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Mit der Straßenbahn
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Mit der Linie 4 zum Wesen Bremens

Tim Harpers 25.05.2019 1 Kommentar

Unser Gastautor hat mit der Straßenbahn Bremen erkundet.
Unser Gastautor hat mit der Straßenbahn Bremen erkundet. (Maximilian von Lachner)

Es gibt die Stadtmusikanten in Bremen. Außerdem Becksbier, die Weser und mit Werder einen ziemlich bekannten Fußballverein. Kleinstes Bundesland, Senat, Bürgerschaft, Rolandstatue, altes Rathaus, Petri Dom – diese Stichwörter sind alles, was mir in den Sinn kommt, wenn ich an Bremen denke. Ich kenne das Rheinland mit seiner Herzlichkeit und seinem schrägen Humor, weiß als Kind des Ruhrgebiets, dass sich auch  die besten Wünsche in rüde Sprache kleiden lassen, und habe erfahren, dass Beziehungen in Süddeutschland etwas Pflege brauchen, bevor die Menschen zueinander finden.

Doch von Bremen und vor allem den Bremern weiß ich so gut wie nichts. Was macht die Stadt aus? Wie gehen die Bremer miteinander um? Was lieben sie an ihrem Zuhause und was vielleicht nicht? Und sind Norddeutsche tatsächlich nüchtern und zurückhaltend wie es bei uns im Westen heißt? Die Suche nach Antworten auf diese Fragen beginnt am Bahnsteig in Arsten. Die Straßenbahnlinie 4 führt einmal durch Bremen, von Arsten im Süden nach Borgfeld an der nördlichen Grenze zu Niedersachsen. Unterwegs will ich immer wieder aussteigen, um mit Bremern ins Gespräch zu kommen.

Arsten selbst wirkt für mich wie ein Teil jener typischen Speckgürtel, wie sie sich in den vergangenen Jahren überall in Deutschland um die Zentren der großen Städte herum entwickelt haben. In der Nähe der Bahnhaltestelle ist ein großes Neubaugebiet entstanden. Doppelhaushälften, ruhig gelegen, junge Bäume, gepflegte Vorgärten und Mittelklassewagen am Straßenrand. Hier treffe ich Kirsten Warsönke beim Morgenspaziergang mit ihrem Hund Lucky. Die Frau mit lockigem blondem Haar lächelt mich freundlich und offen an. „Bremen ist ein großes Dorf“, sagt sie. „Alles ist nahe bei. Man kann im Grünen wohnen und ist trotzdem schnell in der Stadt. Bremen ist familiär und die Menschen gehen mit einem Lächeln aufeinander zu.“

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Wir verabschieden uns. Ein paar hundert Meter weiter komme ich an der Haltestelle Heukämpendamm mit Margret Eigner ins Gespräch, einer älteren Dame mit Lachfältchen um die Mundwinkel und einer weißgepunkteten roten Jacke. Auch sie schätzt vor allem Bremens Übersichtlichkeit. Sie spricht von ihrer Heimat als einem „großen Dorf mit Straßenbahnen“. „Ich liebe den Marktplatz“, sagt sie, „das Kulturangebot in Bremen und natürlich die Weser. Die Stadt hat Charme.“ Sorgen macht ihr vor allem die Clankriminalität. „Da würde ich mir wünschen, dass sich die Politik mal richtig kümmert.“ Ihr Eindruck sei, dass solche Themen ihren Weg immer nur in Wahlkampfzeiten aufs Tableau der Politiker finden würden.

Vom Heukämpendamm aus geht es per Straßenbahn an grünen Schrebergärten, Einfamilienhäusern und Doppelhaushälften vorbei in Richtung Neustadt. Ab der Haltestelle Huckelriede wird es für meine Begriffe immer urbaner. Mehrfamilien- und Stadthäuser stehen jetzt dicht an dicht und lösen die eher lockere Bebauung ab, die zuvor durchs Bahnfenster beobachtet an mir vorbeigezogen ist. Ich steige an der Schwankhalle aus und finde mich in einem Viertel wieder, das im Kommen zu sein scheint. Mir kommt das Stichwort Gentrifizierung in den Sinn. Viel Altbau, gut gepflegte Stadthäuser mit bunten Fassaden im Wechsel mit Häusern, denen man wohl noch etwas Liebe angedeihen lassen könnte. Kleine, offensichtlich mit viel Leidenschaft von ihren Inhabern geführte Läden neben leer stehenden Ladenlokalen. Hier treffe ich Beate Pohlmann-Schiel in ihrem Secondhandshop „Frauensache(n)“. „Die Bremer gehen sehr locker miteinander um“, sagt sie. „Ich finde es toll, wie die Menschen gerade in der Neustadt drauf sind.“ Das Viertel sei sehr durchmischt. „Es gibt hier viele Studenten, junge Leute, ältere Leute und Zuwanderer aus allen Ecken der Welt. Und alle kommen gut miteinander aus. Es fühlt sich sehr international an.“

