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Wohnungsnot in Bremen
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Mit offenen Augen in die Obdachlosigkeit

Marc Hagedorn 05.06.2019 7 Kommentare

Immer mehr Menschen gehen (wie hier in Stuttgart) auf die Straße, um an Demonstrationen gegen Wohnungsnot teilzunehmen.
Immer mehr Menschen gehen (wie hier in Stuttgart) auf die Straße, um an Demonstrationen gegen Wohnungsnot teilzunehmen. (Christoph Schmidt/dpa)

Als in der Nachbarschaft die ersten Mädchen verschwinden, merkt Mowafaq Saiha, dass es gefährlich wird. Er führt in Damaskus, der Hauptstadt Syriens, einen Obstladen. Seiner Familie geht es gut. Sie lebt in einer schönen Wohnung. Die drei Kinder gehen zur Schule. Aber dann eskalieren immer häufiger Demonstrationen in den Straßen. Anschläge und Meldungen über Todesopfer gehören nun zur Tagesordnung. „Und als die Tochter unseres Nachbarn fast entführt worden wäre, haben wir Damaskus verlassen“, erzählt Teodora Saiha.

Die 18-Jährige sitzt mit ihrer Mutter im Wohnzimmer der Familie in Walle. Fünf Jahre sind vergangen, seitdem sie ihre Heimat verlassen haben. Der Vater lebt inzwischen allein, die älteste Tochter hat das Haus ebenfalls verlassen und wohnt mit ihrem Mann und einem Baby ein paar Straßen weiter. Geblieben sind Teodora, ihre Mutter Mariana und Omar, der zwölfjährige Sohn.

Die Sorgen sind wieder besonders groß

Am Beispiel der Familie Saiha lässt sich sehr anschaulich erzählen, wie die Wohnungsnot in Bremen besonders die Sozialschwachen trifft. Es geht in dieser Geschichte um politisches Versagen. Um Ämter, die den Mangel verwalten müssen. Um Klienten, die den Anforderungen der deutschen Bürokratie nicht gewachsen sind. Um Vermieter, die gute Geschäfte machen auf einem leergefegten Markt. Und mittendrin Barbara Lorenz.

Die pensionierte Betriebswirtin kümmert sich seit drei Jahren ehrenamtlich um die Saihas. Sie begleitet die Familienmitglieder bei Behördengängen, kümmert sich um den Papierkram, Jobcenter, Schule,  Mietangelegenheiten. Mehrere Ordner füllt die Korrespondenz inzwischen. Im  Moment sind die Sorgen mal wieder besonders groß. Bis zum 30. Juni müssen die Saihas aus ihrer Wohnung raus. Die Vermieterin hat ihnen wegen Eigenbedarfs gekündigt. „Wenn wir nicht bald etwas Neues für die Familie finden“, sagt Lorenz, „dann ist sie obdachlos.“ Die Gefahr ist groß.

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Wie groß, das weiß Timo Voss. Er arbeitet für den Deutschen Gewerkschaftsbund, Region Bremen-Elbe-Weser, und sagt: „In Bremen fehlen 54 000 Wohnungen zu günstigen Mieten.“ 8300 Sozialwohnungen gibt es 2019 in der Stadt noch, in den 80er-Jahren waren es einmal 90 000 gewesen. Ein alarmierender Befund, denn Voss sagt auch: „Die Anzahl der Menschen, die bedürftig sind, ist in dieser Zeit gestiegen.“ Es sind nicht mehr ausschließlich Obdachlose, Geflüchtete und Arbeitssuchende, die um bezahlbaren Wohnraum konkurrieren, sondern längst auch Alleinerziehende, Rentner, Studenten und Auszubildende. Generell gilt laut Voss: „Je niedriger das Einkommen, desto schlechter die Versorgungssituation.“

Ein „Marktversagen“ nennt Voss das Fehlen bezahlbarer Wohnungen, aber auch ein Politikversagen, „denn die Politik hätte frühzeitig dagegensteuern müssen“. Das tut sie erst jetzt so langsam. Im Wahlkampf tauchte das Thema Wohnungsbau in den Programmen aller Parteien auf. Und eine konkrete Verbesserung gibt es tatsächlich schon: 25 Prozent aller Wohnungen, die auf städtischem Grund entstehen, müssen seit einiger Zeit Sozialwohnungen sein. So soll der Bestand langsam wieder wachsen. Für die Saihas ist das kein Trost. Sie brauchen jetzt eine Wohnung.

Das Jobcenter kann nicht helfen

Ortstermin im Jobcenter West am Schiffbauerweg. Hier sind die Saihas registriert. Hier erhoffte sich die Familie Unterstützung bei der Wohnungssuche. Es ist ein Freitag, kurz vor Mittag, in einer halben Stunde schließt das Center, aber nach Feierabend sieht es hier noch lange nicht aus. Mindestens 20 Menschen sitzen im Wartebereich. Am Kopierer eine lange Schlange, im Minutentakt öffnen sich die Türen zu den acht Büros mit Beratungsplätzen.

