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Grundschule Düsseldorfer Straße
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Lehrerin und Erzieherin gemeinsam im Unterricht

Kristin Hermann 15.04.2018 0 Kommentare

Auf Entdeckungsreise durch Bremen. Die Schüler zeigen Fotos von ihrer Tour.
Auf Entdeckungsreise durch Bremen. Die Schüler zeigen Fotos von ihrer Tour. (Christina Kuhaupt)

Schmuckkästchenverkäuferin. Das Wort ist lang – und es hat gleich mehrere Tücken. Jeder der Schüler bekommt eine Karteikarte, auf der er das Wort eintragen muss, das Klassenlehrerin Nina Bode-Kirchhoff gerade ganz langsam ansagt. Anschließend muss sich jeder Gruppentisch auf eine Variante einigen. Schreibt man Verkäuferin nun mit „f“ oder „v“? Und muss da wirklich gleich zweimal ein „k“ hin? Die Diskussion in der 4c geht wild durcheinander. Das Ergebnis an der Tafel kann sich jedoch sehen lassen: Drei der vier Gruppen sind zur richtigen Schreibweise gekommen. Anschließend zerlegt Bode-Kirchhoff das Wort an der Tafel in seine Bestandteile und erklärt mit Hilfe der Schüler, warum es so und nicht anders geschrieben werden muss.

Es ist Montagmorgen in der Biberklasse der Grundschule Düsseldorfer Straße. Ab 8 Uhr trudeln die ersten Kinder ein. Bis 8.15 Uhr müssen alle an ihren Tischen sitzen. Eine gemeinsame Begrüßung findet jedoch erst später statt. Wer eintrifft, verstaut seinen Rucksack in seinem Fach und zieht seine Hausschuhe an. Danach geht es auf direktem Wege zu Bode-Kirchhoff, sie teilt die neuen Wochenpläne aus. Die Schüler nennen die 41-Jährige mit ihrem Einverständnis nur „Bode“.

Einige der Kollegen halten nichts von diesem Kosenamen, sagt sie. Sie finden, die Pädagogin gebe damit ein Stück Autorität ab. Sie selbst stört sich daran nicht – Bode-Kirchhoff weiß auch so, sich durchzusetzen. Die 41-Jährige spricht klar und deutlich mit den Kindern, arbeitet viel mit Handzeichen. Wer etwas von ihr will, muss nicht am Lehrerpult anstehen, sondern klammert seinen Namen an eine Schnur, die von der Decke baumelt. Bode-Kirchhoff klappert sie nacheinander ab, sodass die Kinder in der Zwischenzeit weiterarbeiten können. 

Lehrerin Nina Bode-Kirchhoff (Mitte) macht ihrer Klasse klar, dass nur derjenige sprechen darf, der sich meldet.
Lehrerin Nina Bode-Kirchhoff (Mitte) macht ihrer Klasse klar, dass nur derjenige sprechen darf, der sich meldet. (Christina Kuhaupt)

Für die Bearbeitung des Wochenplans sitzen die Schüler an Gruppentischen – die Konstellation wird immer wieder verändert. Aktuell besteht sie aus Jungen und Mädchen. „Das läuft bisher ganz gut“, sagt Bode-Kirchhoff. Die Pläne sind an das Leistungsniveau der Kinder angepasst. Die lernschwächeren Schüler bekommen weniger Aufgaben, die stärkeren Zusatzaufgaben. Das Modell sei unter den Kindern längst akzeptiert – Hänseleien gebe es deshalb nicht. 

Kurz vor dem offiziellen Unterrichtsbeginn trifft Viola Vogt im Klassenzimmer ein. Fast hätte es die Erzieherin nicht pünktlich geschafft. Wie so oft stand ihr gemeinsamer Unterricht mit Nina Bode-Kirchhoff auf der Kippe. Eigentlich sollte die Doppelbesetzung am Montagmorgen die Regel sein. Doch durch die enge Personaldecke bricht die Unterstützung häufig weg. „Ich muss dann kurzfristig die Vertretung in anderen Klassen übernehmen“, sagt Vogt.

Die Erzieherin soll der Klassenlehrerin nicht nur im Unterricht helfen, sondern sich bei Bedarf mit einzelnen Schülern rausziehen, wenn ein Kind Probleme hat oder nicht mitkommt. Die Ganztagsschule liegt in Blockdiek. Für ein Großteil der Schüler ist Deutsch nicht Muttersprache, viele Familien sind von Armut betroffen. „Einige Kinder waren nicht im Kindergarten.

