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Interview mit JVA-Leiter
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"Ich kenne keine drogenfreie Justizvollzugsanstalt"

Silke Hellwig 10.05.2018 0 Kommentare

Carsten Bauer ist seit 2010 Leiter der JVA in Oslebshausen.
Carsten Bauer ist seit 2010 Leiter der JVA in Oslebshausen. (Christina Kuhaupt)

Herr Bauer, die Lage in der Justizvollzugsanstalt Bremen gilt als angespannt. Es gibt mehr und mehr schwierige Häftlinge, und die Personaldecke ist dünn.

Carsten Bauer: Wir stehen vor besonderen Herausforderungen, weil die Zahl der Gefangenen schnell angestiegen und unsere Reaktionszeit lang ist. Wir bilden in umfangreicher Zahl aus, aber die Ausbildung dauert. Wir arbeiten mit Angestellten, um die größten Lücken schließen zu können, aber ihre Einsatzmöglichkeiten sind eingeschränkt. Wir müssen durch diesen Engpass durch.

Sie sind vermutlich der Letzte, der etwas gegen weitere Stellen hätte. Sie appellieren an das Justizressort, das Justizressort appelliert bei Haushaltsverhandlungen an die Senatskollegen. Mit welchen Ergebnissen?

Tatsächlich werden unsere Nöte anerkannt und der Handlungsbedarf realistisch eingeschätzt, seitdem die Gefangenenzahlen steigen. Da können wir uns nicht beklagen.

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Wenn über Belange der inneren Sicherheit debattiert wird und über die aktuellen Herausforderungen, geht es oft um die Arbeitsbedingungen bei Gerichten und der Polizei. Der Justizvollzug bleibt eher außen vor. Warum?

Weil wir hinter Mauern arbeiten, sieht man unsere Arbeit und unsere Probleme nicht so wie die anderer. Der Justizvollzug hat wenig öffentliche Präsenz. In anderen Bundesländern wird, wenn das Personal der Polizei aufgestockt wird, regelmäßig auch das im Justizvollzug verstärkt. Das macht Sinn, weil wenn Verbrecher intensiver gejagt werden, auch mehr erwischt werden.

Medienwirksam ist Justizvollzug meist, wenn etwas passiert, was nicht passieren soll, beispielsweise bei einem Ausbruch.

Der Schutz der Bevölkerung ist ein Teil unserer sicherheitsrelevanten Aufgaben. Die große Mehrheit unserer Gefangenen sind aber Kleinkriminelle, nicht etwa Mörder. Wir müssen natürlich auch dafür Sorge tragen, dass weder Bedienstete noch Gefangene zu Schaden kommen. Unsere Aufgabe ist aber vor allem, die Gefangenen optimal zu resozialisieren. Niedrige Rückfallquoten sind die größte Sicherheitsvorkehrung, die es gibt. Wenn wir einen Gefangenen mit Lockerungsmaßnahmen zu früh herauslassen und er eine Straftat begeht, ist das ein Skandal. Wenn wir zehn Gefangene zu spät herauslassen, damit ihrer Resozialisierung schaden und drei von ihnen ein Jahr nach der Entlassung wieder straffällig werden, redet kein Mensch darüber.

Gibt es für das Phänomen der Zunahme psychisch auffälliger Gefangener eine Antwort?

Wir beobachten eine wachsende Belastung durch Menschen mit schweren psychischen Auffälligkeiten. Gefangene tun vor allem sich, aber auch anderen Dinge an, die man kaum glauben mag. Der Umgang mit diesen Menschen geht auch erfahrenen Kollegen unter die Haut. Oft werden diese Gefangenen immer wieder in besonders gesicherten Hafträumen untergebracht, aber das kann kein Dauerzustand sein.

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Gehören diese Täter nicht nach Bremen-Ost?

Das ist ein Dilemma. Viele kommen vom Maßregelvollzug hierher, weil sie als nicht therapierbar gelten. Damit ist der hohe Betreuungsaufwand in der Psychiatrie nicht mehr gerechtfertigt, und ein Platz in der JVA kostet etwa ein Drittel von einem Platz in der Psychiatrie.

Beängstigend wirkt die sogenannte Gefangenen-Subkultur. Dort herrschen eigene, unbarmherzige Gesetze, die auch durch Straftaten innerhalb der Mauern durchgesetzt werden.

In einer Zwangsgemeinschaft wie einer JVA gibt es ein eigenes Sozialsystem. Sehr unterschiedliche Charaktere treffen aufeinander und können einander nicht entgehen. Es gibt hochmanipulative und -intelligente Personen, die sich – teilweise international – in der organisierten Kriminalität behauptet haben. Es gibt eher schwache Menschen, die sich nie behaupten konnten und sich durch Drogen Konfrontationen entzogen haben. Es kommt zwangsläufig zu Konflikten, und es ist vollkommen unmöglich, jeden Gefangenen und jede Zelle 24 Stunden zu überwachen. Aber eins ist klar: Wer die Machtfrage stellt, bekommt von uns eine klare Antwort.

Kommt es oft zu körperlichen Auseinandersetzungen?

Das kommt vor, aber nicht in dem Umfang, den man vielleicht aus US-Serien kennt, wo Gangs mit Messern aufeinander losgehen. Sobald Verletzungen sichtbar werden, gehen wir der Sache nach. Ich bin mir auch sicher, dass die Kollegen auf jeder Station im Blick haben, was vor sich geht. Das Ansprechpartner-System, das jedem Insassen einen Bediensteten als ständigen Kontakt zur Seite stellt und den bremischen Justizvollzug auszeichnet, zeigt da Wirkung.

Man kann hinter den Mauern mit Drogen Geld verdienen oder sich durch den Konsum verschulden und erpressbar machen. Das System arbeitet gewissermaßen gegen Resozialisierungsbemühungen an.

Ich kenne keine drogenfreie Justizvollzugsanstalt. Mehr als die Hälfte unserer Gefangenen hat einen Drogenhintergrund. Die Lage mitten in einem bebauten Stadtteil ist insofern schwierig; ein Teil der Drogen kommt über die Mauer in die Anstalt. Eine Untersuchung unter unseren Gefangenen hat gezeigt, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Subkultur und Drogenkonsum gibt: Die Insassen, die in der JVA Drogen konsumiert haben, waren überproportional häufig Gewalt ausgesetzt oder haben sie selbst ausgeübt.

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Haben Sie den Eindruck, dass die Arbeit hinter Gittern von den Bremern gewürdigt wird?

Natürlich verdrängt man die Existenz einer solchen Einrichtung im Alltag, wenn man keine Berührungspunkte dazu hat. Grundsätzlich habe ich schon den Eindruck, dass sich die Bremer um ein realistisches Bild bemühen und unsere Arbeit anerkennen.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Zur Person

Carsten Bauer ist seit 2010 Leiter der JVA in Oslebshausen. Zuvor war er Leiter der Abteilung Justizvollzug beim Senator für Justiz und Verfassung und davor Richter am Oberverwaltungsgericht.


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Leserkommentare
kretzschmar am 23.10.2019 15:04
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holger_sell am 23.10.2019 14:58
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