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Ehrenamtlich bei der Bahnhofsmission
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Mittwochs auf der Straße

Christine Leitner 26.09.2017 1 Kommentar

Gabriele Steinbach besucht und verarztet Obdachlose
Seit sieben Jahren fährt Gabriele Steinbach, Chirurgin im Ruhestand, jeden Mittwoch in die Innenstadt, um Obdachlose zu versorgen. Hier spricht sie mit Harald. (Charlotte Behr)

Als Gabriele Steinbach mit dem Fahrrad vor dem Elefanten-Denkmal hält, ist der Himmel grau. Der angesagte Starkregen kündigt sich an. Für ihre Runde ist Steinbach jedoch gerüstet: Die Füße stecken in Gummistiefeln, und sie trägt einen quietschgelben Regenmantel. Fast so gelb wie die Sonne, die sich jedoch nicht blicken lassen möchte. Jeden Mittwoch dreht Steinbach ihre Runden mit dem Rad, besucht und versorgt die Obdachlosen in der Innenstadt. Auf dem Weg zur ersten Station beginnt sie zu erzählen: „Als ich in Rente ging, habe ich mich bei der Inneren Mission gemeldet. Das war 2010.“ In Pension ohne Aufgabe zu sein, das wollte sie nicht. Daher beschloss sie, sich ehrenamtlich zu betätigen.

Der erste Obdachlose sitzt gleich im Nelson-Mandela Park hinter dem Elefanten. Unter den Bäumen hat Paule sein Lager aufgeschlagen. Im Gebüsch steht sein Zelt, in einem Busch daneben hängen eine kleine Laterne und Schuhe. Steinbach erkundigt sich nach seinem Befinden und unterhält sich mit ihm und den Kollegen, die bereits vor Ort sind und dampfenden Kaffee verteilen.

Gabriele Steinbach besucht und verarztet Obdachlose
Gabriele Steinbach macht die Arbeit ehrenamtlich in Zusammenarbeit mit der Inneren Mission. (Charlotte Behr)

Bahnhofsmission ist nicht nur Anlaufstelle für Reisende

Bei ihrer Arbeit lernt sie viele Menschen kennen – und baut dabei Vertrauen auf. Denn häufig kommt es vor, dass Steinbach auf ihrer Tour mit den Obdachlosen nur ins Gespräch kommt und ihnen ein offenes Ohr leiht. Berührungsängste kennt sie nicht, im Gegenteil: Alle ihre Patienten begrüßt sie mit einem festen Händedruck. Umgekehrt erhält sie mindestens so viel Herzlichkeit zurück. Der nächste Patient ist ein junger Mann. Sein rechter Daumen ist geprellt. Damit die Verletzung heilen kann, wird der Daumen mit einer Salbe eingecremt und anschließend mit einer Mullbinde umwickelt. „Am besten morgen, spätestens übermorgen wieder entfernen“, rät ihm Steinbach bevor es weiter zur Bahnhofsmission geht. 

Als die Räder abgeschlossen vor dem  Eingang stehen, ergießt sich der angekündigte Starkregen auf die Pflastersteine. Drinnen sitzen bereits fünf Personen an den Tischen verteilt und genießen ihren Kaffee. Was viele nicht wissen: Die Bahnhofsmission ist nicht nur Anlaufstelle für Reisende. Auch viele Obdachlose kommen vorbei. Eine halbe Stunde dürfen sie dort sitzen, denn der Raum ist klein und täglich kommen ungefähr 154 Menschen vorbei, wie Lena Fricke von der Bahnhofsmission erklärt. Auch in der Bahnhofsmission wartet ein Patient, der untersucht werden muss. Danach geht es weiter in Richtung Herdentor.

Gabriele Steinbach besucht und verarztet Obdachlose
Am Ende der Tour schaut Gabriele noch bei Kurt (links) und Kalle vorbei. (Charlotte Behr)

Steinbach verschreibt ihren Patienten weder Rezepte noch bringt sie ihnen Tabletten. Wirklich schlimme Verletzungen behandelt sie selten. „Häufig sind es uralte Platzwunden, aus denen ich noch die Fäden ziehen muss“, erzählt sie. Manchmal muss sie aber auch den Krankenwagen rufen.

