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Die Wilhelm-und-Helene-Kaisen-Stiftung
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Ein einzigartiger Nachlass

Silke Hellwig 18.12.2018 0 Kommentare

Volker Kröning (rechts) und Horst Brüning gehören (mit Hartmut Müller, nicht im Bild) zum Vorstand der Wilhelm-und-Helene-Kaisen-Stiftung, die das Wohnhaus der Kaisens der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.
Volker Kröning (rechts) und Horst Brüning gehören (mit Hartmut Müller, nicht im Bild) zum Vorstand der Wilhelm-und-Helene-Kaisen-Stiftung, die das Wohnhaus der Kaisens der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. (Christina Kuhaupt)

Weder Helene (1889 - 1973) noch Wilhelm Kaisen (1887 - 1979) gehörten offenbar zu der Sorte Menschen, die sich ausschweifende Gedanken über ihr Vermächtnis machten. Das Ehepaar lebte bescheiden und machte um sich selbst wenig Aufhebens. Davon zeugt das Wohnhaus der Familie, in dem die Zeit stehen geblieben ist, ganz bewusst. Denn die sogenannte Siedlerstelle in Borgfeld samt Scheune, Gewächshaus und 1,5 Hektar Land gehören zum Vermögen der gemeinnützigen Wilhelm-und-Helene-Kaisen-Stiftung. Sie sind Museum und Archiv zugleich.

Auf und mit dem kleinen Hof war Kaisen notgedrungen zum Kleinbauern geworden, nachdem er 1933 durch die Nationalsozialisten sein Amt als Senator verloren hatte. Als Kaisen zwölf Jahre später von der amerikanischen Besatzungsmacht an der Spitze des Senats eingesetzt worden war, blieb die Familie auf dem Hof und betrieb ihn weiter. Eine Reihe von Fotos zeigen Wilhelm Kaisen mit und ohne Vieh, im Stall und auf dem Feld.

Im „Zeit“-Archiv findet sich eine Anekdote, die sich um den Besuch des Bundespräsidenten Theodor Heuss Anfang 1952 auf dem Hof rankt. Heuss besuchte den Bürgermeister dort, weil Kaisen gesundheitlich angeschlagen war. Die „Zeit“ schildert: „,Willst du auch meinen Ochsen sehen?‘ fragte Kaisen schließlich seinen Freund Heuss; – ,Natürlich, gern!‘ Kaisen schob den Riegel von der Tür zurück, die die Wohnküche vom Stall trennt ... und sehr zur Überraschung des Bundespräsidenten stand da der Ochse ,Heinrich‘ in voller Größe vor ihm. Theodor Heuss kraulte den Ochsen (...) zwischen den Hörnern.“ Angeblich hieß das Tier von dieser Begegnung an Theodor.

Die Stiftung, die das Andenken Wilhelm Kaisens und seiner Frau ehrt, wurde 1995 gegründet. Das Datum war mit Bedacht gewählt: 50 Jahre zuvor, am 1. August 1945, wurde Kaisen Präsident des Senats und beeinflusste maßgeblich die Geschicke Bremens in den schweren Jahren des Wiederaufbaus. Seine Frau war vielseitig karitativ ehrenamtlich engagiert. 20 Jahre später schied Kaisen aus der Landesregierung aus. Es waren die Kinder Ilse und Franz, die die Idee zur Stiftung hatten und ihr ihr Erbe überließen, erzählt Volker Kröning, ehemals Senator, anschließend SPD-Bundestagsabgeordneter und seit Anbeginn der Stiftung ihr Vorstandsvorsitzender.

„Mit dieser Stiftung soll das Andenken an das Wirken und die Leistung Wilhelm Kaisens und seiner Ehefrau Helene für die Freie Hansestadt Bremen und deren Bürgerinnen und Bürger der Nachwelt erhalten werden“, heißt es in der Stiftungssatzung. Dazu, sagt Kröning, sei im Laufe der Jahre ein Netzwerk aufgebaut worden. Insbesondere die Beziehungen zum Rathaus und dem Staatsarchiv seien eng, es gebe auch gute Kontakte zur Universität, zur bremischen Historiker-Szene und zur Wilhelm-Kaisen-Bürgerhilfe.