Hektik am Hauptbahnhof

Ihr als gebürtiger Cuxhavenerin sei immer wieder aufgefallen, dass Bremen sich auch für Nicht-Bremer schnell nach einem Zuhause anfühle. „Die Bremer sind so. Wenn man jemandem auf der Straße begegnet, hört man häufig Bitteschön und Dankeschön. Außerdem sieht man auch immer wieder, dass die Bremer Fremden auf der Straße ein Lächeln zuwerfen. Ich kann mir vorstellen, dass das anderswo vielleicht nicht so ist.“ Vorbei an Seitenstraßen mit Stadthäusern, Kopfsteinpflaster, Vorgärten, die vor Frühlingsblüten geradezu überquellen, und unzähligen an Gartenzäunen festgezurrten Fahrrädern geht es für mich von der Neustadt aus mit der Bahn in Richtung Stadtmitte. Am Hauptbahnhof fühlt sich Bremen dann so gar nicht mehr nach Dorf an. Hier geht es hektisch zu. Geschäftsleute, Studenten, Einkäufer und Arbeiter eilen von A nach B. Bremen ist ein Oberzentrum für die Region und der Bahnhof das pulsierende Herz, an dem unzählige Menschen zusammengekommen. Das merkt man hier. Chemie-Student Steffen Oelke lebt seit vier Jahren an der Weser. „Ich habe in Berlin gewohnt und kann sagen: Bremen ist eine Großstadt, die sich nicht so anfühlt wie eine. Man hat hier alles, was auch andere Großstädte auszeichnet, nur dass die Wege kürzer sind.“ Er selber komme ursprünglich aus Osnabrück. „Bremen ist da deutlich offener und auch ein Stück weit alternativer. Hier geht es nicht so konservativ zu wie in meiner Heimat.“

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Zurück in die Bahn. Das nächste Ziel ist die Metzer Straße in Schwachhausen. Es sind nur sechs Haltestellen, doch Bremen verändert sein Gesicht hier abermals rasant. Gepflegte Stadtvillen und alter Baumbestand an der Hauptstraße lassen mich vermuten, dass ich ein Viertel erreicht habe, in dem die Welt in Ordnung ist. Auch hier gibt es in den Seitenstraßen unzählige Stadthäuser mit grünen Vorgärten, doch ist hier im Vergleich zur Neustadt jedes einzelne herausgeputzt. Es fühlt sich auch deutlich ruhiger an als auf der anderen Seite der Weser. Überall im Viertel finden sich kleine Geschäfte. Friseursalons, Schneidereien und Cafés machen deutlich, dass die Wege für die Bewohner hier kurz sind. Es wirkt alles ein Stück weit persönlicher als in den Stadtvierteln, in denen ich bisher unterwegs war.

Gabriela Asche treffe ich vor ihrem Friseur. Sie ist im Begriff, ihre Schwester zu verabschieden, die in Hannover wohnt. Auch sie findet Bremen liberaler als andere Städte. Außerdem schätzt sie die Gemeinschaft in der Stadt. „Die Bremer stehen zueinander und helfen einander“, sagt sie. Auch dass in Bremen so gut wie jede Ecke mit dem Fahrrad erreichbar sei, sei großartig. „Ich bekomme regelmäßig Besuch aus Mexiko“, berichtet sie. „Und das erste, was die Leute machen, wenn sie hier ankommen, ist, sich aufs Rad zu schwingen und in den Bürgerpark zu fahren.“ Die Parkanlage sei einer ihrer Lieblingsorte in der Stadt. „Eine kleine Oase auf dieser Seite der Weser.“