"Die Doppelbesetzung müsste zur Regel werden"

Ihnen fehlt es zum Teil an Sozialkompetenz und sie müssen den Umgang mit großen Gruppen erst noch lernen“, sagt Vogt. Die Pädagogin versucht viele dieser Dinge im Rahmen von Kunstprojekten mit den Kindern zu trainieren. Dabei sind unter anderem Selbstporträts entstanden, die zusammen mit Namen und Geburtstag verteilt im Raum hängen. In der kleinen Küche nebenan stehen viele kleine Trauminseln, die die Kinder mit Vogt gebastelt haben und die sie bald im Stadtteil ausstellen werden. 

Daria (links) und Julia kennen die richtige Schreibweise.
Daria (links) und Julia kennen die richtige Schreibweise. (Christina Kuhaupt)

Gegen 9 Uhr ist Zeit für eine gemeinsame Begrüßung. Jeden Tag ist ein anderer Schüler an der Reihe, der mit Hilfe eines Klassenkameraden das Programm für die weiteren Stunden vorstellt – gleichzeitig üben die Kinder dabei die Wochentage auf Englisch. An diesem Tag ist Darren dran: Vor der Hofpause stehen Frühstück und Sachunterricht auf dem Stundenplan, erklärt er.

Aktuell arbeitet die Biberklasse an einem Bremen-Projekt, mit dessen Hilfe die Kinder und ihre Eltern die Stadt besser kennenlernen sollen. „Viele der Schüler verlassen mit ihren Eltern ansonsten nur selten das Quartier“, sagt Bode-Kirchhoff. An dieser Stelle setzt auch das Quartiersbildungszentrum Blockdiek an, das ebenfalls auf dem Schulgelände untergebracht ist. Es hat die Aufgabe, Bildungsvoraussetzungen für Kinder und ihre Eltern direkt im Ortsteil zu verbessern. Unter anderem werden dafür spezielle Sprachkurse angeboten. 

Von der Stadt hat die 4c eine Tasche bekommen, in der verschiedene Bremen-Reiseführer und Lexika für Schüler drin sind. Sie geht reihum, sodass jeder sie einmal mit nach Hause nehmen darf. Jedes der Kinder hat zudem ein Heft bekommen, in das es Fotos und Notizen zu seinen Beobachtungen machen soll. Was sie alles in der Innenstadt entdeckt haben, stellen heute Kaan und Baturhan im Stuhlkreis vor.

"Die Vertretungssituation ist fatal"

Auf der Osterwiese waren sie, aber auch in der Böttcherstraße und auf dem Marktplatz. Sie zeigen Fotos vom Dom und aus dem Schnoor. Baturhan erklärt seinen Mitschülern, dass der Roland bereits mehr als 600 Jahre alt ist. Unklar ist dem Zehnjährigen noch, wann Bremens wohl berühmteste Giftmörderin Gesche Gottfried gelebt hat. „Das gucken wir bis zur nächsten Stunde noch einmal nach“, verspricht Bode-Kirchhoff. 

Einen Unterricht wie heute wünscht sich die 41-Jährige viel häufiger. „Die Doppelbesetzung müsste zur Regel werden“, sagt sie. Die Lehrerin stört, dass Bremen immer wieder so schlecht in Bildungsvergleichen abschneidet. „Wir als Lehrer wissen darum, und wir kennen auch die Probleme der Schüler. Was fehlt, sind ausreichend Ressourcen, um Dinge vernünftig umzusetzen. Da kann man noch so viele Tests machen.“ 

Ganz ähnlich sieht das auch Schulleiterin Dorothea Ilsen. Konzeptionell sei die Schule gut aufgestellt. Das Kollegium habe Lust, Inklusion und Ganztag zu fördern und eigene Vorlieben in AGs einzubringen. So hat Nina Bode-Kirchhoff in ihrer Klasse zum Beispiel eine kleine Leseecke eingerichtet – die meisten Bücher stammen aus ihrem Privatbesitz. Die Personaldecke ist laut Schulleiterin zu dünn. „Wenn hier einer fehlt, haben wir keine Vertretung, die den ganzen Tag abdecken kann. Die Vertretungssituation ist fatal“, sagt Ilsen.

Immer wieder müsse man deshalb Eltern bitten, Kinder früher abzuholen. Fallen etwa durch eine Grippewelle gleich mehrere Kollegen auf einmal aus, müsse die Schulleitung regelmäßig Teile des Konzepts streichen. „Das betrifft die Förderarbeit, Angebote aus dem Ganztag und teilweise auch Unterricht“, sagt sie. Gerade erst habe man der Schule 14 Stunden abgezogen, weil die Düsseldorfer Straße durch eine neue Berechnung der Bildungsbehörde nicht so schlecht dasteht, wie andere Bremer Schulen. „Das kann nicht der richtige Ansatz sein. Wer gute Bildung haben will, muss viel Geld in die Hand nehmen und Schulen besser ausstatten“, sagt Ilsen.  

Im nächsten Teil der Serie sind wir zu Besuch bei einer Hausaufgabenhilfe.

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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
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