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Selbermachen im Garten
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Ein Bett wird zum Beet

Patricia Brandt 07.04.2019 0 Kommentare

Sabine Heinsohn bepflanzt ein Schrottauto auf dem Gelände in Vegesack.
Sabine Heinsohn bepflanzt ein Schrottauto auf dem Gelände in Vegesack. (Fotos: Christian Kosak)

Beim Upcycling werden Dinge nicht nur wiederverwertet, sondern auch aufgewertet. Wie das Schrottauto, das Geflüchtete gerade zum Gewächshaus umfunktionieren. Sie haben den Motor ausgebaut und gegen Big Bags ausgetauscht. Die Idee dazu hatte Sabine Heinsohn. Sie ist die Leiterin des Urban-Gardening-Projekts des Arbeit- und Lernzentrums (ALZ) an der Hermann-Fortmann-Straße in Vegesack. Auf einer 2500 Quadratmeter großen Freifläche werden ausrangierte Möbel zu Pflanzgefäßen und Gartendeko.

Sabines Heinsohns Büro befindet sich in dem riegelartigen Gebäudekomplex des ALZ, nicht unweit des Möbellagers, in dem Langzeitarbeitslose aufgearbeitete Möbelspenden verkaufen. Darin stehen jede Menge Grünpflanzen. „Grüne Hölle nennt mein Chef mein Büro“, sagt sie. Pflanzen aus Haushaltsauflösungen landeten automatisch bei ihr. Es hat sich rumgesprochen, dass die frühere Verwaltungsfachkraft, die bei der Post gelernt hat, ein Händchen hat für kränkelnde Birkenfeigen und ausgetrocknete Efeututen. „Es heißt immer: Alles, was grün ist, zu Sabine.“

Dass sie sich so gut mit Pflanzen auskennt, begründet sie mit ihrer Vergangenheit als Selbstversorgerin: „Wir hatten in der Nähe von Bremervörde 11 000 Quadratmeter Land.“ Heute ist ihr Garten im niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck zwar wesentlich kleiner, doch: „Garten ist etwas, was zu mir gehört“, erzählt sie auf dem Weg zum ALZ-Garten.

Im Rahmen ihres Projekts Urban Gardening gibt sie ihr Gartenwissen an Geflüchtete weiter. Und gleichzeitig lernten die Geflüchteten bei ihr über das gemeinsame Gärtnern Deutsch. „Die Teilnehmer erden sich hier. Viele kommen aus der Landwirtschaft und kennen sich aus mit dem Gemüseanbau.“

Murad Salim (38) zum Beispiel, der vor drei Jahren nach Deutschland gekommen ist, hat im Irak Wassermelonen und Tomaten angebaut und auch verkauft. Gerade läuft er mit einem Teller über das Gelände. Darauf sind Kürbissamen, an denen noch orangefarbenes Fruchtfleisch hängt. „Ich werde sie waschen und einpflanzen“, erklärt er.

Von Teilnehmern wie Murad Salim habe sie gelernt, wie sie noch sparsamer mit den Ressourcen umgehen könne, meint Sabine Heinsohn. „Beim Tomatenaufbinden wird nicht einfach die Schnur genommen, sondern das Band wird noch mal aufgedröselt.“

Die Kürbissamen sollen in Big Bags in den alten Twingo gepflanzt werden. Das Auto eigne sich schon wegen seines Verdecks als Gewächshaus, meint Sabine Heinsohn. Es parkt mitten im Projektgarten. Der liegt auf der Freifläche zwischen dem ALZ-Möbellager und Getränkemarkt. Dort, wo sich früher Müll ansammelte, befindet sich heute eine grüne Oase.

Mit einigen wenigen Pflanzkästen fing Sabine Heinsohns Urban Gardening Projekt an, inzwischen grünt und sprießt es auf dem gesamten Gelände: Ein verschnörkeltes Bettgestell wurde zum Lavendelbeet, eine alte Wäschespinne bietet Bohnen Halt, alte Bettseiten wurden zum Hochbeet und eine ehemalige Skaterbahn wurde zum Picknickplatz  umfunktioniert.

