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Prozess am Bremer Amtsgericht
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Letztlich eine Form von Selbstjustiz

Ralf Michel 06.11.2018 0 Kommentare

Auch einige Nachbarn vernahm das Gericht. Die jedoch konnten nur das Geschehen insgesamt bezeugen, nicht aber die Tatbeteiligung der einzelnen Personen.
Auch einige Nachbarn vernahm das Gericht. Die jedoch konnten nur das Geschehen insgesamt bezeugen, nicht aber die Tatbeteiligung der einzelnen Personen. (Marius Becker/dpa)

Ein Vater hört, dass seine Tochter vermutlich vergewaltigt wurde. Völlig außer sich fährt der 52-Jährige zu dem mutmaßlichen Täter und schlägt ihn zusammen. Bis zu diesem Tag im Mai 2017 war der Bremer nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Und am Montag vor Gericht zeigte er sich voll geständig, sagte, dass es falsch war, was er getan hat und bedauerte sein Handeln.

Es sei tatsächlich eine Spontantat gewesen, billigte der Richter dem Mann und seinem mitangeklagten Stiefsohn zu. Trotzdem aber letztlich eine Form von Selbstjustiz, erklärte der Richter und verurteilte beide Männer zu Geldstrafen. Für gefährliche Körperverletzung den Vater, für Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung den 24-jährigen Stiefsohn. Womit er deutlich unter dem von der Staatsanwaltschaft geforderten Strafmaß blieb.

In seinem Geständnis schilderte der 52-Jährige vor dem Amtsgericht, wie es zu der Tat gekommen war. Am Abend des 20. Mai 2017 hatte seine 17-jährige Tochter angerufen und gefragt, ob sie bei einem 21-jährigen Freund übernachten dürfe. Der Vater hatte keine Einwände. Der junge Mann war in der Familie gut bekannt und seit dem Sandkasten mit der Tochter befreundet.

Vergewaltigung vermutet

Am nächsten Morgen jedoch klagte die junge Frau bei ihrer Rückkehr über starke Schmerzen im Unterleib. Sie konnte sich an nichts mehr erinnern, fühlte sich betrunken und wie betäubt. Die 17-Jährige glaubte, von dem Freund vergewaltigt worden zu sein. Einvernehmlichen Sex schloss sie aus. Das wäre für sie nie in Frage gekommen, für sie sei der andere wie ein Bruder gewesen.

Ihr Vater war fassungslos. „Ich war wie unter Schock und wusste nicht, was zu machen ist“, erzählte er vor Gericht. Da aus seiner Tochter nichts weiter herauszubekommen gewesen sei, habe er beschlossen, den 21-Jährigen aufzusuchen. „Ich musste da hin, musste klären, was passiert war.“

Da er die Adresse des Mannes nicht kannte, rief er bei seinem Stiefsohn an, den Halbbruder der 17-Jährigen. Der ermittelte die Adresse des angeblichen Vergewaltigers und fuhr mit seinem Stiefvater dort hin. Mit dabei auch noch gleich zwei Cousins. Vor Ort trommelte das Quartett an der Tür des 21-Jährigen. Als der junge Mann diese einen Spalt weit öffnete, schlug ihm der 52-Jährige nieder – „ich hab’ ihm sofort eine gegeben, mit der Faust ins Gesicht“ – und drängte mit den anderen zusammen ins Haus. 

Wie es dort weiterging, konnte das Gericht nicht klären. Es gab zwar eine Vielzahl skurriler Schilderungen, unter anderem über den Mitbewohner des 21-Jährigen, der mit einem Kampfhund und einem Messer in der Hand aufgetaucht sein soll, doch letztlich keine belastbaren Zeugenaussagen dazu, wer außer dem 52-Jährigen auf den am Boden liegenden Mann eingeschlagen hatte. Der Vater selbst äußerte sich hierzu nicht, sein Stiefsohn verweigerte die Aussage. Ebenso die beiden Cousins, die hierfür bereits vor dem Jugendrichter standen (Teilnahme an einem Antigewalttraining, Verfahren eingestellt).

Stiefsohn 14-mal vorbestraft

Das Opfer der Schläge und sein Mitbewohner machten ebenfalls von ihrem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern. Zur Sicherheit, denn auch sie werden in Kürze vor dem Richter stehen. Sie sollen dem Stiefsohn am nächsten Tag einen Vergeltungsbesuch abgestattet und ihn krankenhausreif geprügelt haben. Gegen den 21-Jährigen hat die Staatsanwaltschaft außerdem wegen des Verdachts auf Vergewaltigung ermittelt, dieses Verfahren aber eingestellt.

Auch einige Nachbarn vernahm das Gericht. Die jedoch konnten nur das Geschehen insgesamt bezeugen, nicht aber die Tatbeteiligung der einzelnen Personen. Für die Staatsanwältin war dies nicht entscheidend. „Alle vier waren vor Ort, das Opfer lag auf dem Boden, da ist es nicht erforderlich, jemanden einzelne Schläge und Tritte zuzuordnen.“ Beide Angeklagte hätten sich der gemeinsamen schweren Körperverletzung schuldig gemacht. Der 52-Jährige sei dabei die treibende Kraft gewesen, rechtlich aber noch völlig unbescholten. Daher könne es bei der Mindeststrafe von sechs Monaten auf Bewährung bleiben. Der Verteidiger forderte kein konkretes Strafmaß, sprach aber von einem „minder schweren Fall“. Sein Mandant sei kein gewalttätiger Mensch, habe nur impulsiv gehandelt.

Den Stiefsohn bezeichnete die Staatsanwältin zwar nur als Mitläufer. Dafür aber war er schon 14-mal vorbestraft und stand auch zur Tatzeit noch unter Bewährung. Deshalb sei er härter zu bestrafen: 13 Monate Haft auf Bewährung. Sein Anwalt plädierte auf Freispruch. „Mehr als eine Anwesenheit am Tatort haben wir nicht.“ Dies reiche nicht einmal für eine Verurteilung für Beihilfe.

Dies sah der Richter anders: 140 Tagessätze zu zehn Euro wegen Beihilfe. Den minder schweren Fall für den 52-Jährigen akzeptierte er dagegen: 90 Tagessätze zu zehn Euro.


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Leserkommentare
darkstarbremen am 21.10.2019 19:36
Endlich ein richtiger Ansatz in der Ausbildung. Das ist sehr zu fördern. Und was wird mit den anderen Studiengängen in der Pflege in Bremen?
darkstarbremen am 21.10.2019 19:31
Inwiefern wurden denn die Gehälter der Pflege in Kliniken gedrückt? Der TVÖD Pflege in den Kliniken wurde nicht gesenkt. Das ist auch richtig so. Nur ...
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