Neben dem dreiköpfigen Vorstand und dem sechsköpfigen Kuratorium engagiert sich laut Kröning ein Kreis von rund 20 Ehrenamtlichen für die Stiftung. Er ist erweiterbar: „Jeder, der helfen will, ist bei uns willkommen. Wir sind sehr dankbar, wenn sich Interessierte bei uns melden.“ Es gebe genug zu tun, „wir haben unsere Aktivitäten vorsichtig ausgedehnt“. Dazu zählen neben den regulären Öffnungszeiten und den Führungen für Gruppen regelmäßige Matineen, alljährliche Tage der offenen Tür und die Kaisen-Lesungen im Rathaus. Obendrein wird die Schriftenreihe der Stiftung regelmäßig ergänzt.

Zunächst wurde die Scheune umgebaut, zu einem Museum und Archiv zugleich. Seit 2001 steht sie Interessierten offen. Vor drei Jahren gelang es der Stiftung darüber hinaus, das Wohnhaus so umzugestalten, dass es besichtigt werden kann. Das war nach Angaben von Kröning ein wichtiger Schritt: „Das Wohnhaus ist unsere Attraktion geworden.“ Der Besucherzuspruch sei gewachsen, vor allem die Anzahl der Sonderführungen habe deutlich zugenommen. Derzeit werden laut Kröning an die 6000 Besucher pro Jahr gezählt.

„Wir sind stolz darauf, dass diese Dokumentationsstätte einzigartig ist“, so der Vorsitzende weiter. Nirgendwo sonst gebe es einen derart in sich geschlossenen, unangetasteten und umfangreichen Nachlass eines hochrangigen Politikers, an dem man Leben und Wirken sowie das geistige Vermächtnis beinahe mit Händen greifen kann. „Es gibt kein vergleichbares biografisches Zeugnis. Es ist eine besondere Art der politischen Bildung.“ Dabei sei es der Stiftung wichtig, „dass wir Geschichte nicht mit dem Blick zurück, sondern mit dem Blick nach vorn betreiben. Wir betrachten unsere Arbeit als Gegenwartsdienst.“

Wichtig sei es von Beginn an gewesen, dafür zu sorgen, dass Stiftung und Dokumentationsstätte in Borgfeld auf Dauer finanziell abgesichert sind. Jahr für Jahr falle ein Unterhaltungsaufwand in sechsstelliger Höhe an. Aus diesem Grund wurde eine solide und unabhängige Finanzierungsquelle gesucht, nicht irgendeine, sondern eine im Geiste der Kaisens. Eine Einrichtung für behinderte Kinder entstand auf dem Anwesen, das Kaisen-Stift. Die Stiftung vermietet das Gebäude an den Arbeiter-Samariter-Bund, mit den Mieteinnahmen werden Stiftungszwecke erfüllt. Das Profil habe sich im Laufe der Jahre verändert, die Bewohner seien älter geworden, aber es passe nach wie vor zu Kaisens, so Kröning.

Der Gegenwartsbezug der Stiftung dokumentiert sich auch in ihrem Interesse am Nachwuchs. Hier engagiert sie sich seit einigen Monaten in besonderer Form – durch eine Partnerschaft mit der Wilhelm-Kaisen-Oberschule, die in absehbarer Zeit durch eine Helene-Kaisen-Grundschule ergänzt werden soll. „Dort entsteht ein Campus, wo wir unsere Angebote auch der jüngsten Generationen unterbreiten können. Politik- und Geschichtsunterricht ist an unseren Schulen dringend nötig.“ Schulklassen können schon heute durch das Kaisen-Anwesen begleitet werden, dem Stiftungsteam schwebt vor, nach und nach auch altersgerechtes didaktisches Material zu entwickeln.

Das Sachvermögen der Stiftung ist unbezahlbar, das Budget sei überschaubar, sagt Kröning, Spenden seien daher willkommen. Es gebe auch erste Überlegungen, neben dem jetzigen Kaisen-Stift nach einem ähnlichen Modell eine Einrichtung zu schaffen, „die der Kaisen-Tradition verpflichtet ist“, der Stiftung Mieteinnahmen beschert und so ihre Zukunft sichert.

Weitere Informationen

Das Kaisen-Anwesen (Rethfeldsfleet 9) steht Besuchern an jedem zweiten Sonntag im Monat von 11 bis 16 Uhr offen. Der Eintritt ist frei. Führungen können gesondert unter 0421 / 27 07 07 vereinbart werden. Es gibt einen kostenlosen Audioguide auf Hoch- und Plattdeutsch. Weitere Informationen findet man unter

www.wilhelm-helene-kaisen-stiftung.de


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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