Das Arbeit- und Lernzentrum hatte das Gelände zunächst für drei Jahre von der Wirtschaftsförderung Bremen zur Zwischennutzung gepachtet. „Jetzt wurde der Pachtvertrag verlängert“, berichtet Heinsohn. Mit der Vorgabe, dass der Boden nicht entsiegelt wird. „Wir müssen zügig alles leer räumen können, falls eine andere Nutzung gefragt ist.“

Was Sabine Heinsohn und ihre Projektteilnehmer in ihrem Garten verwenden, haben andere aussortiert und dem Beschäftigungsträger gespendet. Heinsohn zeigt auf Rhododendren und Buchsbäume. „Alles geschenkte Sachen. “ Wenn Mitarbeiter des ALZ-Quartierservice bei Haushaltsauflösungen helfen, nehmen sie sogar die vertrockneten Zimmerpflanzen mit. Dann landen sie erst bei Sabine Heinsohn im Büro und werden später in einer Bude im ALZ-Garten stückweise ab zwei Euro weiterverkauft.

Nachhaltigkeit ist der Projektleiterin beim Arbeit- und Lernzentrum ein großes Anliegen. „Das habe ich von meinen Großeltern gelernt, ich mache auch Patchwork, wo Altes und Neues verbraucht wird.“ Sabine Heinsohn hält es für wichtig, nicht immer nur neue Sachen zu kaufen, die am Ende auf dem Sperrmüll landeten, weil sie nicht gut produziert seien. „Überproduktion ist nicht gut für unsere Umwelt. Diese Müllberge finde ich erschreckend“, sagt sie.

Sogar alte Krawatten, Schallplatten und Teekessel finden in dem Garten an der viel befahrenen Hauptstraße einen Platz: in den Ästen von Bäumen. Wenn die Textilien im Wind flattern und die Scheiben und Teekessel im Licht blinken, halte das die Vögel ab, sich an der Aussaat gütlich zu tun, sagt Sabine Heinsohn.

Manchmal entsteht auch aus mehreren alten Teilen ein Neues: So werden im ALZ-Garten Etageren und Pflanzgefäße angeboten, die ein Projektteilnehmer aus Zifferblättern einer Uhr, Tellern und Teilen einer Lampe fertigt.

Eine Radlerin stoppt am Zaun zur Hauptstraße. „Gehört das alles hier zum ALZ?“ Sabine Heinsohn bejaht. „Ist ja toll.“ Das Interesse an den recycelten Dekorationsstücken im ALZ-Garten sei groß, sagt Heinsohn. Regelmäßig öffnet sie das Tor, um Besucher hereinzulassen: Pflanzen und Deko-Artikel stehen zum Verkauf.  

„Wir verkaufen sogar die Gummistiefel, die wir hier dekorieren“, berichtet Sabine Heinsohn. Zurzeit arbeiten die Teilnehmer an der Wiederaufbereitung von gusseisernen Gartenbänken – vergoldet und versilbert werden die verschnörkelten Rückenlehnen zur originellen Wand-Deko. Beliebt seien bei Kunden auch halbierte Milchkannen: „Man kann sie an die Wand hängen und bepflanzen“, erläutert die Projektleiterin.

Nicht alles in ihrem Projekt-Garten findet sie selbst schön. „Diese Vase mit der kitschigen Plastikblume würde ich nicht hinstellen“, sagt Sabine Heinsohn schmunzelnd,  „aber das muss man aushalten.“

Weitere Informationen

Der Frühjahrsmarkt im Garten des Arbeit- und Lernzentrums an der Hermann-Fortmann-Straße 18 in Vegesack öffnet ab 6. April immer dienstags und donnerstags von 9.30 bis 12.30 Uhr.


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Leserkommentare
suziwolf am 21.10.2019 12:19
Und dann ... @kretschmar -
[auch wieder] eine gemeinsame Währung -

Das britische £ - Sterling -
europaweit jetzt ...
suziwolf am 21.10.2019 12:01
Warum dieser einfache Hinweis
auf www.spiegel.de
[ ,auf Erweiterung der Information‘ ]
mit „👎“ bewertet wird,
erklärt sich ...
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