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Gemeinsam in Bremen: „Signal of Solidarity“
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Integration exportieren

Thomas Walbröhl 23.05.2017 0 Kommentare

SOS - Signal of Solidarity - GIB - Gemeinsam in Bremen
Drei der mittlerweile fast 20 Mitglieder des 2016 gegründeten Vereins Signal of Solidarity (von links): Fabian Winkler, Kim Pöckler und Charly. (Christina Kuhaupt)

Das wilde Flüchtlingscamp in Dunkerque begann mit einer Handvoll Zelte und wuchs schnell. Immer neue Menschen, Vertriebene, die es in ihrer Heimat nicht mehr aushielten, schlugen dort im Wohngebiet ihre Zelte auf. Sie wussten nicht wohin mit sich, und nicht wohin mit den menschlichen Bedürfnissen. Diese wurden außenrum weiter weg von den Zelten verrichtet. Doch das Camp wuchs zur Camp-Stadt. Überforderung. Die Wiese wurde zum matschigen Acker. Es stank.“

So berichtet es Kim Pöckler, 25. Sie hat die Eindrücke von ihrem Besuch in der französischen Hafenstadt Dunkerque nicht vergessen. Und auch die anderen Beteiligten vom Verein Signal of Solidarity sind von ihren gemeinsamen Touren, ihrer Arbeit und den Menschen unterwegs offenbar nachhaltig beeindruckt. Drei Vereinsmitglieder haben sich an einem Montagabend im Viertel in die Sommersonne gesetzt, um davon zu berichten. Neben Masterstudentin Kim Pöckler sitzt der Fotograf Fabian Winkler, 46, und gegenüber am Tisch Charly, 46 Jahre, mit brauner Mähne, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Begonnen hat alles 2015

„Begonnen hat alles September 2015 mit einer Freundin“, erzählt Charly. „Sie war mit ihrem Freund nach Ungarn und Kroatien gefahren, um dort Hilfe anzubieten, wo die Flüchtlinge an den Grenzen bleiben mussten und es nicht voranging. Sie wollten mit dem Bulli Hilfsgüter vorbeibringen und Solidarität zeigen.“ Das wollten nach der Wiederkehr der Freundin auch zehn andere Bremerinnen und Bremer im Alter von Anfang 20 bis Mitte 40. Die Gründungsmitglieder unternahmen einen Monat später eine erste größere gemeinsame Fahrt nach Slowenien.

FOTOS aus GRIECHENLAD, NUR ZUR EINMALIGEN VERWENDUNG für GEMEINSAM in BREMEN am 24.5.17, KREDIT: Fabian Winkler
Signal of Solidarity arbeitet prinzipiell mit anderen Organisationen zusammen, wie hier auf Lesbos.  (Fabian Winkler)

2016 dann gründeten sie den Verein „Signal of Solidarity“, der inzwischen auch gemeinnützig ist, und fuhren immer wieder in Richtung Fluchtrouten und zu Camps, nach Belgrad etwa oder an Wochenenden nach Calais. „Wir haben dort aufgeräumt, jeden Tag ohne Ende Klamotten verbraucht“, erzählt Kim Pöckler. „Ich habe auch schon Einwände gehört, warum die da nicht alleine aufräumen können. Mich wundert das nicht. Sie hatten ja nur das dabei, was sie am Leib trugen, es gibt keine Waschmaschine und nicht einmal Duschen.“

Ihre Touren machen die Vereinsmitglieder in der Freizeit. „Wir sind alle normale Leute, haben Jobs und Familie“, sagt Winkler. „Wir haben von vornherein gesagt, dass es ein gesundes Maß braucht und möglichst keine Hierarchien.“ Der eine habe in den Semesterferien mal etwas länger Zeit, der andere sei eben nur mal für ein Wochenende dabei. „Aber wir helfen, so gut wir können.“

Ein erster Schritt für Integration

Dann habe man sich einen Namen überlegt, sagt Pöckler. „Zuerst wollten wir uns ‚Flüchtlingshilfe an den Grenzen‘ nennen, aber das war etwas sperrig und auch international nicht so geschickt. Dann wurde ,Signal of Solidarity‘ daraus. Wichtiger ist, dass wir eine Art ersten Schritt für Integration wagen wollen, mit den Menschen in Kontakt zu kommen.“ Und darüber berichten sie auch regelmäßig auf ihrer Webseite.

Möglich wurde die konkrete Arbeit vor Ort erst im vergangenen Jahr. Erfolgreich beantragten sie Fördermittel, um einen Sprinter zu kaufen, damit Hilfsgüter transportiert werden konnten. „Der Bus war vor unserer letzten Griechenland-Tour in der Slowakei, als mobile Dusche und mobiles Handyladegerät“, sagt Charly. Über 50.000 Kilometer habe der Transporter des Vereins seitdem schon zurückgelegt.

