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Neues Buch über U96
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Gerrit Reichert über Realität und Mythos von U-Boot 96

Frank Hethey 17.09.2019 0 Kommentare

Entzaubert mit ­seinem Buch den Realitätsanspruch des Bestsellerautors ­Lothar-Günther Buchheim: der Journalist Gerrit ­Reichert bei der Buchvorstellung im Bootshaus am Weserbogen.
Entzaubert mit ­seinem Buch den Realitätsanspruch des Bestsellerautors ­Lothar-Günther Buchheim: der Journalist Gerrit ­Reichert bei der Buchvorstellung im Bootshaus am Weserbogen. (Frank Thomas Koch)

Wer an die deutsche U-Boot-Waffe im Zweiten Weltkrieg denkt, dürfte fast automatisch Szenen aus „Das Boot“ vor Augen haben. Entweder aus dem Weltbestseller von Lothar-Günther Buchheim oder aus der gleichnamigen Verfilmung von 1981, die gerade in einer neuen Fernsehstaffel wieder aufgewärmt wird. Unauslöschlich eingeprägt ins kollektive Gedächtnis hat sich vor allem die Heldenfigur des wortkargen Kommandanten. Doch „der Alte“ war offenbar gar nicht so, wie Buchheim ihn geschildert hat. Nicht der stoische Held, der einsam seine Bahnen zieht. Und auch die Realität des U-Boot-Kriegs dürfte sich mitunter deutlich von dem unterschieden haben, was Buchheim seinen Lesern als verbürgte Wahrheit präsentierte.

Buch soll mit falschen Vorstellungen aufräumen

Vier Jahre hat sich der Journalist Gerrit Reichert mit dem Themenkomplex befasst. Anfangs nur, um dem Vorbild für die Figur des U-Boot-Kommandanten näherzukommen, dem gebürtigen Bremer Heinrich Lehmann-Willenbrock. „Ich wollte weniger den Krieger kennenlernen, mich hat der Mensch interessiert“, sagt Reichert. Doch am Ende wurde daraus weit mehr als nur eine Biografie des „Alten“: nämlich ein 232 Seiten starkes Buch, das gründlich aufräumt mit falschen Vorstellungen rund um den U-Boot-Krieg. Am Dienstag hat Reichert sein Buch im Beisein von Enrique Lehmann-Willenbrock, dem heute 66-jährigen Sohn des U-Boot-Kommandanten, im Bootshaus am Weserbogen vorgestellt. Der Titel: „U 96 – Realität und Mythos. Der Alte und Lothar-Günther Buchheim“.

Reichert macht keinen Hehl daraus, wie begeistert er die Buchheim-Bücher früher gelesen hat. Mehrfach wühlte sich der 54-Jährige durch „Das Boot“ (1973), auch „Die Festung“ (1995) als zweiten Teil der Trilogie habe er mehr als nur einmal gelesen. Doch bei der Lektüre von „Der Abschied“ (2000) dämmerte ihm, dass womöglich eine Diskrepanz bestand zwischen den Schilderungen des Autors und der Realitätswahrnehmung der unmittelbar Beteiligten. „Das Buch war eine einzige große Kränkung, auch mein Vater hatte das posthum nicht verdient“, sagt Enrique Lehmann-Willenbrock.

Was für „Der Abschied“ gilt, gilt auch für „Das Boot“. Etliche Szenen sind nach Überzeugung Reicherts frei erfunden, um dem häufig auch mal eintönigen Leben an Bord mehr Tiefgang zu verleihen. Künstlerische Freiheit will Reichert dem Bestsellerautor Buchheim nicht zugestehen. Und zwar ganz einfach deshalb, weil Buchheim selbst darauf pochte, keine Fiktion, sondern die Wahrheit abzubilden. Als ehemaliger Kriegsberichter an Bord der U 96 konnte er ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit beanspruchen. Bei der siebten Feindfahrt Ende 1941 war Buchheim dabei gewesen, mit Lehmann-Willenbrock verband ihn seither eine mehr oder weniger enge Freundschaft.

Doch war der U-Boot-Kommandant wirklich die Heldenfigur, zu der ihn Buchheim stilisiert hat? Lehmann-Willenbrock sah sich selbst nicht so. Und auch Reichert hegt begründete Zweifel an der Authentizität des Alten. Allzu auffällig entspricht der Buchheim-Kommandant der Propagandafigur des heroischen U-Boot-Führers. „Buchheim schafft es, die Funktion der U-Boot-Personality mit Lehmann-Willenbrock fortzuführen.“ Das Handwerkszeug dazu habe er sich in Schulungskursen als Kriegsberichter der Propaganda-Kompanien der Kriegsmarine verschafft. Reicherts Fazit: „Buchheim hat gründlich gelernt, wie man seine Wirklichkeit zur Wirklichkeit der anderen machen konnte.“

"Er hat keine Kritik angenommen“

Ärgerlich nur, wenn die anderen nicht mehr mitspielten. Bereits lange vor der Publikation von „Der Abschied“ bat Lehmann-Willenbrock seinen Freund um Änderungen am Manuskript. „Er fürchtete, die Leute könnten ein falsches Bild von den Zuständen an Bord bekommen“, sagt sein Sohn. Immerhin ging es um den deutschen Atomfrachter „Otto Hahn“, den Lehmann-Willenbrock ab 1969 als Kapitän kommandierte. Doch Buchheim zeigte keine Neigung, sich darauf einzulassen. „Er hat immer alles ignoriert, er hat keine Kritik angenommen“, sagt Reichert. Buchheim habe nicht nur irgendwelche Erinnerungen zu Papier bringen wollen, er habe den Massenerfolg gewollt. Und dafür sei ihm praktisch jedes Mittel recht gewesen. Darüber zerbrach die Freundschaft zwischen den beiden Männern, wenige Monate vor seinem Tod im April 1986 kündigte Lehmann-Willenbrock sie brieflich auf.

Auch seine eigene Rolle hat Buchheim laut Reichert kräftig umgemodelt. Vom privilegierten Propaganda-Wunderkind, das er in Kriegszeiten gewesen sei, lasse sich in seinen Kriegsbüchern nichts mehr finden. Reichert konstatiert einen Rollenwechsel, plötzlich sei er der Gute gewesen mit einem ausgeprägten Hang zum Pazifismus und nicht mehr der schneidige Kriegsberichter. „Man hat das Gefühl, er hätte eine andere Identität angenommen.“ Erst kurz vor seinem Tod 2007 gestand Buchheim ein, der „Staffel der bildenden Künstler“ angehört zu haben – der elitärsten Propaganda-Einheit im Dienste des Führers.


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Leserkommentare
tommi24 am 18.10.2019 17:28
@Da würde der wutbürgernde Autofahrer aber sofort durchdrehen.

Ja, ganz bestimmt!
tommi24 am 18.10.2019 17:27
@Also muss hier mal "suziwolf" unterstützen.

Ich auch, diese vermaledeiten Blechkistenfahrer müssen aus der Stadt, es lebe das Fahrrad. ...
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