Während die Ausläufer Schwachhausens außerhalb der Bahn an mir vorbeifliegen, fällt mein Blick auf die Sitzüberzüge in der Straßenbahn. Blauer Hintergrund, maritime Symbole: Fische, Wolken Leuchttürme, das Bremer Wappen, außerdem ein weiß-grüner Fußball. Zugegeben ein kleines Detail, doch die Stadt ist stolz auf ihre historische Bedeutung und ihre Aushängeschilder. Das wird hier klar. Da passt es, dass mich mein nächster Halt an einen historischen Ort führt. Die Horner Mühle, 1848/49 erbaut, erhebt sich mit ihrem weiß-rot gestrichenen Windrad über dem Stadtteil. Es ist grün hier. Und doch tut sich in dieser Idylle einiges. In unmittelbarer Nachbarschaft zu diesem geschichtsträchtigen Ort wird gebaut. Ein ganzes Quartier voller Eigentumswohnungen schießt hier aus dem Boden. Ein Baustellenschild verspricht „Eigentumswohnungen mit dem Image und dem Nimbus exklusiven Wohnens“.

Letzte Station auf der Suche nach der Bremer Identität

Renate de Buhr und ihre Tochter Zoe beobachten das Treiben mit einiger Skepsis. Sie leben gerne in Horn. Vor allem weil es rundherum so viel Natur gibt. „Für die Kinder wird hier einiges geboten: Sportangebote, Ausflugsziele. Wer jung ist, kann hier behütet aufwachsen“, sagt Renate de Buhr. Bremen sei gerade für Familien eine tolle Stadt. Ein wenig nachdenklich stimmt sie aber der Bauboom in ihrem Viertel. „Das ist schade. In den vergangenen Jahren ist viel von der Natur um uns herum verschwunden“, sagt sie.

Die letzte Station auf meiner Suche nach der Bremer Identität ist Borgfeld. Stadt- und Landesgrenze sind nahe. Das sieht und riecht man schon unweit an der Haltestelle. Neben der Borgfelder Festwiese, auf der ein Puppentheater seine Zelte aufgeschlagen hat, liegt der typische Geruch von nassem Heu in der Luft. Es ist dieser Duft, der zum ersten Mal auf der gesamten Tour niederrheinische Dorf-Assoziationen in mir weckt. Bis ich die Borgfelder Heerstraße erreiche, glaube ich, auf dem Land angekommen zu sein. Die Häuser hier sind schick, haben Platz und großzügig bemessene Gärten, ich komme an alten Wirtschaftsgebäuden und einer Scheune vorbei. Doch an der Hauptstraße bietet sich mir dann ein anderes Bild. Hier gibt es alles, woran es in niederrheinischen Dörfern mangelt: Einzelhändler, Gaststätten, eine Fleischerei, einen Friseursalon und sogar eine Eisdiele. Borgfeld ist kein Dorf, gleichwohl aber ein ruhiger Ortsteil mit dörflichem Charakter.

Das gilt im Übrigen für ganz Bremen. Und das ist absolut wertschätzend gemeint. Am Ende des Tages wird mir klar, was Margret Eigner in Arsten im Sinn hatte, als sie von einem „Dorf mit Straßenbahnen“ sprach. Bremen ist und bleibt für mich zwar auch nach meiner Tour eine Großstadt, allerdings eine ganz besondere. Die Hansestadt bietet alles, was sich Großstadtbewohner wünschen können, auf übersichtlichem Raum, und ist dabei von Stadtteil zu Stadtteil sehr individuell. Die Bremer halten sich – und das deckt sich mit den Eindrücken meiner Bahnfahrt – für zugänglich, liberal und hilfsbereit Fremden gegenüber. Außerdem, das ist bei allen Gesprächen deutlich geworden, lieben sie es, in ihrer Stadt zu leben, kümmern sich mit viel Leidenschaft umeinander und sorgen sich um ihr Umfeld – alles Eigenschaften, die eine gute (Dorf-)Gemeinschaft auszeichnen.

Wenn ich das nächste Mal nach Bremen gefragt werde, werde ich also mehr Antworten parat haben als die wenigen Stichworte, die mir vor meiner Fahrt eingefallen sind. Danke dafür! Die dörflichste Großstadt Deutschlands hat mich sicher nicht zum letzten Mal gesehen.


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Leserkommentare
suziwolf am 22.10.2019 13:04
@brakadabra ...

„👍“ ... Ich hab‘ jetzt‘n „Hummer“ ...
...................................🚘.............

Auf‘m ...
FloM am 22.10.2019 13:01
@gorgon:
Himmelnochmal, jahrzehntelang billige Lebensmittel konsumieren und sich dann über die Folgen der Herstellung aufregen.
Welche ...
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