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Seemannspastor in Bremen
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Ein Herz für Seeleute

Sigrid Schuer 02.08.2019 0 Kommentare

In Rotenburg an der Wümme absolvierte Magnus Deppe seine Ausbildung zum Erzieher. Daran schloss sich die Ausbildung zum Diakon in Eisenach an.
In Rotenburg an der Wümme absolvierte Magnus Deppe seine Ausbildung zum Erzieher. Daran schloss sich die Ausbildung zum Diakon in Eisenach an. (Christina Kuhaupt)

Ein junger, ukrainischer Seemann sitzt an der schicken Theke des Seemannsclubs im Lichthaus in Gröpelingen, genießt sein kühles Blondes zum Mittag und den Blick über die Ausläufer der Hafenanlagen. Seemannspastor Magnus Deppe steht ihm mit Rat und Tat zur Seite. Der Club hat ab 12 Uhr mittags regulär geöffnet. Und das sieben Tage die Woche. „Wir haben hier pro Monat 250 bis 300 Besucher“, erzählt Deppe. Vor einem Jahr trat der Diakon sein Amt als Seemannspastor an und hat sich bestens eingelebt. Ihm ginge es in allererster Linie darum, mit seiner Crew für die Seeleute da zu sein, aber auch darum, Bremen positiv darzustellen, betont er. Deshalb liegen auf der Theke Magnete in Form der Bremer Stadtmusikanten, aber auch kleine Bücher, in denen das gleichnamige Märchen in vielen unterschiedlichen Sprachen erzählt wird. Für die Seeleute da zu sein, bedeute auch, ihnen in Notlagen zu helfen, wenn es beispielsweise Hygienemängel an Bord gebe oder in Abstimmung mit den zuständigen Behörden und der Reederei ein Rückflug organisiert werden müsse.

Immer gefragt sind im Seemannsclub, der seine neuen Räume vor einem halben Jahr im Lichthaus bezogen hat, Telefonkarten, aber auch eine gute Kaffeespezialität wird immer gern genommen. Da hat sich die Investition in ein High-End-Gerät gelohnt. Entscheidend ist die Internet-Verbindung im Club. Denn auf hoher See sind die Seeleute einem geflügelten Wort zufolge nicht nur in Gottes Hand, sie sind meistens auch ohne Internet. Und so kann es passieren, dass sie im Seemannsclub via Internet die allerersten Bilder ihres Neugeborenen sehen. „Da freuen wir uns dann immer mit“, sagt Deppe schmunzelnd. Auch die Kapitäne dürften im Club mal von ihrem Heimweh und ihrer Traurigkeit erzählen. Neben dem Café mit den dezenten maritimen Accessoires, seinen gemütlichen Sitzecken und der Bar gibt es einen weiteren Raum, in dem die Seeleute Dart und Billard spielen oder kickern können. Ein dritter Raum dient als Rückzugsort und für Besprechungen.

Gerade sind Berend Mattfeldt und Gerhard Prübusch in den Seemannsclub hereingeschneit. Beide tragen neongelbe Warnwesten und weiße Schutzhelme. Zwei von rund 35 Ehrenamtlichen, darunter auch Studierende der Nautik und des Schiffsbaus, die schon einmal in die Praxis hineinschnuppern und die Seeleute unterstützen möchten, wie Diakon Deppe erläutert. Zudem unterstützen drei Jugendliche, die hier ihr freiwilliges soziales Jahr absolvieren, den Seemannsclub.

„Wir sind hier wie eine Familie, ein tolles Team. Jeder kann sich auf den anderen verlassen!“, betont der Seemannspastor. Mattfeldt und Prübusch waren nach ihrer Pensionierung auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung. Seit einigen Jahren kümmern sie sich mit Feuereifer um die Crews der in den verbliebenen Bremer Häfen einlaufenden Schiffe. Und das sind nicht wenige, immerhin sechs bis sieben pro Tag, also circa 1200 Schiffe jährlich.

Gerade ist Berend Mattfeldt an Bord von zwei ukrainischen Schiffen gewesen. Von dem einen hat er den jungen Seemann mitgebracht, der jetzt an der Bar sitzt. Und dann ist er an diesem Vormittag neben anderen noch an Bord von einem finnischen Dampfer gewesen. „Sehr freundliche Leute dort. Das trifft auch auf die rein philippinische Mannschaft zu“, resümiert er. Solche Besatzungen gehören zum Idealfall.

Explosiver kann die Lage zuweilen sein, wenn die Mannschaft aus vielen verschiedenen Nationalitäten und Glaubensgemeinschaften zusammengewürfelt ist und für rund zehn Monate auf dem engsten Raum eines Schiffes miteinander auskommen muss, das viele Güter für unsere Konsumgesellschaft transportiert. Der Alltag an Bord ist mit seinem Acht-Stunden-Schichtsystem, knallhart, sagt der Seemannspastor. Dazu käme, dass die Behörden in einigen Ländern nicht einmal die Erlaubnis erteilten, von Bord zu gehen. Beispielsweise in Afrika.

