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Diskussionsrunde
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Kriegsdienstverweigerer als Helden

Gerald Weßel 31.10.2017 0 Kommentare

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Zoe Wenck als Vertreterin der Schülervertretung aus dem 12. Jahrgang des Gymnasiums Horn kritisierte auf dem Podium im Focke-Museum, dass die heutige Gesellschaft eher schlecht mit den derzeitigen Problemen umgehe. (Karsten Klama)

„Alles war im Umbruch, alles wurde infrage gestellt“, erinnert sich Rolf Schmidt als Teilnehmer der Diskussionsrunde im Focke-Museum zum Thema „Jugend früher – Jugend heute“. Er war einst Lehrer am Gymnasium Horn, das die Bremer Schullandschaft in den 60er und 70er Jahren teils bis auf höchste Ebene des Bundeslandes erschütterte.

Die Schule, ihre Lehrer und ihre Schüler waren ein Politikum, über das gesprochen wurde. Gründe gab es genug, auch abseits des modernen Unterrichtskonzeptes jenseits der vorherrschenden, hierarchischen Pädagogik. Die Schüler traten öffentlich für ihre Überzeugungen ein – und zwar lautstark.

Die Gesprächsrunde fand als Begleitprogramm zur noch bis zum 1. Juli 2018 laufenden Ausstellung „Protest + Neuanfang – Bremen nach 68“ im Focke-Museum statt. Die Frage des Abends lautet: „Was bewegt die Jugend – damals und heute?“ Die Antworten sollten verschieden sein.

Pessimistisch im Angesicht der Herausforderungen

„Mit Demonstrationen ist heute nichts mehr zu machen“. Alle sind zumindest der Meinung, dass es früher eine stärkere Politisierung unter den Jugendlichen gab. Nur ein Vater aus dem Publikum widersprecht: „Es war auch damals nur eine Minderheit im Widerstand“. Wie dem auch sei, eine der wenigen war Irene Schulte, heute Lehrerin am Gymnasium Horn und eine der zwei diskutierenden Frauen des Abends.

Generell sei sie, was die politische Lage und die Zukunft angeht, im Angesicht der Herausforderungen eher pessimistisch. Ihr fehle es schlicht an neuen, ganzheitlichen Ideen und Ansätzen. Auch beim Bildungssystem: „Ich wüsste keinen Bildungspolitiker in Deutschland, der eine wirkliche Vision für die Zukunft hat“.

Auch Zoe Wenck, Vertreterin der Schülervertretung aus dem 12. Jahrgang des Gymnasiums Horn, kritisierte, dass die heutige Gesellschaft eher schlecht mit den derzeitigen Problemen umgehe. Otto Suhling hatte eine Vision, vor 50 Jahren: Er begründete das progressive Gymnasium Horn in der heutigen Ronzelenstraße mit neuen Ideen aus seinem Studium in Amerika.

Lesen und Bildung waren cool

Er ging weg vom autoritären Stil der deutschen Schule und stellte junge, engagierte, alles neu denkende und mutige Pädagogen ein, so wie es Rolf Schmidt damals gewesen ist. Er erinnert sich begeistert an diese prägende Zeit: „Ich kann mich nicht erinnern, irgendwas unterrichtet zu haben, was im Lehrplan stand“. Neue Ideen seien willkommen gewesen.

Es galt: „Mach mal und probiere es aus“. Irene Schulte, einst auch Schülerin in diesem neuen System und aufgewachsen in einem klaren Antikriegs-Elternhaus, denkt gerne an die damalige Zeit zurück. „Deutschklausuren wurden für politische Diskussionen genutzt.“ Linksintellektuelle wie sie seien angesagt und langhaarige Kriegsdienstverweigerer Helden gewesen. Schlicht: Lesen und Bildung waren cool.

Leider sei ihrer Ansicht nach aus diesem Klima des Fortschrittes nichts wirklich Nachhaltiges entstanden, weder an Schulen noch in der Gesellschaft. Auch Zoe Wenck sieht als junge Frau, geprägt von Erzählungen, und Bildern, die Zeit der 60er und 70er als eine des Aufbruches.

Gute Ideen scheitern an Bürokratie

Vor allem Bildung und Menschen- sowie Frauenrechte empfinde sie als Schwerpunkte von damals. Heutzutage sei Feministin in den Augen vieler schon eher eine sanfte Beleidigung. Ansonsten bestätigte sie die Ansicht der Vorredner, viel sei von dem Aufbruch am Gymnasium Horn sowie in der Gesellschaft als Ganzes nicht übrig geblieben.

„Die Struktur an der Schule ist autoritär“. Zudem würden viele gute Ideen an der Bürokratie scheitern. Ein weiteres Thema des Abends: Speziell Youtube und moderne Medien im Allgemeinen in der Schule und die Frage, ob diese dem althergebrachten Bildungssystem nicht einiges voraushätten.

Jörg Streese, als Jugendlicher auch an Schülerprotesten beteiligt und heute Filmemacher und Schriftsteller, beantwortete die Frage mit einem klaren Ja. „Was braucht man eine Schule, wenn man Youtube hat?“, fragte er in die Runde. Er fordert ein Umdenken: „Wir sind gar nicht radikal genug!“

Videoformat hat klare Vorteile

Die Schule als Ort organisierten Lernens sei Unsinn in der heutigen Zeit. Rolf Schmidt, ein Urgestein der Bremer Schultheaterszene, widerspricht vehement: „Wie willst du mit Youtube Theater spielen?“ Hier sei er altmodisch, da fehle ihm die soziale Interaktion: „Das ist ja furchtbar!“

Ein Kommentar aus dem Publikum tendierte zur goldenen Mitte: „Youtube kann eine tolle Ergänzung zum Unterricht sein“. Das Videoformat hätte klare Vorteile gegenüber normalen Unterrichtsformaten. Vielleicht auch in Kombination mit Schultheater, das schließlich auch eine fabelhafte Ergänzung ist.

Apropos Theater: Der Theaterkurs der Qualifikationsphase II des Gymnasiums Horns von Janin Dietrich lockerte den Abend ungemein auf mit drei Performances zum Thema „Jugend früher – Jugend heute“ und untermauerte plastisch und eindrucksvoll, wie Jugendliche einst und heute ticken.


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Leserkommentare
elfotografo am 22.10.2019 18:55
"Es ist doch ein Märchen, dass man mit einer Loge Geschäftskontakte akquiriert oder pflegt, geschweige denn Geschäfte abschließt."

Haben ...
FloM am 22.10.2019 18:51
@gorgon1:
Abgedroschen ist es den x-ten Kommentar mit undifferenzierten Anschuldigungen zu schreiben.

Die Erkenntnis, daß man Teil ...
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