Obdachlose müssen an die Hand genommen werden

Der Rundgang liegt Steinbach sehr am Herzen. „Wir haben zwar eine Praxis, die jeden Tag geöffnet hat, aber oft schaffen sie es einfach nicht, vorbeizukommen“, betont sie. Der Rundgang bietet die Möglichkeit, die Obdachlosen direkt abzufangen, denn auf dem Weg in die Praxis treffen sie Freunde und vergessen das eigentliche Ziel. Das sei auch der Grund, warum es so schwer ist, sich wieder eine sichere Existenz aufzubauen. Wenn man etwas Handfestes erreichen möchte, dann funktioniert das nicht von allein.

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Die Menschen müssen an die Hand genommen werden. „Wenn ich zum Beispiel frage, ob schon geduscht wurde, dann bekomme ich als Antwort: ‚Ja, mach ich heute Abend‘“, sagt sie und fährt fort, „Sie haben es ja auch wirklich vor, aber nach kurzer Zeit vergessen sie es einfach.“ Das Kurzzeitgedächtnis gewinnt die Oberhand – eine Folge des übermäßigen Alkoholkonsums. Viele haben deshalb nicht die Kraft und schaffen es nicht zurück in ein normales Leben. „Dabei träumen sie alle von einem heilen Zuhause.“

Gabriele Steinbach besucht und verarztet Obdachlose
Salben und Mullbinden dürfen im Rucksack nicht fehlen. (Charlotte Behr)

Letzter Halt sind die Kastanienbäume auf dem Wilhelm-Kaisen-Platz. Für Steinbach endet die Runde hier. Normalerweise geht es danach zur Domsheide und in die Obernstraße zu Martin, aber der ist heute nicht da. Doch bevor die Suppenengel auf dem Wilhelm-Kaisen Platz aufkreuzen und die Obdachlosen mit Essen versorgen, widmet sich Steinbach zwei Patienten. Kalle lässt sich von ihr seine Wunde am Ellenbogen verarzten.

Die Freude, Steinbach zu sehen, steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Sie kümmert sich. Es ist schietegal, es kann regnen oder schneien“, sagt Kalle. Vor Rührung stehen ihm Tränen in den Augen. Kurt, der zusammen mit Kalle die Brücke am Herdentor bewohnt, findet es schön, dass sich jemand die Zeit nimmt. „Es ist schön zu sehen, dass sich jemand in der Rente kein schönes Leben machen möchte, sondern sich stattdessen um uns kümmert und uns zuhört“, sagt er.

16 Anlaufstellen in Bremen

Doch so schlecht, wie viele immer denken, geht es den Obdachlosen nicht. Insgesamt gibt es für sie 16 Anlaufstellen in Bremen. Auch Steinbach findet, dass viel getan wird. „Wir haben hier die Bahnhofsmission, die Suppenengel, den Bremer Treff, das Café Papagei“, zählt sie auf. Das umfangreiche Angebot wird nicht von allen in Anspruch genommen. Dabei gibt es viele Geschichten von Obdachlosen, die nach schweren Erkrankungen wieder ins normale Leben zurückgekehrt sind.

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Doch manche schämen sich und trauen sich deshalb beispielsweise nicht ins Krankenhaus. So wie Walter. Von seinem Platz unter der Brücke konnte er sich nicht mehr wegbewegen. Als Steinbach den Krankenwagen rief, weigerte sich der Obdachlose mitzufahren. „Er müsse noch duschen, meinte er und wolle deshalb erst am nächsten Tag in Krankenhaus gehen“, schildert sie. Letztendlich wurde Walter doch eingeliefert. „Zuerst wollte er nicht, weil er sich geschämt hat.“ Das Beispiel zeige auch, wie sehr die Obdachlosen aufeinander achten, denn den Hinweis bekam Steinbach von einem von Walters Freunden.

Als die Suppenengel ihren Stand unter den Kastanienbäumen aufbauen, beginnt sich der Platz zu füllen. „Guck mal, die Sonne!“, ruft Kurt, als sich die Wolkendecke langsam verzieht und die Strahlen zum Vorschein kommen. Doch die eigentliche Sonne scheint schon seit heute Vormittag. Das findet auch Kalle und deutet auf Steinbach: „Die steht doch schon die ganze Zeit hier.“


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
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Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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