Bei Prübusch lag das ehrenamtliche Engagement auf der Hand. Denn sein Vater war Kapitän. „Damals habe ich schon die Seemannsmission in verschiedenen europäischen Hafenstädten kennengelernt. Klar, dass ich das machen wollte“. Mattfeldt und Prübusch sind beide Ingenieure, wenn auch in unterschniedlichen Metiers. Berend Mattfeldt war Maschinenbau-Ingenieur und engagiert sich zusätzlich ehrenamtlich auch noch für die Opferhilfe-Organisation „Der weiße Ring“. Gerhard Prübusch hat als Ingenieur in der Raumfahrt gearbeitet. 

Wenn die Ehrenamtlichen per VW-Bus oder Caddy die Seeleute von Bord holen, haben sie neben dem WESER-KURIER immer auch die Heimatzeitungen in den jeweiligen Landessprachen dabei. „Sie haben oft Tränen in den Augen, wenn sie ihre Zeitungen in den Händen halten“, weiß der Seemannspastor. Während der WESER-KURIER den Seemannsclub mit einem Gratis-Abo unterstützt, kostet die Seemannsmission die Abos in den verschiedensten Landessprachen ein paar tausend Euro pro Jahr. Und so schippert der WESER-KURIER von Bremen aus oft genug in die weite Welt. Vor Weihnachten werden von den Ehrenamtlichen an Bord zudem Päckchen mit kleinen, nützlichen Aufmerksamkeiten verteilt.

Magnus Deppe hat sich hervorragend in seinem neuen Job eingelebt. „Ich hatte ja ziemlich wenig Vorerfahrung. Aber die Ausschreibung und das Themengebiet haben mich gereizt“, blickt der gebürtige Bremer zurück, der in Etelsen aufgewachsen ist. In Rotenburg an der Wümme absolvierte er seine Ausbildung zum Erzieher. Daran schloss sich die Ausbildung zum Diakon in Eisenach an. In Pinneberg bei Hamburg startete er schließlich ins Berufsleben. Nach sechs Jahren folgte eine weitere Station: Dreieinhalb Jahre diakonische Arbeit in Namibia. „Diese Zeit war doch sehr prägend für mich“, resümiert er. Bevor er schließlich nach Bremen zurückkehrte, war er in Worpswede in der Familien- und Jugendarbeit tätig.

Der neue Standort des Seemannsclubs, der diesen Namen erhielt, weil er nur noch aus drei großen Räumen, sei ideal, so die Einschätzung von Magnus Deppe. „Die Nähe zur Waterfront zahlt sich schon aus, gerade wenn die Seeleute hier im Winter anlegen und viel zu dünne Kleidung tragen, weil sie aus tropischen Gefilden kommen. Mich friert es immer noch, wenn ich daran denke!“ Dazu komme, dass der Seemannsclub näher dran an den Industriehäfen, am Schrott- und Holzhafen ist.

Rund 60 Jahre war das Gebäude Am Jippen die Heimat der Seemannsmission. Dass das geschichtsträchtige Backstein-Haus, das ein Wahrzeichen des Stephani-Viertels war, nun abgerissen wird, erfüllt viele, die es kannten, mit Wehmut. Der Verein der Seemannsmission hat es 2017 verkauft. Die Erlöse sind in das Vereinsvermögen geflossen und größtenteils der qualitätvollen und nachhaltigen Neuausstattung der Räume des Seemannsclubs zu Gute gekommen. Nun soll Am Jippen Wohnbebauung entstehen.

„Ich bin heilfroh, dass ich das von meiner Wohnung, die gleich gegenüber lag, nicht mit ansehen muss! Das ist schon eine Fügung gewesen, dass ich rechtzeitig weggezogen bin“ betont Michael Klee, der 30 Jahre lang Am Jippen gearbeitet hat. Er sagt aber auch: „Ich glaube, dass wir hier im Lichthaus eine bessere Arbeit machen können als im Seemannsheim!“ Von ehemals zwölf festen Mitarbeitern sind gerade mal noch zwei übrig geblieben, Klee und der Seemannspastor. „Wir schauen nach vorne!“, betont Deppe. Aber so ist das eben: Time is money, Zeit ist Geld, je eher ein Schiff wieder schwimmt, desto rentabler ist es für den Reeder. Mit entsprechenden Folgen für  die Seeleute, die sich den oft ultrakurzen Liegezeiten unterwerfen müssen. Irgendwann übernachteten die Seeleute nicht mehr im Seemannsheim und es wurde damit begonnen, die leer stehenden Zimmer an Touristen zu vermieten. Aber das Haus Am Jippen war auch das Zuhause von drei alten Fahrensleuten, die laut Michael Klee aber inzwischen eine andere Bleibe gefunden haben.


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Leserkommentare
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Bremen99 am 21.10.2019 20:41
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