht verschwenden“, sagt er. Nur abhängen, chillen, Playstation spielen – nein danke. Durch Recherchen im Internet stieß er schließlich auf die Jacobs University und ihr Angebot an Rat suchende Abiturienten: das Foundation Year, eine Art Schnupperstudium, „unsere Antwort auf das Turbo-Abi“, sagt Hadroug. 64 Studierende waren im ab­gelaufenen Jahr fürs Foundation Year ein­geschrieben. Weil die Jacobs University auf Internationalität allergrößten Wert legt, kommen sie aus 35 Ländern.

Elias ist einer von ­sieben Deutschen. Er hat Basiskurse in BWL, Natur- und Geisteswissenschaften sowie ­Psychologie belegt. Er hat gerade seine letzten Prüfungen abgelegt, Klausuren und ­Hausarbeiten geschrieben. Wenn er an der Jacobs University bleibt, werden die Ergebnisse aus dem Foundation Year angerechnet. Das Gute an der Vielfalt der Studienfächer in diesem Jahr: Er konnte alles ausprobieren. „Es ist ein Studieren ohne das Risiko von Verlust, ohne die Erfahrung des Scheiterns“, sagt Hadroug.

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An deutschen Hochschulen machen jedes Jahr Tausende Studierende die Erfahrung, aufs falsche Fach gesetzt zu haben. Sie haben die Wahl zwischen Hunderten von Studiengängen. Die Abbruchquoten sind hoch. Jeder Zweite beendet sein Ingenieurstudium vorzeitig; jeder Dritte in Maschinenbau und Elektrotechnik. Bei Mathe, Physik, Chemie und Informatik ist es nicht ganz ein Drittel, beim Lehramt jeder Siebte. Wie viele Niederlagen – und viele Studierende empfinden einen Studienabbruch so – wie viele Niederlagen kann ein junger Mensch vertragen? Nicht allzu viele, sagt man sich bei der Jacobs University. „Wir haben in der heutigen Arbeitswelt eine krasse Zielorientierung“, sagt Hadroug, der Druck ist hoch, „der Arbeitsmarkt braucht dringend qualifizierte Kräfte.“

Elias, inzwischen 18, hat das knappe Jahr auf dem Jacobs-Campus in Grohn geholfen; nicht nur die Seminare und der Unterricht an sich, sondern auch der ständige Austausch mit Kommilitonen, die regelmäßigen Feedback-Gespräche mit den Dozenten. Er weiß jetzt, was er machen will: Die Bewerbungen für ein Studium – Politik und internationale Beziehungen – sind raus. Vielleicht bleibt er in Bremen, vielleicht geht er in die Niederlande oder an eine Uni anderswo in Deutschland. Er weiß jetzt, wie es sich anfühlt, und was es heißt, fern der Heimat zu leben. Für ihn steht fest: „Ich bin heute viel reifer als vor einem Jahr.“


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Leserkommentare
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Bremen99 am 21.10.2019 20:41
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