An der Wand klebt ein großes Plakat, Überschrift: „Das Jobcenter ist ein gewaltfreier Ort“. Es folgen sechs Verhaltensregeln. Punkt eins – „Wir tolerieren keine Gewalt“ – lässt erahnen, welche Dramen sich hier schon abgespielt haben. Als Drama empfinden die Saihas, dass ihnen das Jobcenter bei der Wohnungssuche nicht helfen kann. Einmal waren die Saihas ganz nahe dran, der Mietvertrag für eine Wohnung mit dem Wohnungsunternehmen Vonovia schon unterschrieben. Aber dann lehnte das Jobcenter die Übernahme der Mietkosten ab.

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Begründung: Die Bruttokaltmiete, 664 Euro, lag 44,17 Euro über der Bemessungsgrenze. Dass das Jobcenter im Moment noch 780 Euro Miete für die aktuelle Wohnung in Walle übernimmt, unterm Strich bei der neuen Wohnung also fast 120 Euro gespart hätte, spielt keine Rolle. Weil die Familie inzwischen nur noch drei- statt fünfköpfig ist, hat sie nur noch Anspruch auf eine kleinere Wohnung zu einem entsprechend kleineren Preis. „Zwischenzeitlich wurden die Richtwerte nach oben korrigiert“, teilt das Jobcenter mit. Für die Saihas zu spät.

Barbara Lorenz studiert seit Wochen intensiv die Wohnungsanzeigen in der Zeitung und im Internet. Sie war bei der AWO, bei der Brebau, bei der Espabau. Nichts. Bei der Gewoba stehen die Saihas seit zwei Jahren auf der Warteliste. „Was glauben Sie, wie viele Angebote man uns in der Zeit gemacht hat?“, fragt Barbara Lorenz, „keines.“ Auch bei der Zentralen Fachstelle Wohnen war sie. Zwei Termine für eine Wohnungsbesichtigung waren die Ausbeute. Ein Mietvertrag? Fehlanzeige.

"Ein Dauerthema"

Die Sitten auf dem Wohnungsmarkt sind rau. Mit ihrer jetzigen Vermieterin liegt Familie Saiha von Beginn an im Clinch. Die Wohnung in Walle macht auf den ersten Blick einen ordentlichen Eindruck. Dunkles Laminat auf dem Fußboden, die Schlafzimmer picobello aufgeräumt, eine bequeme Sofa-Garnitur im Wohnzimmer. Aber der Eindruck täuscht: Die Heizung ist in mehreren Räumen defekt, seit drei Jahren schon. In der Küche hat ein Wasserschaden Spuren an den Wänden hinterlassen, er liegt mehr als ein Jahr zurück. Der Zugang zum Dachboden, den die Familie gut als Stauraum nutzen könnte, ist abgesperrt.

Barbara Lorenz hat irgendwann den Mieterbund eingeschaltet. Einmal ging es um eine Betriebs- und Heizkostenabrechnung. „Ein Dauerthema“, sagt Kornelia Ahlring vom Mieterverein Bremen. Im konkreten Fall hatte die Vermieterin den Saihas eine Abrechnung geschickt, Basis war die 100 Quadratmeter große Wohnung. Der Haken: Tatsächlich ist die Wohnung nur 76 Quadratmeter groß. Erst als der Mieterverein sich des Falles annahm, korrigierte der Vermieter die Größe. „Die Differenz ergab sich durch die Schrägen der Dachgeschosseinheit“, heißt es von Vermieterseite in einem Schreiben an die Saihas entschuldigend.

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Tatsächlich nur ein Flüchtigkeitsfehler? Oder muss man bei einem Unterschied von 24 Quadratmetern schon von Methode sprechen? Der Mieterverein will das pauschal nicht beurteilen. Kornelia Ahlring bestätigt allerdings, dass die Vermieter auf dem Wohnungsmarkt am längeren Hebel sitzen, Druck ausüben können. „Wenn es zur Vertragsunterzeichnung kommt, heißt es für die Mieter oft nur noch: Friss oder stirb.“

Barbara Lorenz glaubt, dass viele Vermieter die Situation sozial schwächerer Mieter ausnutzen und sich dabei auch fehlende Sprachkenntnisse der Mieter zunutze machen. „Sie setzen darauf, dass niemand etwas merkt, wenn bei Abrechnungen betrogen wird“, sagt sie. Das Jobcenter zum Beispiel zahlt zwar die Miete, kontrolliert die Wohnungen aber nicht und überprüft auch keine Größenangaben. „Wir sind nicht befugt, die marode Wohnung anzugucken“, erklärt Christian Ludwig, Sprecher des Jobcenters. Barbara Lorenz ist gerade dabei, den Glauben an das deutsche Sozialsystem zu verlieren.

Familie Saiha hatte nach der Flucht aus Syrien gehofft, dass es ihr in Deutschland besser gehen würde. Mutter Mariana sagt, dass sie viele nette und hilfsbereite Menschen kennengelernt habe. Aber es geht ihr nicht gut. Sie ist krank. Krank wegen des Streits, den sie mit der Vermieterin haben, die unten wohnt. Krank wegen der Ungewissheit darüber, wie es weitergeht. Sie war deshalb schon im Krankenhaus.


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Leserkommentare
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
onkelhenry am 19.10.2019 17:00
Hallo @Suzi ....

Was Sie da immer so verstehen ;-)

Das erklärt auch, warum Sie so oft falsch liegen!

Ja zu ...
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