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Freiwillige Umzugshelfer
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Integration ist keine Einbahnstraße

Christiane Mester 07.05.2018 0 Kommentare

Die Flüchtlinge (von links) Emad Selo, Wilma Hasemann und Issam Alhalabi, Malick Sey helfen Rentnerin Wilma Hasemann beim Auszug aus ihrer Wohnung.
Die Flüchtlinge (von links) Emad Selo, Wilma Hasemann und Issam Alhalabi, Malick Sey helfen Rentnerin Wilma Hasemann beim Auszug aus ihrer Wohnung. (Christina Kuhaupt)

Mit dem Umzug ins betreute Wohnen beginnt für die 89-jährige Wilma Hasemann ein neuer Lebensabschnitt. Dass dieser Übergang gelingt, habe sie dem Verein Ambulante Versorgungsbrücken zu verdanken, der ihr an diesem Tag tatkräftige Umzugshelfer vorbeigeschickt hat. Mit dabei sind drei Flüchtlinge aus Syrien und Gambia, die ihrerseits Kontakte knüpfen möchten und bei Einsätzen wie diesen etwas zurückgeben wollen von der Hilfsbereitschaft, die sie selbst von den Bremern erfahren haben.

Am Straßenrand vor dem Mietshaus in Findorff parkt ein feuerroter Transporter, während sich in der Zweiraumwohnung im ersten Stock blaue Kleidersäcke auf Umzugskartons in die Höhe stapeln. Die Küchenstühle stehen auf dem Esstisch und im Schlafzimmer wird gerade das Bett abgebaut. Alles in allem ist das eine typische Umzugssituation, wie sie wohl jeder kennt und niemand gerne mag.

Die hochbetagte Wilma Hasemann steht jedoch gut gelaunt inmitten des Chaos und wechselt freundliche Worte mit dem 20-jährigen Malick Sey aus Gambia und den beiden Syrern Issam Alhalabi (38) und Emad Selo (31). Die drei Neubremer schultern den Umzug gemeinsam mit Wolfgang Rosinke (65), der später an diesem Tag noch alle Lampen in der Wohnung abschrauben wird.

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Gearbeitet wird so lange, bis alles erledigt ist. Gemeinsam engagieren die Männer sich ehrenamtlich im Bremer Verein Ambulante Versorgungsbrücken (AVB), bei dem auch Wilma Hasemann seit einiger Zeit Mitglied ist. Bei seiner Gründung im Jahr 2009 trug der Verein die „Brücken“ noch nicht im Namen, sondern wollte als Patientenvereinigung auf Versorgungslücken nach einem medizinischen Eingriff hinweisen.

Heute ist der Verein breiter aufgestellt und bietet Leistungen in den Bereichen Gesundheit, Alter und generationsübergreifender Tätigkeit an. Bei ihr habe alles angefangen mit den sogenannten Wohlfühlanrufen, erzählt Wilma Hasemann. Die Hausbesuche am Telefon, die ältere Menschen für sich selbst oder Dritte für ihre Angehörigen buchen können, seien ihr „in allen Lebenslagen“ eine Stütze gewesen, sagt die 89-Jährige.

Im Alter sei vieles schwieriger zu bewältigen, fügt sie hinzu und meint damit nicht nur die Treppe, die zu ihr in den ersten Stock führt. Dass sie ihren Umzug gelassen nimmt und sich an diesem Tag in erster Linie auf die neue Wohnung mit dem Fahrstuhl freut, liegt unter anderem daran, dass der Verein seit zwei Jahren auch Integrationsbegleitung für junge Geflüchtete anbietet.

"Die Deutschen und die Flüchtlinge müssen sich kennenlernen"

Das Projekt, bei dem Flüchtlingen Paten vermittelt werden und ein Sprachcafé angeboten wird, sei nicht als eine Neuausrichtung zu verstehen, sagt Elsbeth Rütten, die dem Verein vorsteht und weist auf das Vereinsziel hin: „Wir fördern den Dialog der Generationen.“ Ein Beispiel dafür sei das Café Wlan – ein regelmäßig stattfindendes Treffen, bei dem ältere Menschen von jungen Leuten den Umgang mit Smartphones und Tablets lernen können.

Zu den Studenten seien im Rahmen des Integrationsprojekts einige Neubremer - zum Beispiel aus Syrien, Gambia oder Afghanistan – dazu gekommen. Wie man sich eine App aufs Handy lädt oder online ein Zugticket kauft, wissen sie ebenso gut, bestätigt Issam Alhalabi. „Die Deutschen und die Flüchtlinge müssen sich kennenlernen“, erklärt er, der in Damaskus Journalismus studiert hat, seine Motivation, am Wochenende Kisten zu tragen.

Einer seiner besten Vereinskontakte ist Wolfgang Rosinke, der sich in das Projekt in erster Linie handwerklich einbringt, während seine Frau sich als Patin engagiere, wie er sagt. „Sie kennt sich mit der Bürokratie aus, weil sie über den Verein auch Fortbildungen besucht. Ich organisiere Möbel für Flüchtlinge oder verlege Teppichboden.“

Geben und Nehmen

Als der Berufsschüler Malick Sey im vergangenen Herbst seine erste eigene Wohnung in der Vahr bezog, fuhr Rosinke genau wie heute auch den Umzugswagen. Vieles erledigen sie auf Zuruf, angepackt wird dort, wo Hilfe benötigt wird. Der Kontakt ergebe sich im Alltag, sagt Rütten und erklärt: „Junge Menschen kommen mit einer Frage zu uns und dann ergibt sich das einfach.“ Emad Selo möchte den Bremern zurückgeben, was er selbst von unterschiedlichen Seiten an Hilfe erfahren habe.

Dabei denkt er zum Beispiel an einen seiner Betreuer im „Camp“, wie er die Zeltunterkunft nennt, in der er nach seiner Ankunft fünf Monate verbracht habe. „Er hat mir einen Zeitungsbericht gegeben, in dem es um Ehrenamtliche ging und jetzt trainiere ich bei Werder Bremen eine Gruppe vom Martinshof“, sagt der Handwerker aus Syrien. Diese Art des Gebens und Nehmens ist ganz im Sinne von Elsbeth Rücken, die sagt: „Integration ist keine Einbahnstraße, wir machen daraus eine Win-win-Situation.“

Weitere Informationen

Der Verein Ambulante Versorgungsbrücken wird von Elsbeth Rütten geleitet, hat seinen Sitz in der Humboldtstraße 126 und ist täglich geöffnet von 9 bis 13 Uhr. Telefonisch ist der Verein unter den Nummern 0421/69 64 200 und 0163/443 0020 zu erreichen. Mails bitte an
avb(at)gmx.org.


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...
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