FOTOS aus GRIECHENLAD, NUR ZUR EINMALIGEN VERWENDUNG für GEMEINSAM in BREMEN am 24.5.17, KREDIT: Fabian Winkler
Der Sprinter diente als mobile Dusche und mobiles Handyladegerät. (Fabian Winkler)

Auch in Bremen ist der Kleintransporter unterwegs. Sie verleihen ihn manchmal, zum Beispiel an die Bremer Flüchtlingshilfe, etwa wenn Menschen aus der Unterkunft in eine eigene Wohnung ziehen. „Jetzt gerade könnten wir jeden Tag fahren“, sagt Charly. Aber immer noch sind viele unterwegs, leben im Lager, auf der Flucht. Bei Signal of Solidarity sind es mittlerweile um die 18 Vereinsmitglieder, von denen etwa zehn Touren mitmachen. Das Problem ganz lösen können sie nicht, das sei ihnen klar, versichern sie, aber einen Beitrag leisten, das können sie.

Hilfe leisten wird immer schwieriger

Die Arbeit im Ausland sei schwieriger geworden, sind sich einig, auch wenn sie wie bisher je nach Einsatz auch mal T-Shirts anderer NGOs trügen. „Wir sind ja als kleiner Verein nicht in der Lage, Strukturen vor Ort zur Verfügung zu stellen. Deshalb arbeiten wir immer mit den NGOs vor Ort zusammen“, erläutert Kim Pöckler. „Mittlerweile ist das schwieriger. In Frankreich war es ohnehin schwieriger in vom Militär geleiteten Camps.“ Nun müsse man nachweisen, dass man ein gemeinnütziger Verein sei, sich mit Passnummer registrieren, um vor Ort helfen zu können.

Von den mittlerweile 18 größeren Touren haben sie viele Erfahrungen mitgebracht, haben Dinge erlebt, die sich kaum beschreiben lassen. Fotografen, die in Notsituationen im Weg stehen, Bilder von Trecks aus über 1000 Menschen, die nacheinander in ein Lager ziehen, Anekdoten von Schönwetterfreiwilligen, die sich nur blicken lassen, wenn Kameras zugegen sind, aber bei alltäglichen, weniger spektakulären Arbeiten, verschwunden sind. Aber sie berichten auch von Liebesbeziehungen, die zwischen Freiwilligen und Geflüchteten entstanden, von Dankbarkeit und Freundschaften.

FOTOS aus GRIECHENLAD, NUR ZUR EINMALIGEN VERWENDUNG für GEMEINSAM in BREMEN am 24.5.17, KREDIT: Fabian Winkler
Die Menschen in den Camps konnten kaum ihre Wäsche waschen und trocknen. (Fabian Winkler)

Eine Hilfe seien nicht nur die Hilfsgüter. „Dinge sind nur die halbe Miete“, sagt Kim Pöckler. „Es sind vielleicht die ersten kleinen Schritte für die Integration. Die Menschen freuen sich, wenn wir ankommen. Sie erfahren, dass sie uns nicht egal sind.“ Dafür brauche es allerdings neben der digitalen Vernetzung auch die Vereinsstruktur, zum Beispiel mit wöchentlichen Treffen immer montags im Viertel. „Sonst würde das vielleicht auseinanderfallen.“ Essenziell sind jedenfalls Engagement und Tatkraft. Und dabei könnten die Vereinsmitglieder noch Unterstützung gebrauchen. Seien es weitere Spenden, ein Lagerraum für Sach- oder Geldspenden.

Interessierte sind gerne gesehen

Auch seien neue Interessierte gern gesehen, die aktiv etwas unternehmen wollen. „Dafür muss die Chemie natürlich stimmen“, sagt Kim Pöckler. „Wenn man längere Touren mitmacht, lebt man da schon mal auf engerem Raum.“ Auch die UN-Menschenrechtscharta sollte man unterschreiben können, sagt ein anderer. Die drei lachen.

Nach dem weiteren Ziel gefragt, wird es wieder ernst am Tisch: Sie wollen nach wie vor Solidarität zeigen und dafür sorgen, dass die öffentliche Wahrnehmung nicht nachlässt. „Da sitzen immer noch Leute und es geschieht nichts“, sagt Kim Pöckler. „Die Kinder werden lange draußen gehalten, obwohl sie als Familie ohnehin nachziehen werden. Europa verzögert und verwehrt denen Hilfe, die sie brauchen“, sagt sie. „Drei, vier Jahre ohne Angehörige machen es nicht leichter, einen Platz in der Gesellschaft zu finden.“ Fabian Winkler sagt: „Es wird immer schwieriger. Dort entsteht gerade eine verlorene Generation.“


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Leserkommentare
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